Ein Tag auf der Autobahn (Archivversion) Adenauers Vermächtnis

Am 6. August 1932 eröffnete Konrad Adenauer die erste Autobahn. 20 Kilometer von Köln nach Bonn. Wie sieht es 75 Jahre später auf dem visionären Projekt aus? Wenn Urlauber aus halb Europa die inzwischen 12500 Kilometer für zwölf wilde Wochenenden zum Lebensraum erklären?

Die Pässe bitte!« Unbewegt nimmt die Autobahnstreife die Personalien einer Gruppe Südländer auf, die ihre Nacht offensichtlich in Schlafsäcken am Rasthof Hohenlohe verbracht hat. Verlegen drängen sich rund ein Dutzend Frauen, Männer und Kinder an einem Picknicktisch. Ihre Fahrzeuge abgewohnte Kombis mit Überführungskennzeichen aus allen Ecken der Republik.
Freitag, 27. Juli, 8.30 Uhr. A 6. Ferienbeginn in Süddeutschland. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm auf eines der Hauptreisewochenenden dieses Sommers. Gerhard und ich rollen Richtung Osten. Rechts die übliche, kaum mehr abreißende Lastwagenkolonne aus Tschechien, Polen und Ungarn, vor uns die ebenso vertrauten Dauer-linksfahrer. »Ellers Reisen« überholt gefühlte zehn Minuten lang mit genau 112 km/h. Viel mehr ist hier selten drin. A 6 – Achse der Wiedervereinigung und EU-Osterweiterung. Als Teilstück der E 50 von Paris nach Prag verbindet sie logistisch die beiden Welten Zentraleuropas. Mit der höchs-ten Lkw-Dichte im gesamten deutschen Autobahnnetz: tagsüber 30 Prozent, nachts bis zu 50.
»So werden die Straßen der Zukunft aussehen«, sagte Konrad Adenauer, der die Idee Autobahn vor 75 Jahren aus der Taufe hob. Als dama-liger Oberbürgermeister der Stadt Köln eröffnete er Deutschlands erste »Nurautomobilstraße«. Eine vierspurige, kreuzungs- und ortsdurchfahrtsfreie Verbindung von Köln nach Bonn. Die heutige A 555. Dass Hitler bis dato von vielen als Erfinder der Autobahn gehandelt wird, war ein Trick seines Propagandaministeriums.
9.00 Uhr. Eine Baustelle auf der Jagsttal-brücke reduziert das Tempo auf 80, danach ein kurzes Stück freie Bahn. Gas auf Anschlag. Orkanartig reißt der Fahrwind an Helm und Schultern, 180, 190, 200. »Drive on the No-Speed-Limit German Autobahn« – in den USA verkaufen gewitzte Reiseanbieter Adenauers Vermächtnis als Extremurlaub. Heizen, was geht! Im Porsche oder auf der Hayabusa. Die Deutschen empfanden Tempolimits seit jeher als Zumutung. So ließ Adenauer die A 555 für sensationelle 120 km/h freigeben, obwohl die Fahrzeuge im Schnitt gerade mal 60 brachten. Er wollte ein modernes Verkehrssystem.
10.00 Uhr. Rasthof Frankenhöhe. Auch hier ist noch alles im grünen Bereich. Die Trucker sind schon weg, die Mittagspausengäste noch nicht da. Ein paar Sportler vom TSV Sontheim drängen sich am Kaffeeautomat, eine Busreisegruppe verzehrt auf dem Parkplatz mitgebrachte Brötchen. Unter 3,50 Euro wäre drinnen keine Schrippe zu kriegen.
10.30 Uhr. Bei Nürnberg, an der Drehscheibe Nordbayerns mit fünf Kreuzen rund um die Fran-kenmetropole, geht es los. Frankfurt, Berlin, Prag, München – A 3 und A 9 bringen neue Impulse und bei Feucht den ersten Stau auf der Nordwestspur. Rückreisende aus Skandinavien und den Beneluxländern. Zwischen mittlerer und linker Spur mogeln wir uns an den kriechenden Autos und Lastwagen vorbei, die freundlich eine Gasse öffnen. Lächeln aus Cabrios, winkende Kids aus Family-Vans. Motorrad-Privilegien werden offen-bar akzeptiert. Vielerorts rutschen selbst Streifen­wagen beiseite, um Bikern bereitwillig Platz zu machen. Wo’s in der Praxis keine Probleme gäbe, müsse man sie auch nicht aufbauschen, lautet die überraschend unkomplizierte Einstellung vieler Polizisten.
11.30 Uhr. Rasthof Greding West. Historisches Terrain. Hier eröffnete Irmgard Heintel 1945 die erste Autobahnraststätte. Unmittelbar nach dem Krieg, die A 9 zerbombt, das Lokal eine Bretter-bude, die Gäste vorwiegend amerikanische Besatzungssoldaten. Irmgard Heintel war die Unternehmerin der ersten Stunde. »Sie hatte den Mut der Verzweiflung. Als Gredinger Krieger-witwe mit fünf kleinen Kindern blieb meiner Mutter einfach nichts anderes übrig als die Flucht nach vorn«, erzählt Tochter Sybille von Westphalen, die heute den Rasthof mit fast 70 Angestellten führt. Im Tauschhandel gegen Chesterfield Zigaretten und Bohnenkaffee bot Frau Heintel warmes Essen und bayrische Andenken. Die GIs nannten ihren Laden »gift shop«, was die Gre­din­ger köstlich amüsierte. Zehn Reichsmark Pacht betrug der Obolus an die Autobahn-Direktion. Heute gehört Greding West zum Mega-Unter-nehmen Tank & Rast AG, das nahezu sämtliche Autobahn-Raststätten kontrolliert. »Ich bin nur noch Teil eines Systems«, sagt Sybille von Westphalen.
13.30 Uhr. Der Parkplatz ist inzwischen proppenvoll. Hanna, Maya und Matthias Ziegler stehen noch wie betäubt neben ihrem Leihwagen. Vor wenigen Stunden hätte ein Überschlag ihres eigenen Suzuki SX 4 auf der A 3 beinahe alle Lebenspläne begraben. »Am Stauende von der Bahn gerammt!« knurrt Matthias. Doch wie durch ein Wunder kletterte die junge Familie unver-letzt aus dem Wrack. Mit Hilfe des ADAC kann die Reise an den Attersee weitergehen. Für 662 Menschen endete im vorvergangenen Jahr die Fahrt auf deutschen Autobahnen tödlich. Tendenz zum Glück fallend. Mit 1552 Toten markiert das Jahr 1991 den traurigen Höhepunkt der Unfallstatistik.
Die drei Motorradfahrer, die wir später treffen, wissen nichts von den Zieglers. Sie sahen nur den Schrott. Und fast 100 Kilometer Stau. »Grässlich war’s!« 14000 Kilometer Stop-and-go-Verkehr zählte der ADAC allein an den zwölf Hochdruck-Reisewochenenden 2006. Müde nippen die Jungs an ihren Kaffeebechern. Auch sie wollen nach Österreich, Kärntner Pässe fahren.
15.30 Uhr. Bei Ingolstadt stockender Verkehr. Am Rasthof Holledau (»Gastlichkeit seit 1938« – einziges Relikt aus der Vorkriegszeit) staut es bereits an 14 Tankplätzen. Neben einem 40-Tonner aus Istanbul bereitet Kemal Günes gerade sein Mittagessen. Die Bordkombüse zwischen den Zwillingsreifen ist top ausgestattet. Türkei-Transit steht an diesem Freitag hoch im Kurs. Ein paar Meter weiter nimmt ein Überlandbus eine kleine Gruppe Heimaturlauber auf, die unterwegs zum Bosporus ist. »Haltestelle A 8.« Tage werden sie unterwegs sein. Auf der Bahn donnert ein Tross Harleys vorbei, sekundenlang alle übrigen Geräusche übertönend.
16.30 Uhr. Noch 60 Kilometer bis München. Feierabend- und Urlaubsverkehr kumulieren. Ein alter DKW qualmt tapfer über die rechte Spur, kurz vor Vaterstetten schraubt ein ADAC-Mechaniker auf dem Standstreifen am Triebwerk eines maroden Kleinwagens. Ratlose Blicke der noch jugendlichen Besitzerin, Motor komplett im Eimer. Auf den Parkplätzen werden unter Bäumen die Picknickdecken ausgebreitet, denn die Rast-häuser sind langsam dicht.
17.30 Uhr. Abzweig Garmisch. Die ersten Alpengipfel. Noch 120 Kilometer bis zur öster-reichischen Grenze. Die Tankstelle Irschenberg – nur eine Anlage für beide Richtungsfahrbahnen – ist hoffnungslos überlastet; Wohnmobile und Wohnwagengespanne verstrickt in der unübersichtlichen Verkehrsführung. Nur Sepp Bauers Wochenende verläuft derzeit noch unterdurchschnittlich ruhig. Zwischen Pfingsten und September ist der Bergwacht-Rettungssanitäter jedes Reisewochenende auf den einschlägigen bayrischen Autobahnabschnitten per Motorrad im Einsatz. »Mit regulären Rettungsfahrzeugen kam man irgendwann nicht mehr hinterher. Auf den BMWs sind wir dagegen immer die Ersten am Unfallort.« Freiwillig alleiniger Ersthelfer an oft verheerenden Unfallschauplätzen? »Klar, gerne sogar. Da kann man wirklich helfen.«
20.00 Uhr. Eine letzte Raststätte vor der Grenze peilen wir noch an: Chiemsee Nord, direkt zwischen See und der A 8, berühmt für malerische Sonnenuntergänge. Auf dem Standstreifen ringt man bereits um die besten Plätze, bis es kurz nach acht passiert und die Sonne glühend hinter dem Westufer abtaucht. Kameras und Fotohandys surren, der Topspot der A 8 in Höchstform.
21.00 Uhr. Die Reisewelle brandet jetzt mit voller Wucht. Auf drei Spuren gleißen die Scheinwerfer dicht an dicht gen Süden. An den Parkplätzen richtet man sich inzwischen für die Nacht ein, noch immer herrschen wolkenlose 20 Grad. Traumsommer in Deutschland. Wohn­mobile fahren die Vordächer aus, Klappstühle und Kühltaschen kommen aus den Kofferräumen, erste Korken fliegen, während Kinder auf dem Rasen schlafen und erschöpfte Biker an ihren Maschinen dösen. Ein paar Stunden wird die Welle noch tosen. Bis weit nach Mitternacht die Letzten aufgeben und sich einfach auf der nächsten Bank ausstrecken werden. Ferien auf der A 8. Der Urlaub hat begonnen.

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