Dominikanische Republik (Archivversion)

Und doch...

Auch wenn sie zur Zeit nicht gerade positive Schlagzeilen macht, die kleine Inselhälfte in der Karibik, und mit Massentourismus und Flugzeugabstürzen kämpft, so bietet sie doch ein kleines Stück Paradies. Und ein bezahlbares dazu.

Vergiß es, Annette, vergiß es einfach. Leg diesen verdammten Schalter in deinem Kopf um, daß hier nicht nicht das Stuttgarter Businessviertel ist, sondern die Karibik. Und du nicht in der Hertz Autovermietung stehst, sondern einem kleinen, schlampigen Motorradverleih im schlimmsten Touri-Nest der Dominikanischen Republik, wo´s die 125er für 400 Peso am Tag gibt, fast ohne Bremse und Reifenprofil zwar, aber inclusive kreischender Zweitakt-Aura. So was braucht Zeit. Was sind schon fünf Stunden? Orgie verhandelt nun schon zum x-ten Mal mit dem jungen dunkelhäutigen Vermieter. Der besteht komischerweise darauf, einen gültigen Reisepaß hinterlegt zu bekommen und nicht einen zerfledderten Personalausweis aus Norderney, der vor 15 Jahren abgelaufen ist. Aber seinen Paß gibt Orgie nicht so gerne her. Irgendwann vor Jahrzehnten hier mal von seinem Segelboot an Land gegangen und mehr oder weniger illegal hängengeblieben, hütet er die verbliebenen Dokumente streng. Zur Zeit verdingt er sich im Tourismus, dem senkrechtstartenden Erwerbszweig der Insel. Egal, ob die Besucher eine Stadtführung in Santo Domingo wollen, Goldwaschen in den Bergen oder eben Motorradfahren - Orgie und Oskar, sein Kumpel, machen alles. Orgie kippt noch einen Kuba Libre in der Bar nebenan und schiebt den Paß schließlich rüber. Egal. Wenigstens hat das mit dem Führerschein geklappt: Da er keinen hat, improvisiert Orgie meist mit seinem Hochsee-Patent vom Flensburger Wasser- und Schiffartsamt. »Kann ja eh keiner lesen.« Es ist später Nachmittag, als wir endlich aus Boca Chica verschwinden. Südöstlich von San Christobal übernachten wir in einem Hotel am Meer. Erste karibische Impressionen tauchen auf, als wir im letzten Licht den weißen, palmengesäumten Strand errreichen. Doch hier ist nur die Ausgangsposition für den Start in die Zentralcordilliere, den mächtigen und über 3000 Meter hohen Gebirgszug der Insel, durch den uns Orgie und Oskar führen wollen. Oskar ist allerdings noch nicht da. Orgie wirkt etwas gestreßt, weil er´s eigentlich mit dem Motorradfahren nicht so hat, wie er gesteht. Und mit der Route auch nicht. Ein Schlückchen Rum hilft über die Anfangsbeklemmung hinweg. Rum sei das allgegenwärtige Getränk der Dominikaner, erklärt er, fast so billig wie Wasser. Schließlich rangiert man hier unter den Top Ten der Weltzuckerproduzenten. Leicht schwankend geht es gen Nordwesten in die Berge, deren Ausläufer hier fast bis ans Meer reichen. Wir kreuzen ein bißchen hin und her, Orgie fragt gelegentlich mal ein paar Passanten, und schon sind wir in einem herrlichen Wald aus Palmen, Farnen, undurchdringlichen Rankgewächsen und flammend rotem Flamboyand, umgeben von dem Gezwischer und Gekecker unzähliger Vögel. Auf einer kleinen, sporadisch geteerten Straße geht es durch Orte, die uns in strahlenden Bunt entgegenleuchten. Ja, Bunt. Was die Natur nicht von sich aus an Farbe investiert, ergänzen die Dominikaner mit Rolle und Pinsel. Was geht. Ganze Häuser in schreiendem Pink oder Lila, die Fenster in Gelb, das Wellblechdach blau, oder komplette Kneipenfassaden in Rot, mit gewaltigen Coca Cola-Logos drauf, oder ganz in grün-weißer Sprite-Werbung. Manchmal auch gelb-violett, wenn der Bewohner ein Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Leonel Fernández ist. Kein Zentimenter der bescheidenen Holz- und Steinhütten, der farblich ungenutzt bliebe. Außen wie innen, und ebenso intensiv wie maßlos. Das Interieur ist dagegen einfach. In den Kneipen reihen sich in karger Monotonie die Rumflaschen im Regal, davor eine Theke und vier Hocker, fertig. Vom Wohnraum dahinter oft nur durch einen Vorhang oder eine dünne Pappwand getrennt. Allmählich wird es still in den Bergen, die Asphaltdecke ist nun ganz weg, gelegentlich kommt noch ein Mofa oder ein Maultier entgegen. Erste Kaffeesträucher tauchen im Schatten dichter Bäume auf, und die steiler werdenden Cordillieren ziehen sich in der klaren kühlen Luft in graubraunen Falten bis zum Horizont. 2000 Höhenmeter sind schon lange überschritten, ich ziehe den Kragen dichter. Das Naturreservat Valle Neuvo beginnt. Nach dem Vorbild der USA hat die Dominikanische Republik 1974 ihren ersten Nationalpark eingerichtet. Zwölf Parks und acht Naturreservate sind es inzwischen, und damit stehen rund elf Prozent der Inselfläche unter Schutz. Gerade noch rechtzeitig, bevor Kostbarkeiten wie Regen- oder Mangrovenwälder oder die Spitzkrokodile im Lago Enriquillo dem Kahlschlag der Landbesitzer zum Opfer gefallen wären. Im benachbarten Haiti, mit dem sich die Dominikanische Republik die Insel Hispaniola teilt, ist bis auf ein Prozent alles abgeholzt worden - mit entsprechend verheerenden ökologischen Folgen. Auf der Paßhöhe bei rund 2500 Meter begegnen uns ein paar Bewohner der kleinen Ortschaft Valle Nuevo. Mexikanisch aussehende Männer mit Levis Jeans und Baseballkappen. Einer trägt seine kleine Tochter auf dem Arm, deren schwarze Locken voll roter Schleifen gesteckt sind. Orgie erzählt ihnen in brüchigem Spanisch von unserer Tour. Klingt offenbar gut, denn sie grinsen uns freundlich an. Nordwestlich beginnt das Massiv des Pico Duarte, des 3275 Meter hohen Dachs der Insel. Doch dorthin gelangt man allenfalls in einer mehrtägigen Fußwanderung. Orgie scheint erleichtert, nimmt noch einen tiefen Schluck aus der Reisepulle, hängt den alten Plastikhelm an den Lenker und ballert beschwingt die langen Kehren ins Tal hinab Es geht nach Constanza, der Bergstation der Republik quasi. Ein kleines Nest voller Pick-ups und Four-Wheel-Drives, wo wir uns hungrig, dreckig und verfroren in eine kleine Kneipe drängen, die Rindergulasch mit Maniok anpreist. Der Fernsehapparat an der Decke brüllt überlaut auf uns nieder, und die Kellnerin singt schmelzend bei dem gerade gesendeten Musikquiz mit, während sie die Schüsseln auf unseren Tisch knallt. Ich fühle mich wie taub. Am nächsten Morgen setzt fieselnder Regen ein, während wir uns in einer kargen Frühstücksbar mit ungezählten Café con Letche und klebrigen Stückchen ins Leben zurückhieven. Der Jetlag trifft mich jetzt mit voller Breitseite. Auf schlaflose Nächte folgen brennende Augen und das Gefühl, ständig mitten in der Nacht zu sein. Nebelschwaden wabern unkaribisch kalt durch die Berge und wir tuckern klamm und vorsichtig über die feuchten Schotterwege. Orgie muß immer wieder mal nach dem Weg fragen. Gehören Wegweiser auf der Insel ohnehin zur Seltenheit, gibt es hier oben überhaupt keine mehr. Auch die auf der Karte verzeichneten Wege scheinen mehr oder weniger frei gemalt. Persönliche Erkundigungen bergen aber auch ein gewisses Risiko, wie Orgie erklärt. »Die Dominikaner erzählen dir immer was, egal ob sie nun wirklich wissen, wo´s lang geht, oder nicht.« Ein Schwätzchen ist immer nett und der Gringo wird´s dann schon irgendwie geregelt kriegen. Doch wir finden tatsächlich hinab nach Jarabacoa, gelangen allmählich wieder in tiefere und wärmere Abschnitte. Breit öffnet sich zwischen Nord- und Zentralcordilliere das fruchtbare Cibaotal. Beginnend bei Monte Cristi, versorgt es die ganzen Landwirte mit Obst und Gemüse, und mündet schließlich in den gigantischen Zuckerrohrfeldern im Osten der Insel. Ab La Vega ist es endgültig vorbei mit der alpinen Kühle und Abgeschiedenheit. In einer Bar lassen sich gerade zwei Soldaten von einem Jungen die Schuhe putzen und dabei genüßlich mit Rum zulaufen. Es sei Sonntag, und sie hätten heute frei, erklären sie gutgelaunt, die Pistolen souverän unter die Achseln geklemmt. Kreischend sausen zwei nahezu auspufflose Mopeds in einem Wettrennen vorbei, gefolgt von einem Pick-up mit schrankgroßen, musikbrüllenden Lautsprecherboxen auf der Ladefläche. Der Lärm übertönt sogar noch die Anlage des Straßencafés. Prostend hebt man die Gläser. Gut war´s. Bei der Weiterfahrt begegnet uns ein komplett lila und gelb geschmückter Autokorso, wieder mit brüllender Musik und wehenden Fahnen, mit singenden Leuten auf den Ladeflächen - Leonel Fernandez por presidente. Es herrscht gerade Wahlkampf, einer der ungezählten dieser Republik, von denen bislang keiner ohne den Verdacht des Wahlbetrugs zu Ende ging. »Dieselben, die heute für Fernandez brüllen, winken nächste Woche für Konkurrent Pena Gómez. Sprit und Rum gibt´s umsonst, also sind sie dabei«, desillusioniert Orgie meine Bewunderung für das politische Bewußtsein der Dominikaner. »Hauptsache, es geht gut was ab.« In Sanches erwischt uns der erste der heftigen tropischen Regengüsse, für die der Norden der Insel berüchtigt ist. Die von den Passatwinden über den Atlantik angetrieben Wolken entledigen sich hier an den ersten Erhebungen ihrer Last. Blitzartig verdunkelt sich der Himmel zu einem ganz eigentümlich schwefligen Gelb - und schon geht es los. Wie aus Eimern beginnt es zu schütten, innerhalb von Sekunden ist jedes Kleidungsstück durchweicht, das Wasser steht zentimeterhoch auf der Straße, die Motoren beginnen zu stottern und Mensch und Tier rennen eilends in Läden, Kneipen oder unter Vordächer, um sich in Sicherheit zu bringen. Während es etwa fünf Minuten wie unter dem Niagarafall schüttet, hält man ein kleines Schwätzchen, wo immer man gerade Unterschlupf gefunden hat, und wartet ab, bis es vorbei ist. Vereinzelt prescht noch ein tropfnasser Mopedfahrer oder ein Auto durch die Gischt, dann hört es ebenso schlagartig auf, wie es angefangen hat. Die hervorblitzende Sonne zaubert schnell noch einen Regenbogen an den Himmel, und schon nimmt das Alltagsgeschäft wieder unvermindert seinen Lauf. Eine kurze Atempause in diesem Leben, das 24 Stunden am Tage schwungvoll zu pulsieren scheint. Wir quartieren uns in einem kleinen Hotel ein, und ich versuche unter einem riesigen Ventilator, der träge die stickige Luft durchschneidet, endlich mal zu schlafen. Doch der Grundgeräuschpegel einer karibischen Kleinstadt hat es in sich. Es klingt, als zöge einen Block weiter der Kölner Karnevalszug vorbei. Unter dem allgegenwärtigen, alles untermahlenden hüpfenden und pochenden Rhythmus der Merengue, die die Dominikaner umgibt wie die Jamaikaner der Reggae, mischen sich ungezählte Fernsehgeräte, bellende Hunde, krähende Hähne, kreischende Kinder, schimpfende Mütter und röhrende Mopeds. Und natürlich die Einsprenksel internationaler Popmusik aus nur noch hilflos scheppernden Radiolautsprechern, zerschunden von den Exzessen gnadenloser Phonbegierde. Laut muß es sein, laut oder bunt. Der übliche Stromausfall bringt die Symphonie nur kurz zum Abschwellen - die Musik schwillt ab, das Hundegell und Kindergeschrei dafür an, dann springen wummernd die Notstromaggregate an, die Cassettenspieler und Fernseher nehmen träge wieder Fahrt auf, und das Leben geht weiter. Ich frage mich, wann es hier wirklich ruhig ist. Direkt hinter der Stadt beginnt die Halbinsel Samana. Eine verschlungene schmale Straße windet sich durch einen ganzen Wald aus Palmen und meterhohen Farnen ins Innere. Silbrig glänzend wogen die Kokos- und Königspalmen über den sanften Hügel des kleinen Nordostzipfels. Wohl eines der letzten Paradiese dieser Welt, wo Regen und Wärme ein Refugium Eiland für Pflanzen und Tiere schufen. Im Winter kommen die Buckelwale aus der Arktis hierher, um in der seichten Bucht zu kalben. Kilometerweit ziehen sich die langen weißen Strände am Küstensaum dahin, bilden kleine Buchten und Vorsprünge. Weiße Korallenstücke liegen angeschwemmt im Sand, Kokosnüsse schaukeln im Wasser. Hier ist er noch Wirklichkeit, der Traum von der Karabik. Auch wenn Hotels und All-inclusive-Tourismus immer näher rücken, immer mehr Quadratmeter der Schönheit entreissen.Und doch: Wer sich Zeit nimmt, die Kontraste dieser Insel zu entdecken, wird sie trotz aller Unkenrufe, sie gehe mit ihrer tourisitschen Geschäftstüchtigkeit den Bach runter, immer noch entdecken. Ich verstehe langsam, warum Orgie, der die Reisepulle nun gerade endgültig leert, nicht mehr nach Norderney geschippert ist, um den Ausweis zu verlängern. Er hat schon lange diesen Schalter umgelegt. Damals in der Kneipe an der Hafenpromenade von Santo Domingo, wo er zwischen all den Aussteigern und Fahnenflüchtigen aus Deutschland hockte, wo es Heino und Wiener Schnitzel gab, und wo Heizöl-Schulze von seinem Millionendeal mit dem verdieselten Heizöl erzählte, kurz bevor er die Biege machte. Da ist er geblieben, der Orgie. Ich glaube, es war gar nicht so dumm.
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Die Karibik-Insel ist mit ihren inzwischen zwei Millionen Urlaubern pro Jahr und dem Ghetto-Tourismus etwas in Verruf geraten. Dennoch bietet sie mit ihrer landschaftlichen Vielfalt Enduristen jede Menge Erlebnis. Wer sich vom Pauschal-Arrangement löst, kann zu erschwinglichen Preisen ein tolles Stück Natur entdecken.
Anreise:. Wer einen Flug sucht, hat mit der Chartergesellschaft LTU einen sicheren Partner. Die roten Brummer starten mehrmals wöchtenlich von Düsseldorf, Frankfurt, München, Hamburg und Berlin zum Nonstop-Flug nach Puerto Plata oder Santo Domingo. Sportgerät reist hier übrigens fast zum Nulltarif im Frachtraum mit. Tickets gibt´s ab 1581 Mark im Reisebüro. Dorthin wenden sich auch Interessenten für Komplettarrangements von Flug und Unterkunft. Auf Angebote achten. Die Strecke: Zusätzlich zu der beschrieben Strecke durch die Cordillera Central (rot) ist eine interessante Tour durch das Gebirge entlang der haitianischen Grenze in den wüstenartigen Süden der Insel möglich (gelb). Aber vorher unbedingt erkundigen, ob die Grenzsituation zum Nachbarstaat und der Streckenzustand die Tour zulassen. Gute Auskünfte und Hilfe vor Ort erhält man beim Reiseveranstalter Luna Caribe (deutschsprachig) in Santo Domingo, Telefon und Fax 1-809-689/72 12. Organisierte Touren: Der Reiseveranstalter ENDUROFUN Tours organisiert zweiwöchige Rundreisen auf 125er Enduros zu den Highlights der Dominikanischen Republik. Neben vielfältigem Off Road-Spaß kommt hier auch Relaxen am Strand nicht zu kurz. Nicht motorradfahrendene Begleiter können die Tour im Geländewagen erleben. Komplettarragements kosten bei Selbstanreise 3910 Mark (Sozius 3620 Mark, Begleiter im Geländewagen 2120 Mark). Eine Verlängerungswoche kostet zwischen 1750 und 1020 Mark. Flüge werden auf Wunsch reserviert. Näheres bei ENDUROFUN Tours in 25710 Burg/Dithmarschen, Postfach 43, Telefon und Fax 0 48 25/16 95. Mietmotorräder: Wer individuell unterwegs sein möchte, findet in den Touristenzentren an der Südostküste und um Puerto Plata im Norden überall kleine Motorradvermieter (im Hotel erkundigen). Meist sind 125er Zweitakt-Enduros im Angebot, die auf den Schotterwegen und Kurvensträßchen keine schlechte Wahl darstellen. Bei »Alpha 3000« in Boca Chica kostet die Yamaha DT 125 rund xx Mark pro Tag, ab einer Woche Mietdauer gibt´s einen Tag gratis. Telefon 1-809-523/62 22. Helm und Schutzkleidung mitbringen! Übernachten: Unser besonderer Tip ist das überaus geschmackvolle Hotel Ciudad Atlantis in Punta Bonita Las Terrenas. Es liegt unmittelbar an den Traumstränden auf der Halbinsel Samana und bietet einen guten Standort für Touren. Das Einzelzimmer kostet zwar rund 90 Mark pro Nacht, ist es aber allemal wert. Telefon 1-809-240/6111, Fax: /6205. Wer es preiswerter möchte, findet Zimmer ab etwa 30 Mark überall auf der Insel. Zeitaufwand: zusammen etwa eine WocheGefahrene Strecke: rund 800 Kilometer Alternative Strecke: rund 700 Kilometer

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