Côte d´Azur (Archivversion) Blau gemacht

Blau das Wasser, blau der Himmel bis zum Horizont, blau meine Stimmung nach einigen Glas Pastis. Wer im November noch einmal ausbrechen will, sollte schon bis an die Côte d´Azur fahren.

Der Kopf wird frei. Mit jedem Kilometer verfliegen im wahrsten Sinne des Wortes auch die letzten trüben Gedanken, bis sich ein andauerndes Lächeln hinterm Visier einstellt. Genau das hatte ich von der N 75 zwischen Grenoble und Sisteron erhofft; oder besser: erwartet. Wie einen sonnigen Platz in jenem Café in Sisteron, dessen Namen ich ständig vergesse, dass sich aber mitten im Ort genau dort befindet, wo die Hauptstraße einen scharfen Rechtsknick macht, wenn man in Richtung Süden unterwegs ist.Diesmal habe ich keine Lust auf Experimente. Mir ist nach »Hausstrecke« zumute, so gut kenne ich inzwischen den kurvigen Weg hinunter bis an die Küste, an die Côte d´Azur. Dort ist es in dieser Jahreszeit zum Baden vermutlich zu kalt, zum Motorradfahren aber geradezu ideal.Vorbei an Digne treibe ich die BMW über die N 202 durch die provenzalischen Alpen. Links huscht mein Schatten über zumeist hohen Fels, kahl und in der frühen Nachmittagssonne in allen Farben des Feuers leuchtend. Rechts von mir der schäumende Var und über mir nicht eine Wolke am tiefblauen Himmel. Noch besser: Auf dieser Straße, die durch die Berge direkt ins Zentrum von Nizza führt, herrscht gähnende Leere. Nebensaison ist etwas Wunderbares, denke ich mir und lasse den Boxer einfach laufen.Doch trotz dieser eigentlich attraktiven Etappe wäre es unverzeihlich, auf einer so profanen Strecke an die Côte zu fahren. Etliche Kilomerer vor Nizza biege ich nach Norden in Richtung Pont-de-Clans ab und halte mich auf der Suche nach möglichst kurvigen Terrain in Richtung St. Martin-Vesubie. Doch auch dieses Stück bietet nur einen Vorgeschmack auf das, was mich als nächstes erwartet: die 15 Kilometer lange Westrampe des 1607 Meter hohen Col de Turini, auf dem stets die letzte Etappe der Rallye Monte Carlo – die legendäre Nacht der langen Messer – ausgefochten wird. Mir ist klar, warum. Die BMW prescht auf dem vermutlich griffigsten Asphalt im gesamten Alpenraum bergan, passiert auf der knapp zweispurigen Trasse bis zur Passhöhe 19 Kehren und unzählige S-Kurven, dass es eine einzige Freude ist. Der Wald, dessen Laub goldgelb leuchtet oder die markanten Felsenformationen nehme ich kaum noch wahr. Mein Blick tastet die Strecke ab, orientiert sich an der Mauer aus dicken Steinen, die – kaum kniehoch – Straße und Abgrund trennt. Ich wäre nicht überrascht, wenn dieses Achterbahn ähnliche Kunstwerk hinter der nächsten Kurve zum Looping ansetzen würde.Nizza. Von der Einsamkeit der Berge mitten auf die Bühne der Eitelkeiten. Quasi im Zeitraffer, denn vermutlich ist der Weg zwischen diesen beiden Extremen nirgendwo kürzer als hier. Es ist inzwischen dunkel und ich miete mich entgegen aller Vernunft in einem kleinen Hotel direkt an der Promenade des Anglais ein, Nizzas neonbunte und palmenbestandene Flaniermeile. Acht (!) Spuren breit, trennt sie die Stadt von den Stränden an der Baie des Anges, der Engelsbucht und kommt auch im November kaum zur Ruhe. Bässe und Beats dringen durch die hölzernen Jalousien, die Zweiradfraktion hetzt hochtourig von Ampel zu Ampel, Busse und Pkw stauen, hupen, rangieren, Türen schlagen, es stinkt zum Himmel nach Abgasen. Wer hier ein Zimmer mit Meeresblick bucht, muss das erdulden und zahlt obendrein noch eine kräftigen Aufschlag dafür. Aber wie gesagt – Meeresblick.Am frühen Morgen trifft mich das Licht mit seiner schärfsten Farbe: Blau. Satt und pur das Wasser, ein wenig heller der Himmel, und der Horizont als dünner Strich, dort, wo beides in der Ferne verschmilzt. Cote d´Azur. Die blaue Küste. Für diesen wunderbaren Moment hätte ich eine noch viel lautere Nacht in Kauf genommen.Ein Platz auf der Terrasse. Blick aufs Meer. Ein Café und ein Croissant. Von einem Kellner serviert, der die Kunst, ein volles Tablett ausschließlich auf drei Fingerspitzen zu balancieren, zur Vollendung gebracht hat. Dann bin ich wieder unterwegs. Vorbei am Negresco. Luxus-Hotel, Museum und architektonisches Meisterwerk aus der Belle Epoque, vor dessen Eingang Türsteher in napoleonischen Uniformen wachen. Unzählige Jogger laufen wie aufgezogene Spielzeugfiguren über die breiten Fußwege, die ersten Sonnenanbeter haben es sich im milden, von Afrika her wehenden Wind im Kiesstrand bequem gemacht. Es ist Anfang November wohlgemerkt.Ich verlasse Nizza auf der Küstenstraße, der »Petite Corniche« und drehe eine Runde über Cap Ferrat, jene bewaldete Halbinsel, auf der sich in bedrückender Enge hinter Zäunen und Mauern unglaublich luxuriöse Villen reihen. Mit viel Geld zu Stein gewordene Träume von Aristokratie und Geldadel, jenem Klientel also, die sich ab 1850 und besonders um die Jahrhundertwende diesen bis dahin recht unzugänglichen Winkel reservierte, um der Kälte Englands oder Nordfrankreichs zu entfliehen – also lange vor dem Niedergang in die Abgründe des Massentourismus.Weiter in Richtung Monaco. Durch das offene Visier weht ein Hauch von Frühling, obwohl der Winter erst bevor steht. Rosafarbene, pistaziengrüne und zitronengelbe Häuser leuchten zwischen Pinien hervor. Zum Teil abenteuerliche Wohnlagen hoch im Fels, die nur über Stege und Treppen zu erreichen sind. Der Blick von dort auf die türkise See muss umwerfend sein. Dann die palmengesäumte Uferpromenade in Beaulieu und prächtige Villen aus der Jahrhundertwende.Nur wenige Kilometer später der architektonische Overkill. Monaco. Im Standgas mühe ich mich in Richtung Zentrum. Über notorisch verstopfte Asphaltbänder, die durch Tunnel und auf Stelzen durch und über dieses in Beton gegossene Imperium der Grimaldis führen. Kaum zu glauben, dass einer der teuersten und exklusivsten Flecken der Welt bis auf wenige Ausnahmen so unglaublich hässlich ist.Trotz allem versuche ich eine Stadtrundfahrt a lá Formel 1. Start, logo, unten am Hafen, auf dem »Boulevard Albert 1er«, dann, nach dem scharfen Rechtsknick »St. Devote«, bergauf auf der »Beau Rivage« in Richtung Casino. Was für ein Trauerspiel, hier mit Tempo 40 entlang zu bummeln. Egal. Weiter. Nach dem Casino nur leider weit abgeschlagen vom Kurs. Diese verdammten Einbahnstraßen. Ich halte mich einfach wieder Richtung Wasser, finde aber weder Mirabeau- noch Loews-Kurve, gelange trotzdem hinunter zum Tunnel, in dem Tempo 200 und mehr möglich sind. Hier heißt es auch für mich Gas geben, wie die Formel-1-Piloten Zeit gutmachen, trotz lebhaften Verkehr kurz auf nicht erlaubte 70 Sachen beschleunigen. Bis zur Schikane am Hafen und der darauf folgenden Tabac-Kurve habe ich etwa 18 Minuten gebraucht; bis zur Rascasse auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens komme ich erst überhaupt nicht. Schumachers beste Zeit: 79,5 Sekunden.Ich fahre noch eine zweite Runde, irgendwo müssen Mirabeau- und Loews-Kurve doch zu finden sein, dann gebe ich auf. Hände und Rücken schmerzen fürchterlich, und mangels Fahrtwind ist mir in der Lederkombi inzwischen recht warm geworden. Eine Nacht käme hier ohnehin nicht in Frage. Laut Reiseführer stehen den 1231 Zimmern sämtlicher Luxusherbergen nur bescheidene 24 Räume in einem einzigen Ein-Sterne-Hotel gegenüber.Wie von Sinnen stürme ich gleich hinter der Stadtgrenze bergan. Drei Handvoll Kurven im fast senkrechten Fels, die mich von Meereshöhe bis ins knapp 500 Meter hoch gelegene La Turbie katapultieren. Dann beginnt die »Grande Corniche«, jene Panoramastraße, die so ungemein kurvig hoch über dem Meer entlangführt, dass es schwer ist, sie langsam zu befahren. Doch ich errinere mich an Hollywoodstar Grace Kelly, die hier mit ihrem Wagen in die Tiefe stürzte.Die immer neuen Ausblicke, die sich von hier oben bieten, zwingen jedoch irgendwann zum Halt. Spätestens, wenn knapp unter einem das mittelalterliche Bergnest Eze erscheint. An einer Stelle, die allerhöchstens einen Adlerhorst erwarten ließe. Eine bessere Aussicht auf das Meer und Cap Ferrat, dessen Umriss allmählich vom Dunst der blauen See verschluckt wird, gibt es nicht.Im Sturzflug – nur in der Nebensaison möglich – geht´s auf der Corniche hinunter nach Nizza. Doch ich starte gleich wieder durch, passiere Vence und verschwinde nur wenige Kilometer von der Küste entfernt in einer abgeschiedenen wie kargen Berglandschaft, wie ich sie hier nie erwartet hätte. Rings um den knapp 1000 Meter hohen Col de Vence nur Stein und Fels. Und diese wunderbare, der Nürburgring-Nordschleifen ähnliche Strecke, auf der ich völlig allein unterwegs bin. Ich passiere nur ein Dorf, das uralte Coursegoules, bevor ich im Gorge du Loup verschwinde. Hier hat der Wildbach Loup einen tiefen Canyon durch das Kalkgestein getrieben, hat gewaltige Felsen glatt geschliffen und dabei nur wenig Platz für eine Straße gelassen, die im Frühjahr von den Wassermassen nach der Schneeschmelze hin und wieder weggespült wird.Zurück an die Küste. Eine schmale Weg führt rund um das Cap d´Antibes nach Juan-les-Pins und weiter in Richtung Cannes. Verrammelte Ferienhäuser und Villen, geschlossene Bars und Hotels, menschenleere Strände, auf der Promenade Genießer statt Partykids – im diffusen Abendlicht herrscht eine charmant morbide Stimmung. Weil es bis Cannes nicht mehr weit ist, gönne ich mir in einem kleinen Café einen Pastis und setze mich in den warmen Sand direkt davor. Was für eine Ruhe! Kein Geschrei, kein Verkehr. Nur das leise Klatschen der Wellen. Kein Tag im Sommer kann mit dieser Atmosphäre standhalten.Am nächsten Morgen pfeile ich über die »Corniche de l´Esterel« in Richtung Saint Tropez. Bis Frejus nur Straße und Fels, weil das Massiv de l´Esterel so steil ins Meer stürzt, dass in diesem Teil der Côte d´Azur nahezu jeder größere Bebauungsplan gescheitert ist. Dafür Kurven satt, mal auf Meereshöhe, dann hoch oben im rötlichen, gezackten Gestein. Erst hinter Frejus kommt die Strecke etwas zur Ruhe, führt an breiten Sandstränden vorbei, die in der herrlichen Novembersonne schneeweiß glänzen.Ich halte erst wieder in Saint-Tropez. Natürlich im Hafen, der ersten Adresse für Gaffer und die, die auf ihren Luxusyachten oder in ihren Nobellimousinen begafft werden wollen. Doch jetzt im Winter hat »Saint-Trop« sein Partykleid abgelegt, wirkt wie ein provinzielles 6000-Seelen-Kaff, dass wie kein anderer Ort an der Küste sein ursprüngliches Gesicht bewahrt hat. Beim Blick von der Zitadelle fällt mir auf, dass kein Haus höher als die Kirche aufragt, dass keine hässlichen Neubauten stören, dass es keine ausufernde Hotelanlagen gibt. Enge Gassen führen mich zurück zum Wasser. Durch einen Traum von Altstadt mit wunderschönen Plätzen und gemütlichen Cafés unter Schatten spendenden Platanen, mit terracottafarbenen Häuserschluchten und üppigen Pflanzen auf verzierten Balkonen. Kaum zu glauben, dass sich kein Mensch dafür zu interessieren scheint, so still ist es.Am nächsten Morgen geht´s zum Frühstück an die Hafenpromenade. Ins »Café Sénéquier«, dem Klassiker auf diesem Laufsteg vor den schlichten Fischerhäusern, die in sonnengebleichtem Ocker leuchten. Sommers hätte ich hier nie einen Platz bekommen. Jetzt sitze ich in der ersten Reihe, genieße die unglaublich warme Sonne und ertappe mich dabei, wie ich den Moment der Abfahrt wieder und wieder hinauszögere. In Gedanken suche ich mir schon eine der sündhaft teuren Luxusyachten aus, die direkt vor mir im Wasser dümpeln. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Das die Strecke, die mich via Collobrières und Grimaud bergauf und bergab durch das Massiv des Maures zurück zur Autobahn geführt hat, wieder von jener Kategorie ist, dass sich recht bald ein anhaltendes Lächeln hinterm Visier eingestellt hatte. Man sollte öfter mal blau machen.

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