Enduro-Tip (Archivversion) Let´s go

Nur eine Asphaltstraße gibt es auf der Baja California, der 1300 Kilometer langen Halbinsel, die südlich von Kalifornien beginnt und zu Mexiko gehört. Ungezählt dagegen die Schotter- und Sandpisten, die sich durch diese zauberhafte Wüstenlandschaft schlängeln. Ein paar Endurofahrer durchstreiften den Norden der Baja.

Es ist vier Uhr in der Nacht. »Müssen wir los?« frage ich schlaftrunkten. Zehn Minuten später sitzen wir bereits im Truck und fahren auf dem Highway 5 von Los Angeles nach San Diego, in Richtung mexikanische Grenze. Mit jeder Meile, die wir hinter uns lassen, steigt die Stimmung und Vorfreude. Auf dem Highway herrscht am Samstag morgen reger Betrieb. Vollbeladene Kombis, hochbeinige Geländewagen, ellenlange Wohnmobile mit großen Hängern, auf denen Boote und Dirt Bikes verschnürt sind. Nick, unser Tourguide, ist zufrieden. Es ist sein Geschäft, Menschen, die von der Großstadt genervt sind, ein paar Tage in ruhigere Regionen zu entführen. Das Leben in L. A. ist hart und hektisch geworden.Am Zaun, der Kalifornien von Mexico trennt, treffen zwei Welten aufeinander. Drüben auf der anderen Seite drängen sich Tausende, die von einem Leben in den USA träumen. Viele versuchen, illegal die Grenze zu passieren, um in dem Land ihrer Träume ein paar Dollar zu verdienen. Dafür sind sie bereit, Tag und Nacht, sonn - und feiertags rund um die Uhr für einnen minimalen Lohn zu arbeiten. Und wir suchen das Abenteuer, rauschen in dieses Land, um unseren Traum von Freiheit zu erleben, um auf den Bikes einfach der Sonne entgegenzureiten. Eine paradoxe Welt.Wenige Meilen hinter dem Grenzstädtchen Tecate erreichen wir eine kleine Farm, deren Gelände durch einen hohen Zaun geschützt ist. Hier lassen wir die Pick-ups stehen. Die Bikes sind im Nu abgeladen. Einige der Tourteilnehmer sind bereits so nervös, daß sie die Motoren schon mal laufen lassen, bevor sie überhaupt die Stiefel angezogen haben. Doch die Vorbereitungen dauern noch eine Weile. Weil wir während der nächsten Tage ohne Begleitfahrzeuge unterwegs sein werden, muß erst einmal das Allernötigste der Ausrüstung in unseren kleinen Rucksäcken verstaut werden. Endlich geht es los. In den vergangenen Tagen hat es stark geregnet. Noch ist die Luft feucht, und der kühle, frische Fahrtwind vertreibt die morgendliche Müdigkeit. Verheißungsvoll bahnt sich die Sonne ihren Weg durch die schwarzen Regenwolken. Der grollende Sound der vier Einzylinder verbindet sich zu einem monotonen Konzert. Mit zurückhaltender Drehzahl rollen wir auf einer frisch planierten, breiten Dirt Road dahin. Abwechselnd strecke ich Arm- und Beinmuskeln, beäuge meine Kameraden, allesamt erfahrene Moto Crosser. »We are gonna have a great ride«, höre ich Nick durch seinen Cross-Helm rufen. Kein Staub, super Traktion und 1000 Kilometer nahezu unberührte Wege vor uns. Nach 20 Meilen biegen wir ab. Ein Piste führt zu einem Gebirgszug, an dessen Hängen die einzigen Wälder auf der Baja wachsen. Wie auf ein Kommando drehen Charly und Todd den Hahn auf. Die Fahrt geht los, mir lacht das Herz im Leibe: nasser, fester Sand, ein neuer grobstolliger Metzeler am Hinterrad und ein gewundener Trail. Der Traum eines jeden Enduro-Fahrers.Nach hundert Kilometern der erste Tankstopp. »Okay ich weiß jetzt, daß ihr alle schnell seid, aber paßt bloß auf, wir haben noch einen langen Weg vor uns, und unser Van parkt weit entfernt.« Nick hat recht. Die Baja ist nahezu unbesiedelt, größere Orte gibt es nur im Norden an der kalifornischen Grenze und tief unten im Süden. Wem auf den Pisten und Wegen abseits der Mex 1, wie das 1700 Kilometer lange Asphaltband zwischen dem Grenzort Tijuana und der Südspitze Cabo San Lucas heißt, etwas passiert, der muß oft lange warten, bis Hilfe kommt. Die »Tankstelle« selbst ist ein echter Geheimtip. Hinter einer Sägemühle verkauft eine alte Frau Benzin aus einafchen Milchkanistern aus Plastik. Ohne die exzellente Ortskenntnis von Nick wären wir mit unseren kleinen Tanks nicht weit gekommen.Wir fahren über einen kleinen Pfad zu einem abgelegenen Aussichtspunkt. Der Blick von dem Felsen über die bewaldeten Canyons ist atemberaubend. Die gegenüberliegenden Hänge schimmern in vielen verschiedenen Farbtönen, knorrige Bäume haben ihre verzweigten Wurzeln überall durch das zum Teil brüchige Gestein getrieben. Meterhoch stehen Hunderte von Kakteen und strecken ihre langen Stacheln in den tiefblauen Himmel. Keine Spur von der Zivilisation weit und breit. So muß Kalifornien ausgesehen haben, bevor es zugeteert wurde.Unser erstes Nachtquartier ist Mike´s Sky Ranch. Ursprünglich eine Lodge für Jäger und Holzfäller, ist sie seit gut zwanzig Jahren als Basislager fest in der Hand von Dirt Bikern. Die Motorräder kommen in den Innenhof, wo bereits über 20 Maschinen um den Swimmingpool herum stehen, während braungebrannte Typen in verstaubten, bunten Cross-Klamotten an der Bar Trail Rider-Latein zum besten geben.Von hier aus bieten sich mehrere Varianten in allen Schwierigkeitsgraden für einen Endurotrip an. Wir wollen ein Stück auf den Spuren der Baja 1000 unter unsere Räder nehmen, einem der bekanntesten und härtesten Off Road-Rennen in Amerika. Diese Rallye ist der Vorläufer aller großen Wüstenrallyes und war das Resultat einer simplen Wette: Es galt, die 1000 Meilen von Ensenada bis La Paz im Süden der Baja in nur 36 Stunden zu bewältigen. Ein mörderisches Rennen auf einer halsbrecherischen Schotterpiste - normalerweise brauchte man bis zum Bau der Teerstraße in den siebziger Jahren für einen Trip an die Südspitze fast zehn Tage.Die vergangenen Regenfälle haben aus dem kleinen Rinnsal, der in den Bergen weit hinter der Ranch verläuft, einen breiten Strom gemacht. Trotzdem, wir entschließen für eine der anspruchvollsten Strecken. Nick hat zwar Bedenken, aber man kann ja immer noch umkehren. Was allerdings leicht passieren kann, sehen wir sogleich am Fluß: Zwei Enduristen aus Utah stehen tief im Wasser, wo sie ihre Honda XL 650 bis zur Lenkerspitze sprichwörtlich versenkt hatten. Und beim Versuch, sie mitten in den Fluten wieder zu starten, haben die beiden Kerle die Batterie leergenudelt. Mit vereinten Kräften schieben wir das Bike ans Ufer und dann über das lose Geröll, bis der Einzylinder wieder seine Arbeit aufnimmt. Schweißnaß hocken wir im Schatten einer Kaktee und verfluchen Motorräder ohne Kickstarter.In der Zwischenzeit ist eine Gruppe berittener Indios auf der anderen Seite aufgetaucht. Wir beobachteten, wie die Pferde eine passierbare Stelle ertasten und dort den Strom durchqueren. Auch wir probieren es an dieser Stelle und holen uns glücklicherweise nur nasse Stiefel.Vor uns wächst der Picacho del Diablo, mit fast 3100 Metern der höchste Berg der Halbinsel, in einen wolkenverhangenen Himmel. Regen in der Ebene bedeutet um diese Zeit meistens Schnee in den Bergen. Wir versuchen, das Massiv auf der Nordseite zu umfahren. Die Landschaft will nicht so recht in das Bild einer Wüstenregion passen: Wir rauschen durch dichten Nadelwald, ab und zu entdecken wir sogar saftige Wiesen, wie sie auch in den Alpen vorkommen könnten. Und weiter oben schimmern tatsächlich Schneefelder auf den Hängen. Langsam steigt die Schotterpiste, ab und zu liegen dicke Steine auf der Fahrspur. Etwas später passieren wir die Grenze zum Nationalpark Sierra San Pedro Mártir. Recht unspektakulär zieht sich der Weg bis zum Gipfel. Aber dann trauen wir unseren Augen kaum: Wir stehen vor einer steilen Abbruchkante, die fast 3000 Meter senkrecht in die Tiefe fällt. Einfach atemberaubend. Kalter Wind bläst uns hier oben ins Gesicht. Weit unter uns schimmert die rauhe Oberfläche eines Salzsees, der Laguna Diablo, unserer nächsten Etappe. Über den San Pedro Martin Trail geht´s wieder abwärts - 3000 Meter Höhenunterschied in weniger als 30 Meilen. Etwas durchgefroren und mit nassen Stiefeln erreichen wir den Salzsee. Der Temperaturunterschied ist ennorm. Auf der staubtrockenen Oberfläche steht die flimmernde Hitze wie eine heiße Wand, selbst der Fahrtwind bringt kaum noch Kühlung. Schnell verschwinden die Jacken wieder in den Rucksäcken. Trotz der Hitze ist der spiegelglatte Salzsee ist eine willkommene Abwechslung für uns: Statt die Bikes im Schrittempo über Steine und Felsen zu balancieren, preschen wir nun mit Vollgas davon, üben Wheelies, driften in langgezogenen Bahnen über die plane Fläche.Es dämmert bereits. Heute abend sind wir in dem kleinen Küstenort San Felipe am Golf von Kalifornien verabredet. Weil die Zeit etwas drängt, verschmähen wir die kilometermäßig längere Schotterpiste nach San Felipe und wählen eine Abkürzung: einen verlassenen Goldgräber-Trail, der mitten durch die Wüste führt. Noch einmal kommt richtige Fahrfreude auf. Mit Schwung nehmen wir die Auswaschungen, die mittlererweile so tief sind, daß ein Mini Van darin verschwinden könnte. Hier hat es seit Wochen anscheinend nicht mehr geregnet, dementsprechend lang sind unsere Staubfahnen. Seite an Seite nehmen wir wie im Formationsflug die Wellen - bis die Oberschenkel schmerzen. Dann liegt endlich das Meer vor uns, die See von Cortez, alias der Golf of California. In der Stadt wimmelt es von Motorrädern, wir treffen auf bekannte Gesichter. Verstaubt und ausgepumpt fallen wir in die tiefen Sessel einer Bar direkt am Strand. Das Bier zischt, die Sonne verschwindet, vor uns spielen Delphine vergnügt im rötlich schimmernden Meer.

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