Dänemark (Archivversion) Hart im Wind

Die Gewässer der dänischen Südsee sind ein tolles Revier für Segler. So viel ist klar. Und wer Hotdogs und Fakse-Bier mag, dem wird´s auch gefallen. Aber was gibt´s für Motorradfahrer in Dänemark außer Gegenwind?

Sonor summt der Vierzylinder der Yamaha XJR in den lauen Abend hinein. Das Bike schwingt relaxed über die kurvige kleine Landstraße. Die gewaltige Leistung des Big Block, nun, sie braucht´s hier eigentlich nicht. Hier, das ist gleich hinter der dänischen Grenze. Bei Kruså sind Klaus und ich auf die schmale Küstenstraße entlang der Flensburger Förde abgebogen. Und während wir dahingleiten, überlege ich, was sich eigentlich verändert hat, seitdem wir die Grenze passiert haben. Hügelig, grün, und ab und an vom Wind gepeitschte Bäume, die die Straße säumen – so präsentierte sich auch Schleswig-Holstein. Dennoch, irgend etwas ist anders.Die Farben, ja klar, es sind die Farben, mit denen dieser Landstrich die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es scheint, als seien die Felder und Wiesen noch ein Tick grüner, der Raps noch gelber. Knallrot die Dächer der hellblauen oder gelben, zumeist aber strahlend weißen Häuschen. Noch intensiver der Mohn, der sich vom Grün der Landschaft ebenso wie vom abendlichen Dunkelblau des Himmels abhebt. Und über allem liegt ein unglaublich frischer Frühlingsduft, der nachdrücklich durchs leicht geöffnete Visier strömt. Dänemark empfängt uns auf unglaublich angenehme Art.Der nächste Tag beginnt so sonnig, wie der gestrige geendet hatte. Richtung Osten erreichen wir über eine Brücke schnell das Städchen Sønderborg auf der Insel Als, die sich dicht an das dänische Festland schmiegt. Wir rauschen über dieses Eiland und peilen im Süden die kleine Halbinsel Kegnæs an. Der Weg führt vorbei an hübschen Stränden, und vom Ende eines Fahrdamms grüßt der Leuchtturm von Kegnæs herüber und lockt uns auf die von hochgewachsenen Feldern gesäumten Sträßchen dieses Landzipfels, bevor wir wieder nach Norden beidrehen, um die Fähre von Fynshav hinüber nach Fyn, der zweitgrößten Insel der »dänischen Südsee«, zu erwischen.Fyn – oder Fünen – gilt vielen Dänen als »gute Stube« des Landes. Üppige Felder und blühende Gärten, Schlösser und Wasserburgen sowie eine über 1100 Kilometer lange Küstenlinie erklären diese Bezeichnung. Wir orientieren uns vom Fährort Bøjden zunächst nordwärts und umfahren die Helnæs Bugt, um zur gleichnamigen Halbinsel zu gelangen. Boote mit Anglern dümpeln zu beiden Seiten des kilometerlangen Fahrdamms nach Helnæns im blauen Wasser der Ostsee. Auf der Halbinsel hebt sich die Straße auf eine zumeist mit Gras und kargem Strauchwerk bewachsene Sanddüne, von der aus man auf die grüne Landzunge mit Helnæs Fyr, dem Leuchtturm der Insel, blickt. Zur Rechten liegt Jütland, das dänische Festland. Wir halten auf der Anhöhe, wo bereits ein Fahrzeug parkt. Eine ältere Frau kommt sofort auf uns zu und meint: »Pst!« Na,na, das Knistern der bereits abgestellten Motoren wird sie doch nicht stören. Doch dan zeigt die Frau auf einen schilfbestandenen Teich kurz vor dem schmalen Sandstrand. Und als ich den Helm abnehme, weiß ich, worum es ihr ging: Aus dem Tümpel erklingt ein ungeheuerlich lautes, kehliges Froschkonzert, dessen tiefe Resonanzen vermutlich jeden Harley-Fahrer erblassen ließen.Schließlich bewegen wir uns entlang an Fyns Westküste in Richtung Süden, passieren Faaborg, dessen uriger Kutter- und Yachthafen von bunten Häusern umringt ist. Eine manövrierunfähige Yacht wird von einem Polizeiboot in den Hafen geschleppt. Fischer in schweren Arbeitsschuhen schaffen den frischen Fang von Bord. Es riecht nach Meer, Fisch und Frühling, und über allem weht an einem hohen Mast im ständigen Wind der rot-weiße Danebrog, die dänische Flagge. Ein Skipper grüßt mit dem üblichen »Hey« und schaut sich unsere Bikes an. Dann beugt er sich über die Landkarte im Kartenfach meines Tankrucksacks. Eine Seekarte wäre ihm vermutlich lieber. »Zur Navigation – eh«, meint er verschmitzt und in bestem Deutsch.Wir navigieren weiter nach Südosten, erreichen Svendborg und gelangen über eine große Stahlbrücke, die über die kleine »Zwischeninsel« Tåsinge führt, schließlich nach Langeland. Der Name passt, denn das »Lange Land« ist tatsächlich nur eine schmale, aber immerhin 57 Kilometer lange Insel, die fast nur aus Strand und Wiese zu bestehen scheint. Wir entdecken aber auch Historisches. Bei Humble inmitten des hügeligen Inselinneren befindet sich Kong Humbles Grav, ein prähistorisches, über 50 Meter langes Dolmen-Grab, in dem der Wikinger-König Humbles begraben wurde. Weitere Zeugnisse von Frühgeschichte bis zur Zeit der Wikinger finden sich zwar im Museum im Hauptort der Insel, in Rudkøbing, aber wir nutzen diesen wunderbaren Tag zum Fahren. Und lassen die Pferdchen der Motorräder zu den hohen Klippen der Langelander Südspitze marschieren. Von oben blicken wir auf den regen Schiffsverkehr in den Gewässern der dänischen Südsee. Segelboote und Motoryachten kreuzen zwischen etlichen Fähren und teilweise richtig dicken Pötten durch das ruhige, grün-blaue Wasser der Ostsee, das vom Wind leicht gekräuselt ist. So viel auf dem Wasser auch los ist, so ruhig ist´s an Land. Zumindest in dieser Jahreszeit. Wir stehen allein am Aussichtspunkt. Nach der Größe des Parkplatzes zu urteilen, ist im Sommer einiges los.Auf Langeland entscheiden wir uns gegen die Fähre hinüber nach Lolland und kurven zurück nach Svendborg, die Stadt, die sich gerne mit dem Titel »Hauptstadt der dänischen Südsee« schmückt. Tatsächlich kann man von dem alten Handelshafen nahezu jede Insel in diesem Winkel Dänemarks erreichen. So viel Auswahl macht die Entscheidung schwer. Wir werden morgen entscheiden, wohin uns die Räder oder Fähren tragen werden.Nach dem Frühstück zieht es uns die Ostküste von Fyn hinauf bis nach Kerteminde. Wir halten erst im Hafen, parken die Motorräder und verschwinden im Fjord- und Bøltcenter, das über die dänische Insel- und Unterwasserwelt von Kattegat und Ostsee informiert. In zahlreichen Aquarien sind Fische und Krebse in Farben und Formen, wie ich sie hier nicht erwartet hätte. Unglaublich, wie artenreich die Ostsee ist. Dann führt der Weg durch einen Tunnel unter der Meeresoberfläche, der mit großen Sichtfenstern versehen ist. Wir blicken direkt in die See, beziehungsweise in das große Freibecken des Museums – wie aus einem U-Boot. Mit etwas Glück kann man sogar die beiden grauen Schweinswale Eigil und Freja beim Spiel unter Wasser beobachten. Die kleinen Wale sind typisch für die Region, dürfen aber hier und anderswo nur zu Forschungszwecken gehalten werden. Doch wir bekommen die beiden erst später zu Gesicht, als wir unter dem 13 Meter langen Wal-Skelett in der Cafeteria des Zentrums eine kurze Pause einlegen. Mit Blick auf das Becken, wo Eigil und Freja gerade gefüttert werden.Vor einer Stunde noch unter Wasser, stehen wir jetzt 65 Meter über der See. Fast in der Mitte der Storebæltbrücke. Über unseren Köpfen ragen zwei Pylone 254 Meter hoch in den Himmel, an denen der anderthalb Kilometer lange Mittelabschnitt der Brücke an dicken Stahltrossen aufgehängt ist. Insgesamt ist dieses gewaltige Bauwerk auf Stelzen, das Fyn mit Sjælland verbindet, sage und schreibe 18 Kilometer lang und lässt selbst größte Schiffe noch passieren. Doch die Kähne unter uns wirken plötzlich so winzig, als ob man sie mit in die Badewanne nehmen könnte.Auf Sjælland – der nach Grönland größten dänischen Insel – angekommen, wird zuerst eine Mautgebühr für die Brückenbenutzung kassiert. Kostenlos dagegen ist der Besuch im Infocenter. Und ein Muss. Schließlich handelt es sich um die zweitgrößte Hängebrücke der Welt. Im Rückspiegel können wir noch lange das riesige Bauwerk sehen. Die alte Fähre von Knudshoved nach Halsskov verkehrt trotz Brücke noch immer. Und ich überlege, dass ich das nächste Mal lieber wieder per Boot übersetzten werde. Nicht, weil ich Höhenangst habe. Aber es ist einfach viel gemütlicher, an Bord eines kleinen Schiffes eine Fahrpause einzulegen und einen fantastischen dänischen Hotdog mit Remouladensauce zu genießen.Dem Küstenverlauf folgen wir zunächst nach Süden. Auf kleinen Straßen lassen sich die Bikes in dieser Jahreszeit ungestört bewegen. Nur ab und an überholen wir einen Trecker. Vom Ferienverkehr längst noch keine Spur. Dafür vom Wind. Die Bäume der saftig grünen Allee, durch die wir fahren, sind allesamt zerzaust und neigen sich vom ständigen Nordwestwindt gepeitsch schief über die Straße. Nach einer Weile erreichen wir die versteckt gelegene Renaissance-Burg Borreby, die zu den ältesten Bauwerken Dänemarks gehört. Ein wunderschönes Anwesen aus rotem Backstein. Wir ziehen weiter, treiben langsam in Richtung Ostküste der Insel Sjælland und gelangen nach Fakse. Auch wenn uns dänische Ortsnamen nicht sehr geläufig sind – diesen kennt ganz sicher jeder. Und für viele ist die bekannte Fakse-Bierbrauerei eine der Hauptattraktionen Dänemarks.Wir halten uns trotz des gut schmeckenden Gerstensaft nicht lang in dieser Stadt auf, sondern rollen weiter in Richtung der Insel Møn. Entlang der Fakse Bucht tänzelt die 1300er lässig über die Straße, vorbei an kleinen Bächen, Seen und Minifjorden. Ein prächtiges Revier zum Fahren. Wie die Insel Møn. Ein echtes Kleinod. Leuchtende Felder, die sich über sanfte Hügel erstrecken. Mohn und Raps in voller Blüte. Kleine Wälder und bunte, herausgeputzte Ortschaften. Und natürlich auch die bis zu 130 Meter hohen Kreidefelsen, die sich über acht Kilometer an Møns Ostküste erstrecken. Das maritime Abendlicht taucht die weißen Felsen in ein leichtes Blau. Aus dem windzerfetzten Wald, der so aussieht, als ob dort nordische Elfen und Trolle hausten, ragen Bäume weit über die Kreidegiganten hinaus. Die Szenerie hat etwas Wildromantisches, ähnlich wie die auf Caspar David Friedrichs berühmten Bildern von den Kreidefelsen auf Rügen, die auf der anderen Seite der Ostsee quasi das Pendant der Klippen von Møn sind. Der untergehenden Sonne entgegen, bewegen wir uns über das winzige Eiland Bogø zuerst nach Falster und erreichen schließlich Lolland.Am nächsten Morgen stehe ich am Schilf gesäumten Strand von Tårs und beobachte, wie eine Fähre in den nahen Hafen einläuft. Sie kommt von Spodsbjerg auf Langeland, das man am Horizont ausmachen kann. Eine von vielen Möglichkeiten, die Ostsee zwischen den Inseln der dänischen Südsee zu überwinden. Von nahen Rødby könnten wir zum Beispiel hinüber nach Puttgarden auf Fehmarn schippern. Wir nehmen wieder Kurs auf auf die Insel Falster. Dort angekommen, bummeln wir südlich von Nykøbing über eine Landzunge mit langen, chönen Sandstränden. Mit etwas mehr Zeit im Gepäck hätten wir große Lust, es uns in einem der netten Ferienhäuser für ein paar Tage bequem zu machen. Doch in Gedser, am südlichsten Zipfel von Falster, wartet bereits die Fähre nach Rostock-Warnemünde. An Bord schaue ich mich noch einmal um und sehe neben dem rot-weißen Danebrog, der am Heck der Fähre weht, den dicken, ebenfalls rot-weißen, viereckigen Leuchturm von Gedser Odde inmitten grüner Wiesen und gelber und roter Felder stehen. Jetzt bin ich mir ganz sicher. Dänemark erkannt man an diesen Farben.

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