Das Motorrad (Archivversion)

Moderne Naked Bikes, die eine aufrechte Sitz-
position mit den Fahrwerks- und Leistungsdaten reinrassiger Sportmotorräder verbinden, stürmen die Hitlisten der Zulassungsstatistik. Als Spaß-
macher im Alltag genial – aber tauglich zum
Reisen? Im Falle der Aprilia RSV 1000 Tuono fällt das Urteil nicht leicht, da das Erbe ihrer radikalen Sportmutter RSV mille auf Pässe-Tour stets
präsent ist. So bietet das straffe Fahrwerk zwar glasklare Rückmeldung, quittiert gröbere Straßenabschnitte jedoch mit ungeniert austeilender Hinterhand. In holprigen, langsamen Kurven kostet der 190er-Hinterreifen zudem einige Souveränitätspunkte, da er jede Anregung, sich aufzustellen, wahrnimmt. Flüssige Serpentinen-Turns fordern also einen engagierten Piloten, der an Lenker und Rasten kräftig stemmt. Läuft straßenbautechnisch alles glatt und die Tuono 70, 80 Sachen, zeigt sie sich dagegen als Bewegungstalent.
Zwiespältig gebärdet sich auch der 125-PS-V2,
der im unteren Drehzahlbereich für einen Twin erstaunlich träge daherrumpelt, bei 5000/min in ein Loch plumpst, doch danach geradezu martialisch aggressiv Richtung Leistungsgipfel stürmt. Auf schmalen Pass-Sträßchen nicht unbedingt ideal, abseits solcher allerdings mit hohem Erlebniswert. Wenig auszusetzen gibt es an 215 Kilo vollgetankt und der Ergonomie: Die relaxte Sitzposition hinterm breiten Lenker sorgt für leichtes Handling und perfekte Übersicht in Kehren, das straffe
Polster unterstützt das gute Gefühl fürs Motorrad, wird auf langen Etappen aber ebenso unbequem wie die sportlich hoch angebrachten Fußrasten. Uneingeschränktes Lob verdient der Gepäck-
transport. Auch trägerfrei lassen sich Packrolle und Softbags am klar geschnittenen Heck mittels Gepäckhaken befestigen. Keine Selbstverständlichkeit mehr bei modernen
Design-Karossen und hoch liegenden Auspuff-
anlagen.
Unterm Strich bleibt ein polarisierendes Motor-
rad, das selbst das zweiköpfige Produktionsteam entzweite: So lehnte es Fotofahrerin Monika Schulz als Reisemotorrad konsequent ab, während Autorin und Fotografin Annette Johann jeden
Meter damit genoss.

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