Enduro-Tip Spanien (Archivversion) Auf Abwegen

Früh am morgen erklärt Wolfgang mir anhand eines neuen Roadbooks den Verlauf einer Off Road-Strecke, die er mit mir heute erkunden will. Über den Zustand der Piste kann er jedoch nur spekulieren. Er weiß lediglich, daß die Strecke für Allrad-Fahrzeuge befahrbar sei, es mit unseren Enduros also nicht allzu schwierig werden sollte. Ich habe da aber so meine Bedenken, denn Wolfgang plant in Husaberg-Dimensionen, und ich sitze auf einer schwergewichtigen BMW R 1100 GS.Kurze Zeit später. Hinter Tarragona soll irgendwo unter den weiten Bögen eines riesigen römischen Aquäduktes, das das Tal überspannt, der Einstieg beginnen. Eine Unzahl kleiner Wege verschwinden als schmale Trampelpfade in allen Richtungen im Gebüsch. Der Weg, den wir jetzt benutzen, kann dem Roadbook nach nicht der richtige sein. Für Jeeps ist es hier nämlich viel zu eng. Trotzdem probieren wir es.Felskanten ragen bedrohlich aus dem Boden, und es tut schon fast weh, die BMW da drüber zu treiben. Der Pfad ist schmal, verengt sich manchmal nur noch auf Lenkerbreite und mündet nach einer steilen Abfahrt auf einem sandigen Feldweg. Hinter uns legt sich eine rotbraune Staubwolke über die brachliegenden Weinfelder, und wenn wir halten, knirscht feiner Sand zwischen meinen Zähnen. Nicht immer beißen den letzten die Hunde, manchmal muß er statt dessen Staub schlucken. Und das bin ich, weil Wolfgang mit seiner leichtgewichtigen Hard-Enduro einfach nicht einzuholen ist. Aber die Motorcharakteristik des Boxers und sein niedriger Schwerpunkt gleichen so manches Kilo aus. Ab 2500 Umdrehungen kommt Kraft genug, und der Motor läßt sich auch bei langsamster Gangart so fein dosieren, daß es eine wahre Freude ist, hier rumzukurven. Wir folgen einem holprigen Eselspfad, durchqueren einen Flußlauf mit großen, algenbewachsenen Steinen und toben uns aus, bis die Klamotten richtig durchgeschwitzt sind.Solange es trocken ist, bietet der Metzeler Enduro 4 auf dem Hinterrad genug Grip, um die Führung sicher zu übernehmen. Aber als ich in einer unscheinbaren Pfütze auf eine Sandschräge komme, bilden sich im Kopf gerade noch die Worte »Verdammte Sch...«, als auch schon die Hüfte auf dem Boden aufschlägt und die BMW auf dem linken Zylinder durch den Sand ackert und eine unelegante Pirouette dreht. Der erste Schrecken ist bald überwunden, der blaue Fleck am Oberschenkel wird sich erst abends melden, und der Sand zwischen Motorrschutz und Zylinderkopf ist schnell herausgekratzt. Ein kräftiger Ruck, dann steht das Big Bike wieder. Wolfgang schüttelt nur den Kopf.Er ist in dieser herben Landschaft seit Jahren zu Hause. Dort, wo ich nicht mal mehr zu Fuß durchkäme, findet er mit seiner Husaberg immer noch einen Weg. Verschwitzt und eingestaubt, wie es sich für einen derben Endurotrip gehört, erreichen wir irgendwann nach vielen verworrenen Pistenkilometern das Kloster Santes Creus. Doch statt nach Kultur lechzt unser Körper nach einer goldgelben, kühlen, zischenden Serveza. Zu deutsch: Wo gibt´s hier das nächste Bier?Einige Tage später. Wolfgang will mich in ein Netzwerk von Endurostrecken einführen, das zwischen der Costa Dorada und der Serra la LIena das bergige Land durchzieht. Hinter Cambrils verschwinden wir im staubtrockenen Flußbett des Riera de Alforja. Ohne ein gutes Roadbook und entsprechende Ortskenntnis wäre die Einfahrt nur durch Zufall zu finden. Schon bald sind die Uferwände so hoch, daß wir während der Fahrt nicht mehr drüber schauen können und nicht genau wissen, wo wir eigentlich sind. Das heißt, ich weiß nicht, wo ich bin. Wolfgang zeigt sich wie immer zuversichtlich und fliegt mit seiner gelben Husaberg gekonnt über das Geröll.Das Flußbett wird immer enger und sandiger. Wir wühlen uns bis zu einer niedrigen Brücke aus groben Felsgestein, unter der wir mit eingezogenen Köpfen gerade noch hindurch passen. Dahinter verlassen wir den Flußlauf auf der Höhe von Alforja. Noch ist es zu früh für eine Pause. Meint Wolfgang. Er kennt eine kleine Kneipe etwas weiter in den Bergen. Bis dorthin müßte ich es noch aushalten. Flott driftet er über die festgefahrene Sandpiste, die sich in vielen Serpentinen einen weitläufigen Hang hinaufschlängelt. Ich gebe mir Mühe, den schweren Boxer in diesem Tempo auf Kurs zu halten, doch in ganz engen Kehren muß ich einfach passen. Gegen Wolfgang auf seiner Husaberg ist kein Kraut gewachsen. Die kleine Bar befindet sich in Arboli, einem Nest inmitten einer wildromantischen Berglandschaft. Ein uriges Häuschen. Auf dem Brett, das als Regal an der grüngestrichenen Wand befestigt ist, thronen farbenfrohe Exotenschnäpschen. Die in Spanien allgegenwärtige Espressomaschine hat einen Ehrenplatz in einer Mauernische. Über dem Regal hängt der spärliche Rest eines angerosteten Gewehrs, und unter dem präparierten Schädel eines schwarzbraunen Wildschweines, das interessiert auf den Tresen blickt, stehen bunte Getränkedosen, Zigarettenschachteln und einige Pokale, die von der Treffsicherheit des Wirtes bei gelegentlichen Treibjagden zeugen.Niemand scheint hier in den Bergen etwas gegen Enduristen zu haben. Im Gegenteil. Als wir wieder langsam durch den Ort tuckern, scheint es, als ob wir eher eine willkommene Abwechslung in der Abgeschiedenheit dieses Berglandes sind. Freundlich grüßen uns ein paar alte Leute, die vor ihren Häusern sitzen, und ein paar Kinder winken uns hinterher.Ohne sportlichen Ehrgeiz bummeln wir am frühen Nachmittag über bucklige Waldwege, die nur schwer zu erkennen sind, weil sie fast vollständig mit Gras überwachsen sind. Außer uns fährt oder wandert kaum jemand durch diesen weitläufigen Landstrich. Ganz in der Nähe, erklärt Wolfgang, gebe es allerdings eine waghalsige Herausforderung für Motorradfahrer, die »Trailers de Arboli«, eine Trailstrecke, die die schwierigste Etappe bei der spanischen Enduromeisterschaft markiert. Nein, das muß wirklich nicht sei. Was schon erfahrenen Moto Cross-Piloten Probleme macht, muß für BMW R 1100 GS-Fahrer nicht unbedingt erstrebenswert sein. Ein Teil unserer weiteren Strecke gehört zum Camino Real, dem Königsweg. Bis heute gilt auf dieser Strecke für jeden Grundbesitzer die königliche Anordnung aus dem Mittelalter, daß der ehemalige Handelsweg für jeden frei passierbar sein muß. Tore und Gatter stehen also offen, ungehindert brausen wir auf rötlichbraunen Staubpisten durch eine herbe Wildwestlandschaft nach Siurana de Prades. Das urwüchsige Dorf mit einer traumhaften Aussicht liegt über endlos scheinenden Hügelketten auf einem einsamen Felsplateau. Wolfgang kennt ab Siurana eine flotte Sandpiste, die uns quer durch die Wälder wieder zurück auf Asphalt bringt. Ab dort sind die Kurven hinunter nach Reus gerade richtig, um den Tag langsam auszuschwingen zu lassen. Der Fahrtwind bläßt den trockenen Staub von der Kleidung, und den Rest spülen unten in Salou die Fluten der Costa Dorada davon.

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