Costa Rica (Archivversion) Goldfieber

Die Osa-Halbinsel in Costa Rica ist der wilde Westen des Landes: Gauchos, einsame Strände, dichte Urwälder - und Goldsucher, die fernab jedweder Zivilisation nach dem wertvollen Metall suchen.

Nach einem Bad in den Wellen liege ich erfrischt in der Hängematte in einer kleinen Lodge am Strand bei Puerto Jiménez, in meiner Hand ein eiskalter Cuba Libre. Die Augen wandern hin und her zwischen dem Grün der Palmen und dem Blau des Golfo Dulce, des »Süßen Golfes«. Am gegenüberliegenden Ufer des Golfes erkenne ich die Küstenlinie von Panama, dahinter schemenhaft die Silhouette eines riesigen Vulkans. Die Ruhe tut gut - hinter mir liegen 350 staubige Kilometer über eine zerlöcherte, zerlumpte und zerfranste Piste - die Panamericana. Ein Tornado im vergangenen Jahr hat die einstige Traumstraße derart verwüstet, daß die Fahrt auf meiner Honda XL 250 von Costa Ricas Hauptstadt San Jose zur Osa-Halbinsel im äußersten Südwesten des Landes eine Tortour war.Es dauert nicht lange, bis sich wieder alles um Motorräder dreht. »Früher bin ich mit dem Pferd zur Arbeit gekommen, heute komme ich mit meiner Maschine«, sagt Alfredo in dem weichen, melodischen Spanisch der Costaricaner. Und stolz schaut er hinüber zu seiner kleinen wassergekühlten 125er Yamaha. Alfredo arbeitet für die Lodge, in die ich mich einquartiert habe. Von seinen Einkommen kann er sich heute ein Motorrad leisten. Das war nicht immer so. Alfredo erzählt mir vom harten und bescheidenen Leben im Regenwald, von den Schlangen, Papageien und Jaguaren, von seiner Arbeit auf einer Finca - und von seinem abenteuerlichen Dasein als Goldsucher.Tags darauf bin ich mit dem alten Dschungelfuchs entlang der Südküste der Halbinsel unterwegs, wo er mir den Regenwald zeigen will. Zunächst ist die Piste in guten Zustand. Dann geht es ab von der Küstenroute, einen steilen, schlammigen Weg hoch und hinein in den Regenwald. Von einem Moment zum nächsten fühle ich mich, als ob ich eine dampfige Waschküche betreten hätte. Obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte, und die Piste draußen staubtrocken war, ist hier unter dem Kronendach der großen Bäume alles feucht und stickig. Der Schweiß rinnt mir aus allen Poren, als ich meine Honda vorsichtig auf dem rutschigen Weg manövriere. Was, wenn hier auch noch ein satter tropischer Regen niedergeprasselt ist? »In der Regenzeit«, scheint Alfredo meine Gedanken zu erraten, »kommst du hier nur noch mit dem Pferd durch.«Viele Stunden später erreichen wir Playa Carate, einem Bilderbuchstrand an der Pazifik-Küste der Halbinsel. Die hohen Wellen donnern an den Strand, die Luft dampft von der Hitze und Feuchtigkeit. Wir gönnen uns eine kurze Pause, dann will Alfredo zurück nach Puerto Jiménez - auf einer Piste, die quer durch den Dschungel führt. Kaum sind wir unterwegs, bricht mit einem Mal eine weiße Wolke aus riesigen Wassertropfen über uns herein, die uns in Sekunden bis auf die Haut durchnäßt. Das Prasseln ist so laut, daß ich den Motor der Honda nicht mehr höre. Wir suchen Schutz unter einem Baum. Tausende von kleinen Rinsalen laufen über den roten Boden. Aber dieser Tropenregen, warm und angenehm, ist ein Erlebnis für alle Sinne - und eines, das bereits nach einer halben Stunde wieder vorüber ist. Als wir schließlich Poerto Jiménez auf der anderen Seite der Halbinsel erreichen, scheint längst wieder die Sonne.Nach ein paar Bieren am Abend läßt sich Alfredo überzeugen, mich am nächsten Morgen zu den Goldgräbern in den Dschungel zu führen. Mit den Motorrädern geht´s am Río Tigre hoch, dem Goldfluß auf der Nordseite der Halbinsel. Seinen Namen hat er von El Tigre, wie man hier respektvoll den Jaguar nennt. Die scheue Großkatze werden wir hier außerhalb der Schutzgebiete nicht zu sehen bekommen, seit sich die Zivilisation und die Goldsucher immer mehr in den Urwald vorarbeiten.Im Ort Dos Brazos endet die Piste. In der ehemaligen Boomtown des Goldabbaus liegt noch verrostetes Gerät aus der Zeit herum, als amerikanische Firmen mit Bulldozern den Fluß umgruben. Das ist gut zehn Jahre her. Heute sind die Adern leergeschürft - nicht allerdings im angrenzenden Corcovado-Nationalpark, einem der großen Naturreservate, wo die höchsten Urwaldbäume Costa Ricas wachsen und das zu den wenigen Rückzugsgebieten für seltene Tierarten wie Jagure und Tapire gehört. Leider dringen illegale Goldsucher in den Park vor, bauen sich notdürftige Unterkünfte und beginnen, die Flüsse aufzustauen. Bis sie von Polizeistreifen entdeckt und abgeführt werden. Mit einer Verurteilung brauchen sie bei den langsam mahlenden Mühlen in Costa Rica meist nicht zu rechnen, und so sind sie nach einigen Wochen wieder im Urwald unterwegs.Nach einer Weile treffen wir auf das Lager von Sid, der legal und außerhalb des Parks nach Gold sucht. Ausgerüstet mit Schlauchboot, Pumpe, Kompressor und Tauchausrüstung, rudert der US-Amerikaner zu seiner Meinung nach vielversprechenden Stellen am Fluß, saugt den Sand hoch, siebt und filtert ihn, um darin feinverteiltes Gold zu finden. »Doch was dich wahrhaftig süchtig macht, ist, wenn du dazwischen ein Nugget findest, ein Stück Gold, das seit Hunderten von Jahren dort unten im Fluß liegt, und du der erste Mensch bist, der es in die Hand nimmt«, begründet Sid sein Goldfieber, das ihn im jahreszeitlichen Wechsel ständig zwischen Alaska und Costa Rica hin und her pendelt.Alfredo hat in seiner Goldgräberzeit mit sehr viel primitiveren Mitteln gearbeitet und will mich zu seinen Freunden führen, die die Goldsuche noch immer auf diese Weise betreiben. Er lenkt unsere Motorräder in das flache Wasser eines Seitenarmes des Río Tigre. Dort, wo es nicht mal mehr Pisten gibt, ist der seichte Fluß der einzige Verkehrsweg. Die großen Urwaldbäume zu beiden Seiten, über und über mit Moosen, Flechten und Orchideen bewachsen, scheinen uns schier einzuschließen. Dann blockiert ein riesiger Baumstamm die Fahrrinne. Wir lassen die Motorräder zurück und überwinden zu Fuß das Hindernis. Bald treffen wir auf eine Gruppe von Männern, die mit Schaufeln und Pfannen im Fluß stehen.»Goldfieber?« Klar, meint einer der »Oreros«, der Goldsucher. Doch trotz aller Leidenschaft steht die Versorgung der Familien im Vordergrund. Und deshalb verbrächten sie bis zu zehn Stunden im Wasser und würden den Sand durchsieben. Die Ausbeute hier am Rande des Parkes sei gering, dafür aber legal. Die Wohnverhältnisse dieser Männer sind spartanisch. Eine einfache Dachkonstruktion aus Plastikfolien, darunter einige Schlafstellen mit Hängematten oder vor Dreck strotzenden Matratzen. Eine Feuerstelle mit einer Kaffeekanne, ein wackeliger Tisch und einige Hocker, an dem man nachts im Schein einer Petroleumlampe noch etwas Karten spielt. Die wenigen persönlichen Habseligkeiten hängen in einem Sack an einem Pfosten, daneben griffbereit die lange Machete. »Falls es jemandem einfallen sollte, uns um unser mühsam erarbeitetes Gold zu bringen«, meint einer der Männer.Wie schwierig die Arbeit ist, zeigt er mir gleich. Weil der Sand im Tal flußauf- und flußabwärts schon seit Jahren durchgesiebt wird, ist dort kaum noch Gold zu finden. »Aber in den Talwänden, dort, wo der Fluß chon vor vielen Jahren Sand abgelagert hat, gibt es bestimmt noch einiges zu holen.« Mit einer alten Taschenlampe folgen wir kriechend einem niedrigen Stollen, den die Männer in die Talwand getrieben haben. Keine Abstützungen, keine Sicherheitsvorkehrungen. Nur im Schein einer Kerze - Taschenlampenbatterien sind zu teuer - wird mit Hammer und Meißel das Erdreich weggeschlagen und mit einer Rutsche nach draußen zum Durchsieben gebracht. Ein mörderischer Job. »Manche dieser Tunnel haben wir viele hundert Meter weit vorgetrieben. So weit, bis uns der Sauerstoff ausging«, erzählt mir Alfredo aus seiner eigenen Zeit als Goldsucher. »Und manchmal sind Teile davon wieder eingestürzt.« Wer dabei nicht gleich erschlagen wurde, erstickte bei dem geringen Luftvorrat meist, bevor die Retter sich vorgearbeitet hatten.Für uns ist es Zeit, wieder zurückzufahren. Bereits kurz vor Sonnenuntergang fällt durch das dichte Laubdach kaum noch Licht auf den holprigen Weg. Allein würde ich mich hier nicht mehr zurechtfinden, und Alfredo erzählte während der letzten Pause, daß die abgelegene Osa-Halbinsel zu Beginn des Jahrhunderts eine Sträflingskolonie war - von der auch ohne Mauern und Zäune die Flucht nahezu unmöglich war. Meter für Meter nähern wir uns wieder der kleinen Lodge bei Puerto Jimenéz. Der Golf ist in das Licht des Monds getaucht. Eine Schar Pelikane überfliegt die Palmenwipfel über unseren Köpfen, verschwindet schließlich irgendwo draußen in der Nacht. Um uns herum die melodischen Stimmen der Nachtschwalben aus dem Dschungel. So sanft kann auf einmal Costa Ricas wilder Westen sein.

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