Extremadura (Archivversion) Nicht extrem, aber Extremadura

Das karge Land in Spaniens Westen, fast an der Grenze zu Portugal, hat viel Platz, um mit dem Motorrad das Weite zu suchen. Und zu finden.

Es ist wohl der deutsche Ordnungssinn. Obwohl es schon seit einer Stunde dunkel ist, fahren ich mit meinen drei Mitreisenden so lange durch die Nacht, bis wir im Licht der Scheinwerfer das Schild »Communidad de Extremadura« lesen. Unsere Anfahrt quer durch Andalusien ist zu Ende, das Ziel erreicht: die Extremadura, Spaniens ärmste Provinz, das fast vergessene Hinterzimmer an der portugiesischen Grenze. Gleichsam als unser Eingangstor zur Extremadura liegt direkt hinter der Provinzgrenze das kleine Städtchen Cabeza del Buey. Obwohl der Name wenig poetisch nichts anderes als Ochsenkopf bedeutet, ist der Ort ansprechend genug, um auf Quartiersuche zu gehen. Wir finden ein altes Hotel, das sogar einen zur Garage umgebauten Schweinestall hat für die Motorräder hat. Obwohl todmüde, machen wir noch einen Besuch in einen kleinen Kneipe in der Nähe des Hotels.Und dort geschieht es wieder, das spanische Tapa-Wunder. Mit jedem Bier, das wir uns an der Bar bestellen, erhalten wir gratis einen kleinen Teller mit Appetithappen, von Oliven über Fleisch- und Fischstückchen bis Knoblauchbrot und Schinken. Wir trinken, kommen mit den anderen Gästen ins Gespräch und werden dabei langsam satt, ohne ein Abendessen bestellt zu haben. Während in den Touristenregionen Tapas längst berechnet werden, gehören in der Extremadura die landestypischen Häppchen wie selbstverständlich zu jedem alkoholischen Getränk auf den Tisch. Tapa heißt eigentlich »Deckel«, und der Brauch beruht darauf, daß man sich früher eine Scheibe Schinken quer über sein Glas legte, damit kein Schmutz und keine Insekten hineinfallen konnten.Tags darauf sind die Köpfe wieder frei von den Bieren, die Tanks dagegen gefüllt mit Sprit, um nun endlich dieses stille Eck Spaniens kennenzulernen. Und Extremadura bedeutet zu allererst einmal Weite. Als unsere Maschinen nach Norden rollen, werden die Straßen immer geradliniger, der Blick wird immer freier. Wir fahren durch eine weitläufige Ebene, umgeben von kleinen Gebirgszügen und durchzogen von einem Netz an Stauseen. In dem von der Hitze ausgebrannten Land fällt im Sommer oft monatelang kein Regentropfen. Um der Landwirtschaft eine Überlebenschance zu geben, werden daher an vielen Stellen die winterlichen Niederschläge in Stauseen und Rückhaltebecken aufgefangen. Die Kork- und Steineichenwälder, die die Straße säumen und wie Bartstoppeln die ockerfarbene Landschaft überziehen, sind darauf freilich nicht angewiesen. Sie gedeihen schon immer in dieser glühenden Sonne, auch ohne Staudämme und Beregnungsanlagen. Sie sind quasi ein Stück der Seele der Extremadura.Vielleicht ähnlich wie die »iberischen Schinkenschweine«, von denen uns Juán, der Wirt in der kleinen Bar in Valdecaballero in seinem in Castrop-Rauxel erlernten Deutsch erzählt. Jedes Jahr im Herbst schlagen sie sich an den heruntergefallenen Steineicheln den Bauch voll. Das für das Schinkenschwein so wenig erfreuliche Ergebnis sehen wir über unseren Köpfen von der Decke baumeln: die luftgetrockneten Gliedmaßen nämlicher Borstentiere. Denn die Extremadura ist berühmt für ihren herrlichen luftgetrockneten Schinken. Mit Ruhe säbelt Juán vor unseren Augen den Schinken von einem Schweinebein. Das damit belegte Brötchen erweist sich zwar geschmacklich als köstlich, ist allerdings so zäh, daß wir glauben, an unserer eigenen Lederkombi zu kauen. Der als Tapa dazu gereichte Teller mit frischgerösteten Steineicheln versöhnt aber sofort wieder mit der Südspanischen Küche. Der kulinarische Kreis schließt sich: vom Schinken über das Borstenschwein zur Steineichel.Am Ende des weiten Beckens empfängt uns die Sierra da Guadalupe, und es tut gut, nach den endlosen, bis zum Horizont reichenden Geraden wieder in kühnen Kurven zu schwingen. Weit brausen wir hinauf, bis wir schließlich in der Stadt Guadalupe auf die geschichtsträchtige Seite der Extremadura stoßen. Abseits der großen Herrschaftszentren Spaniens gelegen und damit allen Veränderungen abholt, blieben hier Städte mit historischen Kernen, engen Gassen, trotzenden Festungsmauern und prächtigen Kirchen völlig erhalten. Die Klosterkirche des Real Monasterio de Santa María de Guadalupe ist ein solcher Bau. Wie eine wuchtige Festung aus groben ockerfarbenen Quadern errichtet, wirkt sie erdverwachsen und gewaltig, ist mit ihrem feinen Stuckwerk über Portal und Säulen gleichzeitig von einer berückenden Leichtigkeit und Grazilität. Die gellende Trillerpfeife eines Polizisten reißt mich aus meiner Versunkenheit. Er sorgt auf der kleinen Plaza vor dem Kloster dafür, daß staunende Touristen wie ich den Verkehr nicht ins Stocken geraten lassen. Also suchen wir einen Parkplatz und nehmen uns Zeit für einen Ausflug ins Mittelalter. Allein sind wir dabei allerdings nicht gerade, was in der touristenarmen Extremadura zunächst überrascht. Doch hier in Guadalupe dominiert nicht der übliche internationale Touristen-Clan von Deutschen, Engländern, US-Amerikanern und Japanern, wie er sich noch bis zu den Sehenswürdikeiten von Cordoba und Sevilla vorgearbeitet hat. Hier sind es Spanier und Portugiesen, - und in steigender Zahl auch Reisende aus Lateinamerika - gilt doch die lange Warteschlange vor dem Kloster der Schwarzen Madonna von Guadalupe. Und sie ist die Schutzpatronin aller Spanisch und portugiesisch sprechenden Länder. Als angeblich bewährte Helferin in mancher Schlacht und nicht zuletzt beim Gemetzel der Spanier gegen die Urbevölkerung Lateinamerikas war die ehrwürdige Statue der Muttergottes der Legende nach über die Jahrhunderte schwarz geworden. Ihrer Bekanntheit hat es nicht geschadet. Im Gegenteil. Nun kommen sogar die Menschen aus den Ländern, die in ihrem Namen von den Conquistadores unterjocht wurden, um ihr zu huldigen.Im warmen Abendlicht geht es hinter Guadalupe weiter ins Gebirge. Die Steineichen sind einem schütteren Wald aus Korkeichen gewichen, den die Sonne in orangefarbenes Licht taucht. Selig lassen wir uns von einer Kurve in die andere fallen und schrauben uns langsam immer weiter hoch in die Berge. Schon lange ist uns kein Auto mehr begegnet, ewig war kein Haus mehr zu sehen. Wir fragen uns, ob hier überhaupt Menschen leben. Doch dann rollen wir in einen kleinen Gebirgsort, erfüllt mit südlichem Leben, das sich wie immer mitten auf der Straße abspielt. Jetzt am Abend ist praktisch die gesamte Einwohnerschaft auf den Beinen, beim Paseo, dem Spaziergang. Für die Spanier ist er ein unersetzlicher Teil des Lebens. Man hält Ausschau nach Nachbarn und Bekannten, tauscht wichtige Nachrichten aus oder tratscht einfach nur. Im Slalom zirkeln wir um Gruppen plaudernder Greise, spielender Kinder und flanierender Liebespaare. Selbst noch Kilometer hinter dem Ort bevölkern Spaziergänger die Straße. Die Männer diskutierend 50 Meter voraus, Mütter mit Kinderwagen in der Mitte und eine Schar Kinder hintendrein, die Oma, die offensichtlich nicht mehr viel sieht, an der Hand mitführend. Und alle erwidern erfreut unseren Gruß, offenbar verirren sich Motorradfahrer nur selten hier hinauf in die Sierra Altamira.Hinter einer Kurve öffnet sich dann fast unerwartet der Blick auf das weite Tal des Río Tajo, über dem vor wenigen Momenten die Sonne versunken ist. Und da ist es wieder, dieses Gefühl der Weite und Einsamkeit, das die Extremadura so intensiv hervorzaubern kann. Nicht wild oder verwegen wie die Geographie der Neuen Welt, sondern mit viel Beschaulichkeit und Tiefe. Nicht extrem, sondern eben Extremadura. Wir halten am Straßenrand an, atmen geradezu den weiten Blick auf das Land dort unten ein, das im schwindenden Licht allmählich blasser werdend vor uns liegt. In einem Farbenmix wie der Café con leche, den wir kurz zuvor auf der Plaza in Guadalupe genossen haben. Tiefer Friede über einer Landschaft, die von alters her immer wieder als Schlachtfeld herhalten mußte, der perfekte Sandkasten für die blutigen Planspiele der Feldherren. Ob das Kämpferische nun im Blut der Extremeños liegt oder ob einfach bloß das karge Land nicht genug für alle von ihnen abwarf - immer schon zog es die Menschen von hier hinaus, vorwiegend in die Neue Welt, um Reichtümer zu suchen, neues Land zu entdecken. Christoph Columbus hatte etliche Extremenos an Bord, als die Santa Maria Kurs auf Amerika nahm.Auf der Plaza Mayor in Trujillo steht die riesige Statue von Francisco Pizarro, herrisch auf seinem Streitroß sitzend. Er ist wohl der bekannteste Sohn der Stadt. Berühmt geworden durch seine grausamenen Eroberungszüge zu Beginn des 16. Jahrhunderts in die Neue Welt. Die indianische Klutur in Peru fiel im fast vollständig zu Opfer. Makabererweise beschert das Gold der Indianer der Stadt Trujillo einen Reichtum, von dem die prachtvolle historische Altstadt noch heute Zeugnis ablegt.Vorsichtig wagen wir uns mit den Motorrädern in das Labyrinth der engen Gassen, das sich innerhalb der alten Stadtmauern Trujillos zum Burgberg hochzieht, auf dem trutzig die Mauern des Castillos emporragen. Vor uns fällt der Blick unter dem wolkenlosen Himmel über einen Fleckenteppich aus Weideflächen und Steineichenpflanzungen, die kleinere Gebirgszüge umfangen. Kilometerweit ist keine Ortschaft, nicht einmal ein Haus zu sehen, allensfalls Mauern und Zäune. Wo leben die Menschen, die dieses Land bearbeiten? Ebenso wie Andalusien ist die Extremadura das Land der Latifundien. Der großen Ländereien, die den Adeligen für Verdienste in der Conquista und für erfolgreiche Kämpfe gegen die maurischen Eindringlinge zugesprochen wurden. Noch heute leben viele der Feldarbeiter irgendwo auf dem unergründlichen Gebiet der großen Besitzungen, der Fincas, von denen oft nur die Zufahrten an den endlosen Straßen sichtbar sind. Einen ganzen Trupp Landarbeiter treffen wir 100 Kilometer nördlich von Trujillo in der Sierra de Gredos. Heute, am Sonntag, sind sie auf Pferden unterwegs in die nächste Stadt, zum Frühschoppen quasi. Es sind Vaqueros, spanische Cowboys, die es hier schon gab, bevor der amerikanische Wilde Westen überhaupt entdeckt war. Transhumanz, die Wanderschäferei, nennt der Reiseführer lapidar dieses Umherziehen mit den Rindern, Schafen und Ziegen. Im Winter in den weiten Ebenen an der spanisch-portugiesischen Grenze, im Sommer oben auf den saftigen Gebirgsweiden der Sierra de Gredos. Sogar richtige Lagerfeuerromantik gibt es noch, wenn die Cowboys in schweren gußeisernen Pfannen die Steineicheln rösten.Dann kreisen sie über uns, die Geier Südspaniens Extremadura. Im National Park Monfragüe, einem großen, allerdings von einem künstlichen Stausee durchzogenenen Naturschutzgebiet, in dem sich neben den Raubvögeln soagr Wölfe und Luchse verbergen sollen. Über der imposanten Kulisse weißer Kreidefelsen ziehen gut und gern 30 der großen Vögel ihre Kreise, andere entdecken wir als winzige Punkte gut getarnt in den Klippen sitzend. Doch nicht nur für die Geier ist das weite Land der Extremadura ein idealer Lebensraum. Auch der Weißstorch findet in den vielen Flußauen ein gutes Jagdgebiet, das ihm freilich durch immer neue Stauseen ständig beschnitten wird. Störche leben jedoch auch in den meisten Städten der Region. Wie in Cáceres, unserer nächsten Station. Fast auf jeder Kirche und jedem Turm der Stadtmauer klebt ein Storchennest. Im Frühjahr wetteifern die Schnabeltiere mit ihrem Geklapper erfolgreich mit dem Lärm der Autos in den Straßen unter ihnen. Die UNESCO hat die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen zum »Kulturerbe der Menschheit« erklärt. Wären da nicht die vielen geparkten Blechkisten, könnte die Plaza Mayor den Betrachter perfekt und mühelos in ein mittelalterliches Stadtbild versetzten. Doch die Autos werden weniger, je weiter wir uns zu Fuß in das Gewirr der prachtvollen Bürgerhäuser, Adelspaläste, Kirchen und Türme vorarbeiten.Schließlich haben wir genug von Enge, Mauern und Mittelalter, wollen wieder hinaus, uns einfangen lassen von den einsamen Wegen der Extremadura. Bald rollen unsere Motorräder wieder auf der kerzengeraden Straße zum Horizont, die untergehende Sonne liegt warm auf dem Rücken der Jacke, die Landschaft ist in weiches, warmes Licht getaucht, lange Schatten unterstreichen die sanften Konturen der leicht geschwungenen Hügel. Kein Verkehr weit und breit, wir fahren zu viert nebeneinander, gemächliches Cruisen, das Visier offen, damit der würzige Duft von geschnittenem Gras ungehindert in unsere Nasen wehen kann. Die Extremadura zeigt uns ein letztes Mal ihr sanftes, melancholisches Gesicht. Ohne Rummel und großes Aufhebens. Einfach nur ein bißchen Weite schnuppern und abends zufrieden seine Tapas essen, dafür gibt es hier noch genügend Platz und Zeit.

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