Enduro-Tour (Archivversion)

Kleinvieh macht auch Mist

Ein Enduro-Trip muß nicht immer durch Afrika führen, denn auch in Deutschland gibt es noch reizvolle Pisten und Wege - ohne Verbotsschilder. Wie im südbayerischen Landkreis Ebersberg.

Neun Jahre ist es her, daß ich auf einer Enduro auf kleinen Schotterpfaden kreuz und quer durch den Süden Bayerns gefahren bin. Ich bin gespannt, ob das heute noch geht. Schließlich verging inzwischen genug Zeit, um auch die kleinsten Nebenstraßen zu teeren, um auch die letzten Feldwege mit Verbotsschildern zu spicken. Doch als Thomas und ich am frühen Nachmittag ein paar Kilometer östlich von München in Obelfing die Bundestraße 12 verlassen, freuen wir uns wie Kinder - noch immer endet der Asphalt kurz hinter dem Dorf. Auf einer festen Piste rollen wir mit unseren Enduros in den umzäunten Ebersberger Forst. Gemütlich tuckern wir mit erlaubten 40 Stundenkilometern durch den über hundert Quadratkilometer großen Nutzwald bis zum Forsthaus Hubertus, dessen Biergarten an Wochenenden förmlich aus den Nähten platzt. Heute, mitten in der Woche, sind wir fast allein. Nur der Bauer vom Hof nebenan sitzt an der Theke und erzählt uns bei einer Apfelsaftschorle, daß dieser ehemalige Wohnsitz der Förster 150 Jahre alt sei. Ein paar Minuten später kreuzen wir eine Landstraße, verschwinden jedoch gleich wieder auf einem Schotterweg, der schräg nach links abzweigt und sich kurvig über kleine Hügel und durch den dichten Wald schlängelt und uns nach ein paar Minuten zu den malerischen Einzelhöfen Thailing, Kraiß und Hub bringt. Hier hat sich seit meinem letzten Besuch viel verändert: ein großer Golfplatz, ein Parkplatz und breite Zufahrtsstraßen entstanden unterhalb der Höfe inmitten einer hügeligen Moorlandschaft. Schade.Kurz hinter den Höfen beginnt am nächsten Einzelhof Lehen das Schottersträßchen, das durch den Großhaager Forst führt. Einen Kilometer weiter kreuzt es die Landstraße von Hohenlinden nach Albaching, dann ist es noch ein kurzes Stück bis zu der kleinen Gabelung, an der zwei uralte Schilder bestimmt schon seit Großvaters Zeiten die Richtung weisen. Wir folgen dem rechten Weg bis nach Marsmeier, denn hier zweigt eine wunderbare Piste über den Einzelhof Point bis zum Gestüt Albaching ab. Einige Kilometer weit zieht sich die Strecke einspurig und unübersichtlich durch einen dichten Wald, durch dessen Laubkronen kaum Licht auf den festgefahrenen Schotter fällt. Gerne würden wir in den engen Kurven einmal richtig Gas geben, mit einem schwungvollen Drift um die Ecken fliegen. Doch unsere Vernunft siegt über die nervöse Gashand, wir wollen möglichst wenig auffallen und mit den kernig klingenden Enduros keine Spaziergänger verärgern. Spaß macht das Pistenfahren trotzdem.Zügiger geht es auf der Landstraße über Ebrach und Tulling nach Steinhöring voran, dem Ausgangspunkt des nächsten Schotterabschnitts unserer Rundfahrt. Am Ortsanfang folgen wir der Be-schilderung nach Sensau, um dann kurz darauf das Dorf Hintsberg mit seinen museumswürdigen Höfen zu durchqueren. Doch auch in Hintsberg stimmt das Bild meiner Erinnerung mit der Realität nicht mehr überein. Von den zwei Gebäuden, die mich vor neun am meisten beeindruckt hatten, ist eines verfallen, das andere wurde durch ein modernes Einfamilienhaus ersetzt.Im Dorf Sensau, das wir auf landschaftlich wie fahrerisch unverändert reizvollem Schottersträßchen erreichen, hat sich hingegen nur wenig verändert. Lediglich die kleine Kirche mit dem schiefen Turm hat einen neuen Anstrich erhalten. Weiter geht´s über ein kurzes Stück Landstraße, dann ein zerfurchter Weg bis nach Neuhardsberg und schließlich wieder eine tolle Schotterpiste in Richtung Buch. Mit kurzen Gasstößen lassen wir die stollenbereiften Räder ein paarmal kräftig durchdrehen. Richtiges Enduro-Feeling kommt auf - allerdings nur bis zur nächsten Hofdurchfahrt. Kupplung ziehen, runter bis auf Schrittgeschwindigkeit, langsam vorbei rollen. Hund und Hühner geraten so nicht Panik, und unser Grüßgott wird von den Anwohnern freundlich erwidert. Bis Baumberg wühlen wir unsere Bikes über unerwartet groben Schotter, teilweise sogar durch eine tiefe, morastige Fahrspur. Für einen öffentlichen Kraftfahrtweg ist dieses Stück in einem überraschend schlechten Zustand - über den wir uns freilich freuen. Leider nur bis Baumberg, denn dort beginnt wieder die Landstraße, über Grafing und Taglaching fahren wir nach Falkenberg. Hier hat es in den letzten Stunden kräftig geregnet. Tiefe Pfützen überall auf der Straße. Trotzdem, Zeit für eine Pause. Im Biergarten von Falkenberg mit Blick über das Moosachtal gibt´s eine deftige Brotzeit: eine Russenhalbe - Weißbier mit Zitronenlimo - und Obazdn - mit Zwiebeln und Gewürzen angemachter Käse. In der Zwischenzeit vertreibt die Sonne die letzten dunklen Wolken, und schon bald steigen die ersten Dampfschwaden von der trocknenden Straße auf. Glück gehabt.Kurz vor Moosach biegen wir in Richtung Wildenholzen ab, verlassen die Straße an einer Brücke aber gleich wieder nach rechts. Was wie ein zugewachsener Feldweg aussieht, entpuppt sich als ein tief geschotterter Bahndamm, der von seinen Gleisen längst befreit ist: Reste der alten Schmalspurbahn zwischen Grafing und Glonn - und an Wochenenden ein beliebter Wanderweg. Ein Grund, um dann als Motorradfahrer auf dieses Stück lieber zu verzichten. Heute allerdings ist wegen des Regens niemand unterwegs. Sehr gut. Denn der Ausflug durch den tiefen Schotter macht richtig Spaß. Mit kurzen, kräftigen Gaßstößen treiben wir die Enduros fast zwei Kilometer weit über diese Bilderbuchstrecke. Dann kreuzt der Bahndamm die Landstraße zwischen Moosach und Glonn und ein kleines Sträßchen, das wir wegen des dichten Gestrüpps fast übersehen hätten. Schließlich verläuft der Bahndamm über ein weites, freies Feld, aber ab dieser Stelle ist die Weiterfahrt mit Fahrzeugen nicht mehr erlaubt.Wir biegen an der Abzweigung rechts ab, folgen der nach wie vor teilweise ungeteerten Fahrbahn über die waldige Anhöhe Fuchsberg. Links liegt sehr versteckt im Wald der malerische, nur zu Fuß erreichbare Weiher Kitzelsee, rechts geht´s, ebenfalls nur zu Fuß, zum moorigen Steinsee. Mit den schweren Endurostiefeln nichts für uns.Kurz darauf verwandelt sich unser Weg in eine asphaltierte Allee, die unter alten, schattigen Bäumen hindurchführt, und wir biegen ab auf das kleine Sträßchen, das nach Schlacht führt. Wieder Zeit für eine Pause, diesmal im Biergarten des Gestüts Niederseeon, und diesmal gibt´s Kaffee und Kuchen, bevor wir für heute das letzte längere Schotterstück unter unsere Räder nehmen.Bei der Weiterfahrt kreuzen wir nach ein paar Minuten die Straße von Moosach nach Oberpframmern und folgen der hügeligen und kurvigen Piste zum Gehöft Schattenhofen. Zirka 150 Meter weiter zweigt unser Weg unbeschildert im spitzen Winkel nach links ab und führt durch den Forst Hochholz nach Wolferberg. Eine tolle Strecke, diese lange Forstpiste. Doch wir reißen uns zusammen und versuchen möglichst langsam und leise unterwegs zu sein. Zum einen ist dieses Gebiet ein beliebtes Ziel für Wanderer und Radfahrer, zum anderen verkehren in dem Nutzwald oft Holztransporter und Traktoren, die in den unübersichtlichen Kurven zu spät bemerkt werden könnten.Beim Gehöft Wolferberg stoßen wir auf die Landstraße nach Zorneding und sind damit wieder im Einzugsgebiet von München angelangt. An Wochenenden ist der nach Harthausen weiterführende Forstweg fest in den Händen der Rad- und Fußwanderer aus der bayerischen Metropole. Da bleibt kein Platz mehr für Endurofahrer. Aber an einem Tag wie heute - das Gewitter von eben hat nicht nur die Luft, sondern auch die Wege freigefegt - beenden wir unsere Rundfahrt erst an der ungeteerten Bilderbuchallee vor dem malerischen Gutshof Möschenfeld. Wie ein Tunnel umfaßt der dichte Wald die schmale Piste bis zum Zubringer nach München, der B304 - eine stark befahrene Strecke, die uns nach unserem Feld-, Wald- und Wiesentrip wie ein lauter, hektischer Alptraum vorkommt.
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Unterwegstip (Archivversion)

Nicht nur in Deutschland werden Enduro-Fahrer kritisch beäugt. Um hier und anderswo weiteren Fahrverboten vorzugreifen, ist ein rücksichtvolles Verhalten gegenüber Mensch und Natur unabdingbar.
Anreise: Die beschriebene Tour beginnt in Obelfing am Ebersberger Forst zirka zwölf Kilometer östlich von München. Bis dahin führt die B 12. Oder auf der A 94 die Ausfahrt Anzing in Richtung Süden nehmen.Reisezeit: Grundsätzlich eignet sich jede Jahreszeit, aber nicht jeder Tag: Enduro-Fahrer sollten bei dieser oder ähnlichen Touren die Wochenenden oder Feiertage meiden, an denen auf den Feld-, Wald- und Wiesenwegen besonders viele Spaziergänger und Fahrradfahrer unterwegs sind. Eine rücksichtsvolle Fahrweise ist aber auch an Wochentagen erforderlich, um in den Naturgebieten Erholungssuchende, Förster, Landwirte und Anwohner nicht zu verärgern. Die erlaubten Wege dürfen nicht verlassen werden.Literatur: Die die topographischen Karten des Bayerischen Landesvermessungsamtes München im Maßstab 1:50000 sind an Genauigkeit und Aktualität nicht zu übertreffen. Auf diesen Blättern ist praktisch jeder Pfad und jedes Objekt ab Einzelhausgröße verzeichnet. Für 12,80 Mark im Buchhandel erhältlich.Zeitaufwandein TagGefahrene Strecke120 km

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