Dolomiten (Archivversion) Finale im Herbst

Wer zuletzt kommt, darf sich freuen: Am Ende der Motorrad-Saison kehrt auf den Passstraßen rund um die Dolomitengipfel paradiesische Ruhe ein.

Die letzten Sonnenstrahlen klettern im Süden über die Eis­panzer der Marmolada, im Norden schälen sich die zackigen Konturen des Langkofel aus der Abenddämmerung, noch wenige hundert Meter bis zum Grödnerjoch, nein: Sellajoch. Oder Pordoijoch? Oder Passo di Campolongo? Egal. Die Ausblicke sind zum Einrahmen schön, die Kurven genial, und außer der BMW und mir ist jetzt kaum jemand auf dem Passstraßen-Quartett rund um die Sella-Gruppe unterwegs. Auf 2240 Metern taucht eine Wandergruppe auf; ein Porsche­fahrer guckt sich rot leuchtende Felswände durch die Windschutzscheibe an; ein Souvenirhändler räumt zum Ende des Tages seine Auslagen vom Straßenrand: Regencapes, Schneeketten, Eispickel. Dinge, die man bei herbstlichen Schlechtwetter-Einbrüchen gut brauchen kann.
Doch die Wetterfee von Südtirol Online scheint zu halten, was sie versprach: goldene Herbsttage und milde Temperaturen bis in die Abendstunden. Ein Schild mit der Aufschrift »Joëf de Sella« fliegt im Augenwinkel vorbei, dann geht es zwischen steil aufragenden Felswänden und Geröllfeldern hinab zum Plan de Gralba, wo ein dreisprachiger Wegweiser »Joëf de Frea / passo di Gardena / Grödnerjoch« auf die nächsten Kehrenkombo verweist. Im Sommer windet sich hier eine fast ununterbrochene Motorradschlange um das Sellamassiv. Jetzt im Herbst ist die Sella Ronda frei, und ich kann trotz aufkommender Müdigkeit nicht aufhören zu fahren und zu schauen, bis die letzte Wolke glutrot aus den Dolomitengipfeln in den Abendhimmel steigt.
Tief unten im Grödner Tal reihen sich bereits die Lichter der Häuser wie Perlenschnüre aneinander. Dann geht’s in einem nicht enden wollenden Kurvenslalom hinab nach Wolkenstein. Vor jedem Besuch stelle ich mir beim Klang dieses Namens ein verwegenes Felsennest aus der Herr-der-Ringe-Trilogie vor. Und bin jedes Mal enttäuscht, dass hinter dem Ortsschild das topmoderne Ferienkonglomerat Gröden liegt: 94 Restaurants und Pizzerien, 32 Bars und Cafés, 81 Berglifte, 16500 Gästebetten für rund zwei Millionen Übernachtungen pro Jahr.
Doch heute scheinen die knapp 9800 Einwohner des Grödner Tals unter sich zu sein. Auf der Strada Mëisules ist es bis auf einen kreischenden Vespa-Roller so still wie vor dem Einmarsch des römischen Feldherrn Drusus, der im Jahr 15 vor Christus die Dolomitentäler erobert hat. Im Hotel La Tambra bin ich der einzige Übernachtungsgast, und der Besitzer Oskar Mussner widmet sich in der freien Zeit der Grödner Holzschnitz­kunst in der familieneigenen Bildhauerwerkstatt.
Als ich eintrete, legt er Motorsäge, Schnitzmesser und Schlegel beiseite, begrüßt mich mit einem herzlichen »bona sëira«, schickt jedoch für alle Fälle noch ein »Buona sera« und ein »Guten Abend« hinterher. Sprachenvielfalt in Gröden. Neben Italienisch und Deutsch sprechen rund 90 Prozent der Einwohner Ladinisch, eine eigenständige rätoromanische Sprache, die sich seit den Zeiten von Drusus und Co. in manchen Dolomitentälern erhalten hat.
Passhöhe heißt »Joëf«, Kurven »Raidës«, Kehre: »Raida strënta«. Einen ladinischen Ausdruck für Zündkerze? Herr Mussner muss passen (»die gab’s vor 2000 Jahren noch nicht«) und weicht aufs Italienische (»candela d’accensione«) aus. Ringsum türmen sich Meisterwerke der Grödner Holzschnitzkunst: Hunde, Katzen, Eulen, Hähne, Rehe. Auf einem Podest steht das Abbild des Südtiroler Freiheitshelden Andreas Hofer, flankiert von Jesus, der Jungfrau Maria und dem Papst. Religion spiele in den ladinischen Tälern eine große Rolle, erläutert Mussner, und guckt dann erschreckt auf die Uhr. Morgen früh um fünf ist Wallfahrt angesagt – von Wolkenstein übers Grödnerjoch nach Pedratsches im Gardertal.
Es ist noch finster, als die Kirchturmglocken tags darauf über den Dächern des Dorfes dröhnen und kurze Zeit später eine 200-köpfige Prozession durch den Ort zieht. Ihr Weg führt sie vorbei an Sesselliften, Tennisplätzen und Après-Ski-Lokalen hinauf in die Berge, vorne weg zwei mit Trekking-schuhen und Rucksäcken ausgestattete Priester. Ich folge mit der BMW wenig später, brenne hoch zum Grödnerjoch, werfe einen flüchtigen Blick auf Langkofel, Sella und Tschierschspitzen, stürze mich über wunderschöne Kehren hinunter ins Gardertal und nach Pedratsches, doch von den Wolkensteiner Wallfahrern fehlt bereits jede Spur.
Autos und Motorräder sind auf der Passage durchs Gardertal ebenfalls keine zu sehen. Mutterseelenallein brumme ich über Badia nach St. Martin in Thurn, schwenke dort auf ein griffiges Asphaltband, das in perfekten Links-rechts-links-Kombinationen hinauf zum Würzjoch führt. Auf der Passhöhe picknicken in aller Seelenruhe zwei Gold-Wing-Fahrer, dahinter erhebt sich die Felsglatze des Peitlerkofel unter stahlblauem Himmel. Ringsum kontrastieren herbstlich braun und goldgelb gefärbte Gräser mit dem satten Grün der Weiden, in der Ferne bimmeln melodisch ein paar Kuhglocken – es ist zum Weinen schön.
Die Straße, bald nur noch eine Spur breit, schlängelt sich mit Blick auf weitere wuchtige Felskolosse durch lichte Wäldchen, streift Kuhweiden und Blumenwiesen, schwingt in herrlichen engen und weiten Bögen am Monte Telegrafo vorbei und stürzt bei St. Andrä in einem grandiosen Serpentinenfinale hinunter ins Eisacktal. Ein kurzer Boxenstopp mit Cappuccino am Domplatz von Brixen muss sein, dann flitze ich über St. Andrä noch einmal hoch zur Würzjochstraße und taste mich von dort über ein kaum autobreites Verbindungssträßchen hinunter ins Villnößtal. Die Geislerspitzen mit dem 3025 Meter hohen Sass Rigais tauchen auf, zackig wie das Blatt von Oskar Mussners Motorsäge. Reinhold Messner, der hier in Villnöß geboren wurde, kletterte bereits als Fünfjähriger auf den höchsten Geislerzacken. Heute prangt sein Bild im Lebensmittelladen Troi, wo man mit dem berühmtesten Sohn des Tales für Moser-Speck wirbt (»so unverwechselbar wie meine Berge«).
Da man mit Südtiroler Speck offensichtlich sämtliche Achttausender der Erde bezwingen kann, lade ich jede Menge davon in meinen Tankrucksack und schlage mich bei Gufidaun erneut in die Berge. Kurve hoch über dem Eisacktal nach Gröden, schwenke bei St. Ulrich südlich auf die Route Kastelruth und Seis, betrachte den Schlern bei Völs, den Rosengarten bei Tiers, die Latemar-Gruppe bei Welschnofen – und kann Reinhold Messner verstehen. Beim Blick auf diese korallenartig aus der Erde wachsenden Kalkklötze möchte man nur noch Bergsteiger sein. Konzentriert man sich jedoch auf die dazwischen liegenden Passstraßen, möchte man nur noch Motorradfahrer sein.
Vom Nigerpass düse ich über Karerpass und Passo di San Pellegrino nach Falcade, lasse Passo di Valles und Passo di Rolle schweren Herzens rechts liegen, stürze mich hinunter nach Cencenighe, gucke mir die nahe gelegenen Pässe Cerada und Duran auf der Karte an, entscheide mich im letzten Moment für die Route über Alleghe, auf der schon nach wenigen kurvenreichen Kilometern eine weitere Entscheidung zu fällen ist: Passo di Falzarego, Passo di Giau, Passo di Pordoi oder Passo di Fedaia?
Völlig überfordert von der schier unerschöpflichen Auswahl an traumhaften Motorradstrecken dirigiere ich die BMW über Rocca Piétore nach Malga Ciapela, folge dem Schild »Gelato« und gucke mir das Angebot des Eiscafés Pineta durchs Schaufenster an: Limone, Fragola, Tiramisù, Cioccolata... Doch die Gelato-Kübel sind leer, die Türen verschlossen, Tische und Stühle in einer Ecke übereinander gestellt. Eis gibt es um diese Jahreszeit erst wieder auf dem 2057 Meter hohen Fedaia-Pass beim Blick auf die vergletscherte Gipfelregion der Marmolada zu sehen. Und zwar gleich so viel, dass man im Ersten Weltkrieg einen kompletten Ort in die über 3000 Meter hoch liegenden Eisschichten getrieben hat, bestehend aus Waffendepots, Stellungen, Vorratsräumen und kilometerlangen Verbindungstunneln tief unten im Fels.
Fröstelnd mache ich mich an den windungsreichen Abstieg nach Canazei, stoße dort auf die Große Dolomitenstraße, die die BMW und mich über Pordoi- und Falzarego-Pass nach Cortina d’Ampezzo trägt. Noch einen Schlenker um den Monte Cristallo mit Drei-Zinnen-Blick am Misurina-See, dann taste ich mich erschöpft und hungrig zum Hotel Miramonti vor. Brigitte Bardot und Clark Gable sollen hier abgestiegen sein, Ingrid Bergman und der spanische Ex-König Alfonso VIII. Heute ist in Cortinas berühmtester Nobel-Herberge nicht mal ein livrierter Portier zu sehen. Lediglich der aus Lichtergirlanden bestehende Weihnachtsschmuck weist auf die Wiederkehr der High Society in der kommenden Skisaison hin.
Was soll’s. Immerhin 400 Euro für die Übernachtung gespart, die man in Cortina auch anderweitig anlegen kann. Zum Beispiel in einen Cashmere-Pulli bei Cristiano Fissore, ein Seidenkostüm bei Paolo Tonali oder ein Mäntelchen mit Nerz-Besatz bei Ghedina Zuccaro. Auf der Suche nach einem Restaurant dirigiere ich die BMW an den von unerschwinglich auf sündhaft teuer reduzierten Herbstauslagen der Edel­boutiquen am Corso d’Italia vorbei; werfe einen Blick auf die Gelateria Rubens, wo es zwar Geranienschmuck und Sommer­bestuhlung unter dem großem Sonnenschirm, aber keine Gäste gibt; streife das Ristorante Birreria Hacker Pschorr, das vis-à-vis von Bulgari mit »Würstel con crauti«-Gerichten auf das Eintreffen der Münchner Schickeria hofft. So richtig Stimmung herrscht eigentlich nur in der Pizzeria 5 Torri in der Via Largo Poste. Anfang Oktober trägt man hier Gore-Tex und Fleece statt Cashmere und Nerz, schart sich um die urigen Heizöfchen auf der Terrasse und verzehrt Pizza für fünf Euro.
Am nächsten Morgen geht’s über die Pässe Giau und Staulanza nach Forno di Zoldo, wo mit dem Passo Cibiana die wohl schönste Bergstraße des Cadore beginnt. Laut Reiseführer ist die Gegend so einsam, dass man mitunter sogar in der Hochsaison auf kein einiges Fahrzeug trifft. Heute poltert mir bereits nach wenigen hundert Metern eine Ducati-Meute entgegen, die Post heizt im weißgelben Allrad-Panda zügig hinterher. Auf der Passhöhe treffe ich Walter, der Besucher des Messner Mountain Museums mit seinem Land Rover Defender über die alte, für Privatfahrzeuge gesperrte Militärpiste zum 2181 Meter hohen Gipfel des Monte Rite transportiert. Bei gutem Wetter, schwärmt Walter, könne man von dort oben nahezu sämtliche Dolomitengipfel sehen. Für Tage wie heute, fährt er mit einem Blick zum Himmel fort, gebe es eine entsprechende Gemäldegalerie: »Sella monumentale« , »Seiser Alm – menschenleer«, »Langkofel mit Dolomitenstraße«, »Marmolada – Modern Times«... Die anrückende Regenfront allmählich realisierend, verabschiede ich mich von Walter, fahre wie vom Teufel gejagt den Cibiana-Pass hinab, schwenke bei Dont di Zoldo auf den Passo Duran und trete die letzte Etappe bis zum geplanten Tourende in Sterzing an: Passo di Cereda, Passo di Brocon, Passo di Manghen, Passo di Lavaze, Bozen, Ritten, Penser Joch. Dass es bereits auf halber Strecke zum 1601 Meter hohen Duran-Pass zu nieseln beginnt – egal. Bedenklich wird es erst, als der anschließende Regenguss jenseits der Baumgrenze in Schnee­graupel übergeht. Fröstelnd und triefend vor Nässe taste ich mich über die letzten glitschigen Kurven zur Passhöhe vor. Schneegestöber, Sturmböen, eisige Dolomitengipfel ringsum. Dazwischen der rauchende Kamin und die hell erleuchteten Fenster des Rifugio San Sebastiano, das um diese Jahreszeit gottlob noch geöffnet hat. Als ich eintrete, drückt mir Wirt Beniamino unaufgefordert einen Zimmerschlüssel in die eine, einen selbst gebrannten Grappa aus seiner 25 Sorten umfassenden Hauskollektion in die andere Hand. Die rund um den knisternden Kamin versammelten Bergsteiger und Motorradfahrer rücken zusammen, Gitarrengeklimper mischt sich unter die Brutzelgeräusche aus der Küche – die Stimmung ist so gut, dass ich gleich zwei Nächte bleiben will. »Drei Nächte«, korrigiert Beniamino. So lange habe es im letzten Jahr gedauert, bis der Schneepflug kam.

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