Enduro-Erlebnis Rallye Dresden-Breslau (Archivversion)

Eins mit der Maschine

Die Teilnahme an einer Rallye bedeutet nicht nur Fahren im Grenzbereich, sondern auch einen Enduro-Trip mit extremen Empfindungen und sozialen Erfahrungen.

Brüllend fräst sich die KTM durch den Sand, staubt ihre Verfolger ein und versinkt bei einer Flussdurchfahrt bis über die Stitzbank im Wasser. Was fast nach Baja 1000 klingt, der legen-dären Rallye auf der mexikanischen Halbinsel Baja California, spielt auf dem Gelände einer verfallenen ehemaligen Schlachthofanlage bei Dresden. Ich fahre den Prolog der lizenzfreien Rallye Dresden-Breslau. Fasziniert scheuche ich die Enduro durch die Prüfung und bekomme zwischen aufgegebenen Industrie-Komplexen und schwierigen Bauschutt-Passagen eine beklemmende Ahnung davon, wie Enduro-Sport auf den Resten der Zivilisation aussehen könnte. Eine düstere Vision, die bald nach dem Start zur ersten Etappe vergessen ist.

Interessante Typen fahren mit mir: Henk Knuiman etwa war 2007 Dakar-Elfter, sein Vater steuerte bereits 1982 als erster Holländer eine XT 500 ins Ziel von Dakar. Oder Henno van Bergeijk, der 2006 als Letzter die Dakar auf einer modifizierten XT 500 beendete. Mit von der Partie ist auch Michi Baumann aus München, der Leiter meines Teams, der seine insgesamt neun Fahrer und sechs Mechaniker mit einem uralten, für Afrika-Expeditionen hergerichteten Iveco-Lkw während der traumhaften Biwaks im Wald aufs Fürstlichste versorgt. Michi wagt es auch, auf dieser 1200 Kilometer langen Rallye drei nur 50 cm3 große Beta-Enduros einzusetzen. Sie fahren mit wenig erprobten Tuning-Kits und sterben schon auf der ersten Etappe den Hitzetod. In Windeseile sendet der deutsche Importeur Ersatzteile an den Hundesalon Struppi in Cottbus, die nächste von DHL anlieferbare Adresse in den osteuropäischen Wäldern. Während im Fahrerlager an den Betas geschraubt wird, kämpfe ich mit der Decodierung des Roadbooks. Die ersten Sonderprüfungen fordern den Fahrern inmitten duftender Nadelwälder auf den Spuren manöverfahrender Panzer alles ab.
Mitten in einem Fluss stecke ich erneut bis zur Sitzbank im Wasser, als mir eine zarte Hand den Rettungsgurt reicht: Tina Meier, Pilotin einer Dakar-Yamaha, erteilt mir eine Lektion in Sachen Fairplay und befreit mich aus der hoffnungslosen Situation. Am anderen Ufer spuckt die KTM. Egal. In lustvollem Zickzack-Kurs fahre ich durch mannshohe Fichtenschonungen, finde mit Hilfe des Roadbooks den Ausgang aus dem Labyrinth und zum Etappen-Ende. Im Fahrerlager wird wieder an den 50ern geschraubt, doch nach einer Leistungsreduzierung laufen sie deutlich besser.

Die folgende Marathon-Etappe ist 450 Kilometer lang und startet bei Frühnebel und Gegenlicht. Ich schaffe es, Ruhe zu bewahren, während die vor mir gestarteten Konkurrenten wie wildgewordene Billardkugeln rechts und links in die Pampa schießen. Nach 30 Kilometern bin ich allein, vor mir nur mein Roadbook, unter mir die KTM, die ihr Viertakt-Lied in die Wälder brüllt. Das Motorrad hat nun keine Geheimnisse mehr, ich verschmelze mit meiner Maschine und empfinde mich körperlich und geistig in perfekter Balance. So fliege ich durch die polnischen Wälder und spüre: Genau das ist sie, die geniale Harmonie, die den wahren Reiz des Rallyefahrens ausmacht.
Zum zweiten Teil der Sonderprüfung starte ich an diesem Tag als fünfter Fahrer. Nach 30 Minuten stoße ich auf die ersten vier, die sich wie tollwütige Wildschweine einen Weg durch den mit Schilf überwachsenen Sumpf suchen. Im Umkreis von einem Kilometer höre ich die im Schlamm versunkenen Motorräder wie Motorsägen schreien, während ich zunächst zu Fuß einen Weg durch den Sumpf erkunde. Dann stürze ich mich samt KTM mit einem Kloß im Hals durch die Morastpassage, wohl wissend, dass ein Zucken am Gas oder Unentschlossenheit beim Überspringen der Wasserkanäle das Ende der Rallye bedeuten könnte. Mit Glück schaffe ich es bis auf festen Boden, fühle mich wie der erste Mensch auf dem Mond. Doch schon machen sich meine Verfolger unaufhaltsam daran, durch meine Spur zu fräsen wie ein Panzerkommando. Ich flüchte durch kniehohes Gras ohne jegliche Spuren, wie auf Samtpfoten taste ich mich durch die geheimnisvolle Landschaft, das Herz schlägt laut direkt im Helm.
Plötzlich bin ich von Maschendrahtzäunen umgeben. Ich schneide ein Loch, meine Verfolger sind da. Sie stellen ihre Motoren ab und warten, bis ich die Zange wieder in der Werkzeugtasche verpackt habe, lassen mir den Vortritt, Respekt. Trotz harter Zweikämpfe dominiert Fairness die Rallye. Am Ende gewinnt sogar eine der totgeglaubten 50er-Betas sensationell eine Tagesetappe. Im Ziel wird mir klar: Rallyefahren ist wie Leben im Zeitraffer. Nervosität, Hoffnung, Euphorie, Orientierungslosigkeit, Stress, Angst, Frustration, Freude und Optimismus in ständigem Wechsel. Intensiver kann Motorradfahren nicht sein.
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Infos zur Rallye Dresden - Breslau (Archivversion)

Eine Rallye wie die Dresden-Breslau fasziniert durch feinste Enduro- und Natur-Erlebnisse. Auf ihre Art ist sie auch eine Reise ins Innere des Piloten. Eine günstigere Gelegenheit für zehn Tage tollen Offroad-Kick gibt es kaum.
Allgemeines 2009 findet die fünfzehnte Ausgabe der lizenzfreien Rallye Dresden-Breslau vom 26. Juni bis 4. Juli statt (www.rallye-breslau.com).

Das Rennen 2008 führte mit einer Gesamtlänge von rund 1200 Kilometern über acht Etappen mit Prolog und Showstart im Stadtzentrum von Dresden über die Etappenziele Zagan und Recz im westlichen Polen. Abgesehen von den ersten beiden kurzen Etappen zum Einfahren laufen die Folge-Etappen über Längen von rund 100 bis 180 Kilometer (Marathonetappe 450 Kilometer) auf sandigem Untergrund in den Wäldern und über große Truppenübungsplätze in Polen.

KOSTEN Einschreibung Fahrer 885 Euro, 500 Euro für die erste Serviceperson mit Fahrzeug, jede weitere Serviceperson 450 Euro. In der Teilnahmegebühr ist gute Verpflegung mit Frühstück, Lunchpaket und reichhaltigem Abendessen eingeschlossen. Biwak-Übernachtung im Zelt oder Camper.

Mit weiteren Aufwendungen wie Anreise, Treibstoff und Zusatzverpflegung kommt ein Zwei-Mann-Team (ein Fahrer, ein Service-Techniker) insgesamt auf 1600 bis 1700 Euro Gesamtkosten für zehn Tage Offroad-Erlebnis vom Feinsten.

Verschiedenes Fitness: Gute Grundkondition ist wünschenswert, für normal sportliche Endurofahrer ist die körperliche Anstrengung bei guten Witterungsbedingungen kein Problem, bei Dauerregen (2007) kommt man aber schnell an seine Grenzen.

Navigation: Das Roadbook der "Breslau" ist eines der anspruch-vollsten und genauesten in der Rallye-Szene. Absolut präzise Beachtung der Kilometerangaben und ständiger Abgleich mit dem Tripmaster sind zwingend notwendig. In den Wäldern wird zum Teil in Zehn-Meter- Schritten navigiert.

2009 wird das Roadbook als Rolle ausgegeben, so entfällt das lästige Kleben. Ausreichend Markierstifte mitbringen, um die wichtigsten Hinweise farbig hervorzuheben. Jeder Fahrer hat da seine eigene Theorie und "Handschrift".

Wichtige Regel: Nie dem Vorausfahrenden folgen!

Biwak: Die Fahrerlager auf den Truppenübungsplätzen in den polnischen Wäldern sind zum Teil (besonders in Recz) ideal für einen Familienurlaub. Traumhafte Seen laden zum Baden ein, und die weitläufigen Areale mit ihrem weichen Untergrund sind für Kinder auf Minibikes ein Paradies. Achtung: Einkaufsmöglichkeiten oft nur in fünf bis zehn Kilometer Entfernung vorhanden, deshalb vorausschauend planen. Duschen und Toiletten stehen nicht immer zur Verfügung (sind häufig Militäranlagen).

Schmankerl für Technik-Freaks: Die Breslau-Rallye ist die einzige Veranstaltung in Europa, bei der man neben Motorrädern auch Pkw- und Lkw-Rallye-Fahrzeuge im extremen Einsatz beobachten kann. Wer einmal einen Hellweg-Unimog mit Zentralmotor und 350 PS wie ein Supercross-Motorrad über die Panzerpisten springen gesehen hat, vergisst diesen Anblick nie wieder!



Rallye-Dauer: 10 Tage
Gefahrene Strecke: 1200 Kilometer

MOTORRADVORBEREITUNG
Jede geländetaugliche Sportenduro kann an dem Rennen teilnehmen, sollte allerdings rallyemäßig vorbereitet sein. Notwendig sind folgende Ausrüstungselemente:Elektrischer Roadbook-Halter, hoch vor dem Lenker montiert.

Tripmaster (Kilometerzähler), über dem Roadbook-Halter platziert.
Kleines GPS vorteilhaft, nicht vorgeschrieben. Auch ein Kompass sollte immer dabei sein.

Reichweite 90 Kilometer sind ausreichend, 150 Kilometer besser.
Je nach Wetterlage und wegen der zahlreichen Flussdurchfahrten muss das Motorrad staub- und absolut wasserfest vorbereitet sein, das heißt, Luft-filter mit zusätzlichem Schutzstrumpf und Dichtfett versehen, Roadbook-Halter rundherum abkleben und elektrische Anlage perfekt warten.

Vollgummischläuche ("Mousse") in den Reifen sind zwar teuer, geben aber die beruhigende Gewissheit, mehr als eine Woche ohne Plattfuß unterwegs sein zu können. Ein Set Enduro-Reifen ist auf dem sandigen Boden für die komplette Veranstaltung ausreichend.

Die Kette sollte auf dem sandigen Boden nie geschmiert werden, eine Ersatzkette und Ritzel sowie Bremsbeläge gehören neben Motoröl zum Wechseln in die Werkzeugkiste.

Das wichtigste Werkzeug zur Maschinenwartung kommt ans Motorrad oder in die Gürteltasche des Piloten, in der sich auch Geld, Dokumente und Energiereserven in wasserdichten Zip-Bags befinden.



Alternative Rallyes
Rally Albania: 1400 Kilometer, 6. bis 13.6.2009, www.fennek.it/NEWSPAGE/newspage.htmTranscarpatic Rally Romania: 2800 Kilometer, 26.7. bis 1.8.2009, www.transcarpaticrally.roBaja Saxonia: 1200 Kilometer, 2. bis 4.4.2010, www.baja-saxonia.de

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