Die Hausstrecke (Archivversion) Ein Quantum Blues

Nach zehnjähriger Pause fährt MOTORRAD-Redakteur Rolf Henniges mal wieder seine ehemalige Hausstrecke. Mit im Gepäck: jede Menge Erinnerungen.

Es sorgt stets für ein Lächeln, wenn ich von meinem Geburtsort erzähle: Sudershausen, Südniedersachsen. 483 Einwohner, ein Bach, keine Ampel, kein Zebrastreifen. Ein Ort, den heute noch Lumpensammler mit der Bimmel durchstreifen und dessen Hauptstraße nur alle zehn Minuten ein Fahrzeug befährt. Es wäre falsch zu behaupten, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Doch es kommt mir so vor. Der Ort beherbergt nicht nur das Vermächtnis meiner Jugend, uralte Erinnerungen, Patina tief verwurzelter Erfahrungen. Er war seit jeher Ausgangspunkt für Ritte über meine Hausstrecke, einem 220 Kilometer langen Rundkurs, den ich zuletzt im Sommer 1998 unter die Räder genommen hatte.

Das soll sich an einem sonnenbestrichenen Oktobertag zehn Jahre später ändern. Vor meinem Elternhaus parkt eine KTM 690 Supermoto. Reifen neu, Tankrucksack voll, Benzinfass gefüllt. Daneben steht mein vierjähriger Sohn Paul mit seinem Fahrrad und beäugt kritisch, wie ich mich ankleide. Viel hat sich im vergangenen Jahrzehnt verändert. Vorfreude auf das Ungewisse im Altbekannten beschert mir ein Schmunzeln: Wird die Wurst im Kultimbiss noch ihre einzigartige Würze haben? Wurde die Strecke um den Sösestausee neu asphaltiert? Wie sind die Radien nach der Streckenbegradigung? Helm überstreifen, Handschuhe angurten. Gedanken zurück.

1983 sind wir zum ersten Mal gemeinsam ausgerückt. Fünf Freunde. Öl im Blut, Feuer im Nacken, die Welt ein großes Rätsel. Nach einem Dutzend gemeinsamer Ritte stand die Runde. Zu Beginn der Neunziger wurde sie erweitert. Denn Sudershausen liegt Luftlinie nur 20 Kilometer von der ehemaligen DDR-Grenze entfernt. Quasi als Sahnehaube haben wir die Route mit einem Stück „wilder Osten“ aufgewertet. Gang rein, die KTM ruckt kurz. „Wann kommst du wieder?“ will Paul wissen. Fast bin ich versucht, ihm eine Zeit zu nennen, so um die vier, fünf Stunden. Wie immer. Damals. Doch hat das „immer“ nach zehnjähriger Abstinenz noch Bestand?

Es ist kühl an diesem Morgen. Nebelschwaden wabern über Fischteiche, Rehe harren am Waldrand, die K 445 verläuft ne-ben einem kleinen Bach namens Bever. Kurz vor Spanbek macht sie einen harten Linksknick. Rechts unten, in der Wiese, werden ab und an unfreiwillig Autos geparkt. Mein B-Kadett, Kultkarosse der Sturm-und-Drang-Zeit, lag 1986 dort. Übrigens: In Spanbek steht die Zeit tatsächlich still. Angeblich kehrt der Schneepflug 200 Meter vorm Ortsschild um. Lange Gerade am Ortsausgang, Beschleunigung, die Bodenwellen sind trotz neuen Teers fast so heftig wie damals. Links auf die K 446. Exzellenter Asphalt, weite Radien unter wiegenden Birken. Linker Hand die alte, verlassene Ziegelei. Früher warf sich die Straße in einen Wald, der wie ein Vorhang wirkte. Bäume, tief in die Fahrbahn ragend, uneinsehbare Kurven, Felsvorsprünge, immerwährende Feuchtigkeit, scheinbar war der Belag in den Fünfzigern hastig hingeschüttet und seither nur partiell geflickt worden. Der Streckenabschnitt hat einen Namen: Hölle. Wohlverdient.

Es ist ein Mittwoch im Frühjahr 1976, irgendwann in den späten Abendstunden. Mein Opa, damals 70 Jahre, rollt mit seiner 175er-Zündapp durch die Hölle. Er stürzt. Mann und Motorrad rutschen die Böschung hinunter, in eine Senke, nicht einsehbar. Es ist ihm unmöglich, den rettenden Straßenrand zu erklettern. Eingekeilt zwischen Felsen und Bike liegt er da, beide Beine gebrochen. Man findet ihn zwei Tage später. Zwei Tage, in denen die Temperatur nachts unter den Gefrierpunkt gesunken ist – Opa stirbt im Krankenhaus an Unterkühlung. Er war nicht das erste und nicht das letzte Opfer der Hölle.

Heuer ist die Straße besser ausgebaut und begradigt, der Belag griffig und glatt wie Babyhaut. Man hat der Strecke einen Teil ihres Schreckens genommen. Doch die Erinnerung fährt mit, und ich muss schlucken, seufze tief. Minuten später: Da ist sie, die Kuppe auf dem Weg nach Landolfshausen. Zuvor eine lange Gerade. Wer hier mit mächtig Speed anrauscht, über die Kuppe donnert, sollte den Streckenverlauf dahinter kennen und vor allem auf Gott vertrauen. Mein Kumpel Bill hatte seinerzeit Pech. Gleich hinter der Anhöhe schlich ein betagter Trabbi, den er mit seiner XT 600 kurzzeitig beschleunigte. Um es kurz zu machen: Beiden ist nichts passiert. Der Trabbi-Pilot hat Bill die Überbleibsel der XT sogar vor Ort abgekauft.

Weit schwingen sich die Kurven bis Landolfshausen – Superbike-Terrain. Zumindest für diejenigen, die Mut haben, das schmale Straßenband optimal zu nutzen. Potzwenden, Sattenhausen, Wöllmarshausen, Kerstlingerode, Beienrode – die Strecke bohrt sich tief ins Eichsfeld, ehemaliges Zonenrandgebiet, Westseite. Vor 20 Jahren lag hier alles im Dornröschenschlaf. Das Gestern war hier begraben worden, das Morgen schien egal. Es gab Bauernhöfe mit 50 Morgen Land für 10000 Mark, Ausverkauf wegen Trostlosigkeit. Und umtriebige, tief katholische Menschen. „Die Eichsfelder – ein diebisches Volk am Harzrand“ soll angeblich mal im Lexikon gestanden haben. Kann sein. Als ich mit leerem Tank 1986 in Kerstlingerode stehen blieb, gingen alle Rollläden runter. Nur ein Mann kam mit einem halbvollen Fünf-Liter-Kanister angeschlurft, Rasenmäherreserve. Zehn Mark hat er damals gefordert. Zähneknirschend hab‘ ich gezahlt. Zwei Mark der Liter. Jahre später, in der Wüste Afrikas, war’s billiger.

Sei’s drum. So etwas schult. Passiert mir nicht noch mal. Ich stoppe in Beienrode bei meinem alten Kumpel Jörg, ein Feuerwehrmann. Er hat Freischicht. Gemeinsam stehen wir vor der riesigen Weltkarte, beäugen unzählige Nadeln, die Reiseziele markieren. In dem Zimmer ruht eine verlebte Yamaha XT 500. Sie steht da seit zehn Jahren. Angemeldet. „Die hat die letzten vier TÜV-Stempel hier im Raum bekommen“, schmunzelt Jörg. Es ist immer und überall dasselbe, denke ich. Man muss nur die richtigen Leute kennen. Dann ist das Leben halb so schwer.

Zwei Kaffee später bin ich wieder auf Kurs, biege ab in Etzenborn, Richtung Neuendorf. 32 Kilometer liegen hinter mir. Hier beginnt die Ex-DDR. Elektrokabel oberirdisch, Lautsprecher am Masten, kleine Fachwerkhäuser, offen laufende Bäche, gesäumt von Gänsen und Enten – Geist friedvoller Beständigkeit. Bis auf den exzellenten Asphalt scheint sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert zu haben. Und der schraubt sich als Mickymauskurs im Waldstück bis Neuendorf empor. Verlockend. Danach geht’s bergab. Bei guter Fernsicht scheint der Harz zum Greifen nah, man atmet die Würze frisch gepflügter Felder, fühlt Weite, Freiheit. Am Ende einer Geraden wartet ein Stück deutscher Geschichte: Böseckendorf. 53 Einwohner – insgesamt 14 Familien – flüchteten am Abend des 2. Oktober 1961 gemeinsam nach Westen. Es war die größte gemeinschaftliche Flucht über die innerdeutsche Grenze, die es je gegeben hat. Die meisten von ihnen ließen sich in Angerstein nieder, quasi ein Steinwurf von Sudershausen entfernt.

Das landschaftlich reizlose Verbindungsstück zwischen Berlingerode über Teistungen, Tastungen nach Wehnde wird mir immer sehr genau in Erinnerung bleiben, nachdem wir es 1994 auf der Suche nach einem Krauser-Koffer bestimmt 20 Mal hintereinander abgefahren hatten. Schridde war direkt von einem schräglagenfreien Holland-Urlaub mit uns auf die Hausstrecke gebogen und hatte sein Gepäck anscheinend nachlässig befestigt. „Was soll’s“, hatte ich nach dreistündiger Suche lapidar gesagt, „ist halt’n Koffer. Kauf dir’n neuen. Wir legen zusammen.“ Schridde stand der Schweiß auf der Stirn. Der Koffer wurde zwei Wochen später gefunden. Und Schridde bis vor die Haustür gebracht. Lieferservice grün-weiß. „Ist das Ihrer?“ hatten zwei Staatsdiener ernst gebrummt. Schridde verneinte vehement, sehen schließlich alle gleich aus. Dumm nur, dass ihn irgendjemand bereits geöffnet hatte. Zwischen einem Ballen stinkender Socken fanden sich zwei streichholzschachtelgroße Brocken Schwarzer Afghane, eingewickelt in eine nicht übertragbare Jahreskarte des Reyershäuser Freibads. Leugnen zwecklos.

Ist sie noch ein Geheimtipp, die Etappe zwischen Brehme und Jützenbach? Auf sieben Kilometern winden sich Kurven wie aus einer gigantischen Senftube gequetscht. Gourmetasphalt, gewalzt als enge Bergab-Kombination. Zumindest heute, an diesem Mittwoch, habe ich die Strecke für mich allein. Sie führt ins Harzer Vorland. Stöckey, Mackenrode, Walkenried, Zorge – irgendwie scheint alles flach, obwohl es leicht hügelig ist. Den einzigen Hinweis auf das baumreiche Mittelgebirge bieten die Häuser. Weniger Fachwerk, stärker holzverkleidet, dicker Sandstein als Fundament. Auch die Ortsdurchfahrten sind harztypisch: Feuchte Schluchten beherbergen kleine, bunte Häuser, wie an der Schnur entlang der Hauptstraße aufgereiht. Kaum vorstellbar, dass die Sonne im Winter den Talkessel je berührt. Nach Zorge geht’s unversehens steil bergauf. Und keine zehn Kilometer später, ab Hohegeiß, findet man sich plötzlich auf der Harz-Hochstraße wieder.

Am Wochenende ist der Parkplatz am Brockenblick-Imbiss ein beliebter Treffpunkt und von Bikern belagert. Mir wird der Platz immer wegen eines Stollenreifens in Erinnerung bleiben. Mein Kumpel Mateng, seinerzeit stets knapp bei Kasse, notorisch sturzgefährdet und absolut schmerzfrei, stand im Herbst 1997 in meiner Garage: „Haste noch ’ne Pelle für mein Eisenschwein? Hinten ist Glatze.“ Mateng fuhr eine Yamaha XS 1100. Zur Erinnerung: vierzylindrig, luftgekühlt, 292 Kilogramm, 95 PS. Nicht, dass ich mit Reifen gehandelt hätte, aber fragen kostet schließlich nichts. In der Ecke stand ein ausrangierter Enduroreifen. Continental TKC 80, Dimension 130/70-17, acht Millimeter Profil. „Genau meine Größe“, raunte Mateng, „den nehm’ ich.“ Nun war der Reifen weder für das „Schwein“ freigegeben, noch besaß er die nötige Tragfähigkeit. Aber zehnmal mehr Profil als sein abgefahrener. Tags darauf stand Mateng mit am Start für die Hausstrecke und prahlte: „Das glaubt ihr nicht! Mit dem Ding driftest du aus jeder Kehre.“ Tatsächlich malte mein Kumpel an jedem Kurvenausgang einen unglaublichen fetten Strich. Das letzte Autogramm kritzelte er bei Hausstreckenkilometer 101, in einer lang gezogenen Links, auf die Harz-Hochstraße. Dann gab’s einen Knall – Karkasse durchgescheuert. Die XS bahnte sich ihren Weg. Hecke auf, Hecke zu, weg mit Kilometerstein und Pinguin. Mateng, wie immer unverletzt, schnitzte eine Kerbe mehr in sein „Schwein“. Seine wunderschönen Autogramme waren wochenlang lesbar und jahrelang Gesprächsstoff.

Heute ist es leicht neblig. Menschenleer, kaum Verkehr, keine Autogramme sichtbar. Aber ich sehe die Striche, höre das Scheppern und spüre gleichzeitig, dass Erinnerungen nicht nur beglücken, sondern auch Schmelztiegel von Ängsten sein können: Nur noch ein paar Jahre, dann wird mein Sohn ähnliche Storys erleben.

Es gehört zweifelsfrei zu den norddeutschen Bikerhighlights, über die weiten, gut einsehbaren Kurven der Harz-Hochstraße zu swingen. Eine Superstrecke, wie man sie so weit nördlich gar nicht vermutet. Breit, guter Belag, landschaftlich ein Genuss. Aber man kann sie fahrdynamisch toppen – wenn man, wie wir damals, mit Mittel-klasse- oder Underdog-Motorrädern unterwegs ist: An der T-Kreuzung kurz vor Braunlage auf die B 27 Richtung Göttingen biegen und nach rund zehn Kilometern rechts nach St. Andreasberg abfahren. Von dort schlängelt sich ein schmales, kurvengespicktes Asphaltband wild durch einen Laubwald empor und mündet irgendwann auf die B 4. Bis zu eben dieser T-Kreuzung hatten wir es meist ohne Bratwurst oder Suppe ausgehalten. Dem Hunger wurde immer am Parkplatz-Kiosk vom Torfhaus nachgegeben, dem bekanntesten und ältesten Motorradtreff im Harz.

Heute ist der Platz geschrumpft, musste dem neu errichteten Wirtshaus Bavaria Alm weichen. Ich bin entsetzt. Überrascht. Verärgert. Doch letztlich verdienen die Bayern eine Chance. Die sie zu nutzen wissen. Denn die hausgemachten Suppen, die sie für 1,70 Euro servieren, sind nahezu unübertrefflich. Mein Blick schweift aus dem Fenster. Exakt hier hatte mein Kumpel Marc im Frühjahr 96 nach seinem Sieg im Torfhauscup (MOTORRAD 17/1996) mit seiner Kreidler einen satten Burnout hingezaubert. Verrückte Geschichte. Wir hatten damals unsere alten 50er aus den Scheunen gepult und sind ein Rennen gefahren. Die Route war Teil unserer Hausstrecke.

Ich zwiebele die KTM Richtung Altenau, warnende Worte eines Bikers im Ohr: Die Polizei würde hier ständig ihre Radarpistolen testen. In Altenau angekommen, verzieht sich mein Mund zu einem Lächeln. Vorfreude auf beeindruckend geschwungene Kurven. Verdammt, seit wann steht das Schild hier? Das Asphaltgewürm zwischen Altenau und der B 498 darf jetzt nur noch mit maximal 60 km/h befahren werden. Dabei hatte sich auf diesem Abschnitt immer die Spreu vom Weizen getrennt. Denn die Radien haben es in sich, machen auf, machen zu – ein schwerer Happen für Unerfahrene. Um den Sösestausee gibt sich der Belag wie eh und je als Stoßdämpfer-Teststrecke. Auch Osterodes Versuch von Charme bleibt unverändert erfolglos. Meine Räder rollen von der B 241 rechts nach Förste über Westerhof nach Echte – ebenfalls ein Geheimtipp.

Auf den letzten Kilometern muss ich in Katlenburg an meinen Kumpel Wolle denken. Jeden Mittwoch hatten wir in einem alten Sägewerk an unseren Maschinen geschraubt. Als an einem Abend im Dezember wieder mal Bierflaute war, ist Wolle mit dem MZ-Gespann aufgebrochen, um Nachschub zu holen. Auf dem Rückweg geriet er ins Schleudern, das Gespann landete in einem Jägerzaun. 24 Flaschen hüpften kurz aus der Kiste, hinterließen 24 runde Abdrücke im Deckel des MZ-Beiboots. Der hängt heute noch an der Decke des Sägewerks. Ein einzigartiges Kunstwerk.

Es ist bereits Abend, als ich heimkehre. „Papa, wo warst du heute?“ will Paul wissen. Gern würde ich ihm die Wahrheit sagen: in der Vergangenheit.

Doch wie soll er das verstehen?

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote