Deutschland (Archivversion)

Moscht und Diesel

Die Schwäbische Alb, im Volksmund auch schwäbisch Sibirien genannt, ist wortschöpferisch schon längstens globalisiert. Aber ein exotisches indisches Diesel-Motorrad als Symbol urschwäbischer Sparsamkeit und Lebensart? Impressionen einer schwäbisch-indischen Liaison.

Von den Schwaben wird bis hinunter nach Indien nichts Herausragendes erzählt - außer, dass sie besonders geizig und ein Volk von Häuslesbauer seien. Jedoch einer unnützen Beschäftigung geben sich auch die Fleißigsten hin: Motorradfahren ist im Ländle sehr beliebt, weil man die ohnehin nötigen Wege ins »G’schäft« oder in »d’Wirtschaft« so mit dem Unnützen verbinden kann. Aber auch größere Touren sind möglich: Zwischen Ulm, Hohenzollern, Donau und Neckar finden sich viele traumhafte gewundene Motorrad-Sträßchen und verschlafene Dörfer. Also ist der luxusorientierte Schwabe beim Kauf eines motorisierten Zweirades gezwungen, getreu der alten schwäbischen Weisheit »Liebe vergeht, Hektar besteht«, vorzugehen. Schönheit spielt demnach eine untergeordnete Rolle, sein motorisiertes Gefährt muss ihm möglichst viel Spaß, bei einem Minimum an Kosten bieten. Was liegt da näher als ein Dieselmotorrad? Und weil fast jeder auf der Alb auch Landwirtschaft betreibt, fährt die Enfield mit etwas abgezapften Heizöl aus Opas Lanz sogar »umsonscht«. Dieses erfreuliche Argument lässt die schwäbische Seele vor Freude hüpfen und alle Widrigkeiten indischer Motorradbaukunst geduldigst erleiden. Und deren gibt es wahrhaftig genug: Als ob es nicht genügte, die Schaltung da vorzufinden, wo sich normalerweise die Fußbremse befindet, nein! Dazu sind auch noch die Gänge vertauscht: Erster nach oben, und - »ha, jetzt guck a mol do«, also auch bei den Gängen wurde gespart - die restlichen drei nach unten. Zum Frühstück stärkt sich der Schwabe für gewöhnlich mit etwas Kaffeeersatz und einem großen »Bräschtlingsgselzweckle« (Erdbeermarmeladenbrot). Das ist auch von nöten, denn von nix kommt nix. Vor dem Genuss von Rußschwaden und Vibrationen muss die Initialzündung des Dieseltriebwerkes durch kräftige Fußtritte erzeugt werden.Und ab geht’s. Der typische Dieselsound ist unverkennbar, vibriert wie eine Bau-Rüttelplatte, ballert wie ein Lanz-Bulldog. In Erwartung eines solchen, ernten Enfield-Diesel-Fahrer von den häufig anzutreffenden Sonntagswanderern oftmals ein spontanes Lächeln. Die Taurus ist das passende Motorrad zum Ländle: rau wie die Alb, gemächlich und ehrlich. Bergab weichen die typischen Wachholderbüsche und die Ackerlandschaft der Hochebene, den Streuobstwiesen am Albrand. Den Nebelbänken im Donautal folgen die sonnigen Weinberge von Neckar und Erms. Das sind die Feinheiten der schwäbischen Landschaft und Seele. Gemächlichkeit und Langsamkeit erschließen sich dem Reisenden schwerlich auf einer ZX-12R. Nicht nur deshalb drängt sich dem Enfield-Piloten die (selbst)zündende Idee nahezu auf, dass die Taurus eigentlich aus einem Joint Venture mit Gottlieb Daimler entstanden sein muss. Sparen beim Fahren: 1,7 Liter Diesel auf 100 Kilometer! Auch die Bremsen runden diesen Eindruck ab: die vordere Trommel erinnert irgendwie an eine große Vesperdose. Die Tüftler im Ländle haben, wie die Inder, seit jeher gerne improvisiert und ausgediente Dinge einem neuen Verwendungszweck zugeführt. Verzögert man hinten ... klack, krach .... ach stimmt ja, die Fußbremse ist links ... macht nichts, ein richtiger Schwabe lässt sein Gefährt ohnehin ausrollen, denn wer bremst verliert Geld. Die teuer erkaufte kinetische Energie wird in nutzlose Wärme umgewandelt. Und weil das schwäbisch gesehen »für d’Katz«, also sinnlos ist, frönen die Schotten Deutschlands lieber der Langsamkeit und geben sich beim Fahren den Schönheiten der Natur hin. Freilich nicht ohne schon wieder ans Sparen zu denken. Denn mit all den vielen sauren Äpfeln auf den Bäumen und den dicken Trauben an den Weinstöcken, kann man dem teuren Getränkehandel ein Schnippchen schlagen. Der Schwabe versorgt sich selbst. Nach dem Häuslesbauen und der Kehrwoche wird die Apfel- und Traubenernte gepresst, in Fässer gefüllt, um dann als Fruchtsaft, Federweißer oder als Most, respektive Wein ganzjährig »g’schlotzt« (getrunken) zu werden. Trotzdem wird die einheimische Wirtschaft nicht vergessen, denn der Schwabe liebt die Geselligkeit: Mitte September öffnen die Besenwirtschaften. Das sind häufig ganz gewöhnliche Wohnstuben, in denen für eine gewisse Zeit gewerblich dem Moscht- und Neuen-Wein-Ausschank nachgegangen wird. Kenntlich gemacht sind die Lokalitäten durch einen Besen über dem Eingang. Für hungrige ist auch gesorgt. Allerdings verursacht der hausgemachte Zwiebel- oder Krautkuchen in Kombination mit dem vergorenen »Säftle« fatale Folgen im Magen-Darm-Trakt. Jedoch helfen die einsetzenden gehaltvolle Winde, den motorradfahrenden Eingeborenen die anfallenden Dieselkosten noch zusätzlich zu minimieren. Aber auch mit »Rückenwind« gilt allzeit die Devise: »Sodele, jetzedle ond no ned hudla.« Will heißen, immer mit der Ruhe, nur nichts überstürzen. Die urschwäbische Lebensart korrespondiert also hervorragend mit der indischen Motorradbaukunst. Moscht und Diesel - die Welt ist ein globales Dorf. Fragt sich nur, wann in Bombay die Kehrwoche eingeführt wird.
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Schwäbische Alb Info (Archivversion)

Berühmte Dichter und geniale Erfinder sind hier geboren. Neckartal, Burg Hohenzollern, Schloss Lichtenstein, Donautal. Dazwischen verbergen sich schwäbische Lebensart und zahlreiche gewundene Motorradstrecken.
Anreise:Wer von Norden über die A 7 anreist, kann bei Ulm die Tour beginnen. Aus dem Westen und Nordwesten empfiehlt sich der Einstieg über die A 81 bei Horb.Sehenswürdigkeiten:Automuseum: Eine der schönsten und umfangreichsten Sammlungen (auto)mobiler Zeugen des Wirtschaftswunders stehen auf 1200 Quadratmetern in Engstingen bei Reutlingen. Über 120 Fahrzeuge und erzählen von Improvisation und Neuanfang. Infotelefon 07129/93990. Atomkellermuseum: Ein Bierkeller in Haigerloch, war von Ende 1944 bis April 1945 vom damaligen Berliner Kaiser-Wilhelm-lnstitut für Physik angemietet. Die Physiker unter der Leitung von Prof. Werner Heisenberg führten hier Versuche an einem deutschen Atommeiler durch. Infotelefon 07474/367.Kunst: Die Schönheiten der Alb, gesehen mit den Augen eines Malers: Alblandschaften, Naturgärten, die Flora der Alb in Öl- und Aquarelltechnik. Zu Betrachten im »Landhaus Sonnenheide« in Hayingen. Infotelefon 07386/524.Übernachten:Auch in kleineren Ortschaften gibt es meistens einen Gasthof, der auch Zimmer vermietet. Einige Empfehlungen: Nur wenige Meter vom Blautopf entfernt liegt der Gasthof Waldhorn, 89143 Blaubeuren, Klosterstraße 21, Telefon 07344/6342, Fax 07344/3918, DZ mit Frühstück ab 40 Mark pro Person. Direkt unter dem Schloss Sigmaringen ist in einem alten Fachwerkhaus der Gasthof Traube untergebracht, Fürst-Wilhelm-Str. 19, 72488 Sigmaringen, Telefon 07571/64510, Fax 07571/645120, DZ mit Frühstück 50 Mark pro Person. An der Großen Lauter liegt das Landhotel Wittstaig, Wittstaig 10, 72525 Münsingen-Gundelfingen, Telefon 07383/94960, Fax 07383/949699, DZ mit Frühstück ab 52 Mark pro Person. Etwas feiner geht es in der Nähe der Bärenhöhle im Hotel Hirsch zu, Im Dorf 12, 72820 Sonnenbühl-Erpfingen, Telefon 07128/92910, Fax 07128/3121, DZ mit Frühstück ab 67,50 Mark pro Person und im Hotel Gasthaus Kreuz, Hauptstraße 9, 72510 Stetten a.k.M. Telefon: 07573-802, Fax: 07573-5490, Frühstück ab 70 Mark pro Person.Besenwirtschaften: Eine umfangreiche Liste von Besenwirtschaften mit Öffnungszeiten ist im Internet unter http://www.weingut.de/besen bequem abrufbar. Aktivitäten:Für eine Bootstour auf der Großen Lauter können Kanadier oder Kajaks inklusive Ausrüstung gemietet werden. Infotelefon 07383/408.Literatur:Fast alles über die Region steht im Baedeker Schwäbische Alb für 29,50 Mark. Wer sich mit der schwäbischen Sprache schwer tut, bekommt für 9,80 Mark mit dem Ployglott-Sprachführer »Schwäbisch für Reigschmeckte« den nötigen Durchblick. Zur Orientierung eignet sich die Euro-Regionalkarte Deutschland, 1:200 000, Blatt 10, Stuttgart-Schwarzwald-Bodensee von RV. Information:Touristik-Gemeinschaft Schwäbische Alb, Marktplatz 1, 72574 Bad Urach, Telefon 07125/948106, Fax 07125/948108. In Orten ohne Fremdenverkehrsamt sind Infos oft beim Bürgermeisteramt erhältlich.Zeitaufwand: Zwei bis drei Tage

Technische Daten: (Archivversion) - Sparbüchse

Enfield Diesel 435Einzylinder-Viertakt-Dieselmotor, Direkteinspritzer, Bohrung x Hub 86 x 75 mm Hubraum 436 cm3 Verdichtung 18:1 Leistung 7,3 kW (10 PS) bei 3600/minMax. Drehmoment 24 Nm bei 2200/min Gewicht 173 kg trocken, Sitzhöhe 760 mm, Tankinhalt 14,5 lHöchstgeschwindigkeit zirka 105 km/h Verbrauch zirka 1,7 l/100 kmElektrik: 12-V-DrehstromlichtmaschineKraftübertragung: Vierganggetriebe, Primär- und Sekundärkette Bremsen: vorne Duplex 180 mmhinten Simplex 155 mmHersteller: Enfield India Ltd., Madras/IndienImporteur: Udo Haubrich GmbH, Blatzheimer Straße 5, 53909 Zülpich, Telefon 02252-94280

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