Endurotour in den Karpaten (Archivversion) Wandertag Kurs Ost

Wie lebt es sich in einem Land der Europäischen Union, in dem die Erntehelfer vier Hufe haben und das Heu noch mit der Gabel gewendet wird? Eine Tour auf Nebenstrecken durch die rumänischen Karpaten gibt Einblicke.

Transsilvanische Enduro-Rallyes hatten mich vor Jahren zum ersten Mal nach Rumänien geführt. Fesselnde Rennen, doch auf der Heimreise blieb jedes Mal das Gefühl, einen Film im Zeitraffer gesehen und nichts kapiert zu haben. Kurze Blickfetzen in der milden Abendsonne, Bauern auf Streuobstwiesen und Gemüsefeldern, Pferdegespanne in zerfurchten Karrenwegen. Dieses Mal soll es anders werden. Die Bikes sind zwar die gleichen, eine KTM MXC 525 und eine Husqvarna TE 450, um auch in die abgelegensten Almen und Berge vorstoßen zu können. Aber diesmal müssen wir ohne Versorgungsfahrzeug, Roadbook und Rallye-Biwak klarkommen, die Wege allein finden und das Gepäck auf den kargen Sportlern für fünf Tage und 1200 Kilometer abseits der Straße mitschleppen. Tom und ich wählen dabei unterschiedliche Lösungen. Während er alles im Rucksack trägt, setze ich auf ein selbst gebasteltes Gepäcksystem am Heck der KTM.

In Lugoj, unserem Startpunkt, programmieren wir Sebis als ersten Waypoint ins GPS. Ein kleiner Ort rund 100 Kilometer Luftline nördlich. Gleich drei parallele, gut fahrbare Feldwege öffnen sich uns, und mit freudiger Erwartung tauchen wir in die neue Welt ein. 30 Kilometer geht es durch saftige Wiesenauen, gerade richtig, um sich an das Fahren mit Gepäck zu gewöhnen. Der Blick aufs GPS-Display vermittelt ein geradezu irreales Gefühl, wie ein Riese von oben auf Berge und Täler zu blicken und die Bikes spielzeuggleich ins richtige Tal zu platzieren. Leider schlägt schon der erste Spielzug fehl: Beim Versuch, einen 800 Meter hohen Bergrücken zu überqueren, fahren wir uns auf einem Holzweg erbarmungslos fest. Riesige Pfützen, mannshohes Gras und halbmetertiefe Fahrspuren, die bereits die Packtaschen in Bedrängnis bringen. Wir klettern raus aus dem Hohlweg und schaffen es nur noch mit Hilfe einer Baumarkt-Klappsäge, eine Schneise durchs umgebende Dickicht zu schlagen. Nach schweißtreibender Arbeit gelangen wir schließlich irgendwann wieder auf eine fahrbare Trasse. An einer Forststraße mit gefährlichem Gegenverkehr finden wir gegen Abend ein einsames Gasthaus. Noch in den klammfeuchten Enduro-Klamotten fallen wir über das Abendessen her. Es gibt, was es in Rumänien immer gibt: Ciorba, Gemüse, Fleisch und Kartoffeln. Schmeckt wunderbar nach einem kräftezehrenden Enduro-Tag. Gegen 22.30 Uhr beginnt sich das Lokal mit halbwüchsigen Mädels zu füllen, und wenig später rollen die ersten verspoilerten Dreier-BMWs vor. Zeit für den Rückzug in die rustikalen Betten. Das Bettzeug scheint nicht extra für uns gewechselt worden zu sein – ein kleiner Seidenschlafsack aus dem Handgepäck schafft die nötige Distanz.Am verregneten Morgen des zweiten Tages wird Cluj-Napoca zum heutigen GPS-Zielpunkt. Auf einem breiten, wunderbar zu fahrenden Sandweg erreichen wir den Kamm eines Höhenzugs. Wo wir der Versuchung nicht widerstehen können, in einen schmalen Abzweig zu schlüpfen. Der Pfad, dem wir durch nasses, hohes Gras folgen, ist jedoch schon nach kurzer Zeit von zahllosen umgestürzten Fichten blockiert. Sieht aus wie in einem Mikado-Spiel. Zu zweit hieven wir KTM und Husky nacheinander über die ausladendsten Barrieren. Drei Stunden später sind wir zwei Kilometer weiter, völlig durchnässt und mit den Kräften am Ende. Aber der Weg ist frei. Mit den letzten Tropfen Benzin rollen wir ins Tal. Die junge Frau an der Tankstelle ist komplett überrascht: Wo wir herkämen, wie wir wieder sauber würden, und ob wir keine Angst vor Bären und Wölfen in den dichten Wäldern dort oben hätten? Gegen Abend reißen die Wolken endlich auf, und die typisch rumänische Bilderbuchlandschaft breitet sich vor uns aus: Wie ein Dünengebirge stehen grüne, kegelförmige Berge im Abendrot. Unter der Anfeuerung zahlloser halbnackter Kinder einer na­hen Zigeunersiedlung, die wie aus dem Nichts auftauchen, arbeiten wir uns auf einem schmalen Pfad die Berge hoch. Vor der nächsten langen Etappe am darauffolgenden Tag müssen wir erst hinab ins Tal und an einer der Hauptstraßen volltanken. Dort haut uns der neue, wilde Kapitalismus schier um, überrollt mit Hektik und Verkehrschaos die ländliche Idylle regelrecht. Konsterniert kippen wir im Bistro der Tankstelle einen Kaffee runter, während die Bedienung uns wegen unserer schlammigen Endurostiefel aggressiv vor die Tür zu pöpeln versucht.

Als wir uns wenig später auf einem Karrenweg bis auf 1700 Meter über dem Meeresspiegel hinaufschrauben, weicht langsam der Zivilisationsschock. Auf einer wildromantischen grünen Hochebene rollen wir 70 Kilometer dahin, die Welt scheint wieder in Ordnung. Lediglich ein paar frei lebende Pferde kreuzen unseren Weg. Hier jetzt das Zelt aufschlagen und ein paar Tage wandern. Das wär‘s! Zeit bekommt eine neue Dimension. 20 Kilometer lang geht es später auf einem Hohlweg ähnlich einer Bobbahn durch den Wald wieder zu Tal. Der Himmel klart zusehends auf, und wir halten immer öfter an, saugen die gigantische Fernsicht auf die menschenleere und völlig naturbelassene Landschaft regelrecht auf. Irgendwann erreichen wir ein landwirtschaftliches Gehöft, doch der Bauer öffnet freundlich das Tor und winkt uns durch. Ein paar Gänse und Schweine stieben schnatternd und quikend davon, Rinder ruhen unbeeindruckt widerkäuend am Weg, der das Anwesen durchquert. Offensichtlich sind die einschlägigen Rennveranstaltungen hier noch nicht durchgekommen. Völlig versonnen klettern wir hügelauf, hügelab, zwischen Blumenteppichen und Heuwiesen, alle Sinne komplett betört. Das Tempo wird stetig langsamer, anvisierte Etappenziele sind schon lange nicht mehr wichtig. Wir lassen uns treiben, schweben mit minimaler Motorleistung fast geräuschlos durch einen Zauberwald aus jungen Birken. Die Landschaft scheint schier aufzuglühen im letzten Licht, und wie auf Samtpfoten tasten wir uns auf dem weichen Grasweg vor, um bloß keine Spuren zu hinterlassen. Eine geradezu spirituelle Er-Fahrung, die Tom und mich wortlos verbindet, als wir am Ende des Tages den Sonnenuntergang über den Almen der Westkarpaten betrachten.

Auch die kommenden Tage arbeiten wir uns nur per GPS und ohne Karte voran. Was nicht immer reibungslos klappt. Oft geraten wir auf Holzabfuhrwege, die nach vielen Kilometern einfach im Wald enden, uns viel Zeit kosten und einmal sogar in ernste Schwierigkeiten bringen. Bereits wieder auf dem Rückweg gen Süden stehen wir in strömendem Regen auf dem Kamm eines Gebirges plötzlich vor dem Stahltor einer kleinen Kaserne. Finster dreinblickende Holzfäller geben uns unmissverständliche Zeichen zu verschwinden. Doch blöderweise führt der virtuelle Track direkt durch die kleine Fußgängertür, die im großen Tor noch offen ist. Egal, besser nicht... Beim Versuch, die Kaserne zu umfahren, geraten wir auf einen tief verschlammten Weg, der uns aber nach einer Stunde Schinderei genau wieder vor das Stahltor führt. Nur diesmal von der anderen Seite! Wir sind also irgendwie aufs Kasernengelände geraten! Panik macht sich breit. Noch ist niemand zu sehen, und bis zum Tor sind es nur gut 20 Meter. Ein beherzter Gasstoß, und wir wären durch – jedoch nicht mit Packtaschen! Als die ersten Bewaffneten aus ihren Baracken stürmen, gibt es nur eine Lösung: Vollgas retour. Und auf dem Holzweg den ganzen mühsamen GPS-Track wieder zurück. Es ist die einzige Ausfahrt, die wir kennen willkommen in der neuen Welt des Global Positioning.

Auf der letzten Etappe bringt uns in einem entlegenen Dorf ein nicht „upgedateter“ Polizist noch einmal heftig ins Schwitzen: Eine halbe Stunde hält er uns auf der Wache fest und will die fehlenden Visa in unseren Ausweisen sehen. Dann endlich können wir ihm verständlich machen, dass Rumänien seit 2007 der EU angehört. Ein Land am anderen Ende der Zeitachse – es kann dauern, bis der Anschluss gepackt ist.

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