Die Wüsten der Erde (Teil 2: Süd- und Nordamerika) (Archivversion) Die Wüsten der Erde

Fünf Jahre lang hat sich Michael
Martin Zeit genommen, per
Motorrad alle Wüsten der Erde
zu erkunden. In Teil zwei der
dreiteiligen Reportage reist er
durch die Trockengebiete auf dem
amerikanischen Doppelkontinent.

Früh am Morgen in der Atacama-Wüste, rund 1000 Kilometer nördlich der chilenischen Hauptstadt Santiago.
Der Benzinkocher faucht, und nach einer eiskalten Nacht im Zelt etwas abseits der Panamericana sind wir dankbar für eine heiße Tasse Kaffee. Wir beladen die GS und nehmen
einen weiteren Teil der »Traumstraße der Welt« unter die Räder, die eine Weile später parallel der Pazifikküste verläuft. Auch
wenn die Kälte tagsüber ein wenig nachlässt, bleibt es ungemütlich. Chamanchaca nennen die Chilenen den zähen Nebel, der monatelang keinen Sonnenstrahl auf die schroffe Küste fallen lässt. Zwei lange Tage sind wir in dem Dunst unterwegs, links
der raue Pazifik, rechts Küstenwüste. Dann steigt die Traumstraße an, und nach einigen Kilometern durchbrechen wir endlich die Nebeldecke, über der sich ein stahlblauer Himmel spannt.
Die Aussichten vom Sattel der GS sind allerdings wenig berauschend. Die Atacama ist in weiten Teilen eine ziemlich eintönige Felswüste. Erst in der Nähe der Oase San Pedro präsentiert sie ihre andere Seite: Sanddünen und fantastische, von Wind
und Wetter geformte Gebilde aus Fels und Stein, dahinter der
imposante, mit Vulkanen bestückte Andenhauptkamm. Hier
erreicht die Atacama eine Höhe von fast 5000 Metern.
Eine gut ausgebaute Strecke führt von San Pedro de Ata-cama zu den Geysiren von El Tatio, die wir nach zweistündiger Fahrt kurz vor Sonnenuntergang erreichen. Als wir in sternenklarer Nacht endlich in unseren dicken Schlafsäcken verschwinden, messen wir minus 22 Grad.
Kurz nach Sonnenaufgang zeigen sich die Geysire in ihrer
ganzen Pracht: bis zu 50 Meter hohe Fontänen. Allerdings ist das Motorrad wegen des Wasserdampfs aus den vielen heißen Quellen komplett vereist, und der Anlasser gibt nur ein müdes »Klack« von sich. Wir müssen die GS irgendwie auftauen, schöpfen fast kochend heißes Wasser aus dem Ablauf eines Geysirs und kippen es über die beiden Zylinder. Auch die Batterie bekommt eine »Wärmepackung«: eine Handtuch-Bandage, die wir zuvor in das heiße Wasser getaucht haben. Und tatsächlich, die Methoden
zeigen Erfolg – nach kurzer Einwirkzeit springt die BMW an.
In San Pedro tanken wir voll und erledigen die chilenischen Ausreiseformalitäten. Eine perfekte Straße trägt uns in wenigen Minuten auf eine Höhe von 4300 Meter zur Grenze nach Bolivien, gut eine Stunde später können wir in das Nachbarland ein-
reisen. Die Piste, auf der wir uns von nun an bewegen, ist von
der übleren Sorte: Statt Asphalt wie gerade noch in Chile gibt es lediglich eine kaum zu erkennende Trasse durch den Sand.
Wir folgen einigen Autospuren bis zur smaragdgrün leuchtenden
Laguna Verde, die vom verschneiten, fast 6000 Meter hohen
Vulkan Licancabur überragt wird. Und sind völlig benommen
von der Schönheit dieser Landschaft. Aber auch von den
extremen Bedingungen, die dort selbst im Hochsommer herrschen. Die Kälte, die sauerstoffarme Höhenluft und der nach wie vor schlechte Zustand der Piste weiter in Richtung der Laguna
Colorada machen uns arg zu schaffen. Zumal der Weg weiter
ansteigt, auf fast 5000 Meter.

Vom Pass sind bereits weiße Dampfsäulen auszumachen, die in den dunkelblauen Himmel aufsteigen. Einige Kilometer weiter stehen wir dann vor den heißen Quellen
von »Sol de Mañana«. Der schwefelhaltige Dampf nimmt
einem bei einem Spaziergang durch das weitläufige Geysirfeld fast den Atem. Überall brodelt und faucht es. Eine gespenstige Szenerie in einem unwirklichen Umfeld.
Für die Weiterfahrt ist es inzwischen zu spät geworden. Die Nacht wird allerdings recht ungemütlich. Zu Kälte und dünner Luft kommen die beißenden Schwefeldämpfe hinzu, die der Sturm immer wieder Richtung Zelt treibt. Viermal quäle ich mich aus dem warmen Schlafsack, um die BMW einige Minuten laufen zu lassen – damit das Triebwerk nicht völlig einfriert.
Schneewehen, die noch vom letzten Schneesturm herrühren, sorgen tags darauf für häufige Stürze. Es kostet große Mühe,
die schwer beladene GS aufzurichten. Doch die immer spektakulärer werdende Landschaft entschädigt für die Anstrengung. Formen und Farben wechseln praktisch mit jedem Kilometer. In der Ferne leuchtet bereits die Laguna Colorada purpurrot. Algen und Plankton sorgen für die ungewöhnliche Färbung. Zwischen grellweißen Salz- und Gipsbänken stehen Hunderte von Flamingos im roten Wasser.
Nach den ungemütlichen Nächten im Zelt freuen wir uns
auf ein Bett in der angekündigten Unterkunft am Ufer der Lagune.
Sie entpuppt sich allerdings als ziemlich heruntergekommenes Loch. Uns bleibt aber kaum eine Wahl. Elke ist höhenkrank, japst nach Luft und hat wahnsinnige Kopfschmerzen. Mir geht es
kaum besser. Also beziehen wir eines der schäbigen Zimmer.
Unausgeschlafen und nach wie vor mit rasenden Kopfschmerzen satteln wir am nächsten Morgen auf. Dick in Daunenjacken eingepackt, fahren wir nordwärts durch die Hochebene der Anden. Wenigstens wärmen die Strahlen der Sonne ein
wenig. Zwei Tage später weitet sich plötzlich der Altiplano, und der Salar de Uyuni breitet sich vor uns aus, mit einer Fläche von 12000 Quadratkilometern einer der größten Salzseen der Erde. Wir beschleunigen auf der betonharten Salzfläche bis Tempo
140 und fliegen förmlich über die grellweiß leuchtende Ebene.
Die Sonne steht inzwischen jedoch bereits zu tief, um das gegenüberliegende Ufer noch bei Tageslicht zu erreichen. Wir entschließen uns zu einem Camp auf dem Salz – und erleben
einen Sonnenuntergang, der jenseits jedweder Vorstellungskraft liegt. Der Himmel leuchtet feuerrot, und während der Mond im Osten aufgeht, nimmt die Salzfläche ein intensives Lila an. Völlig gefesselt von diesem Schauspiel, merken wir kaum, wie kalt
es auf einmal geworden ist: minus 24 Grad. Damit die Filme nicht zersplittern, übernachten die Kameras mit im Schlafsack. Das Motorrad wird – wie gehabt – im Zwei-Stunden-Takt gestartet und einige Minuten laufen gelassen. Der Lohn fürs nächtliche Aufstehen: Es springt am Morgen ohne Probleme an.

Gegen Mittag erreichen wir Colchani, ein Kaff am Rande der Salzfläche, wo es zum Glück ein paar Liter Benzin gibt. Doch bald erweist sich der volle Tank, der die Fuhre noch schwerer macht, als Nachteil: Die Piste quert heimtückisch einen schlammigen Ausläufer des Salzsees, in dem das Motorrad sofort bis zu den Koffern versackt. Keine Chance, es auch nur einen Millimeter zu bewegen. Zum Glück arbeitet
in der Nähe eine Planierraupe, und wir können den Fahrer dazu überreden, die GS aus dem Schlamassel zu ziehen. Dass er ziemlich brutal zur Sache geht und das Motorrad mit mir oben drauf förmlich aus dem Schlamm reißt, stört mich wenig – Hauptsache, wir können weiter.
Nur eine halbe Stunde später stehen wir vor dem nächsten Problem: ein brückenloser Fluss voller Eisschollen. Um die Tiefe zu erkunden, wate ich ohne Hose und Stiefel durch das bitterkalte und irgendwann hüfthohe Wasser. Zu allem Überfluss liegen auch noch dicke Steine im Flussbett. Es gibt keine Alternative: Elke schultert Schuhe, Klamotten sowie Packsack und Zelt und macht sich auf den mühseligen Weg hinüber zum anderen Ufer. Dort angelangt, bluten ihre Füße von den spitzen Steinen. Dann bin ich auf der GS an der Reihe, versuche, mit viel Gas durch die Fluten zu preschen. Kurz vor dem Ufer stirbt prompt der Motor ab, aber zum Glück reicht der Schwung gerade noch aus, um
die Böschung zu meistern. Dort ist erst mal Ende, denn der Bock springt selbst auf dem Trockenen nicht mehr an. Ein Blick in den Luftfilter schafft Klarheit: überall Wasser, das ziemlich sicher
auch ins Triebwerk eingedrungen ist. Was nun zu tun ist, steht
in jedem Reparaturhandbuch: auf jeden Fall das Öl wechseln.
Nur haben wir nicht die erforderliche Menge dabei.

Nach einiger Zeit kommt ein Lkw vorbei. Zwar kann
uns der Fahrer nicht mitnehmen, doch mit seiner Hilfe riskieren wir einen Startversuch: Mit einem Stahlseil hängen wir die GS hinter den Laster, der Fahrer gibt Gas, ich lege den dritten Gang ein und lasse die Kupplung
kommen. Der Motor protestiert zunächst kräftig, aber nach zwei Kilometern im Schlepp läuft er tatsächlich wieder. Mir ist klar,
dass ich jetzt einen Motorschaden riskiere: Das Öl im Schauglas ist weiß – ein untrügliches Indiz für Wasservermischung. Mit
jeder Kurbelwellenumdrehung leide ich mit.
Der Boxer hält tapfer durch. Bis wir erneut vor einem breiten Fluss ohne Brücke stehen. Wir sind unschlüssig und spekulieren lange über seine Tiefe. Plötzlich taucht ein Schwein aus einem nahen Dorf auf und stolziert lässig hindurch, ohne sich den Bauch nass zu machen. Grinsend starten wir durch.
Als wir am nächsten Tag auf dem 4550 Meter hohen Tambo-Pass angelangt sind, der einzig von dem perfekt geformten
Vulkan Parinacota noch überragt wird, weicht langsam die
Anspannung. Mit jedem Meter, den uns die Straße bergab in Richtung der nordchilenischen Hafenstadt Arica führt, wird es endlich wieder wärmer. Wir kehren in lebensfreundlichere Ge-
biete zurück – obwohl es an manchen dieser Küstenabschnitte seit 40 Jahren nicht geregnet hat!
Elke und ich gönnen uns am Meer ein paar Tage Pause von der Schinderei, reisen schließlich in das benachbarte Peru ein. Wie bereits in Chile erstreckt sich entlang der Küste eine extrem monotone Wüstenlandschaft. Erst auf der Halbinsel Paracas, die weit in den Pazifik reicht, ändert sich das Bild: Nur selten treffen Meer und Wüste so spektakulär aufeinander. Die Wellen des
eiskalten, grün schimmernden Pazifiks schlagen mit voller Wucht
gischtend gegen die hellen Felsen und Klippen.
Die letzte Etappe bis in die Hauptstadt Lima auf der Pan-
americana liegt vor uns, die südamerikanischen Wüsten hinter uns.
Das nächste Ziel: die nordamerikanischen Trockengebiete.
Per Luftfracht schicken wir die BMW nach Los Angeles, wir folgen ein paar Tage später.
Die kalifornische Metropole kann uns nicht lange halten. Zu viele Menschen und zu viel Verkehr. Auf der »Interstate 10« entfliehen wir durch den Süden des Bundesstaates nach Arizona. Genauer gesagt nach Quartzsite, ein kleines Nest am Rand der Sonora-Wüste, in
das Jahr für Jahr Tausende von Rentnern mit riesigen Motorhomes pilgern, um die Wintermonate in der Sonne zu verbringen. Elke und ich werden spontan von Sue und Allan aus North Dakota eingeladen, die uns stolz ihr vollklimatisiertes 200000-Dollar-Mobil vorführen. Eine hydraulische Vorrichtung verbreitert im Parkzustand das Schlafzimmer und den Wohnbereich nochmals um zwei Meter. So lässt es sich ihrer Meinung nach sehr gut in der Wüste aushalten.

Wir peilen das Death Valley an, einen Ort der Extreme.
Mitten im »Tal des Todes« liegt »Badwater Basin«, mit
85 Meter unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt
der USA. Der gleichzeitig als einer der heißesten Orte
der Welt gilt: 1913 wurde hier eine Rekord-Temperatur von 57 Grad im Schatten gemessen. Dagegen ist es heute mit 43 Grad vergleichsweise kühl.
Früh am nächsten Morgen brechen wir zu einer nahe gelege-
nen Lehmpfanne auf, die für ein einzigartiges Naturphänomen
weltberühmt ist: Steine, die wie von Geisterhand bewegt über den
Lehm wandern und bis zu viele hundert Meter lange Schleifspuren hinterlassen. Über die Ursache dieser geheimnisvollen Wanderung wird noch immer gerätselt. Eine These lautet, dass nach starken Regenfällen – wenn die Oberfläche der Lehmpfanne schlüpfrig ist – ein äußerst kräftiger Wind die Steine über den Boden treibt. Allerdings ist dieser mysteriöse Vorgang noch nie von jemanden beobachtet worden.
Über die Glücksspielmetropole Las Vegas peilen wir das
Colorado-Plateau in Utah und Arizona an. Dort hat sich der gewaltige Colorado bis zu 1000 Meter tief in das weiche Gestein gefressen und spektakuläre Canyonlandschaften geschaffen.
Einen ersten Eindruck erhalten wir in der Nähe der Ortschaft Page: der Antelope Canyon, eine nur wenige Meter breite Schlucht, dessen 20 bis 30 Meter hohen Wände scheinbar ineinander greifen oder zusammenwachsen, so dass an vielen Stellen kaum noch Tageslicht durchdringt. Doch die wenigen Sonnenstrahlen, die hier und da in die Schlucht fallen, lassen die glatten und runden Felswände in den unglaublichsten Rottönen erstrahlen. Ein
Naturschauspiel der Extraklasse.

Vorbei am Lake Powell, steuern wir in Utah den Arches National Park bei Moab an – wo wir uns an den über 2000 Felsenbögen zwischen unzähligen Tafelbergen
aus zumeist rotem Sandstein nicht satt sehen können. Unseren absoluten Lieblingsspot finden wir im benachbarten
Canyonlands Nationalpark: die Mesa Arch, ein perfekter Steinbogen oberhalb von tief eingeschnittenen Canyons und spektakulären Steinformationen.
Wir preschen in den Süden von Utah, trinken an den
»Four Corners«, der einzigen Stelle in den USA, an der sich vier
Bundesstaaten berühren – Utah, Colorado, Arizona und New
Mexico –, eine Flasche Budweiser und gelangen zum Ship Rock im Nordwesten von New Mexico. Der etwa 600 Meter hohe,
bizarr geformte Felsen ragt weithin sichtbar aus der kargen
Wüstenlandschaft und markiert das Ende des Colorado Plateaus. Gut ausgebaute Highways, Truckstops und Fastfood-Restaurants
begleiten einen auch in den dünn besiedelten Gebieten der USA ziemlich konstant. Die Wüsten Nordamerikas sind so perfekt erschlossen, dass wir uns inzwischen ein wenig nach den abenteuerlichen Zuständen in Südamerika oder in Zentralasien sehnen.
Schließlich stehen Elke und ich am Rand der ausgedehnten Dünenfelder von White Sands. Schneeweiße Sandberge sind
für jemanden, der unzählige Male durch die Sahara gereist ist,
ein ziemlich verwunderlicher Anblick. Die eigentümliche Färbung kommt dadurch zustande, dass der Sand nicht aus Quarz,
sondern aus Gipskristallen besteht – ein in dieser Ausdehnung weltweit einzigartiges Phänomen. Zweifelhaften Ruhm erlangte das Naturschutzgebiet 1945: Die Amerikaner zündeten dort die erste Atombombe. Für uns bedeutet White Sands das Ende eines weiteren Reiseabschnitts: Es ist das östlichste Wüstengebiet Amerikas, ab hier beginnt das Land der Farmer. Mehr gibt es für uns auf diesem Kontinent nicht zu entdecken.
Eine Woche später rollen wir am Hudson River entlang und blicken auf die Skyline von New York. Vorsichtig manövrieren wir die Maschine durch die Rushhour Manhattans, folgen der broddelnden Fifth Avenue und besuchen Ground Zero. Immer wieder hatten wir auf unserer Reise die Konsequenzen des 11. Septembers 2001 gespürt. Die Welt ist seitdem in Sachen Sicherheit
in vielen Regionen eine andere geworden. Unser Projekt geht dennoch weiter.
Vom Empire State Building blicken wir auf die Wolkenkratzer Manhattans. Welch Kontrast zu der Weite in den Wüsten. Elke und ich sind erleichtert, New York noch am gleichen Abend mit dem Flugzeug verlassen zu können. Zwei Tage später sind wir
in Afrika, zum dritten und letzten Teil unserer Reise. Mehr davon in MOTORRAD 1/2005, das am 17. Dezember 2004 erscheint.

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