Deutschland B66 (Archivversion) Route 66

Welche Geheimnisse bergen die 48 Kilometer zwischen Bielefeld und Barntrup? Und warum widmet Mieter Bohlen seinen neuen Song einer Straße? Detektiv K. T. Karlow gerät auf seiner Wild Star in den Strudel mysteriöser Ereignisse.

Es war einer von diesen mausgrauen Novembertagen, die man am besten in den Tiefen der Badewanne verbringt. Ich war gerade abgetaucht, als das Telefon klingelte. Am Ende der Leitung war Mieter Bohlen, erster Stock geradeaus. Ein lederbejackter Komponist mit Skandalneigung und einem Mercedes SL vor der Tür. »Ich schreibe einen Song über die deutsche Route 66«, sagte er in diesem Ton, in den man verfällt, kurz bevor man einen Delinquenten bestraft. »Was ich brauche, sind exakte Informationen über diese Straße und die Menschen dort. Sie sind doch Detektiv, oder?« »Warum reisen Sie nicht selbst?« entgegnete ich eiskalt. »Ich habe permanentes Partyfieber.« Nun, ich bin kein Typ, der sich vor Aufträgen drückt. Und wenn einer krank ist, dann sollte man ihm helfen. Zwei Tage später parkte meine Yamaha 1600 Wild Star unter einem Tiefdruckgebiet namens Waldemar und direkt neben dem Ortsschild von Barntrup in Westfalen. Hier beginnt die Bundesstraße B66 und schlängelt sich durch das Lippische Bergland, bis sie irgendwo in Bielefeld ihr Ende findet. Was könnte am deutschen Pendant zur amerikanischen Route 66 anders sein? Sicher, es sind exakt 4939 Kilometer weniger. Okay, es gibt auch keine Ozeane an jedem Ende. Aber dieses alle Sinne aufwühlende Gefühl, unterwegs zu sein sei besser als ein Ziel zu haben, würde die Reisenden auch hier überfallen. Soviel war klar.Quietschend bahnte sich die Eingangstür der Tanke Mittelgöker ihren Weg nach innen. In den Augen der rotblonden Kassiererin spiegelten sich alle Fragen der letzten hundert Jahre gleichzeitig. »Mein Name ist Karlow«, sonorte meine Stimme. »Ist Ihnen hier auf der deutschen Route 66 schon mal etwas aufregendes passiert?« Alles Leben schien aus ihrem Gesicht zu weichen. »Ich heiße Doris, nicht Ruth und war mal schwanger in Göttentrup gleich hinter Dörentrup. Bis ins Krankenhaus zu Detmold habe ich es damals nicht geschafft und musste in Dehlentrup entbinden.« Eine Tragödie, soviel war klar. Aber warum endeten alle Ortsnamen mit Trup, und wer war der Vater des Kindes? Entschlossen entriss ich dem Hauptständer die Wild Star. Sturm zerrte an meinem Körper, auf der anderen Straßenseite kämpften zwei Rentner entschlossen mit ihrem Regenschirm. Völlig relaxt floss der Asphalt unter mir entlang, ich folgte meinem Vorderrad gen Westen. Rechts des Highways bedrängten Grünflächen einen Bach, uralte Steinmauern umzingelten marode Einsiedlerhöfe, der Wind zerriss die weißen Rauchfahnen der Schornsteine, als wären sie Todfeinde. Die Wolken schienen schwer wie Blei und reichten bis zum Boden. Zwei Kurven zerbrachen die Eintönigkeit der Geraden, knapp dahinter war das Ortschild von Dörentrup aus der Erde gewachsen. 167 Backsteingebäude vereinten sich hier mit vier Imbissständen und drei Dönerbuden. Schnauzbärte zierten die Gesichter so selbstverständlich wie Schuhe die Füße. Die außergewöhnlichste Stelle schien der Schrottplatz zu sein.Am Ende des verschlammten Weges verbiss sich gerade ein stählerner Arm in ein unschuldiges Autowrack. Garantiert sollten hier Spuren beseitigt werden. »Was machen Sie hier?« Die vier Worte sprudelten behände durch zwei Zahnlücken. Im Schlepptau von Zahnlücke befand sich ein übel riechender schwarzer Hund und eine massige Frau. Gelassen sah ich der Gefahr ins Auge. »Bin auf der Suche nach der großen Freiheit.« Die drei schauten einander an. Beim Blick auf seine Lebensgefährtin war mir sofort klar, dass für ihn das Wort von Lebensgefahr abgeleitet war. In ihrer Frage spiegelte sich Verständnis. »Die große Freiheit? Die is’ doch in Hamburch. Da ham Se sich ganz schön verfranst.« Völlig klar, beide mussten blind sein. Deshalb auch der Hund. Nie trug ich Fransen an der Jacke. Es war nicht festzustellen, ob Zahnlücke der Besitzer des Schrottplatzes war. Ebenso wenig, ob er je von der Route 66 gehört hatte. Aber er gab mir eine Minute, um »hier zu verduften«. Angesichts des Wendekreises meiner Wild Star auf dem knapp zwei Meter breiten, völlig verschlammten Weg echte Arbeit. Ich ließ die Melancholie des Industrialismus hinter mir und folgte dem Gesang der Straße. Dem bassigen Bollern der Lkw, dem Wehklagen vom Teer malträtierter Reifen, dem rhythmischen Nageln der Dieselmotoren. Hielt den japanischen Dampfer streng auf Kurs Nordwest, B66. Neuenkamp, Lemgo, Hörstmar, Lage – 29 Kilometer schienen eine Ewigkeit und hatten mein Barthaar forsch aus der Haut gelockt. Es schrie nach Rasur. Coiffeur Ewald Westerbarkej schwang die blitzende Klinge theatralisch und setzte gezielt zum Schnitt an. Die schwarzen Stoppeln hatten keine Chance. Die Tatsache, dass er mich auf Anhieb als Fremden outete, sprach für seinen Spürsinn. Oder dafür, dass er seinen Frisörsalon hier schon seit 56 Jahren betrieb. »Sie suchen also den Geist der B66?« Westerbarkej verteilte sich und seine 68 Jahre auf 158 Zentimeter und hatte verhältnismäßig riesige Füße und Ohren. »Herbert Dröge hat in den sechziger Jahren nur von Bier gelebt, hat zwölf Jahre nix gegessen. Als die Polizei ihn auf seinem Trecker gestoppt hat und das Röhrchen 4,9 Promille anzeigte, haben sie ihn weiterfahren lassen. Denn ab 3,8 ist man klinisch tot. Die Ordnungshüter gingen von einem technischen Defekt aus.« Ein erster Anhaltspunkt, soviel war klar. Die Straße trat meiner spiegelglatten Haut entgegen. Westerbarkej schritt hinterher. »Was’n datt?« Eigentlich war ich derjenige, der die Fragen hier stellte. Aber was soll’s. »Yamaha Wild Star. 63 PS, 1600 Kubik, 322 Kilogramm, fünf Gänge.« »Kriegste ja’n Mercedes für, oder?« Oder umgekehrt. Ich schwor mir, irgendwann das SL-Cabrio von Mieter Bohlen gegen eine weitere Wild Star einzutauschen. Wer weiß, wozu es gut ist.Dunkelheit senkte sich wie eine filzige Wolldecke über Lage. Dichter, süßlicher, modriger Nebel quoll aus rötlichen Schornsteinen und zwängte sich zwischen die Lichter der Stadt. Hilflos zeigte sich die Straße den Rüben gegenüber, die von ihren Transportern sprangen. Die Spuren liefen vor einer Zuckerfabrik zusammen. Fahrer Eckard Pape wurde gerade aus dem Führerhaus seines MAN-Truck A356 gespuckt. Pape, einer der wenigen, die wissen, wohin sie ihr Leben führt, kam meinen Fragen zuvor: »Rübentransporte, klar. Pro Tour 43 Tonnen, viermal am Tag, sieben Tage die Woche, sechs Wochen lang.« Das durchschnittliche Rübengewicht von einem Kilogramm als Berechnungsgrundlage, chauffierte Pape in der Zeit zwischen 1. November und 10. Dezember 7.224.000 Stück über die Asphaltbänder. In Mathe hatte ich irgendwann mal eine Eins. Doch wie immer brachte mich das auch nicht viel weiter. Nebulös schälte sich der nächste Tag aus der Nacht. Mein Eisengebirge folgte brav seinem Scheinwerferkegel. Das Schild Maßbruch-Grill wurde von meinem Magen als Nötigung empfunden, Italowestern-like betrat ich den Raum. Sieben Augenpaare musterten mich. Ich musterte zurück. Drei Männer, vier Frauen. Tarnjacke aus dem US-Shop, Daunenjacke von Aldi, Turnschuhe von Tengelmann, Dreitagebärte, Schiffermützen, Netzstrumpfhosen, Pumps, eine aufgeschlagene Bild am Sonntag. Ein höchst verdächtiges Konglomerat. Bis auf einen beleibten Mann mit Haarinsel auf der Stirn verließen sie nacheinander den Raum. Unser Schweigen zerbrach wie eine Salzstange. »Kalt, was?« »Geht so. Ham’ Sie irgend `ne Anekdote?« »Ich hab’ hier nur Pommes, Salat oder Burger.« Zwei Ripmäc’s zwängten sich durch meine Speiseröhre, eine vertrauensbildende Maßnahme. In Besitzer Dennis Bentrupp erwachte der Plauderer. Bereitwillig sprudelten die Informationen. Lage wiese die höchste Bordelldichte im Bundesgebiet auf, sei eine Hochburg des Telefonsex und trotzdem so lebendig wie eine Filmkulisse nach den Dreharbeiten. Hauptgesprächsthemen seiner Kundschaft wären Hausärzte und Kochrezepte. »Kochrezepte?« »Ja, schon mal was vom Lippischen Picker gehört? Ein Reibekuchen aus Kartoffeln, Mehl, Eiern, Rosinen, Hefe und Rübenkraut.« Das klang unverdaulich und höchst verdächtig. So viel war klar.Schnaufend inhalierten 1600 Kubik nasskalten Sauerstoff. Widerspenstig sprang der erste Gang in seine Verzahnung. Weitere folgten. Die Hochburg des Pickers lag zehn Kilometer von der Route 66 entfernt in Hörste, und ich war fest entschlossen, den Tatort aufzusuchen. Tief Quax hatte Waldemar verdrängt und war nicht weniger aktiv. Die Ebene ließ sich vom Hagel peitschen, tiefe Pfützen sprangen vor das Vorderrad. Der Gasthof »Bienen-Schmitt« hatte sich 30 Jahre lang erfolgreich gegen den Wildwuchs des Waldes zur Wehr gesetzt. Besitzer Herwig Schmitt tischte in zweiter Generation auf. Sein Lippischer Picker verkroch sich unter einer dicken Schicht Leberwurst. Für Versteckspielen hatte ich noch nie etwas über. Schmitt begann auszupacken. Sinnierte über zwanzig Jahre Kneipenleben und kam schließlich zur Erkenntnis, dass selbst Biker sich geändert hätten: »In den sechziger Jahren sind sie direkt vor die Theke gefahren, haben im Winter mitten in der Kneipe ihre Böcke gewartet. Heute sind sie braver als so mancher Wandersmann.« Brave Biker? Ein Täuschungsmanöver, soviel war klar. Aber was war das Ziel?Kaum wieder auf der Route 66, lockte mich ein ebensolches Schild in das Landgasthaus Niemann in Kachtenhausen. Drinnen saßen sie. Sechs an der Zahl. Ureinwohner von echtem Schrot und Korn. Philosophierten über das Weltgeschehen und charakterisierten sich selbst. Der Urlipper an sich hätte durch ständiges Umdrehen des letzten Pfennigs den Kupferdraht erfunden und in der Regel zwei Sportarten gleichzeitig betreiben: Trink- und Angelsport. Konservativ wie er sei, bliebe man bei Wippermann Wacholder, 32 Prozent Alkohol. Dieser wirke gegen taube Ohren, gäbe warme Füße und sei darüber hinaus dazu geeignet, Schränke abzubeizen. Bauern hätten ihn früher warm getrunken. Logisch, früher gab’s schließlich keine Kühlschränke, soviel war klar. Aber wieso hatten alle überlebt, und wo waren die Angelseen?Vielleicht hätte auch ich ihn warm schlucken sollen, den Wippermann. Denn das, worauf ich keine zehn Kilometer entfernt traf, registrierten meine Sinne zuerst als Halluzination. Doch Gert aus Sachsen war echt. Wohnte seit neun Jahren in Detmold und war der letzte seiner Art. Ich war stolz, ihn aufgespürt zu haben. Den letzten echten Biker. Einer, der die ungerauchten Tabakkrümel der Selbstgedrehten wieder zurück in den Beutel bröselt, und für den Dauerregen so abschreckend ist wie die Wüste für ein Kamel. Als überzeugter Vegetarier hatte er seiner MZ ETZ 250 auf den vergangenen 60000 Kilometern Salatöl verordnet, und es gab nichts, was er dem Zufall überließ: zwei übereinander montierte Topcases, doppelt mitgeführte Ersatzteile, Bowdenzug-Repair-Kit, Kompass um den Hals, zwei schützende Nierengurte übereinander, Fahrrad-Rückstrahler an allen Taschen, eine ausgewaschene Jogginghose als Stulpen für die NVA-Stiefel. »Doppelt ist doppelt sicher, macht doppelt Spaß.« Hatte Gert Recht? Und ich war das Opfer jahrzehntelanger trügerischer Sicherheit? Mit nur einem guten Gewissen, nur einer Unterhose und nur einer Flasche Bier daheim? Mein Leben musste sich ändern, so viel war klar. Aber vielleicht besaß ich ja schon bald zwei Wild Stars.Dumpf jonglierten die Pleuel mit ihren Kolben, der Fahrtwind stemmte sich unbeirrbar gegen die Windscheibe. Suizidgefährdet schmiss sich die Route 66 unter einigen Hochspannungsleitungen und einer Autobahnbrücke hindurch. Ich konnte weiter nichts mehr tun, als ihr zu folgen. Amerikas Atem hauchte mir entgegen. Vierspurig ausgebaut, bevölkert von Drive-Inns, Fast-Food-Ketten und Billig-Hotels, brach die B66 in Bielefeld ein. Aber wo genau fand sie ihr Ende? Sirenengeheul schwappte durch den eiskalten Abend. Ebbte auf und ab. Chicago ließ grüßen. Ich stieg in einem dieser billigen Motels ab. »Bielefeld hat mal wieder verloren«, nuschelte der Mann an der Rezeption. »Klar«, sagte ich, »täglich.« War mir aber unsicher, ob wir tatsächlich dasselbe meinen. Heute war der erste Tag vom Rest meines Lebens. Und ich sollte ihn hier verbringen. Bielefeld war sehenswert. Mausgraue Häuser, mehrere Milliarden fest getretener Kaugummis, 117 griechische Imbisse und ein Bratwurstrondell am Pressehaus. Die Wurst hatte Weltklasse und sprang mir gierig in den Rachen. Weitere folgten. »Wenn Se Sonne wollen, müssen Se 80 Kilometer weiter in den Süden fahren. Hier regnet’s nämlich immer.« Rentner Hermann Kurze war Stammgast am Rondell, aß jedem Morgen um zehn Uhr Currywurst und verteilte Ratschläge. Wo die B66 ihr Ende fand, war ihm fremd. »Frag’n Se doch mal die Polizei.« Zehn Minuten später stemmte sich der Klingelknopf des Polizeipräsidiums Nordrhein-Westfalens gegen meinen Finger. Da stand ich nun. Ein Thermoboy der Größe XL wellte über meine 168 Zentimeter, mein Kopf steckte in einer von diesen Rapper-Mützen, die riesigen Gummi-Überzieh-Stiefel hinterließen bei jedem Schritt das Geräusch eines Walrosses auf Museumsrundgang. Bedingungslos vertrauenswürdig. Wachtmeister Arno B. nahm mich mit durch das Präsidium, gemeinsam beäugten wir eine riesige Karte. »Hier«, sagte er, »am Jahnplatz.« Mein Auftrag war damit beendet. Ich wählte die Nummer von Mieter Bohlen und nannte Namen und Fakten. »Das reicht locker für einen guten Song«, frohlockte Bohlen. Ich ließ mir den genauen Standort seines SL mitteilen. Unauffällig und diskret. Schließlich war ich Detektiv.

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