Die Lebensadern Eisen und Kohle (Archivversion)

Die Bodenschätze Eisenerz, Kohle und Salz sowie der regenerierbare Rohstoff Holz machen Elsass-Lothringen im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Industriereviere Frankreichs. Die erste Kohle wird 1829 in Schoeneck abgebaut. Mit der 1852 eröffneten »Saarbrücker Eisenbahn« entsteht eine durchgehende Verbindung von Frankreich nach Deutschland, was zu einem enormen Entwicklungsschub und vielen neuen Gruben führt. Umgewandelt zu Koks, ist Kohle für die Stahlerzeugung von dreifacher Bedeutung: Sie liefert die Energie zur Erhitzung der Hochöfen, verwandelt Eisenerz durch chemische Reaktionen in Roheisen und verleiht diesem durch Beifügung von Kohlenstoff die Härte. Die zeitgleich entdeckten lothringischen Erzvorkommen sind zunächst wegen ihres geringen Eisen- und hohen Phosphorgehalts für die Stahlproduktion ungeeignet. Doch das ändert sich Ende des Jahrhunderts, als die Metzeschmelz in Esch-Alzette Lizenznehmer des britischen Thomas-Verfahrens wird und damit Erze aus Lothringen (und Luxemburg) für die Stahlproduktion nutzbar sind. Kurz darauf erwerben auch Stumm aus Neunkirchen und de Wendel in Petite-Rosselle die begehrten Lizenzen, was die SaarLorLux-Region in Mitteleuropa führend in der neuen Technologie macht. Durch die deutsche Annexion Elsass-Lothringens 1871 fließt viel deutsches Kapital nach Lothringen, und das Saarland kann die Bodenschätze nun als inländische abbauen.
Die Schwerindustrie der Region gewinnt immer mehr an Schubkraft und erreicht 1964 ihren Zenit mit 22,4 Millionen Tonnen geförderter Kohle. Gewaltige Bergwerke und Verhüttungsanlagen, Walzwerke und Kraftwerke prägen Landschaft wie Lebensstruktur im nördlichen Lothringen. Als die Konjunktur einbricht, sinkt die Zahl der Arbeits-plätze in der Montanindustrie von 215000 auf heute 35000. Das politische Aus für die einheimische Kohle wird 1983 beschlossen. 2004 schließt nahe der saarländischen Grenze mit der Creutzwalder Zeche »La Houve« das letzte französische Bergwerk. Kohle aus Australien und Südafrika ist rund 70 Prozent billiger. Die Eisenerzförderung wird 1994 ebenfalls aufgrund billiger Importe eingestellt. Außerdem deckt inzwischen Atomstrom über drei Viertel des französischen Energiebedarfs. Neue Wirtschaftszweige wie die Produktion des Smart im Hambach bei Sarreguemines sollen für einen Strukturwandel sorgen.

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