Deutsche Ortsnamen (Archivversion) Nomen est Omen?

Stinkt es in Klohub? Wer wohnt in Tuntenhausen? Was geht ab in Fickenhof, und wo verdammt ist Dieter Durst? Detektiv K. T. Karlows schwerster Fall.

Ein mausgrauer, undurchsichtiger Novembertag belagerte mein Fenster. Wie immer war ich gerade in der Badewanne abgetaucht, als das Telefon klingelte. Mieter Bohlen, erster Stock links, klang erregt. »Ich habe ein Haus in Ficken-hof geerbt. Ein Miterbe soll jedoch am Leben sein. Dieter Durst, 76, sein letzter bekannter Aufenthaltsort war Deppenhausen. Finden Sie heraus, ob er lebt und seine Ansprüche geltend machen will. Sie sind doch Detektiv, oder?« »Warum schauen Sie nicht selbst?« »Bin grad bei Verona.« Verona lag irgendwo in Italien, so viel war klar. Und Deppenhausen in Baden-Württemberg. Ich entriss die Karte ihrer Faltung. Der Ort lauerte keine acht Zentimeter weit entfernt. Ein klirrender Morgen stieß meine Harley V-Rod in eisige Umarmung. Zwei 100 Millimeter dicke Kolben schlitterten auf einer Öllache durch ihre Behausung und torpedierten mich gen Süden. Punkt 16 Uhr verhakte die Harley ihren Seitenständer neben dem Ortsschild von Deppenhausen. »Lassen Sie Ihr Werkzeug stecken!« Eine barsche, befehlstongeübte Stimme drang aus einem Traktor, Eicher 310 S, der von einem gigantischen Jauchefass vor sich hergeschoben wurde. »Drei Mal ist das Schild dieses Jahr schon gestohlen worden. Weit über 50 Mal in 20 Jahren.« Bauer Hermann Schürmers Augenbrauen rückten dicht zusammen. Sein Zeigefinger bedrohte klarste Landluft. »Wenn hier Deppen wohnen würden, hieße der Ort ja Deppendrinnen. Wir haben ernsthaft überlegt, den Ort in Deppendurchfahrt umzubenennen.« Das ergab Sinn. Ich frug mich durch. Durst, ein begnadeter Trinker und Frauenheld, war vor zehn Jahren zuerst nach Altbierlingen, dann nach Tussenhausen gezogen. »Dem hat keiner unserer 88 Einwohner nachgetrauert«, brummte eine Dame mit Haaren am Kinn. Eine erste Spur, so viel war klar. Ich folgte der Nebelschlussleuchte eines Mitsubishi Colt. Sie absolvierte einen Dauertest. Mein Visier verhalf einigen suizidverliebten Spätherbstmoskitos, ihren Traum zu erfüllen. Sanft glitten die Orte vorbei. Altbierlingen, Katzenhirn, Tussenhausen. Leichter Nebel. Gefühlte zwei Grad. Vibrationen wie fünf Kümmerling. Der Mond warf seinen halben Schatten hinaus ins Universum. Ich meinen in ein jungfräuliches Bett. Keine zwölf Stunden später stemmten sich meine 70 Kilogramm Neugier gegen einen schneeweißen Stuhl in der Amtsstube von Bürgermeister Anton Fleck, 52. Sie verließen ihn, ohne Spuren zu hinterlassen. Hunger sprang mir in den Magen. Gleich neben der Behausung der Ortsverwaltung das Backstüble Federwirt. Aus einer Dame mit Dauerwellen und Hefezopf platzte die Erinnerung heraus: »Der Durst ist damals nach Türkenfeld geflüchtet. Zuvor war er drei Monate mit der Gundula zusammen. Niemand hatte was dagegen.« Im Gegensatz zu anderen Ortschaften des Kreises hätte sich jeder Fremde in Tussenhausen mit einem Mädel anfreunden dürfen. »Wir würden deshalb niemanden verprügeln.« Dursts Flucht war also unbegründet gewesen. Es blieb ein dunkles Geheimnis, warum er nach Türkenfeld gegangen war. So viel war klar.Türkenfeld. Eine Bahnlinie teilt 3000 Seelen. Bleiverglaste Fenster, Ornate. Steinlöwen bewachen bayrische Wappen. Meine Harley harrte tickernd vor dem Laden von Georg Knoblauch. Suppengeruch drängte sich auf. Ein löchriger Transit spie einen Dunkelhaarigen mit Sieben-Tage-Bart aus dem Sitz. Seinen Versuch, zielstrebig an mir vorbeizugehen, vereitelte ich. »Kennen Sie Dieter Durst?« »Ey, frag mal beim Reisezennta.« »Reisezennta?« »Bei Gabrieles Brautmoden links, Tinas Haarstudio rechts, Sissis Schönheitssalon geradeaus.« Drei Damen später verschluckte mich das Reisebüro Weltenbummler. Aktuell und halb umsonst: diverse Türkeireisen. Etwas teurer: Extremreisen. Freeclimbing nahe Lakatoro auf Malekula oder in Großdingharting. »Maleluka kannste vergessen.« Neben mir stand ein Typ, die Hände in Taschen bis zu den Knien, die Baseballmütze verkehrt herum auf und zum Halbkreis gebogen. »Warum?« »Fußpilz.« »Fußpilz?« »Ja, wegen der Meereshöhe. Behältste dein Leben lang. Großdingharting ist da besser. Keine Krankheiten und gleich um die Ecke.« Es klang überzeugend: Man konnte weder davon ausgehen, dass Durst kein passionierter Kletterer war, noch dass ihn das Angebot nicht nach Großdingharting gelockt hätte. Ein riesiger Föhn schmolz bauschige Bewölkung und entblößte nacktes Alpenpanorama. Unter mir vermählten sich Getrieberäder. Südbayern zog an mir vorbei, als wäre es auf Pilgerfahrt. Wogende Spinnweben, hilflos rudernde Vögel, Kühe, naiver als gemalt. Kleinste Straßen, von der Stille erschlagen. Ich verbot den 53er-Drosselklappen jeglichen Widerstand und sonnte mich im Glanz der Strecke. Tausende Sekunden später passierte die silbrige Silhouette der V-Rod das Ortsschild von Großdingharting.Vor dem Landgasthof Killer parkte ein Aufkleber auf einem BMW 323i: Will work for beer. Die Sonne beleckte den Horizont mit samtiger Zunge, zwei Jugendliche drangsalierten ihre Fahrräder. »Na, Jungs, alles klar?« Peter, sieben Jahre, keine Freundin, verneinte. »Ich wohne in Kleindingharting und alle Mädels hänseln mich.« Bestimmt lag’s am Rad. »Kauf dir ’n Mountainbike.« Auf den Werbeprospekten sahen alle Mountainbiker aus wie Models. Ich ließ mich im Killer nieder. Vier Stammtischler verpassten sich gerade ein Alkohol-Update. »Schmeckt, was?« »Muss ja.« Ein Schild umklammerte die Wand: Nobody is ugly after 3 AM. Nun, es war 18 Uhr. Die Killer packten aus. Großdingharting war berühmt. Außerirdische statteten regelmäßig Besuche ab, man schrieb ein Buch darüber. Neben »Liebesgrüße aus der Lederhose« wurden auch viele Derrick-Folgen vor Ort gedreht. Was nahe lag. Außerdem hatte die RAF hier einen Siemens-Manager zersprengt. Die Erinnerung an Dieter Durst jedoch war blasser als der Teint einer Wasserleiche.Melancholie senkte sich wie ein Vorhang. Die Nacht bedrängte mich, Harleys Rundscheinwerfer erschlug sie mit seiner rechteckigen Schneise. Geilertshausen, Tankstopp. Zwei Trucks neben der Säule: »Toten Transporte Oberkirchen« und »Durst Getränke Tuntenhausen«. Eine Spur. Ich folgte ihr durch steifste Dunkelheit bis Ostermünchen und checkte frierend im Gasthaus Kalteis ein. Parkettboden, ausgestopftes Wild, gedämmtes Licht, Kachelofen, zwei Biedermeierschränke, drei Jesuskreuze. Konversationspflicht. »Schönes Bike.« »Ist ’ne 1200er-Harley.« »Hat mein Sohn auch. Ne 125er allerdings.« Über die Nachbargemeinde Tuntenhausen gab es Interessanteres zu berichten. Der junge Bürgermeister Otto Lederer, ein Sonnyboy übrigens, habe die Einladungen diverser Talkshows ausgeschlagen. Anfragen, den Christopher Street Day dort zu zelebrieren, habe man rigoros abgelehnt. Und Lilo Wanders wurde angeblich die Einreise verweigert. Nicht jeder ist Talkshow-Fan, so viel war klar. Aber was lag gegen Herrn Street und Frau Wanders vor?Im Gemeindebüro von Tuntenhausen war Durst unbekannt. Street und Wanders ebenfalls. Geschäftsleiter Stadler barsch: »Ich hoffe für Sie, dass Sie uns nicht verarschen. Wir haben einen brutal guten Rechtsschutz.« Was sollte das? Verkaufte Stadler, vom Typ her befähigt, Eis an Eskimos zu verhökern, in seiner Freizeit Versicherungen? Einzige Spur: Auch hier wurde das Ortsschild mehrmals entwendet. Gemeindediener Salzborn unglücklich: »385 Euro pro Schild, beidseitig bedruckt. Hinzu kommen Aufstellen und Anzeigekosten: 450 Euro.« War Dieter Durst Schilderfetischist? Sammelte er für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde? Meine Harley ankerte vor der Bäckerei Anders. Pechschwarzer Kaffee zwängte sich durch meine Kehle. Zwei distinguierte Herren, Haare wie Knetmasse, Bärte wie Filzstiftstriche, spickten einen Zettel ans schwarze Brett: Party in Hascherkeller – Durst mitbringen. Untrüglicher Instinkt rüttelte an mir. Kein Zweifel, pulsierendes Leben hielt Durst in fester Umklammerung. So viel war klar.Hascherkeller bei Landshut – knapp 130 Kilometer stellten sich dem Ziel entgegen. Die V-Rod jubilierte. Nasenbach, Rechtmehring, Allmannsau – ich verfolgte die B 15 nordwärts. Der Fahrtwind zeigte mir seine kühle Schulter, gnadenlos lud der graue Novembertag seine Last auf mir ab. Niederbayrische Alltagstristesse empfing mich freundlich in der Metzgerei Engelhard zu Dorfen. Vor mir Selleriesuppe, Wurstbrötchen und Fleischkäs, neben mir eine Frau, die aussah wie ein Presswurstdouble. Roter Pulli, weiße Turnschuhe, lila Jogginghose, grauer Damenbart. In ihrer Hand einen Maßkrug, halb gefüllt. »Durst ist schlimmer als Heimweh.« Die Worte krochen über ihre Lippen, als wären sie narkotisiert. Was sollte ich davon halten?Nichts. Mein Zeigefinger stemmte sich kurze Zeit später gegen den Klingelknopf von Bürgermeister Bäumel in Hascherkeller. Zwei Holzigel eskortierten seine Haustür. Sie blieb verschlossen, Bäumel in Deckung und Durst verschollen. »Sind Se Reporter?« Der Rentner kam scheinbar aus dem Nichts. »Nein«, sonorte meine Stimme, »Detektiv. Ich bin auf der Suche nach Durst.« Der Rumpf des Greises schüttelte den Kopf heftig. Sein linkes Auge flackerte wie ein Lagerfeuer. »Kann mich entsinnen«, sagte er nachdenklich, »dass der Durst jeden heimsucht.« Jeden! Ein herber Rückschlag. Mein Auftrag konnte ewig dauern. Dursts Spur verlor sich wie ein Feuerzeug. Vielleicht sollte ich direkt nach Fickenhof fahren. Ich entriss den Seitenständer seiner Hauptbeschäftigung. Er war sichtlich geknickt. Man sollte ihm eine Bedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Der Anlasser der V-Rod schickte die Schwungmasse in ihre Umlaufbahn. Gemeinsam nahmen wir Kurs auf die Zukunft. Sie lag direkt vor den dreigeteilten, formschönen Alu-Instrumenten. Aus den Rückspiegeln schaute die Vergangenheit und ein Lkw der Baufirma Buddler. Der Fahrer versteckte sich hinter einem von diesen albernen Namensschildern: Löwensteak. Mein 60-Grad-V2 torpedierte mich durch einen Film mit grandiosen Nebendarstellern: Erlebnisgärtnerei Stecher, Reifenhandel Rille, Gasthaus Penner. Gleich hinter Blindenhaselbach stürzte die Sonne in tiefste Finsternis. Zwischen Fäustlinger und Königsöd tauchte sie alsdann wieder auf.Genauer gesagt in Klohub, drei Häuser, ein Teich, 67 Obstbäume, vier Betonrondells mit Abwasser. Im Schlepptau der Morgenbrise: abgestandene Buttersäure mit einem Hauch von verbranntem Zweitaktöl. Hinter angelehntem Fenster ein Mann. Ende 40, kurze, fettige Haare, rundes Gesicht, Goldbrille, Holzfällerhemd. Zahnreihen im Klaviertasten-Look. »Kennen Sie Dieter Durst?« Innerhalb zweier Sekunden war das Fenster verrammelt. Lag’s an meinem Hochdeutsch? Egal. Neuer Versuch: Rockern, drei Häuser, 14 Einwohner, 9,7 Milliarden Honigbienen und ein Hund. Ein Riesenhund. Ohne Vorwarnung schnappte er meine Hose. Dummerweise hatte ich sie an. »Beißt der?« »Nein«, erwiderte ein Typ mit Armen wie der kalifornische Gouverneur, »er will bloß spielen. Allerdings mag er keine Zweiräder. Fußgänger erschreckt er. Und Autos hasst er wie die Pest.« Theore-tisch war er ungefährlich. Der Gouverneur kannte Durst ebenso wenig wie sein vierbeiniger Kumpel Wotan das Wort Erbarmen. Ich zerrte ihn durch Luderbach und Ehegarten hinter der Harley her.In Hundshaupten ließ er los. Reine Nervensache. »Ihr Hund?« »Eine Leihgabe.« »Gut, dass er flieht. Einer Sage nach wurden hier früher Hundeköpfe auf Pfähle gespießt.« Georg Audorfer, 34, stand als personifizierte Gelassenheit neben seinem Anbau. Und vielleicht auf einem Fundament aus Skeletten. Durst war den 15 Einwohnern des Ortes unbekannt. Zwei dubiose Schilderdiebstähle gaben mir allerlei Rätsel mit auf den Weg. Gottlob wogen sie fast nichts. Gemeinsam folgten wir dem Lauf der Vils und einem Weg, der sich durch den Wald gefressen hatte. Er führte steil bergauf und wurde von einer Siedlung gestoppt. Das Ortsschild von Hirnschnell war doppelt verschraubt. »Es wird alle zwei Jahre geklaut«, zischte Bauer Alois Meyer mir zu. »Aber das ist nichts im Gegensatz zu dem, wo meine Schwägerin wohnt, in Fickenhof.« Der Kreis schloss sich. Jetzt war alles klar. Fickenhof, Gemeinde Aicha vorm Wald, Niederbayern. 15 Häuser, eine Schreinerei, ein vergilbtes Spanplattenwerk, ein vermeintlicher Bankräuber, zwei verfeindete Bauernhöfe – Mieter Bohlens neue Heimat. Andrea Bumberger, 38, stand vor ihrem Bungalow und verfluchte alle Versandhandel Deutschlands. »Immer, wenn ich Namen und Anschrift nenne, wird der Hörer aufgelegt. Dabei fehlt doch das S.« Ich blickte mich um, meine Augen sezierten die Umgebung. Hier fehlte mehr als nur ein S. Nämlich drei Mal pro Jahr das Ortsschild, jegliche Spur von Dieter Durst, ein wenig Gemütlichkeit sowie Reifenprofil und Nummernschild an einer gelben XJ 650. »Die fährt mit Benzin. Nicht mit Profil und Nummernschild«, erklärte Besitzer Christian Klenner stolz.Ich griff zum Telefon, wählte Mieter Bohlens Nummer und beschrieb die Situation. Er wirkte gestresst. »Bin auf der Suche nach dem Superstar«, keuchte es aus dem Hörer. »Mein nächster Auftrag?« fragte ich nicht ohne Interesse. »Nein, das Haus wird verkauft, für den Erlös kaufe ich einen neuen SL. Hab’ jetzt Durst und keine Zeit für weitere Erklärungen.« Was sollte ich sagen? Alles schien in bester Ordnung. Durst war anscheinend aufgetaucht, mein Hausgenosse blieb mir erhalten, und 700 Kilometer Rückweg stellten sich vor meine Badewanne. Der V-Rod-Sattel sang das Lied der Geborgenheit, der Scheinwerfer machte seinem Namen alle Ehre. Er schnitt dabei ein Ortsschild aus der angreifenden Dämmerung: Simmering. Welch dämlicher Name für eine Siedlung.

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