Das motorradverrückte Dorf (Archivversion) Osterix und der Westgote

Torgelow am See liegt in Mecklenburg, hat einen MZ-Club, 470 Einwohner und 50 Motorräder. Damit beansprucht das vom Zweiradbazillus befallene Dorf die höchste Motorraddichte in Deutschland. Seine Bewohner behaupten, die »Gallier unter den Motorradfahrern« zu sein. Gelebte (N)Ostalgie, beim Belenus!

Wir befinden uns im Jahr 2004 nach Christus. Ganz Germanien ist von fetten Boxern aus dem fernen Bavarien besetzt. Ganz Germanien? Nein! Ein kleines unbeugsames Dorf in Mecklenburg hört nicht auf, den Eindringlingen aus dem Westen Widerstand zu leisten. Auf einzylindrigen und zweitaktenden MZ... So muss eine Reportage beginnen über Torgelow am See im Müritz-Kreis, im wilden Nordosten Deutschlands. Schließlich nennen sich
die 25 Mitglieder des 1999 gegründeten MZ-Clubs selber »die Gallier unter den Motorradfahrern«.
Das Leben ist überschaubar in Torgelow, 470 Menschen wohnen dort. Mit 50 Motorrädern ab 125 cm3. Kaum eine Garage, in oder vor der nicht ein motorisiertes Zweirad parkt. Oft sind es gleich zwei. Nicht einmal zehn Einwohner teilen sich ein Motorrad, das bedeutet vermutlich
den Rekord in Deutschland. Viele haben nach dem Ende der DDR einfach ihre MZ oder Simson behalten, drehen damit noch heute ihre Runden. Und sei es auch nur am Sonntagnachmittag.
Ganze sechs Straßen hat dieses Dorf, die Fassaden sind frisch geklinkert oder verputzt, die Dächer neu gedeckt. Und doch, die Feiern seien früher, zu DDR-
Zeiten, besser gewesen, der Kontakt und die Beziehungen inniger. Sagen die Bewohner. Kaum zu glauben, wenn man die Torgelower in ihrer vermeintlichen Idylle
erlebt. Der See hat im Dorf eine Badestelle, abends steigen die Fledermäuse auf.
Uwe Ladwig ist Vorsitzender oder Häuptling der wackeren MZ-Mannen. Sie treffen sich in der einzigen Gaststätte des Ortes. Die heißt nicht ohne Grund »Zum Hahnenschrei«. Drinnen erinnern Fotos, Kinderzeichnungen und vergilbte Zeitungsartikel an eine Provinzposse vor einigen Jahren. Davon erzählt Marianne Keller. Ihrem Hahn Willi wollte ein mittlerweile wieder weggezogener Neu-Torgelower, »ein Ossi übrigens«, per Gerichtsbeschluss allzu frühes Krähen an Sonn- und Feiertagen verbieten lassen.
»Wie hätte ich dem Tier denn erklären sollen, wann Sonn- oder Feiertag ist?« Die Gelegenheits-Sozia freut sich über den Beistand während des Prozesses; etliche Torgelower legten sich ebenfalls Hähne zu. Offenbar funktioniert sie doch noch, oder wieder, die Ost-Solidarität. Willi fand weise Richter, die sein Krähen als absolut dorfüblich befanden. So lebt er weiter als freier Hahn.
Im »Hahnenschrei« fließt der Zaubertrank in Strömen. Lübzer Pils. Ungeahnte Kräfte haben nach der Wende bleifreies Benzin und gute Motorenöle in den alten Emmen geweckt, berichten die MZ-Fahrer. Trotzdem schwingt bei manchem Verbitterung mit über die vergangenen 15 Jahre. So wie bei Wilfried Böhme. Der Ex-Radiosprecher hat eine tolle Stimme. Und Wut
im Bauch. »Das war grausam nach der Wende, man hat den Ostdeutschen alles weggenommen, auch das Gute«, empört er sich. Er sollte es wissen, denn er ist aus Hamburg hergezogen. Drüben hat er noch ein Haus. Ja, er sagt »drüben«.
Sein Sohn geht auf das edle Privat-Gymnasium am Ende des Dorfes. Dort werden die Internats-Schüler schon mal per Hubschrauber eingeflogen. Der Westgote Böhme wandelte sich in Torgelow zum »bekennenden Ossi« und stolzen Besitzer eines Trabbi 601 Kombi. »Am liebsten«, gesteht er, will er »die Mauer wieder haben.« Um ein fast verlorenes Lebensgefühl zu retten, das ihn an seine Jugend im Westen erinnert.
Dazu passt das heilige Holz-Gespann, das der MZ-Club in einem gläsernen Pavillon hinter der Gaststätte aufbewahrt. Es entstand im Jahr 2002 aus einem im Sturm umgewehten Eichenstamm. Den hat Roland Heinz zurechtgesägt, gefeilt, mit dem Flammenwerfer bearbeitet und schließlich mit Altöl eingeschmiert. Liebevoll sind die Details des rollbereiten Dreirads: Schlüssel, Reservekanister, Handhebel, Spiegel, Steinschleuder und Keule – alles 100
Prozent Eiche. Außer dem Sitz, der ist
mit Wildschweinfell bezogen.
Torgelows Jugendliche, männlich wie weiblich, fahren 125er. Alexander Hirrle, 16 Jahre alt, ist zu Besuch aus Gramzow hier. Er hat mit seiner MZ 125 SM in zwei
Wochen schon 2500 Kilometer abgespult. Mit Tempo 80. Ein motorradverrücktes Dorf hat ebensolche Freunde. Kurz hinterm Ortsschild tobt sich die Jugend aus, hat kurzerhand Ackerland zur Cross-Strecke umfunktioniert. Die Youngster erzählen von wilden Stoppies und Wheelies: »Ich bin bei 100 Sachen dermaßen voll in die Eisen gegangen, dass das Heck hochkam und die Vorderbremse danach Schrott war...«
Wer keine eigene Maschine hat, fährt hintendrauf mit. Jennifer bei ihrem Freund Christoph Linke allerdings nicht. Die MZ 125 SX sei ihr »mit dem neuen Federbein jetzt zu hoch zum Draufsteigen«. Man(n) muss halt Prioritäten setzen. Aber mit 18 endet für viele die Zweirad-Zeit, dann trifft man sich nachts eher in tiefer gelegten, verschwellerten Autos in der Kreisstadt Waren. An einer tristen Tanke. Neuester Schrei: eingebaute DVD-Player fürs private Autokino.
Tony Daniel ist bereits 21, hat jedoch keinen Pkw-Führerschein. Nur eine ETZ 150 von 1986, er nennt sie »Elenor«. Schade sei, dass von 25 bis 30 Leuten aus
seiner Abschlussklasse nur noch acht oder neun in Mecklenburg wohnten. »Der Rest ist in den Westen abgewandert.« Tony ist arbeitslos. Die offizielle Quote liegt bei rund 22 Prozent. Tatsächlich dürfte eher jeder Dritte ohne Job dastehen. Der gelernte
Trockenbaumonteur wohnt im Nachbarort Neu-Schloen, ist Mitglied im MZ-Club.
Seine vierköpfige Familie bringt es zusam-
men auf drei Bikes, und seine 17-jährige Schwester will mit 18 selbstverständlich den Motorrad-Führerschein machen.
Kleine und kleinste Sträßchen verbinden Torgelow mit Federow und Kargow, Zielow und Mirow. Die Endung »ow« steht für
slawische Besiedelung, im siebten bis zwölften Jahrhundert nach Christus. Auch Torgelow ist schon 785 Jahre alt. Ihr Schloss, heute besagtes Internat, haben die Torgelower während des Bauernaufstandes angezündet. Der Gutsherr konnte über den See entkommen. »Und hat es dann beim Wiederaufbau einen Tick höher gemacht«, erzählt »Majestix« Uwe Ladwig.
Berlin ist sehr weit weg. Real lediglich 170 Kilometer, gefühlt liegt eine Welt
dazwischen. Hellgelb leuchtende Getreidefelder, grüne Äcker und Wälder. Nur Hinkelsteine fehlen. Wer mitten im Müritz-Nationalpark wohnt, umgeben von dutzenden Seen, an Fischadlerhorsten und Kranichrastplätzen, der sei nicht besonders rei-
sefreudig, sagen die Bewohner. Wenige Torgelower fahren im Urlaub weg. Doch Besuch laden sie gerne ein. Uwe und seine Mannen freuen sich über einige hundert Besucher, die zu ihrem Club-Treffen im Juli 2004 angereist waren: »Da war schwer was los: Alle sind gekommen, die Rostocker, die Stralsunder und die Freunde aus der Uckermark.« Die meisten von ihnen auf MZ-Typen und Umbauten jeden Alters und Erhaltungszustands.
Es gab einen großen Korso und einen eigenwilligen Rekord auf Torgelows Fußballplatz: Dort stellten rund 160 Motorräder die Umrisse der Müritz nach, des größten Sees im Norden der Republik. Besucher und Dorfbewohner, Motorradfahrer und grauhaarige Damen, Junge und Alte, formierten sich zum Schriftzug »Torgelow am See 2004«. »Als Ausdruck der Verbundenheit mit unserer Region – Dorf und Club, das gehört doch zusammen.«
Viertakter sind klar in der Minderheit, jedoch voll integriert. Eine BMW R 1150 RT etwa. Ein verdammt teures Motorrad in
einer Region, wo 700 oder 800 Euro netto im Monat die Regel, 1000 Euro schon ein Großverdienst sind. Aber die Torgelower sind tolerant: Vom 29. bis zum 31. Juli lädt der MZ-Club (www.mz-club-torgelow.de) auch Fahrer anderer Fabrikate herzlich zum sechsten großen MZ-Treffen ein. Sofern bis dahin niemandem der Himmel auf den Kopf fällt, beim Teutates.

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