Deutschland: Schwarzwald (Archivversion) Der Frühling blüht rot

Wenn eine Ducati 916 aus ihrem winterlichen Garagenschaf erwacht und donnernd zu ihrer ersten Ausfahrt startet, bekommt der Frühling im Schwarzwald eine ganz besondere Färbung.

Es ist ein Privileg, als Testredakteur praktisch jedes Motorrad fahren zu dürfen, keine Frage. Und eine große Freude. Noch immer kriege ich eine Gänsehaut, bevor ich auf eine neue Maschine steige; vor einer Präsentation bin ich so nervös wie der allerjüngste Kollege, der gerade seine Premiere erlebt.Doch am schönsten finde ich mein eigenes Motorrad. Vielleicht deshalb, weil das Normale zum Besonderen wird, wenn das Besondere normal ist. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Erwartung langsam in mir hochkribbelt, wenn ich die Ducati 916 zum Vorsaison-Ölwechsel warmlaufen lasse. Etliche Kratzer im Lack, die Narben einer rauschenden Rutschpartie durchs Kiesbett oder die kahle Stelle am Auspuff grüßen wie alte Bekannte. Vielleicht sollte ich die Verkleidung doch zum Lackierer bringen, in den nachträglich eingeschweißten Blechstreifen am Auspuff endlich das Loch für eine Einziehmutter bohren. Damit ich die Abdeckung montieren und meinen rechten Absatz vor der Hitze schützen kann. Ich kann es aber auch lassen.Allerdings bin ich wie immer besorgt wegen der Metallspäne, die im Grobfilter des Ölkreislaufs hängen. Obgleich mir Ducati-Spezialisten erklärt haben, das sei normal. Und ich am Telefon jedem alarmierten Leser ganz cool dasselbe sagen würde. Nur, das hier ist meine Duc, da werden solche Innerlichkeiten wichtig. Den offiziellen Teil, die Story von der extremen Sportlichkeit, vom trägen Handling und von Federelementen, die nur zwischen ziemlich straff und äußerst straff einzustellen sind, kenne ich selbstverständlich auch. Privat bin ich mit meiner 916 schon längst jenseits der Testberichte angekommen. Wo genau das ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls blüht dort der Frühling rot, und ich kann mich auf die erste Ausfahrt freuen wie jemand, der nicht den ganzen Winter über Motorrad fahren konnte.Viel länger noch als ich die Ducati besitze, schwinge ich mit Hingabe im Nordschwarzwald umher. Bergauf, bergab vom Würm- ins Nagoldtal, von dort weiter ins Enz-, Murg- und letztlich bis zum Rheintal. Manchmal leiste ich es mir, eine Strecke zwei Mal zu fahren, und manchmal lasse ich mich führen. Von meinem Schulfreund Andy, der besonders reizvolle Passagen vor Jahrzehnten mit mir zusammen entdeckt und seither eigene Routen entwickelt hat, dort hinzukommen. Selbstverständlich gibt es noch schönere Gegenden, weniger dicht besiedelte, in denen der Weg von Dorf zu Dorf länger ist. Und selbstverständlich fahre ich auch furchtbar gern auf der Rennstrecke mit der Duc. Aber meine Zuneigung zum Nordschwarzwald sitzt tief, ist mit den Jahren gewachsen. Über viele Orte weiß ich eine Menge Dinge, die nichts mit Motorradfahren zu tun haben. Viele Plätze erzählen mir meine eigenen Erlebnisse. Nur manchmal schockiert es mich, wie weit die zurückreichen.Heute nicht. In die sich zuziehende Kurve, die ich einst mit der Zündapp KS 175 schlingernd gerade noch auf zwei Reifen und einem Auspuff geschafft habe, taucht die Ducati mit der Souveränität eines Motorrads, das über Bodenfreiheit nicht reden muss. Die grünen Talauen sind der Hintergrund fürs Ducati-Rot, die lang gezogenen Windungen des Würmtals genau richtig für die satt liegende 916. Sogar dort, wo sich das Asphaltband enger herumbiegt, fährt sie nicht mehr so stur wie serienmäßig. Sie hat Gewicht abgespeckt, wo es am meisten bringt: hinten oben. Alurahmenheck und Karbon-Schalldämpfer – nein, nicht die lauten, solche mit ECE-Prüfzeichen – haben etliche Kilogramm eingespart und die Duc leiser gemacht. Die drei Tage Arbeit, die ich für die Unterbringung des Biposto-Einspritzrechners im SPS-Rahmenheck inklusive Anpassung des Kabelbaums gebraucht habe, waren lehrreich. Zum Glück hat mir Kollege Werner »Mini« Koch mit selbst gedrehten Gewindebuchsen geholfen.Auf dem asphaltierten Wellenbad zwischen Schellbronn und Unterreichenbach fällt schmerzhaft auf, dass ich noch mit der Dämpfereinstellung unterwegs bin, die für einen heißen Augusttag auf der GP-Strecke des Nürburgrings gut gepasst hat. Mehr in den Rasten stehend als sitzend, unter vollem Einsatz der Körperfederung holpere ich talwärts. Für die grausig baumlosen Steilhänge neben der Straße, von Orkan Lothar kahlgefegt, bleibt mir kein Blick. Weil ich den Set-up-Pedanten in mir für heute ins Exil geschickt habe, lasse ich Gabel und Federbein wie sie sind. Sollen sie doch bocken.Etliche dutzend Kilometer später halte ich das für keine gute Idee mehr. Dass die Gemeinden kaum noch Geld für Straßenbau haben, kann ich in den Knochen spüren. Meine geliebten Nebenstraßen verkommen langsam zu narbigen Karrenwegen. Kurz vor Loffenau falle ich gar beinahe in ein tiefes Schlagloch, das über den Winter aufgebrochen sein muss. Die Korrektur hätte zwar dagegen nicht geholfen, trotzdem leihe ich mir jetzt doch an einer Tankstelle in Gernsbach einen Schraubendreher. Es gilt, viel Druck- und Zugstufendämpfung zu entfernen, bevor das Filetstück der Tour beginnt.Wie schön, dass der Frühling hier schon triumphiert. Die Nähe zum klimatisch begnadeten Rheintal wirkt bis in höhere Lagen. Die Forsythien blühen gelb, die Vegetation treibt mit Macht und die rote 916 in der Anfahrt auf Schloss Eberstein nicht minder. Ganze Sträuße von Reifenspuren zeugen davon, dass hier nicht nur Motorradler hemmungslos dem Kurvenvergnügen frönen. Die Kehre vor dem Schloss, die so eng ist, dass man das Motorrad am liebsten hinten herumheben würden, bietet den Anlass für einen Stopp an diesem Aussichtspunkt. Links unten das Murgtal, rechts neben mir die Duc, vor mir eine sich begrünende Allee – so lässt sich’s für eine träumend verlängerte Zigarettenpause aushalten.Auf der Weiterfahrt kann mich keine Aussicht mehr stoppen. Im schweren Kurvenrausch, den Blick auf die Straße und ihre Peripherie verengt, schrauben die Duc und ich uns übers Hochplateau Richtung Baden-Baden, bevor es links ab geht zur Roten Lache. Für Motorradfahrer sollte der martialische Name eine Warnung sein. Diese Straße, in die Seite eines Hochtals gebettet, hat viele Kurven, die sich hinter einem Felsen zuziehen. Es gibt massig Flickstellen und einige Autofahrer, die es mit dem Verbleib auf ihrer schmalen Fahrbahnseite grob ungenau nehmen. Doch für den, der die Strecke kennt, der unverkrampft fährt, erneuert dieser Flecken Erde eine wichtige Erkenntnis: Wegen solcher Straßen, der Dynamik, die sie uns abverlangen, fahren wir Motorrad. Hier spielt die Musik.Sie spielt in einem ununterbrochenen Satz bis nach Forbach, durchs Murgtal und an der Schwarzenbach-Talsperre vorbei bis hinauf zur Schwarzwald-Hochstraße. Sie könnte noch länger weiterspielen. Ich könnte die B 500 entlangtuckern bis zum Ruhestein, von kahlen Hängen nach Frankreich hineinsehen. Dann im wohltuend dunklen Wald auf der Steige am Kloster Allerheiligen vorbei ein rotes Frühjahrsfeuer entzünden. Über Zuflucht zurück auf die B 500 und den Kniebis wieder hinunter. Oder gleich über den Kniebis, wieder durchs Murgtal und über Reichental, Sprollenhaus und Wildbad wieder Richtung Heimat? Mich einfach kringelig fahren?Dann habe ich eine bessere Idee. Weil man bei der ersten Ausfahrt nicht übertreiben soll, biege ich auf die B 500 Richtung Baden-Baden ein. Dort kriegt mein rot blühender Frühling lila Krokustupfer und ich in einer stadtlandschaftlich herrlichen Schleife um den noblen Kurort die Kurve zum Friedrichsbad. Dieses ehrwürdige Bad, 1877 erbaut, steht auf den Ruinen einer römischen Therme, die Besucher können dort den antiken römischen Badezyklus durchlaufen. Warmluftbad, Caldarium, Frigi- und Tepidarium, die ganze Abfolge. In wunderbar altmodischen Sälen, in Marmorbecken und unter einer von Karyatyden getragenen Kuppel langsam abtauchen ins Entspannungs-Nirwana. Besonders praktisch für Motorradfahrer: Man muss nichts mitbringen außer Zeit, Geld und sich selbst. Als mich der Herr, der mir die Folgen der Ducati-Sitzhaltung wegmassiert hat, nach zwei Stunden Badefreuden in den Ruheraum führt, mich auf einer Liege in Wolldecken hüllt, bin ich endgültig weg von dieser Welt. Fahre ich heute noch heim? Eigentlich nicht. Morgen ist auch noch ein Tag, Hotels gib´s hier genug, und mein roter Frühlingsbote kann ja wohl mal eine Nacht unter der Laterne verbringen.

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