Deutschland (Archivversion) Unter Dampf

Auf Deutschlands Nebenbahnen wird kräftig eingeheizt - und alles scheint wie früher, als Jungs noch Lokführer werden wollten. Ein Eisenbahnfan folgte einem der letzten fauchenden Ungetüme.

Zischend steht Lok 50 2988 im Bahnhof von Blumberg-Zollhaus. Ein schriller Pfiff gellt über die Höhen des südöstlichen Schwarzwalds nahe der Schweizer Grenze und schreckt mich aus meinen Gedanken. Klingelnd und klappernd senkt sich die Schranke am Bahnübergang neben dem Bahnhof. Gleich ist Abfahrt.Die Harley Springer Softail schüttelt vor sich hin, aber gegen die große Dampflok hat sie wenig zu melden. Eingehüllt in Schwaden von Dampf, ist kaum noch etwas von ihr zu sehen, schon gar nicht zu hören. Fast sechzig Jahre Altersunterschied liegen zwischen den beiden eisernen Legenden, und doch scheinen sie aus ein und derselben Generation zu stammen. Schwermetall aus Milwaukee neben Altmetall aus Deutschland - beide wecken Emotionen bei jung und alt und lassen schon im Stand niemanden kalt.Rund um den Bahnhof stehen unzählige Schaulustige. Und auch der Zug selbst ist gut besetzt, ein bei der modernen Eisenbahn eher seltener Anblick. Aber hier will ja niemand verreisen, alle sind nur zum Schauen gekommen - oder zum Genießen: Kein Mensch löst heutzutage den Fahrschein für die 25 Kilometer zum Endbahnhof Weizen, weil er dort unbedingt hin will oder muß. Es geht allein ums Mitfahren in dem Dampfzug. Und mir geht es ums Hinterherfahren, oder vornraus, nebenher und drunterdurch. Immer um den Zug herum, sozusagen. Das ginge auf dieser windungsreichen Bergstrecke vortrefflich, hatte man mir versprochen.Das Faltblatt der Stadt Blumberg über »ihre« Museumsbahn ist beim Verfolgen des Zuges äußerst hilfreich, enthält es doch eine topographische Karte mit allen Wegen. Beim Blick auf die abenteuerliche Streckenführung wird mir schnell klar, warum die vor gut hundert Jahren als »strategische Umgehungsbahn« vom Militär gebaute Strecke Sauschwänzlebahn heißt. Wahrlich wie der Schwanz des Borstentieres ringelt sich der Schienenstrang um und durch die Berge.Unweit des Bahnhofs Blumberg verschwindet der Zug erst einmal im Buchbergtunnel. Ich nehme einstweilen die Landesstraße 214, um nach Epfenhofen zu gelangen, wo nach einer Weile die Strecke besonders gut zu sehen ist - der Zug fährt quasi um den Betrachter herum, und vor allem über ihn hinweg: Die hohe Stahlkonstruktion des Epfenhofener Viadukts läßt auf fast 264 Metern Länge den Zug von unten betrachten.Weder die alte 50 2988 vor ihrem Samstagszug noch die Harley müssen sich sonderlich anstrengen auf ihrem Weg zum Bahnhof Stühlingen-Weizen. Es geht stetig bergab, ein Stückchen fahren wir nebeneinander her. Dampfroß und Stahlroß trällern ihr Lied in den klaren Herbsttag. Um nichts in der Welt möchte ich jetzt mit jemandem tauschen. Obwohl, doch, mit dem Lokführer vielleicht. So rollen alle Beteiligten gemächlich und vergleichsweise unspektakulär zu Tal. Zwischendurch lasse ich die Springer richtig laufen, die Kurven im Tal vor Grimmelshofen sind schön, der Zug fährt oberhalb und ist gerade nicht zu sehen. Um ihn beim Bahnhof Blumegg-Weiler nochmals zu treffen, kann ich mir aber Zeit lassen. Schließlich hat es die Bahn wesentlich weiter als mein dicker Vzwo.Nach dem Stockhalde Kreiskehrtunnel kommt der alte Zug - bildlich gesehen - praktisch unter seinem eigenen Ende wieder aus dem Berg, setzt seine Fahrt dann wieder in Sichtweite zu mir fort und erreicht Blumegg erst nach einer weiteren, im Berg versteckten Serpentine von 1200 Metern Länge. Sauschwänzlemäßig eben. Fast scheint es, als hätte ein wildgewordener Modellbahnfan mit Platznöten versucht, möglichst viel Strecke auf einer möglichst kleinen Platte unterzubringen. Erfolgreich, wie anerkennend bemerkt werden muß. Und das Schönste: die hier ist echt. 25 Kilometer Gleise überwinden einen Höhenunterschied von 231 Metern auf 9,6 Kilometer Luftlinie.Der Bahnhof Weizen ist erreicht. Im Gegensatz zu den anderen Stationen der Strecke fehlt ihm jede Romantik, aber das im Moment Wichtigste gibt es hier: Weichen und ein Parallelgleis zum Umsetzen der Lok ans andere Ende des Zuges für die Rückfahrt. Denn bis jetzt fuhr die 50 2988 rückwärts, mit dem Schlepptender voraus. Nun darf sie den Zug endlich vorwärts ziehen, was zumindest ästhetisch wesentlich majestätischer daherkommt und daher bei den Fans schon für die Fotos deutlich begehrter ist.»Leider gibt es im Bahnbetriebswerk Fützen, wo die Lok zusammen mit den anderen drei Dampfrössern stationiert ist, keine Drehscheibe«, hatte mir Valentin Stöckle von der Eurovapor, der Betreibergesellschaft der Museumsbahn, heute morgen im Lokschuppen erzählt. »Ursprünglich fuhren auf solchen Nebenstrecken sogenannte Tenderloks, bei denen die Fahrtrichtung zumindest betriebtechnisch egal ist. Damit den Männern im Führerstand der Fahrtwind bei Rückwärtsfahrt nicht gnadenlos die Mützen vom Kopf bläst, wurde die Frontseite des Tenders mit einer Schutzwand versehen.« Lokführer auf der Dampflok war ja, bei Lichte besehen, nur im Traum schön. Von vorne heiß, von hinten kalt, durchgeschüttelt bei Wind und Wetter, bei Nacht und Nebel, mit rußgeschwärztem Gesicht unterwegs nach Fahrplan. Aber faszinierend, zumindest, in der Erinnerung. Wenn man als Freizeitlokführer will und nicht muß, kommt das dem Traum allerdings schon näher.Fahrgäste steigen aus und ein, viele fahren wieder mit zurück, bergauf. Mit der Harley kann ich mir ohne Parkplatzsorgen fast immer den optimalen Standplatz sichern. Jetzt geht das Spektakel nämlich erst richtig los. Der Heizer schmeißt noch ein paar Schippen Kohle extra ins Feuerloch, 350 Tonnen wollen wieder auf den Berg gewuchtet werden. An möglichst jedem der guten Blickpunkte, die ich vorhin ausgekundschaftet hatte, möchte ich jetzt den Zug bergauf dampfen sehen. Kraftvoll stampfend hämmert die Harley bergan, ungleich müheloser als die Dampflok bezwingt sie die Steigungen im südlichen Schwarzwald.Jetzt muß der Zug gleich aus dem Tunnel kommen. Doch erst schiebt sich eine Dampfwolke aus dem Berg, quillt majästetisch aus dem Portal, hüllt die Lok völlig ein. Mit vielfachem Echo hallt das laute Stampfen des Kessels von den bewaldeten Hängen, die Sauschwänzlebahn schnauft durch ihre selbstgemachte Nebelsuppe. Von weither ist sie nun zu hören und zu sehen. Die Verfolgung wird leicht, einfach immer den Wolken nach.An der Kreisstraße nach Achdorf, die ein Stück parallel zur Bahnstrecke verläuft, muß ich ein bißchen länger warten. Den Bahnhof Fützen, wo der Zug wohl gerade steht, habe ich ausgelassen. Heute morgen schon, lange vor Betriebsbeginn, war ich im dortigen Bahnbetriebswerk und hatte mir einen lange gehegten Traum erfüllt: einmal bei der gewaltigen 50er auf dem Führerstand stehen, wenn sie unter Dampf steht. Die Männer von der Eurovapor sind echte Enthusiasten und haben für solche Wünsche Verständnis. Allesamt gestandene Mansbilder, die sich immer noch wie Kinder freuen, wenn die in der Nacht eingeheitzte Lok fauchend und vibrierend abfahrbereit steht.Ihre vier Loks und ein Triebwagen seien so viele Tage im Jahr unterwegs, erfahre ich von ihnen, daß der Erhalt der reizvollen Strecke der Stadt Blumberg fast schon durch die Einnahmen der Fahrgäste gesichert sei. Auf den meisten anderen Strecken, auf denen Museumsbahnen verkehren, sei allerdings deutlich weniger Betrieb. Trotzdem, wer gerne direkt neben der Bahn herschnaufen möchte, den Zug stets im Blick, für den lohne sich die Achertalbahn, die Kanderle - die Museumsbahnstrecke zwischen Kandern und Weil am Rhein - oder auch die vielen Strecken der Zollernalbbahn.Inzwischen hat es unser Zug geschafft, Blumberg-Zollhaus ist erreicht. Jetzt soll das zweirädrige Stahlroß mal Pause machen. Es ist genug von außen geschaut. Ich steige ein und tausche die Motorradsitzbank mit einem Aussichtsplatz am Fenster. Gleich ist Abfahrt. Sauschwänzlebahn, die zweite. Mit donnerndem Kolbenschlag setzt sich 50 2988 in Bewegung.

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