Entlang der Sieg (Archivversion) Echt siegreich

Die Tage werden kürzer, das Wetter schlechter. Da gilt es ein Zwischenhoch zu nutzen und noch mal richtig gut zu fahren. Eine Tour entlang der Sieg, von Bonn bis ins Siegerland, vereint Kurvenspaß und Herbstgenuss

Anfang November. Nach wochenlangem Regen und dauerhaftem Grau in Grau lacht endlich mal wieder die Sonne. Höchste Zeit also, die Dominator noch mal aus dem Schuppen zu holen. Vielleicht zur letzten Fahrt des Jahres? Der Gedanke frustriert, aber das Wetter elektrisiert. Fragt sich nur wohin? Als Kölner gehe ich kurz die umliegenden Möglichkeiten durch. In der Eifel liegt schon der erste Schnee, aber weiter im Südenosten ist es sicher noch herbstlich bunt. Warum also nicht mal der Sieg von der Mündung bis zur Quelle folgen. Gedacht, Getan. Schnell den Tankrucksack aufschnallen, die dicken Handschuhe und das Thermofutter rauskramen, und schon geht´s los.Die frostige Luft des frühen Morgens beißt im Gesicht. Noch ist die Sonne kraftlos, hat die weißglitzernde Raureifschicht auf den Wiesen entlang des Rheins eine Chance zu überleben. Aber nicht mehr lange. Nebelschwaden wabern über dem breiten Fluss, verstecken die unscheinbare Mündung der Sieg. Die hat auf ihrem Weg vom Siegerland bis ins Rheintal gerade mal 130 Kilometer zurück gelegt. Anfangs ist es gar nicht leicht, ihr zu folgen, die Straßen nehmen einen anderen Weg. Was nicht weiter schlimm ist, denn das weite Tal ist zunächst wenig spannend. Vom braunen Fluss wehen modrige Gerüche herüber, hinter den Staustufen ziehen weiße Schaumstreifen übers Wasser. Zudem lassen die vielen Orte kaum Fahrspaß aufkommen.Also raus aus dem Tal und die interessanteren Nebenstraßen suchen. Gleich hinter Werfen finde ich ein besonders gelungenes Exemplar, kurve durch dichte Wälder bergauf und erreiche bei Weyerbusch die Ausläufer des Westerwalds. Der macht seinem rauen und windigen Ruf alle Ehre. Nix wie weg hier. Ich vergesse die Karte im Tankrucksack und versuche statt dessen auf möglichst kleinen Wegen wieder ins Siegtal zu gelangen. Nur ab und an begegnet mir ein Auto. Die winzigen Dörfer wie Ölsen, Kratzhahn oder Kraam liegen wie ausgestorben in der Morgensonne. Hier hält bereits der Winter Einzug.Bei Au zurück im Siegtal wirkt es eindeutig lebendiger. Auch hier verlässt die Straße bald wieder den Fluss, und nimmt in langen und schnellen Kurven einen äußerst reizvollen Umweg über die Hügel bis Wissen führt. Dann wird´s richtig idyllisch. Der Fluss ist höchstens noch halb so breit und windet sich in vielen Schleifen durch das enge Tal. Hier bleibt nicht mal genug Platz für Dörfer, die den Fahrspaß trüben könnten. Aber das Vergnügen ist nicht von langer Dauer, denn schon breiten sich die Vororte von Siegen am Fluss aus. Dichter Verkehr und nervige Baustellen begleiten mich durch die Großstadt. Hinter Siegen ist nichts mehr wie vorher. Die Sieg schrumpft zum Bach, Hügel mausern sich zu Bergen, Dörfer werden seltener und die Straßen schmaler und buckeliger. Es ist nicht mehr weit bis zur Quelle. Der feuchte Herbstwald verbreitet den typischen würzigen Geruch, den es nur wenige Wochen im Jahr gibt. Nasse Blätter dampfen in der warmen Mittagssonne. Ein Eichhörnchen springt hektisch durch den Wald, vermutlich auf der Suche nach Bucheckern und Tannenzapfen für den langen Winter. Auf der holprigen Straße bin ich fast alleine unterwegs. Die Stollenreifen krallen sich in den rauen Asphalt, die Honda schwingt von Kurve zu Kurve. Laub rieselt von den Buchen und Eichen, bedeckt die Straße mit einem weichen gelbroten Teppich und verwirbelt herrlich im Rückspiegel. Die Strecke steigt beständig an und die Spuren des Herbstes verschwinden mit jedem gewonnenen Höhenmeter. Am 610 Meter hohen Lahnhof ist die fotogene Jahreszeit bereits vorbei, die Laubbäume strecken ihre nackten Äste in den tiefblauen Himmel. Ein paar Kilometer weiter habe ich die Quelle der Sieg erreicht. Aus einer gemauerten grauen Wand rieselt ein müder Strahl klaren Wassers und versickert schon nach wenigen Metern unter dem Laub. Die Sieg gehört zwar sicher nicht zu den Top Ten der europäischen Wasserläufe, aber eines verbindet sie dennoch mit ihnen: ihr geradezu mickriger Anfang. Rund um das Quellgebiet von Sieg, Lahn und Eder winden sich tolle schmale Straßen durch die dichten Wälder. Im Sommer ein prima Revier zum Kurven räubern, aber Anfang November, wenn die schattigen Wege und herumliegenden Blätter kaum noch abtrocknen, eher eine unbehaglich rutschige Angelegenheit. Da treibe ich den Eintopf lieber wieder runter ins Tal. Die Sieg wird schon hier, nur ein paar Kilometer nach ihrer Geburt, ins enge Korsett künstlicher Ufer und kleiner Staustufen gezwängt. Keine Spur von der wilden, überschäumenden Kraft eines jungen Bergbachs. Auch die Straße passt sich wieder den urbanen Zwängen von Kreuztal und Siegen an. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis Freudenberg, dem wohl schönsten Ort des Siegerlands. Der alte Kern besteht ausschließlich aus schwarzweißen Fachwerkhäusern. Die sehen zwar fast alle gleich aus, fügen sich aber zu einem perfekten Ensemble zusammen. 1666 fraß ein Feuer die gesamte Altstadt, die dann nach und nach im Einheitsstil wieder aufgebaut wurde. In einigen Häusern locken Restaurants zur längst fälligen Mittagspause. Lange halte ich es aber nicht aus in den vier Wänden. Novembertage sind kurz, und die im warmen Nachmittagslicht wartende Dominator, scheint schon nervös zu werden. Oder bin ich es? Egal, Hauptsache noch ein paar Stunden fahren. Auf der Karte entdecke ich eine gelbe Straße, die sich - mit einem grünen Streifen verziert - über 50 Kilometer nach Friesenhagen, Wildbergerhütte und Morsbach bis Wissen schlängelt. Verlockend. Die Realität hält, was die Karte verspricht. Kurve reiht sich an Kurve, ich lasse die Honda fliegen, werde euphorisch. Der Eintopf zeigt noch mal, was er kann. Ob er ahnt, dass der Winter vor der Tür steht?Viel zu schnell hat mich die Sieg wieder. Aber nicht lange, denn ich habe bereits ein paar von den kleinen Kurvenwundern entdeckt, die das Siegtal über den Höhenzug Nutscheid mit dem Bergischen Land verbinden. Also Blinker setzen, raus aus dem Tal und rein ins Vergnügen. Es ist längst dunkel, als ich die Honda wieder in den Schuppen schiebe. War das wirklich der letzte Tag der Saison? Egal. Es war einfach gut.

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