Dordogne / Périgord (Archivversion) Die Grenzgängerin

Wer mit einem britischen Motorrad durch das Département Dordogne fährt, entdeckt beim Trip zwischen Schlössern, Burgen und Höhlen erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Engländern und Franzosen.

Bei Souillac gibt es kein Halten mehr. In kaum mehr nachvollziehbaren Kurven taumelt die D 703 durch das Tal der Dordogne, die Triumph Bonneville und mich verwegen durcheinander wirbelnd. Wir taumeln einfach mit. Im Augenwinkel rauschen dichte Wälder vorbei, in allen Gelb- und Grüntönen leuchten. Es ist genial. Bis mich eine Bodenwelle in voller Schräglage erfasst, das Vorderrad aus der Spur hebelt und die ”Bonnie” auf der linken Fahrspur landet – ganz wie es in ihrer englischen Heimat üblich ist.Okay, verstanden. Nach der Schrecksekunde rolle ich gemäßigter über das deformierte Asphaltband, betrachte nach der wilden Kurvenhatz die Landschaft ein wenig genauer. Das Ufer der Dordogne ist erreicht. Mit 500 Kilometern einer der längsten Flüsse Frankreichs, der sich auf seinem Weg durch die alte Provinz Périgord viel Zeit zu nehmen scheint. In gemächlichen Schlaufen fließt er an schroffen Granitfelsen vorbei, streift auf engstem Raum romantische Dörfer, Schlösser und Burgen. Eine Bilderbuchlandschaft, um die sich Engländer und Franzosen über drei Jahrhunderte zankten, deswegen sogar hundert Jahre Krieg führten. Hätte sich England im Mittelalter durchgesetzt, könnte die Triumph heute problemlos auf der linken Fahrspur bleiben.Ein Abzweig führt durch dunkle Steineichenwälder nach Sarlat, wo mir erste Zweifel kommen, ob ich tatsächlich noch in der Gegenwart unterwegs bin. Die Stadt, die einst zehn Jahre britischer Herrschaft unterstellt war, besteht praktisch ausschließlich aus steinaltem Gemäuer sämtlicher Stilepochen und engen, miteinander verflochtenen Gassen und Hinterhöfen, in die kaum ein Sonnenstrahl dringt. Langsam rolle ich an Kathedrale und Bischofspalast vorbei, werfe einen Blick auf die Auslagen der Läden: Trüffel, Enten- und Gänseleberpastete - die Delikatessen des Périgord. In den winzigen Straßen-Restaurants, die sich bis in den letzten Winkel der Altstadt ausgebreitet haben, herrscht Hochbetrieb. Leute sitzen im Schatten mittelalterlicher Mauern an bordeauxrot gedeckten Tischen, vor ihnen Kristallgläser und Drei-Gänge-Menüs.Verlockend. Doch mehr als ein schneller Café au lait ist nicht drin. Schließlich wartet am Ortsausgang wieder eines dieser kurvigen Waldsträßchen, das die Triumph und mich zurück zur Dordogne bringt. Unten am Fluss herrscht geradezu mediterrane Atmosphäre. Ausflugsschiffe, Kanus und Kajaks ziehen an der Ortschaft La Roque-Gageac vorbei, die sich auf engstem Raum zwischen Flussufer und senkrecht aufragenden Felswänden zusammendrängt. Zum Glück hat der Platz noch für eine schmale Uferstraße gereicht, auf der die Triumph und ich uns an den steilen Hängen entlangtasten. Nicht einmal 40 Jahre ist es her, dass ein gigantischer Felsbrocken herunterkrachte und ein Viertel des Dorfes samt Uferstraße unter sich begrub. Lieber nicht nach oben gucken.Dem Risiko zum Trotz klebt an fast jeder Felswand ein Dorf und thront auf nahezu jedem Felsvorsprung eine Burg. Aus strategischen Gründen oder vielleicht auch einfach nur der Aussicht wegen. Domme, ein mittelalterliches Nest am anderen Ufer der Dordogne, hat offensichtlich den besten Blick von allen. Also nichts wie hinauf. Und tatsächlich - von der Aussichtsterrasse La Barre wirkt die Flussschleife von Montfort so phänomenal, wie aus einer Helikopter-Kanzel betrachtet: Auf der rechten Uferseite thront die mächtige Festung Beynac, links der Ort Castelnaud.Gut für die Triumph, dass der englisch-französische Dauerkonflikt der Vergangenheit angehört. Sonst könnte sie sich als Engländerin kaum über die Flussbrücken wagen. Denn im späten Mittelalter war die Dordogne eine militärische Grenze, hüben saßen die Engländer, drüben die Franzosen. Ausgestattet mit Wurfmaschinen, Armbrüsten und allerlei Kriegsgerät, das heute im Museum für mittelalterliche Kriegsführung steht. Nonstop fahre ich von Domme nach Beynac, von Beynac nach Castelnaud, an meterdicken Festungsmauern vorbei, die es ohne den wahnwitzigen Rüstungswettlauf der beiden Länder niemals gegeben hätte.Hinter Castelnaud dann Bananenstauden und Feigenbäume, die jetzt im November Früchte tragen. Und schließlich geht es wieder durch die typischen dunklen Steineichenwälder, denen das »Schwarze Périgord« seinen Namen verdankt. Hin und wieder taucht eine Lichtung auf, ein Schloss, eine Burg, ein mittelalterliches Dorf. Beton muss hier auf dem Index stehen. Nicht einmal das weiß verputzte Einfamilienhaus scheint zu existieren.Die Zeit vergeht, ohne dass ich auf diesen verschachtelten Waldwegen wirklich Strecke mache. Bei Allas-les-Mines fahre ich über die Dordogne-Brücke, brettere eine Weile auf der gut ausgebauten Uferstraße entlang, schwenke bei Lalinde dann doch wieder auf Entdeckertour ins Hinterland. Schon zwei Ecken weiter stoße ich auf eine geschotterte Ulmenallee zum Château de Languais, das von Brombeerhecken umgeben um diese Jahreszeit schon Winterschlaf hält. Kein Mensch ist zu sehen. Nur ein paar Dohlen, die zwischen den Tonziegeln der Türme nisten. Am Ortsausgang entdecke ich noch eine Burg, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Schlossherren wie du und ich – hier im Périgord hat jeder größere Bauernhof ein paar Türmchen und Erker zu bieten.Als ich dem Seitental der Couze nach Süden folge, gelange ich nach Beaumont. Wäre das Wetter nicht so gut, die mittelalterliche Ortschaft würde mich glauben machen, ich befände mich irgendwo in England. Fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift ”Pub” vis-à-vis der festungsartigen Kirche St. Front. Stattdessen werden dort in einem typisch französischen Straßencafé Croissants und duftender Café au lait serviert. Mit etwas Glück ergattere ich einen der letzten freien Sonnenplätze mit Blick auf das Gotteshaus. Dicke Verteidigungstürme, Wehrgänge, Schießscharten anstelle von Fenstern bestimmen dessen Charakter. Fast 200 Jahre haben sich die Engländer in Beaumont gehalten, bis das Wehrdorf 1442 von den Franzosen eingenommen wurde.Nach der erneuten Exkursion ins dunkle Mittelalter kommt das Farbenspiel des Roten Périgord gerade recht. Richtung Bordeaux im Westen lösen ausgedehnte Weinfelder zunehmend die dichten Wälder ab, und auf den winzigen Straßen ist wegen der Traubenlese Slalomfahren angesagt. Hier einen Traktor mit Anhänger überholen, der die eingebrachte Ernte nachhause karrt. Dort mit Beeren gefüllten Körben und Eimern ausweichen, die man mangels Verkehrsaufkommen mitten auf der Fahrbahn abgestellt hat. In Conne de Labard döst sogar ein Hund auf der Straße.Als ob die Gegend nicht schon genügend Schlösser aufzuweisen hätte, hat man bei Montbazillac auch noch die Weinlagen danach benannt. Château la Maroutie, Château Bellevue, Château Thenoux, Château Vari... Inmitten von 4000 Hektar Weinreben ist bei so vielen Schlössern das eigentliche, zum Weingut umfunktionierte Château de Montbazillac kaum noch zu finden. Da muss man schon einen guten Riecher haben – wie beispielsweise der legendäre Roman- und Filmheld Cyrano de Bergerac.Auf der Suche nach dem legendären Cyrano kurve ich von Montbazillac ins sechs Kilometer entfernte Bergerac. Die Dorgogne steht dort bereits kurz vor ihrer Mündung in die Garonne und wälzt sich breit und behäbig an der Stadt vorbei Richtung Bordeaux und den nahen Atlantik. Bald hat sie’s geschafft. Die schroffen Kalkfelsen und die hübschen Flussschleifen sind verschwunden. Auch von Cyrano fehlt jede ernst zu nehmende Spur, trotz Denkmal an der Place de la Myrpe und einer Bäckerei, die werbewirksam seinen Namen trägt. Tatsächlich ist der Haudegen und Schriftsteller nie in Bergerac vorbeigekommen, obgleich ihm die Tavernen in den dunklen Gassen um die Rue de L’Ancien Pont sicher gefallen hätten. Nach einer schnellen Runde durch die Stadt zieht es mich wieder flussaufwärts. Nach Lalinde, wo sich steinalte Brücken und Türme in der Wasseroberfläche spiegeln, und auf die kaum fahrzeugbreiten Sträßchen hoch über der Flussschleife von Trémolat. Bei Limeuil schwenke ich schließlich ins Seitental der Vézère ab - dem ”Tal der Menschen”, wie es heißt. Zerklüftete Kalksteinfelsen säumen den Fluss, gespickt mit Höhlen, Gängen und Terrassen. Schon vor über 20 000 Jahren, also lange bevor es eine Unterscheidung zwischen Engländern und Franzosen gab, haben hier Menschen gelebt und sich mitunter auch mal eins über den Schädel gezogen. In Les Eyzies-de-Tayac thront ein in Stein gemeißelter Neandertaler vor dem Eingang des Prähistorischen Nationalmuseums und blickt mit nachdenklicher Miene über die Avenue de la Préhistoire, wo Ur-Bisons aus Styropor dekorativ hinter Schaufensterglas drapiert sind. In den Souvenirläden treten die obligatorischen Dosen mit getrüffelter Gänseleberpastete hinter aufblasbaren Steinzeitmenschen und Pappe-Dinosauriern zum Ausschneiden zurück. Bei so viel prähistorischem Kult bietet der Immobilienmakler von Les Eyzies mit dem Thema ”Château” eine willkommene Abwechslung. Im Angebot finde ich gleich fünf ansehnliche Schlösser mit Bild. Darunter wahre Schnäppchen für 500000 Euro.Die Steinzeitmenschen des Périgord haben da schlichter gelebt. Zumindest die in der Felsenwohnstätte La Roque Saint-Christophe, an der die Triumph und ich wenig später vorbeirauschen. Hochhauskultur à la Fred Feuerstein: Die Höhlen der ”Cité Troglodytique” verteilen sich über fünf Etagen in einer 900 Meter langen Felswand. Für die traumhafte Wohnlage könnte der Immobilienmakler von Les Eyzies einen saftigen Zuschlag kassieren. Durch die Efeuvorhänge, die wohl schon vor 50000 Jahren vor jeder Wohneinheit hingen, hat man einen grandiosen Blick auf die Vézère, die umgeben von altem Baumbestand zwischen moosbewachsenen Felsblöcken wie ein Urwaldfluss dahinfließt.Bei Montignac erwische ich ein Sträßchen nach Norden, das so schmal ist, dass selbst ein Auto und ein Motorrad nicht reibungslos aneinander vorbeipassen und auf den unbefestigten Seitenstreifen ausgewichen werden muss. Gänse schnattern am Straßenrand, als die Triumph durch die herbstlichen Wälder brettert. Nur ab und an trifft der Blick auf ein Schloss, dessen Giebel über die Baumwipfel ragt.Am Barock-Schloss Hautefort drehe ich ab ins Tal der Auvézère, fahre über Périgeux, die Hauptstadt des Périgord, nach Bourdeilles und folge von dort dem Tal der Dronne nach Brantôme. Flüsse über Flüsse, Schlösser über Schlösser, Höhlen über Höhlen... Als ich den Ortseingang von Brantôme erreiche, sind die Höhlenbewohner des 21. Jahrhunderts gerade dabei, ihren Citroen aus der zur Garage umfunktionierten Höhle zu rangieren. Ganze Häuser sind hier im Fels versteckt. Oft zeichnet sich nur noch die verglaste Fensterfront vor dem grauen Stein ab. ”Grotte, 72 Quadratmeter - ab sofort zu vermieten”, am Boulevard Coligny könnte man direkt einziehen. Daneben reiht sich Höhle an Höhle, ausgestattet mit Hundesalon, Crêperie, Klamottenladen - ich bin mitten im ”Cadre Troglodyte” , dem kommerziellen Höhlen-Viertel Brantômes. Die Altstadt, von der es heißt, sie sei das ”Venedig des Périgord”, liegt drüben auf einer Insel in der Dronne. Für einen Markusplatz hat der Raum zwischen den dicht gedrängten Häusern leider nicht gereicht, doch auf dem Dronne-Kanal sind stilgerechte Gondolieres unterwegs - wenngleich mit leichter Unterstützung eines Elektromotors.Nachdenklich rolle ich mit meinem Britbike an der alten Benediktiner-Abtei vorbei, die im hundertjährigen Krieg zwischen Engländern und Franzosen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zum Glück zählen die kriegerischen Zeiten in diesem Teil Europas längst der Vergangenheit an und was die Nationalität betrifft, so findet sich die Bonneville bald in adäquater Gesellschaft. Am Café Au Fil du Temps - am Faden der Zeit - wimmelt es von englischen Autos der Marken Jaguar, Austin und Triumph. Allesamt Teilnehmer der elften Oldtimer-Rallye ”Ronde des Chateaux en Périgord”. Angetan vom Gedanken einer Schlösser-Rallye, folge ich einer Gruppe röhrender Achtzylinder nach Norden. Zum Château de Puyguilhem, Château de Bruzac, Château de la Marthonie... Nach einer Weile drehe ich ab und mache mich auf den Heimweg Richtung Autobahn. Wenn es die Fahrer der Oldtimer-Rallye genau nehmen mit ihrer Schlösser-Tour durchs Périgord, sind sie wohl noch einige Monate unterwegs.

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