Dolomiten (Archivversion) Schnaps-Idee

Zugegeben, in den Dolomiten finden sich höhere Berge und Pässe. Aber die Nebenstrecken haben es auch in sich, meint Josef Seitz, der zum Monte Grappa gefahren ist.

kehre um Kehre zeichnet die kleine Straße ihr Zickzackmuster in
den Berghang. Zuerst steil bergan, dann fällt sie in schwungvollen Kurvenradien hinunter nach Canal san Bovo – nur, um gleich wieder hoch in den Bergen zu verschwinden. Die Rampe hinauf zum Passo
di Brocon entpuppt sich zu meiner Überraschung als ein echtes Highlight – ich fliege förmlich kreuz und quer durch enge Fichtenwälder
bergan. Mit jedem Höhenmeter schieben sich weit im Nordosten die markanten, grauen Felsspitzen der Dolomitenwände wie von Zauberhand über die von Fichten besetzten Bergzüge. Absolut genial. Es gibt Tage, da läuft’s, da will man einfach nicht vom Motorrad steigen – und heute ist definitiv einer davon.
Aber statt einen Haken zurück ins Herz der Dolomiten zu schlagen, halte ich mich diesmal in südöstlicher Richtung, folge dem Schild hinab ins Brentatal, entdecke ein weiteres Kurvenschmankerl: Die Strecke krallt sich verwegen in eine Steilwand, fädelt sich über zahlreiche Spitzkehren hinunter. Ein Meisterwerk italienischer Straßenbaukunst, das leider viel zu früh in einer vierspurigen Schnellstraße ein unwürdiges Ende findet. Ich halte mich nur für einige Kilometer auf dieser Trasse im Tal der grün schäumenden Brenta, biege bei der nächsten Gelegenheit rechts ab. »Tornante premiero« – klangvoll kündigt ein Schild die erste Kehre an. Eine von insgesamt 18 auf dem Weg, der vorbei an Enego nach Asiago führt, das bereits in den südlichen Ausläufern der Dolomiten liegt.


gerade ein paar Kilometer weiter verschwinden die Berge, als wären sie mit einer Bratpfanne in den Boden geprügelt worden. Unterhalb von Tortima wellen sich noch ein paar Hügel, dann zieht sich das
Land platt wie ein ausgerollter Pizzaboden in Richtung Adria. Ein letztes Mal klettert die Straße auf spitzen Kehren hinunter in die Ebene, und
ich gelange nach Marostica. Am Rand der Dolomiten hangele ich mich schließlich bis ins nahe Bassano del Grappa.
Gepflasterte Gassen, Rundbögen zwischen hölzernen Fensterläden, zerfressener Putz und verwaschene Farben an den Hauswänden – diese Stadt vermag einen wahrlich zurück ins Mittelalter versetzen. Ich gelange zur Ponte degli Alpini, einer alten Holzbrücke, die an die weltberühmte Ponte Vecchio in Florenz erinnert.
Ganz in der Nähe weckt ein kleines Museum meine Neugier. Darin geht es ausschließlich um die Geschichte des Grappa – pardon: der Grappa, wie ich dort erfahre. In Italien ist Grappa weiblich! Die Eigen-
tümer des Museums, die Familie Poli, betreiben eine der ältesten Grappabrennereien Italiens. Vergilbte Bilder zeigen den Großvater, der noch mit dem Brennkessel auf einem Handwagen von Weinbauer zu Weinbauer gezogen ist. Später, erklärt man mir, hätte er eine alte Dampflokomotive so umgebaut, dass er Schnaps in größeren Mengen herstellen konnte – der Grundstock zu einer erfolgreichen Firmengeschichte war gelegt.
Im Laden nebenan erstehe ich drei Flaschen.
Auf dem Weg nach Asolo vermisse ich die Kurven der Dolomiten.
Sobald die Berge zu Ende sind, scheinen die Straßen wie mit dem Lineal gezogen. Dafür liegt das kleine Städtchen praktisch am Fuß des Monte Grappa, der soeben verlockend in der Abenddämmerung verschwindet.
Der Weg in Richtung Berg ist am nächsten Morgen schnell gefunden. Doch ich lasse mich von einem Schild ins Valle San Liberale locken,
einem fantastischen Tal, an dessen Ende sich das »Moto Ristorante da Maurizio« befindet. Das urige Restaurant für Biker beherbergt zudem
das Clubhaus des Motoclubs Pompone, einem der großen Motorradclubs Italiens. Sofort komme ich mit Maurizio, dem Besitzer des Restaurants und Organisator des Motorradclubs, ins Gespräch. Nach einer Weile führt er mich in ein Nebenzimmer im zweiten Stock, wo mitten
im Raum ein abgedecktes Motorrad steht. Langsam zieht er das Tuch zur Seite und erklärt, dass es sich um einen original Prototyp von
Moto Guzzi handle – von einem Modell, das bislang nicht in Serie ging. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf angesichts dessen, was mir
Maurizio da präsentiert. Fotos sind leider tabu – die Welt wisse noch nichts von diesem Prachtstück. Ich bin völlig platt.


eine Stunde später mache ich mich wieder auf den Weg. Die Strecke beginnt gleich unterhalb des Clubhauses – eine nicht enden wollende Kurvenfolge. Und das bis knapp unter den Gipfel des Monte Grappa, dessen Kuppe von einem Kriegsmonument zum Gedenken an gefallene Soldaten eingenommen ist. Und es gibt noch mehr zu schauen: Dicht
an dicht drängen sich hier oben unzählige Motorräder auf dem Parkplatz. Moto Guzzi und Ducati dominieren, und das Grummeln der teilweise wunderschön zurecht gemachten Zweizylinder hängt in der Luft.
Über die Nordwestflanke lasse ich die Honda hinab ins Tal rollen,
fahre in Richtung Seren del Grappa. Die Bergwände rücken immer
näher zusammen, alte Gehöfte aus grauen Steinen kleben in den steilen Flanken. Schließlich windet sich die Straße lange Zeit durch sattgrüne Wälder, bis irgendwann der Ort auftaucht. Von dort geht’s weiter bis
Feltre – wo mich ein heftiger Platzregen vorzeitig zur Aufgabe zwingt.
Auf nass glänzenden Straßen rausche ich am nächsten
Vormittag durch das breite Piavetal hinunter nach Valdobbiadene.
Beim ersten Halt fallen mir sofort die vielen Sektgläser auf den
Tischen der Bars und Cafés auf. Ich vermute ein Fest – und
liege völlig falsch. Im Ort hätte man sich auf der Herstellung von
Prosecco spezialisiert, erfahre ich von einem Wirt, und das tägliche
Gläschen Sekt gelte sozusagen als Grundnahrungsmittel. Na gut.
Ich dagegen gönne mir ein anderes Vergnügen: Die Fahrt auf den
Hausberg von Valdobbiadene, den Monte Cesen, ist mindestens
genauso prickelnd.

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