Entlang der Moldau (Archivversion) Böhmische Lebensader

Im Herzen Europas ist die Moldau zugleich Lebensnerv und Nationalheiligtum Tschechiens, dieser Fluss gehört dem Land ganz und gar allein. Die Moldau inspirierte Komponisten und Dichter, Ingenieure zapften sie als Energiequelle an, und viele der berühmtesten böhmischen Orte liegen an ihrem Ufer. Grund genug, ihr durch das neu eingemeindete EU-Land zu folgen.

Man könnte meinen, die Sonne tanzt. Tausende kleiner Planeten, die auf der sanft gekräuselten Wasseroberfläche talwärts treiben. Eine endlose Schar von Reflexionen überschwemmt das Gesichtsfeld. Marie und ich nehmen blinzelnd die Helme ab, der Paralleltwin verstummt. Er knistert noch, während wir ins Gras sinken. Schon
wieder eine Pause, nichts für gute Reiseschnitte, aber Labsal für die Seele.
Angler stehen im üppigen Grün ent-
lang des Ufers, grüßen mit freundlichem »Ahoj«. Dieser Seemannsgruß ist in
Tschechien üblich, hier passt er prima. Gemächlich fließt die Moldau. Hunderte kleiner Taumelkäfer umkreisen Maries
bereits aus den Stiefeln geschlüpfte Füße, ein neugieriger Hund gesellt sich dazu. Sanft und betörend ist sie, die Melodie, die der Fluss erzählt. Wie auch die von Bedrich Smetana. Der große tschechische Komponist, der den Rhythmus der Moldau im gleichnamigen Stück bestens eingefangen hat. Die getragene und einprägsame Melodie folgt dem Lauf von Tschechiens wechselvoller Seele.Wir tun es ihm nach, im Takt einer Kawasaki W 650. Von Anfang an, wobei wir gegen den Strom reisen.
Die Moldau mündet nicht einfach, nein, bei Melník geht sie geradezu vornehm
in der Elbe auf. Schließlich ist die Moldau nach ihrer 440 Kilometer langen Reise
bedeutend breiter als die erst noch
im Werden begriffene Elbe auf ihrem
Weg zur Nordsee. Und streng genom-
men macht erst die Unterstützung
der Tschechin die Elbe schiffbar. Ein
Ende, das ein Anfang ist.
Wir sitzen in Melník hoch über den beiden Flüssen, im Restaurant des
Renaissance-Schlosses. Direkt unterhalb, an den Elbeterrassen, stehen Weinreben
in Reih und Glied. Melník ist das erste
und bis heute wichtigste Weinanbaugebiet Böhmens. So soll der hiesige Riesling
»einen schweren, süßen Duft von Blüten, ausgereiften Äpfeln und Birnen, Honig
und Lakritz« aufweisen, wie die Weinkarte blumig verkündet. Nur nicht für uns, wir wollen weiter.
Beim Bezahlen weist uns die Kellnerin
auf den erhabenen Tafelberg Ríp hin, der gegenüber aus der Tiefebene herausragt. Dort soll der Legende nach der tschechische Urvater Cech seinen Stamm einst hingeführt haben. Die böhmische Seele wandelt mit, an diesem denkwürdigen Wasserlauf. Nur ist es zunächst gar nicht so leicht, ihm zu folgen. Richtung Prag nehmen Bebauung und Verkehr rapide zu, eine vierspurige Schnellstraße trägt uns mitten hinein in den pulsierenden Trubel, zwischen flanierenden Menschenmassen aus aller Welt.

Prag, die goldene Stadt, groß ist ihr Charme, reich ihre Kultur, bewegt ihre Vergangenheit. Und das zieht Touristen-
ströme an. In einer kleinen Pension am westlichen Stadtrand quartieren wir uns
ein und gehen mit der vom Gepäck befreiten Kawasaki auf Entdeckungsreise.
Als »Herz Europas« gilt die Millionenstadt, eines aber, das 1968 blutig operiert wurde. Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten bereitete damals dem Prager Frühling ein jähes Ende. Ironie des Schicksals, dass gerade hier 1989 tausende DDR-Flüchtlinge und die Samtene
Revolution der Tschechen den Anfang vom Ende des Ostblocks einläutete.
In Prag wird noch immer europäische
Geschichte geschrieben.
Heute schieben sich die Touris aus
aller Welt durch die engen Gassen der
Altstadt. »Zu voll«, entscheidet Marie
kurzerhand und wir fliehen – dorthin wo alle sind, auf die Karlsbrücke. Rund 400 Jahre lang war die prächtige Steinbrücke die einzige feste Prager Verbindung
über die Moldau. Im 14. Jahrhundert hatte
Kaiser Karl IV. das nach ihm benannte
Viadukt erbauen lassen. Heiligenfiguren schmücken das 520 Meter lange und zehn Meter breite gotische Bauwerk. Handauf-
legen beim Heiligen Nepomuk soll angeblich vor Hochwasser und Schiffsunglücken schützen und Glück bringen. Die blank
geriebene Stelle beweist, dass es die
Stadt bei dem Jahrhunderthochwasser
vor drei Jahren verdammt nötig hatte.

Am linken Moldauufer lässt das
Gedrängel nach, na ja, es verteilt
sich besser, vor der größten bewohnten Burg der Welt. Seit 1918 ist sie Präsidentensitz und präsentiert zusätzlich noch den Sankt-Veits-Dom auf ihrem Areal. Spät am Abend suchen wir in der Nähe vom Ausstellungsgelände Holešovice
die Krizík-Fontäne, das tanzende Wasser.
Es wartet hinter dem »Lapidarium«,
Name eines Skulpturen-Museums. Von klassischer Musik untermalt springt und zuckt das nasse Element, steigt prustend auf und fällt wieder in sich zusammen. Und wechselt ständig seine leuchtenden Farben. Choreographie im Brunnen.
Als sich nachts die Lichter der Stadt auf dem plätschernden Fluss spiegeln, fällt mir ein weiteres Lied von der Moldau ein, diesmal von Bertolt Brecht:

Am Grunde der Moldau wandern die
Steine/ Es liegen drei Kaiser begraben in Prag./ Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine./ Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Mit ihm erwacht erneut das Reisefieber
in uns, wir sagen der Stadt der 100 Türme »Na shledanou«, auf Wiedersehen, richten die Chromlampe der Kawa gen Süden
und auf die Nationalstraße 102 parallel zum Fluss. In riesigen Abbruchkanten
entreißt ein Steinbruch den vom Wasser abgelagerten bunten Sandstein dem Ufer – Nachschub für die Bauindustrie. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, frische Farben und Formen bringen den alten Glanz zurück zu den klassizistischen Fassaden von Böhmens Städten. Ein Land regeneriert sich in der post-sozialistischen Ära,
entwickelt wieder Würde.

Wir entdecken währenddessen einen neuen Kontrast, den Slapy-Stausee als »Badestrand von Prag«. Die Straße führt mitten über die Staumauer. Tosend stürzen die Fluten 65 Meter hinab ins tief eingeschnittene Tal. Mit wogenden Strudeln feiert das Wasser seine wiedergewonnene Freiheit, nachdem es zwischen- durch brav Strom für den industriellen
Aufschwung geliefert hat. Bald darauf
entzieht sich die wild mäandrierende
Moldau dem Zugriff der Straßenbauer,
versteckt sich hinter dichten Wäldern. Umso größer dann die Freude, sie wieder einzufangen. Majestätisch und reich verzweigt liegt sie aufgestaut im Tal, erinnert an die Stauseen des Sauerlands.
Hier kommen Wassersportler wie
Motorradfahrer auf ihre Kosten, Segelboote blitzen zwischen Inseln in der
Sonne auf. Die Weiße Flotte lädt zu Ausflugsfahrten ein und das tolle Kurvenrevier zum Schräglagentanz. Aber hallo, nicht selten wechselt der Belag, auch der eine oder andere Sandflecken hat sich auf
die Fahrbahn verirrt. Viele Campingplätze und Ferienhauskolonien säumen die
Ufer der Stauseen, doch wer abseits
der Touristenströme fährt, der findet sie noch, die verwunschenen Dörfer. Solche, in denen der Zahn der Zeit genagt hat
und Verfall kein Fremdwort ist.
Schloss Orl’k steht das Wasser bis zum Hals. Einst thronte es wie ein Adlerhorst weit über der Moldau, residierten
die Fürsten zu Schwarzenberg hoch da droben. Heute plätschern die Wellen sanft gegen moosbewachsene Grundmauern. Tribut an den aufgestauten Fluss, der so den 70 Kilometer langen Orl’k-Stausee bildet. »Kleiner Adler« bedeutet der Name.
Und prompt haben sich Falkner angesiedelt, die mächtige Adler zur Schau stellen und beherbergen.
Eindrucksvoll überspannt die Brücke Zdakovsky Most ganz in der Nähe das Wasserreich im großen Bogen, gewährt
einen tollen Blick darauf. Weiter südlich fließen Moldau und Otava zusammen.
Mittendrin, auf einer schmalen Landzunge lauert Burg Zvikov, an drei Seiten von Wasser umgeben. Fast uneinnehmbar, auch mit dem Motorrad. Wir lassen die Kawa auf einem bewachten Parkplatz stehen und erobern über einen schmalen Waldweg eine der ältesten Burgen des Landes.

Ein eindrucksvolles Ensemble, trutzig, aber nicht protzig. Manche Außenbereiche sind nur Ruinen, doch innen locken hervorragend erhaltene Kunstschätze.
Sie sind nicht speziell gegen grabschende
Besucher gesichert. »Wir vertrauen hier den Menschen«, erklärt die Dame an der Kasse in lupenreinem Deutsch, »jeder muss halt individuell aufpassen.« Respekt.
Die W 650 beamt uns wenig später aprubt vom Mittelalter in die Neuzeit und deren Auswüchsen zum umstrittenen Kernkraftwerk von Temelin. Mit seinen
beiden Reaktorblöcken und vier riesigen Kühltürmen hockt es monumental auf
einer Anhöhe. Direkt nebenan ist der Friedhof samt historischer Kirche. Die
Gemeinde hat ein großes Holzkreuz
aufgestellt, als Andenken für die Opfer
von Tschernobyl. Brecht hatte Recht:

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen
Pläne/ Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt./ Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne/ Es wechseln die Zeiten,
da hilft kein Gewalt.

Könnte auch auf Schloss Hluboká gemünzt sein, das wir bei Nacht erreichen. Leuchtend angestrahlt, ist es schon von weitem sichtbar. Das tschechische Neuschwanstein beherrscht eine felsige Anhöhe über der Moldau, auf die wir bereits zuvor
in Týn wieder gelangt waren. Ein tolles Nachtquartier wartet: das feudale Grand Hotel Zvon in Budweis (siehe Seite 121) mit fast 500-jähriger Geschichte. Es liegt im Mittelpunkt der Altstadt, direkt am riesigen Marktplatz, 133 mal 133 Meter groß. Bevor wir ihn erkunden, fährt die Kawa Aufzug, zur »Tiefgarage« im ersten Stock. Pure Lebensgenüsse auch für sie.
Leider ist in der Kneipe direkt nebenan bereits die Küche kalt, keine Knödel mehr für heute. Wohl aber ein frisch gezapftes Pilsener. Ein Urquell, vollmundig und Vorreiter aller untergärigen Brautypen. Doch wir wechseln das Lokal, in Budweis sollte man Budweiser trinken. Der goldene Genuss hat mit der gleichnamigen US-Brühe geschmacklich gar nichts zu tun. Nicht minder süffig ist das Krušovice, bestes
der böhmischen Schwarzbiere.

Der Stadtrundgang am nächsten
Morgen wird zur Zeitreise. In hohem Bogen schleudert der barocke Samson-Brunnen von 1727 seine Fontäne in die Luft, macht fast schon Lärm. Ringsum
ist ein Haus schöner als das andere,
eine Fassade prächtiger als die nächste, nur noch stolz überragt vom Schwarzen
Turm, dem Wahrzeichen der größten
Stadt Südböhmens.
Was das Motorradmuseum, über
das wir beim Schlendern zufällig stolpern, erst noch werden will. Im ehemaligen Salzhaus der Pferdebahn von Linz nach Budweis untergebracht und liebevoll
geführt. Eine späte Genugtuung für Petr
Hoštálek. Der Motorrad-Enthusiast lebt mit und für seine Zweiräder. 1968 ist er nur ihretwegen nicht emigriert. In fließendem Deutsch sagt er: »Ich konnte doch meine Motorräder nicht den Kommunisten überlassen!« Statt ruhiger Gespräche über Motorrad-Biographie(n) folgt gleich darauf Trubel im Weltkulturerbe Ceský Krumlov, dessen malerische Altstadt sich eng in eine Moldau-Schleife schmiegt. Dort treffen wir Mike und Neil auf ihren Triumphs. Beide arbeiten für die britische Armee
in Deutschland, Neil ist zum ersten Mal
in Tschechien: »Ich hatte Angst, ob die
Bikes auch sicher wären.« Bekehrt sei er nun und Mike sowieso ein Landes-Fan:
»Die Menschen sind okay, die Straßen frei und die Preise niedrig.« Stimmt. Selbst in diesem von der Unesco geadelten Ort
bleiben Essen und Trinken bezahlbar. Zwei Milchkaffee, ein Budweiser und zwei mal Palatschinken mit Eis und Früchten – so viel Süßes muss sein – kosten gerade mal
198 Kronen. Keine 6,50 Euro.

Das Einzige, was auf der Strecke bleibt, ist das Flair. Hinweggespült von Touristenfluten aus ganz Europa. Ihnen wird alles geboten, was Spaß macht: ein riesiges Schloss, das alle anderen Häuser weit überragt, verwinkelte Gassen, ein Wachsfiguren-Kabinett und ein »Folter-Museum«. Und im Restaurant zur alten Mühle mit
seinem unterschlächtigen Wasserrad kann man zwischen Motorrad-Oldtimern böhmische Spezialitäten vom Holzofengrill
genießen. Nur das MG 7,62 Millimeter am BMW-Wehrmachtsgespann stört etwas.
Das Wasser beeilt sich, es hat noch
einen weiten Weg vor sich. Auch wir
müssen weiter. Fahren vorbei an der gigantischen Papierfabrik von Vetrni, bis die Moldau wieder verträumt wird, das
Asphaltband sich ganz eng an ihre Schleifen schmiegt. Im Gleichklang kippen wir die Kawa hin und her. Sie rollt wie von selbst, ihr sanfter Charakter passt zur Landschaft. Im romantischen Rozmberk nad Vltavou wechselt die Straße ans
andere Ufer, Kanuten ziehen vorbei.
Der Fluss macht eine abrupte Wendung, das Zisterzienserkloster von Vyšší Brod taucht vorm Visier auf und Loucovice mit dem FC Vltava, dem Fußballclub
Moldau. Im Fluss selbst scheinen Riesen gekegelt zu haben, so viele dicke Felsbrocken liegen darin verstreut. Bald
da-rauf spiegeln sich Erlen, Weiden und Pappeln im Wasser. Der Lipno-Stausee
ist erreicht, eingerahmt von bis zu 1400
Meter hohen Gipfeln des Nationalparks Šumova, Böhmerwald. Die Moldau bildet hier das größte Gewässer Tschechiens und eines der wichtigsten Urlaubsgebiete. Österreich liegt nahe: von Frymburk
verkehrt eine Autofähre nach Guglwald.
Das Ziel der Reise rückt näher. Die Atmosphäre wird immer verträumter, die Straßen leerer, je weiter es nach Westen geht. Kopfsteinpflaster breitet sich aus.
Im Hochmoor wird die böhmische Lebensader glucksend geboren, entspringt in zwei Quellen, als »warme« und »kalte« Moldau, die sich später vereinigen.
Er ist uns ans Herz gewachsen, der Fluss, doch für Abschieds-Melancholie bleibt keine Zeit. Mit einem Mal quietschen Reifen, riecht es nach verbranntem Gummi, überschwemmt Adrenalin das Blut. Das war knapp für den jungen Dachs, der so unvorsichtig die Straße überquert hat. Erschrocken wetzt er
weiter, dreht sich dann um und wendet uns seine schwarz-weiße Gesichtsmaske zu. Was für ein Frechdachs. Nein, was
für eine tolle Tour.

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