Die Hausstrecke (Archivversion) Homerun

Nichts geht über die persönliche Hausstrecke. Warum? Nirgendwo tritt man souveräner auf, ist das Selbstbewusstsein größer, ist es so einfach, Beute zu machen. Kein anderer Kurs ist zudem historisch wertvoller, wartet mit so vielen Geschichten und Anekdoten auf. Allein schon aus diesen Gründen sollte man nie und nimmer von der einmal gewählten Strecke abweichen.

Sommer 1993. Der erste Ausritt in die schwäbische Pampa. Gilles, Grafiker bei der Schwesterzeitschrift PS, entführt MOTORRAD-Frischling Schröder zum gemeinsamen Feierabendausflug. Es folgten drei Stunden zwischen Himmel und Hölle, zwischen Knie am Boden (beim Kollegen) und vollkommen vergeigten Kurvenradien (bei mir). Dazu nie gehörte Ortsnamen und gefühlte 500 Richtungswechsel pro Kilometer. Meine Sinne rotierten (allein hätte ich niemals wieder zurückgefunden), Gilles dagegen schien mit dem Asphalt verschmolzen, war eins mit sich und der Welt, die als halluzinogener Wischeffekt vorbeiflog. Wir bewegten uns auf seinem Terrain, auf seiner Hausstrecke.
Einige Jahre lang wiederholten wir regelmäßig diesen Trip durch den Schwäbischen Wald bis Abtsgmünd und wieder retour. Immer auf der exakt gleichen Route. Keine Abstecher, keine Experimente, keine zähen Diskussionen über das Wohin. Selbst die Pausen liefen stets nach dem gleichen Schema ab. Kaffee am Ebnisee, Curry-Wurst in Gaildorf, über ausrangierte Kampfflieger in Seifertshofen staunen, die dort auf einer Wiese abgestellt wurden. Jeder wusste, woran er ist und was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. So etwas funktioniert eben auch ohne viele Worte (oder gerade deswegen), verschweißt die Kontrahenten für eine kurze Zeitspanne am Abend oder am Wochenende zu einem perfekt agierenden Team. Der Rest der Welt? Wird vollkommen ausgeblendet, es gilt nur der Moment. Einfach großartig.
Nebenbei brannte sich dieser Kurs unauslöschbar ins Gedächtnis ein – selbst als einsamer Reiter, Gilles hatte es inzwischen nach Luxemburg verschlagen, zog es mich unbeirrbar über den immer gleichen Weg. Das Vertraute erschien mit einem Mal reizvoller als die Fremde: Die Neugier, die mich sonst bei meinen Reisen antreibt, spielte keine Rolle mehr. Warum auch? Kurven und Kehren präsentierten sich perfekt arrangiert. Einmal die Abfolge verinnerlicht, stieg der Spaßfaktor schier ins Unermessliche, folgte das Streben nach der perfekten Runde (und jedes Mal die tragische Erkenntnis, dass so ein Unterfangen bei rund 150 Kilometern nicht funktionieren kann). Nebenbei ging’s um die Ehre. Ein anderer Biker vorm Bug? Ein unerträglicher Zustand. Anschleichen, zurechtlegen, zuschlagen (am besten in einer möglichst anspruchsvollen Passage, da tut’s besonders weh). Wenn’s gut lief, erkannte meine Frau es daheim an den Augen. Irgendwann sprach ich von MEINER Hausstrecke.
Mai 2007. Kann gut sein, dass bis heute 100 Runden zu-sammengekommen sind, vielleicht waren’s auch 200. So etwas ist schwer nachvollziehbar. In letzter Zeit haben wir uns allerdings ein wenig entfremdet, meine Strecke und ich. Zu wenig Zeit. Mit zwei Kindern bekommt das Wort Feierabend eine völlig neue Bedeutung – man ist schon zufrieden, wenn es am Abend für einen Blick in die Garage reicht. Umso kostbarer der Moment, in dem die Ducati sich der östlichen Stadtgrenze Stuttgarts nähert. Ein Stück am Neckar entlang, der scharfe Linksknick auf die B 14 (genaugenommen die erste Mutprobe), gleich dahinter Weinberge im weitläufigen Halbrund. Vermutlich endet keine andere Großstadt so abrupt im Grünen wie die schwäbische Metropole. Bis Winnenden 20 Kilometer Schnellstraße. Zwei-spurig, geradeaus, zwanghaft meditativ. Gut, wenn’s im Büro oder daheim mal wieder arg hektisch herging.
Eine winzige Verkehrsinsel markiert in Hertmannsweiler den Ortsausgang und gleichzeitig Ende der, man will fast sagen »Einführungsrunde«. Ab jetzt (Kilometer 0) gilt’s. Durchatmen und durchladen. Pikfeiner Asphalt bergan und eine perfekte, lang gezogene Schleife durch dichten Wald hoch bis Stöckenhof. Aufatmen und Augen rechts. Der erhöhte Standpunkt gestattet einen sagenhaften Fernblick (Kilometer 5). Mit norddeutschen Freunden im Schlepptau fällt hier regelmäßig zum ersten Mal der Anker. Die Flachländer zeigen sich beim Anblick der verschwommenen Konturen der Schwäbischen Alb stets so überrascht, als stünde dort der Himalaja.
Gleich darauf verschwindet der Weg wieder im Wald. Schnelle Kurven im leichten Auf und Ab, flankiert von einer dunklen Mauer, die, jetzt im Sommer, knapp über der Mütze zusammenge-wachsen ist. Die Sonnestrahlen dringen da nicht hindurch, allenfalls ein paar Licht-punkte, die auf dem Asphalt tanzen. Eine Achterbahnfahrt im Tunnel käme der Sache hier wohl am Nächsten. Die Wege, die neben der Strecke in die Botanik ab-zweigen – ein Eldorado für Mountainbiker. Die Hand zuckt an der Bremse. Einmal kreuzte ein Radler unvorsichtig von rechts nach links. Wir haben beide mächtig Schwein gehabt.
Kilometer 10: Kallenberg. Herrliche Wohnlagen links am Hang. Gärten so groß wie Fußballfelder, Kinder auf Pferden und der Blick über die Hügel und den Wald als Dreingabe. Schwäbisches Bullerbü. Vielleicht doch aufs Land ziehen? Ich hätte dann endlich einen Grund, einen dieser Aufsitzrasenmäher anzuschaffen, um die ich im Baumarkt immer schleiche, und könnte mit meinem Sohn direkt von der Terrasse zu irgend-welchen spannenden Offroad-Abenteuern starten. Der scharfe Linksknick hinter dem letzten Haus verdrängt gleich wieder jeden Gedanken, der sich nicht ums Fahren dreht. Wer sich hier nicht prompt ans Gas hängt, dem verhagelt’s den Sprung über die Kuppe gleich darauf.
Lutzenberg, Althütte, die ratenscharfe Talsenke (Kilometer 14), die leidenschaftlich genommen mächtig ins Fahrwerk geht, schließlich Ebni und dort kurz vor Ortsende der Abzweig in Richtung Hägerhof. Kaum autobreit, der Weg, und auf der Karte im Maßstab von 1:200000 eben noch so als haarfeine weiße Linie erkennbar. Bunt gesprenkelte Blumenwiesen wechseln mit dichtem Nadelwald ab. Frisch gefällte Stämme liegen neben der Strecke und verströmen einen intensiven Geruch nach Holz und Harz. Ein Hauch von Kanada, jedes Mal ein Genuss nach dem Dampf im Stuttgarter Stadtkessel. Für diesen Moment nimmt man gerne das Tempo raus. Maximal dritter Gang und die rechte Hand knapp über Standgas. Schon allein wegen der vielen Spaziergänger mit Kindern und Hunden. Der Belag hat unter der Last unzähliger Treker eh längst die Segel gestrichen, ist nur bedingt das Terrain einer Ducati. Egal, hier fährt man lang, weil’s einfach schön ist. Ein gutes Stück nach dem fantastisch gelegenen Hofgut Schmalenberg wähnt man sich endgültig auf einem Kletterpfad: freier Fall bis zur Landstraße kurz vor Welzheim.
Zehn Kilometer Kurs Nord, die dritte Ausfahrt im Kreisverkehr raus und abwärts zum Ebnisee. Ein Parkplatz im Tal, ein Kiosk im Blockhausstil, ein paar Bänke und Tische aus schwerem Holz und der Pott Kaffee für konkurrenzlose einsfünfzig – typischer kann ein Motor-radtreff kaum sein. Viele sind bereits da, die Bikes zentimetergenau arrangiert. Der Ordnungssinn scheint in Zweirad-kreisen sehr ausgeprägt. Die Liebe zu Ritualen ist es definitiv: Am Wochen-ende oder feiertags fährt man hierher, Ende der Diskussion – der kleine Kiosk am Ebnisee als Kulminationspunkt für ge-schätzte 1000 Hausstreckenvarianten im Welzheimer Wald.
Und für Gilles eine ewige Bühne. Kein Manöver ohne Stoppie oder Wheelie, obwohl die kurze Gerade zwischen See und Parkplatz eigentlich kein Ort für Kunststücke ist. Egal. Es passte halt irgendwie immer. Nur einmal hatte er es mächtig übertrieben. Ein Burnout wie aus dem Bilderbuch. Das Triebwerk seiner Fireblade schrie um sein Leben, der Reifen hatte seines quasi verwirkt. Im beißenden Qualm ging diesmal allerdings selbst den hartgesottensten Fans solcher Einlagen ernsthaft die Luft aus, und der Applaus, nun ja, Schwamm drüber. Gilles hat diesen Ort für eine Weile großzügig umfahren.
Wieder hoch zum Kreisel, weiter nach Kaisersbach (Kilometer 36), Kirchenkirnberg (Kilometer 42), Reippersberg (Kilometer 49), schließlich die Pommesbude »Zapfsäule« kurz vor Gaildorf (Kilo-meter 55). Die teilweise hemmungslose Streckenführung bis hier-her verführt schon mal zu dem einen oder anderen unüberlegten Manöver. Mai 1997. Eine Kehre und Kumpel Rainer ganz nah am Heck. Eben das alte Spiel. Zehn Meter weiter einigten wir uns auf unentschieden, sammelten Spiegel und Fußrasten wieder ein und überlegten, wie man wohl dem Testchef am besten verklickert, dass zwei Bikes aus dem Dauertestfuhrpark etwas Kosmetik benötigen.
Was uns jedoch weitaus mehr nervte als die Aussicht auf den Rüffel in der Redaktion – wir waren kurz vor dem Filetstück der Strecke gescheitert: die B 19 zwischen Gaildorf und Abts-gmünd. 27 Kilometer am gewundenen Kocher entlang. Kaum ein gerader Meter und nur drei nennenswerte Ortschaften. Für deutsche Verhältnisse ein verdammt einsamer Landstrich. An manchen Tagen pfeilten wir gleich dreimal über diesen Abschnitt. Dermaßen berauscht, vergisst man rasch die wichtigen Dinge im Leben. Tanken zum Beispiel. Ist schon ärgerlich, wenn in vollendeter Schräglage der Sprit ausgeht. Mich traf es einmal ziemlich genau in der Mitte, was Gilles allerdings erst fünf Kilo-meter später bemerkte. Bis wir einen Kanister Treibstoff organisiert hatten, war der Tag auch schon zu Ende. Wie gesagt, in dieser Gegend ist nicht allzu viel los. Was auch die Preise für Bauland widerspiegeln: »50 Euro pro Quadratmeter«, gesehen auf einem Schild in Sulzbach. Im direkten Stuttgarter Umland wird locker das Zwölffache verlangt.
Kehrtwende bei Kilometer 82. Abtsgmünd bleibt unten im engen Tal des Kocher zurück, der Weg verläuft von nun an ein gutes Stück über die Frickenhofer Höhe. Die Lieblichkeit ist irgendwo auf halbem Weg hier hoch auf der Strecke geblieben, mit einem Mal ist es vier, fünf Grad kühler. Alle paar Kilometer kleine Dörfer aus Fachwerk, die sich wie symphatische Trutzburgen gegen Wind und Wetter und bisweilen auch gegen die Moderne stemmen: Hier gibt es sie noch, die urigen Tante-Emma-Läden, und man trifft sich unterm Maibaum, vor der schmucken Kirche in Hohenstadt oder beim jährlichen Lanz-Bulldog-Festival. Sicherlich fragwürdigster Höhepunkt im Jahreskalender der Provinz: die Panzer-Show auf dem weit-läufigen Gelände des Technik- und Bauernmuseums in Seiferts-hofen (Kilometer 99). Dort geht man unweigerlich in die Eisen. Ein verwitterter Sikorsky-Hubschrauber (das Modell aus der TV-Serie »Ein Trio mit vier Fäusten«) hoch über dem Portal und, je nachdem wie die Geschäfte gehen, diverse Kampfjets, Panzer und Kanonen in allen Verfalls-stadien im Vorgarten. Der Chef, so die hauseigene Internetseite, sammle Dinge, die andere wegwerfen. Alles klar.
Weiter im Takt. Die Straße passiert die Schnitzel-Fabrik (Kilometer 107) in Rotenhar (in all den Jahren hat die Zeit irgendwie nie für einen Stopp gereicht), kreuzt Gschwend und wirft sich nach dem Ortsschild abermals mächtig ins Zeug. Noch einmal volle Konzentration – der enge Zick-Zack-Kurs im Wald nimmt’s locker mit jeder Kart-Strecke auf. In Hundsberg (Kilometer 116) wartet ein blauer Subaru Impreza WRX vor einer Hofeinfahrt auf seinen Einsatz. Die japanischen Konstrukteure mussten für den potenten Rallye-Ableger mit dem riesigen Flügelwerk am Heck eben solche Strecken im Kopf gehabt haben.
Welzheim, Ebnisee, Althütte, Stöckenhof. Der Heimweg gleicht der Hinfahrt. Dennoch kein Meter wie der andere – man will es kaum glauben, wie fremd der eigentlich bekannte Weg in entgegengesetzter Fahrtrichtung aussieht. Tatsächlich hatte ich einmal den Versuch unternommen, meine Hausstrecke anders herum abzuspulen. Ein Unternehmen, das komplett in die Hose ging. Konnte ich mich mit den Kurvenradien noch einigermaßen arrangieren, war bei den vielen Richtungswechseln mein Orientierungssinn bereits nach kurzer Zeit schlichtweg über-fordert. Selber Schuld, wenn man jahrelang wie ferngesteuert durch die Botanik rauscht, ohne jemals auf ein Ortsschild geachtet zu haben. Ich konnte den Verlauf der Hausstrecke lange Zeit nicht einmal auf einer Karte nachvollziehen.

Der letzte Schwenk. Über das Dörfchen Bürg mit seinem Burghotel »Schöne Aussicht« (Kilometer 144) steil hinunter nach Winnenden. Die Hänge voller Wein und eine Fernsicht bis zum Abwinken. Langsam rolle ich über die letzten golde-nen Flecken auf dem warmen Asphalt, während die Sonne gleich einem glut-roten Feuerball auf den Horizont tritt, nur wenige Augenblicke später vollkommen verschwunden ist. Vielleicht der schönste Moment des Tages. Gilles und ich hatten hier stets eine kurze Pause eingelegt. Wortlos und nach diesem erschöpfenden Sprint mit uns und der Welt im Reinen. Manche Dinge im Leben sollte man wirklich nicht ändern.

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