Deutschland (Archivversion) Frühlings-Rollen

Endlich mal wieder fahren und die Kraft der Sonne spüren: eine Frühjahrs-Tour im wein- und kurvenreichen Kraichgau-Stromberg tut gut - und mit ein wenig Phantasie fühlt man sich sogar in die Toskana versetzt

Wer hat behauptet, daß man mit einer Moto-Guzzi keinen Walzer tanzen kann? Ich bestimmt nicht. Wie im beschwingten Dreivierteltakt lenke ich die bullige California durch die Kurven des Kraichgau-Stromberg. Linksherum, rechtsherum, dritter Gang, vierter Gang, rauf den Hügel, runter den Hügel. Und noch einmal: Linksherum, rechtsherum, ein kurzes »Klack« der Schaltwippe, und schon rauscht die nächste herrliche Kurvenkombination auf mich zu. Der Winter scheint endgültig vertrieben und die Welt wieder in Ordnung. Zumindest an einem milden Tag wie heute, an dem die Vorboten des Frühlings so deutlich zu spüren sind, daß man am liebsten überhaupt nicht mehr vom Motorrad steigen möchte.Der Kraichgau-Stromberg ist für das Walzertanzen auf zwei Rädern wie geschaffen. Die liebliche Landschaft im Autobahnviereck von Karlsruhe, Heidelberg, Heilbronn und Stuttgart breitet ihre Felder und Talauen, ihre Weinhänge und Streuobstwiesen (wer weiß heute überhaupt noch, was das ist?) ganz ohne Ecken und Kanten zwischen Schwarzwald und Odenwald aus. Ein sanft gewelltes Auf und Ab, so, als habe der liebe Gott einfach ein paar große Kissen unter das Land geschoben.Der Geograph Friedrich Metz bezeichnete den Kraichgau-Stromberg einmal als die »deutsche Toskana«. »Mama mia«, werden da überzeugte Italien-Fans empört aufschreien: Was ist schon Knittlingen gegen Florenz oder Bretten gegen Siena? Abwarten. Ich habe mich aufgemacht zu überprüfen, was an diesem Vergleich dran ist, und dabei hinter so manchem schwäbischen Hügel eine Überraschung erlebt.Jetzt im Frühjahr zeigt sich die deutsche Toskana allerdings noch von ihrer kargen Seite, und die gestutzten Weinhänge sehen aus, als hätten sie sich beim Dorffriseur einen Meckischnitt verpassen lassen. Nur der Löwenzahn, der sich zwischen die geometrischen Rebreihen mischt, sorgt hier und da für Farbtupfer auf den Hängen. Da sind die Blütenmeere der der echten Toskana doch von anderem Kaliber.Gemächlich rolle ich mit der California durch die herausgeputzten Dörfer, die allesamt den Eindruck erwecken, als wollten sie den nächsten Wettbewerb von »Unser Dorf soll schöner werden« gewinnen. Überall wird eifrig gewienert, geputzt und gewerkelt. Hier wird eine Hauswand neu gestrichen, dort wird ein Vorgarten umgegraben, und vor mancher Haustür wird eifrig der Besen geschwungen. Die schwäbische Kehrwoche ist eben eine Institution.In Sulzfeld entdecke ich dann einen Besen, der in Kopfhöhe quer über der Einfahrt eines Winzerhofes hängt. Das ist das Zeichen für eine sogenannte »Besenwirtschaft«, wie ich als profaner Biertrinker zuvor meinem Reiseführer entnommen habe. Die Winzer signalisieren damit, daß sie für ein paar Tage einen Teil ihres Hauses zur Gaststätte umfunktioniert haben. Bei der Winzerfamilie Pfefferle fällt das allerdings recht großzügig aus: Rund 40 Weinfreunde tummeln sich in einem Raum neben der Scheune. Kaum habe ich den Helm unter dem einfachen Holztisch verstaut, da schallt mir auch schon »So ein Tag, so wunderschön wie heute...« aus der hinteren Ecke des Gastraums entgegen. Unüberhörbar hat da ein mehr oder weniger begnadeter Freizeit-Pavarotti schon eifrig Schoppen gestemmt. Die Rentnerinnen am Nachbartisch sind jedenfalls entzückt und klatschen lautstark Beifall. Ars vivendi auf schwäbisch, dagegen verblaßt so manche Trattoria-Atmosphäre. Winzer Reiner Pfefferle und seine Familie haben alle Hände voll zu tun, ihre Gäste mit flüssigem Nachschub zu versorgen und die dazugehörigen Brotzeiten zu servieren.Bevor die Gäste die Besenwirtschaft wieder verlassen, kaufen sie noch fleißig ein. Neben den normalen Weinen bieten die Pfefferles auch Hochprozentiges unter so geheimnisvollen Namen wie »Honigbaum-Aperitif« oder »Winzerblut« an. Schmackhafte Mitbringsel, die in stilvollen Flaschen abgefüllt und mit handgeschriebenen Etiketten verziert wurden. Demnächst will Reiner Pfefferle mit seinen Winzerkollegen aus der Nachbarschaft sogar einen eigenen »Prosecco« auf den Markt bringen. »Salute«, kann man da nur sagen. Mehr edle Tropfen hat auch die Toskana nicht zu bieten.Am späten Nachmittag wandere ich mit dem Winzer noch ein Stück durch seine Weinberge. Von ihm erfahre ich, daß der Löwenzahn, der hier überall wächst, ein Zeichen für den ökologischen Weinanbau ist, wie ihn die jungen Winzer der Region inzwischen fast alle betreiben. Denn die gelben Blumen wachsen in den Weinbergen nur dort, wo keine chemischen Mittel gegen Unkraut verwendet werden.Am Horizont hinter den Weinreben der Pfefferles entdecke ich bereits mein nächstes Ziel, die Ravensburg. Eine kleine Serpentinenstraße führt mich mit der Guzzi hinauf auf den Bergfried. Stolze 30 Meter ragt er in den blauen Himmel hoch und hat schon 800 Jährchen auf den mächtigen Buckelquadern. Dafür hat er sich gut gehalten, und gegen ihn kommt auch kein toskanisches Castello an, befinde ich und genieße von der kleinen Terrasse des Burgrestaurants bei Kaffee und Kuchen den Blick auf die Weinberge zu Füßen der altehrwürdigen Mauern.Die Weinberge werden bei der Fortsetzung meiner Tour zum treuen Begleiter und so ist es auch wenig verwunderlich, daß durch diese Region nicht nur einer Burgen- und eine Bergstraße, sondern auch die längste Weinstraße Deutschlands führt. Brackenheim, die größte Weinbaugemeinde Württembergs, ist ebenfalls nicht fern. Der berühmteste Sohn des Ortes war allerdings nicht Winzer, sondern Politiker: Theodor Heuss erblickte hier das Licht der Welt. Ihm zu Ehren errichteten die Brackenheimer eigens ein Heuss-Museum. Seinen heimischen Wein soll der Bundespräsident übrigens im Bundestag fleißig promotet haben. »Mit dem Württemberger Wein«, so hat Heuss einmal geschrieben, »macht der unkundige Fremde leicht die gleiche Erfahrung wie mit dem schwäbischen Menschen. Er ist wohlwollend und nachsichtig zu ihm, ein bißchen von oben herab, lobt die Einfachheit, die er, aber nur er, kernig nennt...«Mir wäre jetzt eher nach ein paar kernigen Kurven. Zum Glück werde ich bei der Weiterfahrt in dieser Hinsicht wieder reichlich verwöhnt. Weiter geht`s durch kleine Dörfchen, deren Handvoll Häuser sich um den Kirchturm scharrt wie Küken um die Glucke. Selbstverständlich darf neben dem Gotteshaus in keinem der verschlafenen Nester ein Gasthof fehlen, von denen komischerweise jeder zweite »Zum Ochsen« heißt. Der gehört hier anscheinend so dazu wie das obligatorische Poster des Lieblings-Fußballvereins in einer toskanischen Espresso-Bar.In einem dieser »Ochsen« mache ich Rast. Auf knarrenden Holzdielen, die unter jedem Schritt ächzen, betrete ich die gemütliche Gaststube. In der Ecke bullert ein alter Gußofen, der die letzte Winterskälte aus dem »Ochsen« treiben soll. Mir bricht dagegen in der dicken Motorradjacke sofort der Schweiß aus. Ich entscheide mich für einen Platz draußen auf der Terrasse, um mit Blick auf die Fachwerkromantik des kleinen Dörfchens Diefenbach zu speisen.Auch in den folgenden Ortschaften fällt mir immer wieder das liebevoll restaurierte Gebälk ins Auge. Vor einem der Häuser entdecke ich einen Handwerker, der auf einem hohen Gerüst sitzt und in mühsamer Kleinarbeit Muster in das Holz des Fachwerks schnitzt. Ich parke die Guzzi schließlich neben dem Gerüst, um mir die Arbeit des Zimmermanns etwas genauer anzuschauen. Rund acht Tage sei er mit den traditonellen Verzierungen an einem Haus beschäftigt. Die Ideen für seine Schnitzereien hat er historischen Büchern entnommen und erzählt weiter, daß früher oft Ochsenblut verwendet wurde, um die Fachwerkbalken rot einzufärben. Und um sie gegen Holzwürmer zu schützen. Jedem geschlachteten Ochsen haben sie dann einen Gasthof gewidmet, denke ich dabei.Der Weg in Richtung Besigheim führt den Neckar entlang, bis die malerische Altstadtsilhouette schließlich wie ein kitschiges Postkartenmotiv über dem Fluß thront. Von unten betrachtet, erkennt man nur ein ineinander verschachteltes Meer roter Ziegeldächer, das von einem mächtigen Burgturm und der Spitze des Rathausturmes umrahmt wird. Kurz darauf rolle ich durch die engen Gassen der Altstadt. Giebel an Giebel reihen sich hier bei schönstem Frühlingswetter die Fachwerkhäuser aneinander und gleichen einer riesigen Puppenstube aus dem Mittelalter. Schöne Marktplätze und gut erhaltene Häuser aus den letzten Jahrhunderten gibt es zwar auch in der Toskana, doch im Augenblick könnte mich selbst der Campo von Siena kaum mehr begeistern.Und so berühmt der italienische Landstrich auch wegen seiner Pasta-Gerichte ist - Friedrich Schempf aus Maulbronn, Besitzer und Koch des »Birkenhof«, darf sich »Maultaschen-Weltmeister« nennen. Bei einem Wettkochen 1987 fertigte er sage und schreibe 1147 Maultaschen in nur 21 Minuten und 37 an. Auch wenn´s schon zwölf Jahre her ist, hat er seitdem anscheinend nichts verlernt. Mit unglaublicher Geschicklichkeit rollt Friedrich Schempf bei meinem Besuch in seiner Küche den Teig aus, streicht die Füllung darauf, klappt alles zusammen und schneidet mit einem Holzbrett die lange Teigrolle in viereckige Stücke. Zack, zack, zack - alle Maultaschen sind gleich groß und exakt 80 Gramm schwer. Gelernt ist gelernt. Ich darf ein Exemplar direkt aus dem Kochtopf probieren und muß zugeben, daß das Duell zwischen italienischen Tortellini und schwäbischen Maultaschen mit einem Punktsieg für Schempfs Leckereien endet.Rund 4000 der Teigtaschen stellt Friedrich Schempf pro Woche her, mal klassisch, mal als Edelversion, zum Beispiel mit Lachs- oder Rehragoutfüllung. Kein Wunder, daß der fixe Koch mittlerweile selbst eine Berühmtheit ist und mit seinen Fertigkeiten schon in unzähligen Fernseh- und Hörfunksendungen aufgetreten ist. Stolz zeigt er uns sein Gästebuch. Die zahlreichen Fotos und Autogrammkarten darin beweisen, daß neben mir viele berühmte Zeitgenossen wie Alfred Biolek, Ilse Werner, Michael Holm oder Hans Rosenthal von Schempfs Maultaschen begeistert waren. Sogar eine Widmung von Hollywoodstar Sean Connery taucht in Schempfs Buch auf. Der ehemalige James-Bond-Darsteller ließ sich die schwäbischen Köstlichkeiten im »Birkenhof« schmecken, während er mit einem Filmteam zu den Dreharbeiten des Kinohits »Im Namen der Rose« in Maulbronn weilte, um einige Szenen des Filmklassikers über das Leben der Mönche im hiesigen Kloster von Maulbronn zu drehen.Als ich mit dem Motorrad in dem weitläufigen Innenhof der mittelalterlichen Anlage fahre, wird mir sofort klar, warum die Filmemacher gerade diese Klosteranlage für ihre Aufnahmen gewählt haben. Zwischen den gut erhaltenen Fachwerkgebäuden scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das bereits im Jahre 1147 gegründete Zisterzienserkloster ist heute Unesco-Weltkulturerbe, und in der Klosterschule drückten so bekannte Männer wie der Astronom Johannes Kepler und die Dichter Friedrich Hölderlin und Hermann Hesse die Schulbank.Ein strenges »Hier können Sie aber nicht parken« reißt mich in die Gegenwart zurück. Schon kommt ein Polizist mit gezücktem Block auf mich zu. Leider habe ich eines der Verbotsschilder am Eingang des Klosterhofs übersehen, und unglücklicherweise befindet sich die örtliche Polizeistation mitten in der historischen Anlage. Der grüngekleidete Freund und Helfer erweist sich jedoch als echter Motorradfan und läßt mich noch einmal ungestraft davonkommen.Nachdem ich die Guzzi schließlich ordnungsgemäß abgestellt habe, mache ich mich auf den Weg zur Klosterbesichtigung. Das Herz der Anlage ist ein gut erhaltender Kreuzgang, in dessen Mitte ein 250 Jahre alter Magnolienbaum steht. Schräg fällt das Sonnenlicht in den historischen Innenhof. Eine unwirkliche Stille überzieht die alten Mauern. Der moderne Alltag endet an der Klosterpforte, weit entfernt von dieser Idylle, die den berühmten Kreuzgängen der S. Maria Novella in Florenz allemal das Wasser reichen kann. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie die Mönche damals mit ihren langen Kutten über den Kreuzgang zur Kirche huschten. Mystische Gesänge und flüsternde Stimmen werden von den alten Mauern zurückgeworfen, verhallen in den nackten, leeren Räumen. Irgendwo knarrt eine schwere Tür in ihren altersschwachen Scharnieren.Ein paar kichernde Japanerinnen und das Klicken mehrerer Fotoapparate lassen meine mittelalterliche Phantasiewelt schließlich wie ein Kartenhaus zusammen fallen. Ich öffne die Augen, blinzle in die Sonne und weiß nun, daß ich für leckere Teigwaren und köstlichen Vino, romantische Marktplätze und verträumte Castelli, hügelige Landschaften und mittelalterliche Klosterromantik nicht über die Alpen bis in die Toskana fahren muß. An einem sonnigen Tag wie heute garantiert eine Tour durch das »Ländle« im Kraichgau-Stromberg allemal genügend südliches Flair.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote