Daytona Bike Week (Archivversion) Die Nackten und die Toten

Abrechnung mit einer Legende. Oder: Schulzi und wie sie die Bike Week sah, die heuer zum 59. Mal Abertausende von extra coolen Jungs und Mädels an die Küste Floridas lockte.

Und ich dachte noch: fahr’ da nicht hin. Aber ich hatte ja keine Wahl. Wegen dieser Excelsior-Henderson (siehe Seite 52), die mir dort – und nur dort die Ehre geben wollte: bei der Daytona Bike Week. Der größten, legendärsten, halbnacktesten Motorradparty unter der Sonne.500000 richtige, echte, wahrhaftige Biker. Größtenteils dramatisch tätowiert. Wet-T-Shirt-Contests, Table Dancing, Oil Wrestling, Bike Bashing, Dirty Harry’s – und Moni aus Wimmental sollte da hin. Ich näherte mich langsam an. Schlich die A1A von Miami Richtung Norden hinauf. Immer am Meer entlang: Fort Lauderdale, Palm Beach, Fort Pierce, Cape Canaveral, Titusville. Florida für Anfänger, von mir aus, schön war’s trotzdem. Zehn Meilen vor Daytona Beach schloß ich das Dach meines Chrysler Convertible, öffnete das Handschuhfach, kramte den Rosenkranz hervor, drehte das Radio ab. Und das Grauen nahm seinen Lauf.Auch sechs Wochen danach quälen mich noch Alpträume, springe ich nächtens aus dem Bett auf der verzweifelten Suche nach betäubenden Schnäpsen und Ohrstöpseln. Es waren nicht die spärlich belederten Damen und Herren, deren nähere Beschreibung meine katholische Erziehung verbietet, die mich zum Wahnsinn trieben. Auch die horrenden Zimmerpreise konnten mich nicht fertig machen. Es war der Lärm. Und der war überall. Immer. Morgens, mittags, abends, nachts. Booaaam, booaaam, boambambambambäääääm.Brüllende Auspuffanlagen gehören in Daytona zum guten Ton. Ständig am Gasgriff herumfummelnd, staut man sich die Atlantic Avenue rauf und runter, um irgendwann in die berühmte Main Street hineingedrückt zu werden, wo die Selbstdarstellung zwischen Tausenden von Schaulustigen ihren Höhepunkt erreicht. Ungezählte Cops regeln den Verkehr und die Sitten, und nach 500 Metern ist alles vorbei. 500 Meter, echt, mehr sind das nicht.Da fragt man sich doch: Was treibt einen erwachsenen Menschen so weit, das gut zu finden? Mythos hin oder her. »Dir fehlt die nötige Reife, Schätzchen«, raunte mir ein rüstiges Krüstchen zu, das meinen hilfesuchenden Blick zu deuten vermochte. In der Tat dürfte das Durchschnittsalter bei der Bike Week so um die 50 betragen. Und wären da nicht die hübschen jungen Damen, denen man sicherlich ein hübsches Sümmchen bezahlt, damit sie bei diesem Spektakel auftreten, läge es wohl noch höher.Nach zwei Stunden hatte ich das Gefühl, genug gesehen zu haben. Okay, die Maschinen, die waren wirklich klasse. Keine wie die andere, zwischendrin wahre Meisterwerke des guten Geschmacks. Aber die Besitzer... alle gleich. Alle im 70er Jahre-Look, alle diese albernen Hütchen auf. Alle. Sollen Helme sein. Aber egal, kann ja eh keiner umfallen bei dem Gedränge.Zurück ins Hotel. Parkplatz komplett vollgestopft. Mit Pickups, Anhängern und anderem schweren Gerät. So viel zum Thema »echte Biker«. Auf zwei Rädern reisen nur die allerärmsten Schlucker an. Und die bilden in Daytona die Ausnahme. Lächelnd schiebt da der Herr im speckigen Schwarzen die goldene Kreditkarte über den Tresen, um 250 $ für irgendeine verpilzte Suite abzustecken. Pro Tag, versteht sich. Aber mit Küche und Oceanview. Mein Motelzimmer, ein wahres Schnäppchen: 175 $, »it’s Bike Week, you know«. Tür dreimal aufgehebelt und drinnen 717 Tips, wie man sich vor kriminellen Übergriffen schützen kann. Achter Stock. Erschien mir gut. Trotzdem stand meine Bett unter Strom, sobald eine dieser schreiend lauten Harleys in die Tiefgarage einbog. Das war nicht witzig. Und seitdem hat Schulzi diesen Verfolgungswahn.

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