England (Archivversion) Kult-Tour

Kraftlinien, Mythen und obskure Rituale - der Süden Englands ist magisches Land: ein Trip auf den Spuren von König Artus und zu den Kultstätten von Stonhenge und Avebury.

Noch umhüllen dichte Nebelschwaden die Obelisken von Avebury. So früh am Morgen, lange bevor die ersten Bustouristen erscheinen, ist die Welt hier noch in Ordnung. Nur ein paar Schafe weiden - gänzlich unbeeindruckt von der Mystik, die diese mehr als 4000 Jahre alte prähistorische Kultstätte ausstrahlt - zwischen den bis zu fünf Meter hohen Steinen. Über 600 Obelisken sollen hier einmal in zwei riesigen Kreisen, dem Avebury Circle, gestanden haben. Die meisten von ihnen wurden aus weit entfernten Regionen hierher transportiert, und ich frage mich, wie das damals überhaupt möglich war.Und noch eine Frage drängt sich auf: Was sucht die Gruppe, die plötzlich so früh erfürchtig über das Gelände schleicht? »Ley-Hunter« seien sie, erfahre ich. »We´re looking for leylines« - nach »Kraftlinien«, durch die die mystischen Orte Südenglands, allesamt Wallfahrtsstätten für New Age-Jünger und Esoteriker, miteinander verbunden sind. Sozusagen der spirituelle Leitfaden zwischen Avebury, Stonehenge und den Menhiren, Steinkreisen, Gräbern sowie keltischen Kreuzen in den benachbarten Grafschaften Devon und Cornwall. Alles klar.Langsam gehe ich zu meiner Kawasaki ZRX 1100 zurück, vorbei am Devil’s Chair Stone, am steinernen Sitz des Teufels, der, so will es die Legende, hundert Mal gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden ist, wenn der Herr der Hölle erscheinen soll. Vielleicht ein anderes Mal, denn neben mir hält plötzlich Helen auf ihrer alten 750er Honda. Das Gespräch mit ihr erscheint mir jedenfalls weitaus angenehmer als ein eventuelles Treffen mit dem Teufel. Und nebenbei erfahre ich, daß der Pub an der Straßenecke mitten im Avebury Circle an den Wochenenden ein beliebter Motorradtreff ist. Mit meinem Big-Bike würde ich dort auf viele Gleichgesinnte treffen. Mal schaun.Flankiert von einer mehreren hundert Meter langen Doppelreihe von Menhiren, führt der Weg vom Avebury Circle in Richtung West Kennet und vorbei am sagenumwobenen Silbury Hill mit der Form einer Pyramide. Über Sinn und Zweck dieses künstlich aufgeschütteten, 50 Meter hohen Hügels mit der Form einer Pyramide wird heute noch gerätselt. Aber da auch ich das Problem nicht lösen kann, lasse ich die Kawa nach einer kurzen Pause endlich wieder laufen. Kleine, gewundene Straßen, die aussichtsreich von einem Hügel zum nächsten führen, und kaum Verkehr - rund 30 Kilometer Fahrspaß bis Stonehenge, der wohl bekanntesten mystischen Kultstätte des Landes.Auch hier weiß niemand so genau, was sich die Erbauer im 3. und 2. Jahrtausend vor Christus gedacht haben, als sie zahlreiche bis zu 50 Tonnen schwere Monolithen paarweise aufrichteten und zu guter Letzt querliegende Steinplatten oben drauf plazierten. Wahrscheinlich war´s ein Tempel, möglicherweise ein sakrales Areal der Sonnenanbetung: Zur Sommersonnenwende um den 21. Juni geht die Sonne, vom Altarstein aus gesehen, genau über dem außerhalb stehenden Heel Stone auf. Oder Druiden, die keltischen Priester, so lautet eine Hypothese aus dem 17. Jahrhundert, hätten hier ihre rituellen Handlungen ausgeübt haben. Diese Interpretation gilt in der Wissenschaft inzwischen zwar als widerlegt. Doch das kümmert Esoteriker und Spät-Hippies aus aller Welt wenig. Jahr für Jahr pünktlich zur Mittsommernacht pilgern sie gleich einer Völkerwanderung hierher, um obskure Rituale abzuhalten.Gemütlich lasse ich die Kawa laufen, über kleine Landstraßen, die stets von hohen, perfekt arrangierten Hecken gesäumt sind. Ab und zu passiere ich abgelegene Dörfer, allesamt gehegt und gepflegt. Pittoreske Häuser aus dicken Steinen und mit Reetdächern, die so aussehen, als seien sie von einem Friseur geschnitten. Gelegentlich die prachtvollen Herrensitze des Landadels mit weitläufigen Parkanlagen. Dieser Landstrich hat einen ganz speziellen Charakter, und nicht wenige würden ihn mit »typisch englisch« bezeichnen.Einige Motorrad-Meilen weiter halte ich auf einem Hügel bei South Cadbury bei den wenigen Ausgrabungsresten von Cadbury Castle. Dieser Burg werden die größten Chancen zugesprochen, einst das sagenumwobene Camelot gewesen zu sein - wenn es denn überhaupt existiert hat. Hier soll König Artus mit seinem Weib Guinevere und - je nach Variante der Sage - auch mit seiner Halbschwester, der Zauberin Morgane, sowie mit den Rittern der Tafelrunde gehaust haben. Geschichte oder Phantasie, in diesem Teil Englands läßt sich das nicht so genau unterscheiden. Aber vermutlich will das auch gar keiner.Nach einer Weile lenke ich das silbergraue Bike nach Norden. Weit sichtbar sticht schließlich die markante Bergsilhouette des Glastonbury Tor in den blutroten Abendhimmel. Hier in den Spümpfen lag oder liegt immer noch, für menschliche Wesen aber in mystisch-magischen Nebeln verborgen, die sagenumwobene Feen-Insel Avalon, auf der die Priesterin Morgane keltische Rituale abgehalten haben soll. Die nahe Stadt Glastonbury gilt vielleicht deswegen als die Hochburg aller Esoteriker - und mag die Hippie-Kultur im Rest der Welt längst Vergangenheit sein, hier wird sie zelebriert wie einst in den Siebzigern. Entlang der Hauptstraße reihen sich die Geschäfte, in denen jedes nur denkbare Accessoire für esoterische Glaubensrichtungen aller Art präsentiert werden. Seidenschals aus Asien, vergoldete Gralsschalen, Tassen, Kannen und Teller mit Yin- und Yang-Zeichen, Einhörner und Kristalle mit heilender Wirkung, aber auch Patschuli, Kräutertee und Biokuchen. Langhaarige Typen in Sandalen auf dem Weg zum Spiritual Healing Center, Frauen in indischen Gewändern, die Silberschmuck verkaufen. Dann und wann ein Reisebus mit Rentnern, die sich nicht entscheiden können, ob sie über das muntere Völkchen oder über die imposante Ruine der Glastonbury Abbey, der ehemals reichsten Abtei Englands, staunen sollen, weil man hier die Grabstätten von König Artus und seiner Gemahlin Guinevere vermutet.Am Stadtrand halte ich noch einmal an der Chalice Well. Dem rötlich schimmernden Wasser dieser Quelle werden wundersame Kräfte zugesprochen, soll hier doch der Heilige Gral mitsamt dem Blut Christi versteckt worden sein. Die Färbung des Wasser könnte - nüchtern betrachtet - lediglich etwa mit dessen Kupfergehalt zu tun haben. Aber diese Vermutung stellt hier niemand an.Entlang der Küste rausche ich zum Exmoor-Nationalpark. Die düsteren Wälder, die kargen Hochflächen und die tief eingeschnittenen Täler und Schluchten dieser Region regen den Geist offenbar an, hier überall magische Orte zu vermuten. Und, wen wundert´s, ebenfalls hier treffe ich auf Ley Hunter, die auf der Suche nach »positiver Energie« sind. Und das, obwohl in der Nähe von Dulverton wieder einmal der Teufel seine Hände im Spiel hatte: Die Tarr Steps, eine uralte Brücke aus groben Steinplatten, soll er geschaffen haben, um sich mitten über dem Flüßchen Barle sonnen zu können.Die Straße führt weiter durch die karge Hochmoorlandschaft. Die große Kawa läßt sich erstaunlich leichtfüßig durch die engen Kurven zirkeln, und pünktlich zum Sonnenuntergang erreiche ich an der Westküste der Grafschaft Cornwall den kleine Ort Tintagel, wo ich Merkwürdiges erfahre: Bereits im letzten Jahrhundert avancierte das damals ziemlich verfallene Tintagel-Castel zum Zentrum des König Artus-Tourismus und ist es bis heute geblieben, denn hier soll der König der Könige geboren worden sein. Dagegen wäre nichts einzuwenden - außer der Tatsache, daß die Burg erst im 12. Jahrhundert entstanden ist, der sagenhafte Herrscher aber bereits rund 600 Jahre vorher das Zeitliche gesegnet haben soll. Den Eifer der Besucher und Spurensucher dämpft dieser Umstand nicht im geringsten. Unzählige Andenkenläden verkaufen Artus-Accessoires, besonders gefragt sind Kopien des magischen Schwert Excaliburs, von der Plastikausgabe für Kinder bis zum mehrere hundert Pfund teuren Edelstück aus Metall. Ich kann nur noch staunen und verschwinde lieber in der Excali-Bar des auf den Klippen gelegenen »King Arthurs Castle Hotel«. Die Aussicht auf die ebenfalls auf einer Klippe weit ins Meer ragende Burg ist prächtig, egal, was es mit dem König nun auf sich hat.Wobei auch am nächsten Tag kein Weg an ihm vorbei führt. Unweit von Tintagel bei Camelford soll seine letzte fatale Schlacht an der inzwischen entsprechend benannten Slaughter Bridge stattgefunden haben. Und noch ein wenig weiter in östlicher Richtung im Bodmin Moor bei Bolventor neben dem großen Colliford Lake befindet sich der kleine Teich Dozmary Pool, wo der Sage nach Sir Bedivere auf Geheiß des sterbenden Königs das magische Schwert Excalibur für immer versenkte. Viele haben bis heute hier, aber auch anderswo nach der sagenhaften Klinge gesucht. Natürlich vergeblich - wie die Suche nach der Grabstätte des Königs. Denn statt in der Glastonbury Abbey könnte seine letzte Ruhestätte auch das imposante Steingrab Trethevy Quoit in der Nähe von St.Cleer sein, wenn ihn nicht die Fee Morgane einer weiteren Überlieferung zufolge in das fantastische Avalon geholt hat. Irgendwie habe ich das Gefühl, langsam den Überblick zu verlieren.Ich steuere die Kawasaki aus den Höhen des Bodmin Moors in Richtung Land´s End, dem westlichsten Zipfel Englands. Rauh geht´s hier her. Unermüdlich branden die Wellen des Atlantiks an die spektakuläre Klippenzenerie, die Gischt spritzt viele Meter hoch, unzählige Möven schreien, ein heftiger Wind pfeift unaufhörlich um die zahlreichen Leuchttürme und läßt mich auf der Kawa entlang der Strecke von St. Ives bis zum Ende Großbritanniens mitunter Schlangenlinien fahren. Gelegentlich prächtige weiße Häuser, von deren Terrassen der Blick unendlich weit auf das Meer und auf die Fischerboote weit unten am Strand fällt. Cornwall ist Süd-England par excellence.Den sonst allgegenwärtigen Esoterik- und Kult-Tourismus hat es in diesen entlegenen Teil des Landes noch nicht verschlagen, obwohl auch hier kaum Mangel an Gräbern, Monolithen und anderen magischen Stätten herrscht. Dabei gilt gerade der in der Nähe von St. Just gelegene, ringförmige Lochstein Men-en-Tol als das Fruchtbarkeitssymbol schlechthin. Flankiert von zwei aufgestellten, phallus-ähnlichen Steinen, soll jedem, der durch den Durchgang im Stein kriecht, ewige Gesundheit und natürlich eine große Fruchtbarkeit garantiert sein. Nur wenige vollziehen dieses Ritual, die meisten eher scherzhaft, einige jedoch mit ernster Miene.Kaum in Land´s End, ist Schluß mit der Einsamkeit. Rummelplatz-Atmosphäre. Unzählige Kneipen und Lokale, volle Straßen. Doch anstelle der Ley Hunter oder anderer Mystiker treffen sich am frühen Abend nur Sonnenanbeter auf der Promenade. Für einen Augenblick herrscht absolute Stille. Es sind die wenigen Minuten, in denen die Sonne gleich einem glutroten Feuerball in der weiten See verschwindet - für mich der magischste Moment dieser Reise.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote