Frankreich: Südfrankreich (Archivversion)

Und plötzlich - Stille

Zuviel Trubel in der Provence? Kein Problem, gleich nebenan geht´s ruhiger her. Wo genau? Im Departement Drôme-Provençale - eine wildgezackte Region zwischen Serres, Ardèche und Mont Ventoux.

Rémuzat am späten Nachmittag. Die Plätze vor der Bar du Midi sind zur Hälfte besetzt. Rentner schlurfen gebückt über den breiten, staubigen Platz zwischen Straße und Häuserfront. Drei Hunde dösen im Schatten uralter Arkaden, durch deren dichtes Laubdach nur vereinzelt Sonnenstrahlen dringen. Dann und wann startet jemand einen klapprigen 2CV oder einen rostigen R4, zweimal rasen Kids auf frisierten Mofas vorbei. Sonst ist es still. Nur ein paar Häuser aus dicken Steinen, zwei enge Gassen, ein Supermarkt, ein winziges Hotel, die Schlachterei und ein modernes Postgebäude - der Ort unterhalb der markanten, nahezu senkrecht aufragenden Felsenkante des Rocher du Caire ist auf den ersten Blick nichts weiter als ein Dorf etwas abseits der Straße, die Serres mit Nyons verbindet. Kaum etwas hat sich in den letzten 20 Jahren verändert, seit denen ich regelmäßig hier herkomme - und kaum jemand verirrt sich ins Departement Drôme-Provençale, dieser unbekannten Nachbarin der Provence.Gedankenverloren lasse ich mir die zweite Runde Pastis servieren, immer noch die phantastische Strecke vor Augen, die von Grenoble in den Süden bis nach Serres und letztlich weiter ans Mittelmeer führt. Kurve an Kurve, bis Serres etwa 110 Kilometer weit, schlängelt, steigt und fällt die N 75 - die Route d`Hiver des Alpes - durch das Tal der Drac, windet sich auf den Paß La Croix-Haute, bietet atemberaubende Ausblicke auf die verschneiten Zacken und Bergriesen der Westalpen. Dann geht´s durch das wilde Hochtal des Buëch, in dem die bis dahin vorherrschenden Nadelwälder langsam einer mediterranen Vegetation weichen, bis die ersten Ölbäume von der Nähe zur Provence künden.In dem kleinen Ort Serres bog ich nach Westen ab in Richtung Nyons, ließ den dichten Ferienverkehr hinter mir, den es weiter in den Süden zum nahen Canyon du Verdon oder vielleicht bis Nizza zieht. Gelassen bummelte ich über die schmale Straße, die nach einer Weile im wilden Zick-Zack durch weite Täler, dann entlang dem Verlauf der Eygues durch eine immer enger werdende Schlucht führt. Ab und an kleine Dörfer mit Häusern aus dicken Steinen, schließlich rechts und links steile Felsen, so nahe beieinander, daß die Strecke schon am frühen Nachmittag im Schatten liegt.Das Geräusch aufeinander prallender Kugeln reißt mich aus meinen Gedanken. Ein lautes, metallisches Klacken, das oft schon am frühen morgen zu hören ist, meistens aber am späten Nachmittag, wenn sich die Alten in den Dörfern zum Boule, oder zum Pétanque, wie das Spiel in der Provence genannt wird, treffen. Die Regeln sind einfach: Zwei oder mehr Mannschaften versuchen, ihre 900 Gramm schweren Eisenkugeln möglichst nahe an das »Schweinchen«, ein kleines Bällchen aus Buchsbaumholz, zu rollen - oder eben zu werfen. Ein Spiel, an dem sich jeder beteiligen kann, egal, ob Hilfsarbeiter oder Rechtsanwalt. Gelegentlich werden sogar Touristen als Spielpartner geduldet - aber niemals, um Himmelswillen, Frauen.Lange schaue ich den fünf Pensionären zu, die den staubigen Platz vor der kleinen Bar inzwischen für ihr Spiel beanspruchen. Der Unterhaltungswert der Partie ist riesig. Es wird laut geredet und gerufen, jeder Wurf wird diskutiert und analysiert. Rauchen, trinken, lachen, lästern, alles ist erlaubt, alles gehört dazu. Ebenso das schon fast liebevolle Verhältnis, das Spieler und Kugel verbindet. Mit Hingabe putzen sie die Eisen nach jedem Spiel, halten ihre jeweils drei Kugeln während der gesamten Spieldauer fast zärtlich in den Händen, streicheln über die polierte Oberfläche, als ob sie damit ihren Siegeswillen in das kalte, runde Stück Metall übertragen könnten. Spielende ist erst, wenn das letzte Tageslicht verschwunden ist.Am nächsten Morgen folge ich einem kleinen Sträßchen, das zuerst durch das verwinkelte La Motte-Chalancon und dann bergan zum 1030 Meter hohen Col des Roustans führt. Eine verwegene Schotterpiste windet sich vom Paß steil nach oben auf den über 400 Meter höher gelegenen Bergrücken des Montagne de Praloubeau, dessen Steilkante auf der anderen Seite viele hundert Meter nahezu senkrecht abfällt. Im grellen Gegenlicht glänzt kilometerweit entfernt das ewige Weiß alpiner Bergriesen, direkt vor mir markante Felsenkanten, grün schimmernde Hänge. In den vielen Tälern kleine, kreisrunde Dörfer mit roten Ziegeldächern, drumherum braune Felder mit Inseln aus knallgelben Ginsterbüschen, voneinander abgegrenzt durch schnurrgerade Reihen grüner Zypressen. Dann der leuchtende Lavendel, blauviolette Flächen von einer unglaublichen Intensität - alpine und mediterrane Einflüße vermischen sich in der Drôme zu einem bunten Schauspiel ohne Vergleich.Wieder in La Motte-Chalancon, rausche ich nach La Charce, einem urigen Nest, das von einer Burgruine überragt wird. Hinter dem Ort verschwindet eine schmale Strecke in einer engen Schlucht. Markante Felsformationen aus hellem Stein wachsen rechts und links in den blauen Himmel, skurille Gebilde, vor Millionen von Jahren von der Kraft des Wassers geformt. Langsam steigt das Sträßchen an, führt nach einer Weile in engen Kehren rauf zum Col de la Fromagère, der sich, knapp 1100 Meter hoch, seinen Weg vorbei an dichtbewachsenen Lavendelfeldern und mannshohen Ginsterbüschen unterhalb der imposanten Felsenkante des Montagne de Raton bahnt. Auf halber Strecke liegt auf einem steilen Bergsattel das Dorf Pommerol. Etwa ein dutzend Häuser etwas abseits der Straße, gemauert aus unbehauenen, sandfarbenen Steinen wie die meisten Gebäude in dieser Region. Die eigentlichen Bewohner hatten dieses wunderschön gelegene Nest bereits um die Jahrhundertwende verlassen, waren in die umliegenden Täler gezogen, wo die Böden ertragreicher sind als die steinigen Felder hier oben. Erst in den siebziger Jahren kam wieder Leben in die verfallenen Gemäuer. Monsieur Paul Vuillard, ein wohlhabender Arzt aus Lyon, verwirklichte seinen Traum vom eigenen Dorf, setzte die alten Steine in mühevoller Handarbeit wieder aufeinander und schuf gemütliche Ferienwohnungen fernab aller Hektik in einer weltabgeschiedenen Lage.Kurz vor dem Paß verschwindet eine ausgewaschene Piste im dichten Wald. Grober Schotter, weicher Schlamm, tiefe Pfützen und enge, steile Kehren - nicht unbedingt das Terrain für die schwere Tiger. Aber das Tal, in das sich der Weg windet, ist ein Traum. Über mir die steile, langgezogene Felsenkante des Raton, unter mir gefaltete Bergrücken, karge, abgeerntete Felder, dichte Kieferwälder. Sattes Grün auf braunem Boden, greller Ginster zwischen violettem Lavendel. Farben und Düfte, unglaublich intensiv, fast schon betäubend. Ein Rausch, der erst nach vielen Kilometern an der Straße zwischen Rémuzat und Cornillon endet.Markttag in Vaison-la-Romaine. Gerade einmal 20 Kilometer Luftlinie trennen Rémuzat von der alten Römerstadt, über doppelt so weit ist es auf der schmalen Straße durch die anfangs enge Schlucht entlang der Eygues. Kurve an Kurve windet sich der Asphalt zwischen Flußbett und senkrechten Felsenwänden, zwirbelt sich vorbei an urigen Dörfern wie das zauberhafte St. May, das hoch über der Straße auf einem steilen Felsen klebt, und führt bis zu den ersten silberschimmernden Olivenhainen an den Hängen zwischen Villeperdrix und Nyons. Kurz darauf beginnt die Provence, schließlich öffnet sich das Land. Immer flacher werden Berge und Hügel, geben nach einer Weile den Blick frei auf den Berg der Berge in dieser Region, den Mont Ventoux, der scheinbar aus dem Nichts fast 2000 Meter hoch in den dunstigen Himmel wächst.Voll ist es in den Straßen von Vaison-la-Romaine. Wie ein farbenprächtiger Lindwurm schlängelt sich der Markt durch die engen, belebten Gassen der uralten Stadt. Meterlange Stände, überladen mit Gewürzen und Kräutern in geflochtenen Körben und bunten Gefäßen. Der Duft von Thymian und Rosmarin, von Lavendel, Minze und scharfem Pfeffer vermischt sich mit dem von frischen Meeresfrüchten. Daneben die Winzer aus der Region, der bärtige Honighändler, die Trödler aus Avignon, Stände mit unzähligen Käsesorten. Klamotten, Werkzeug, Fleisch, alles nebeneinander und dichtgedrängt. Wahrlich ein Fest der Sinne.Da ich schon einmal hier bin, entschließe ich mich für einen Abstecher jenseits der Rhône. Schnurrgerade führt der Weg durch flaches, rebenbewachsenes Weinland und steigt erst hinter Pont St. Esprit langsam an, schlängelt sich im weiteren Verlauf steil bergan und gibt urplötzlich den Blick frei auf die gigantische Schlucht der Ardèche, dem nicht minder spektakulären Gegenstück zum Canyon du Verdon in der Provence. Kurvenreich führt die Aussichtsstraße entlang am steilabfallenden Rand der viele hundert Meter tiefen Schlucht, wie bunte Spielzeuge wirken die unzähligen Kanus auf dem tiefgrünen Wasser der Ardèche. Weiße Schaumkronen deuten an vielen Stellen auf reißende Stromschnellen hin, ab und zu hallt das Johlen der Kanuten, wenn sie die schwierigsten Passagen gemeistert haben, bis hinauf zu den Aussichtspunkten. Aber auch mir gefällt´s. Wie geschaffen ist die Tiger für diesen Kurvenrausch. Ein Heidenspaß, und gleich ein Doppelter,weil es von Vallon-Pont-d´Arc am Ende der Schlucht keinen anderen Weg zurück gibt. Am Abend ein Menü, eine gute Flasche Wein - und ein Helles gegen den Durst. Was für ein Tag.Heftige Windböen pfeifen am nächsten Mittag um meinen Helm. Noch zwei enge Serpentinen, die sich durch eine grauweiße Steinwüste winden, dann liegen der kahle, schneebedeckte Gipfel des Mont Ventoux vor und 21 steile und kurvige Kilometer hinter mir. Anfangs durch geschwungene Weinberge und Olivenhaine bei Malaucène, dann im wilden Hin und Her durch einen dichten Zedernwald, der mit jedem Höhenmeter einer immer kahler werdenden alpinen Vegetation weicht. Zuletzt nur noch nackter Fels und grobe Steinbrocken, ab und an bewachsen von bunten Moosen und Flechten. Mit jedem Höhenmeter wird es spürbar kälter, oben auf der 1909 Meter hohen Spitze zeigt das Thermometer gerade noch elf Grad an.Dafür ein uneingeschränktes Panorama vom Gipfel des Berges, der wie ein einsamer Klotz das Land überragt. Die Alpen scheinen trügerisch nahe, weit entfernt im Süden glänzt das Mittelmeer im grellen Licht der Mittagssonne, und bei gutem Wetter reicht der Blick sogar bis zu den Pyrenäen. Weit unter mir ist das bunte Land längst im Dunst der wärmeren Luftschichten verschwunden, das Grün-Braun-Rot der Felder und Dörfer flimmert nur noch schwach in der Ferne, verliert bis zum Horizont gänzlich an Intensität.Steil fällt die Straße auf der anderen Seite wieder hinunter in Richtung Sault - ein Kurvengesäusel, das es locker mit den meisten Alpenpässen aufnehmen kann. Aber noch größer der Fahrspaß auf den Straßen nördlich von Sault, die wieder zurück in die Drôme führen. Bis zum späten Abend lasse ich die Tiger einfach nur laufen, ziehe einen weiten Kreis über Buis-les-Baronnies bis Séderon und über kleinste Nebenstraßen wieder zurück, überquere einsame Pässe, die schon beim Blick auf die Karte schwindelig machen. Das Land ist vielfarbig und fruchtbar, hinter der nächsten Ecke steinig, trocken, abweisend. Kaum ein Mensch kommt mir entgegen, die meisten Bewohner aus den winzigen, festungsartig angelegten Dörfern hat es längst in die umliegenden Städte gezogen, wo der Lebensunterhalt leichter zu verdienen ist als hier in die abgelegenen Tälern. Und keine Spur mehr vom Trubel an der Ardèche oder von der Hektik auf dem überfüllten Gipfelplateau des Mont Ventoux. Sobald der Motor aus ist, herrscht plötzlich Stille.
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Unterwegstip (Archivversion)

Das Departement Drôme-Provençale bietet phantastische Strecken, abwechslungsreiche Landschaften und viel südfranzösisches Flair fernab aller Hektik - das Heer der Reisenden zieht es in der Regel weiter in die benachbarte Provence.
Anreise: Es gibt zwei Möglichkeiten, in die Drôme zu gelangen: entweder über die teure Autobahn von Mulhouse und Dijon über Lyon bis nach Montélimar oder - wesentlich reizvoller - über Basel, Genf, Grenoble und von dort aus auf der aussichtsreichen N 75 in Richtung Sisteron bis nach Serres.Reisezeit: Bereits im Frühling lohnt sich eine Tour durch die Drôme. Zwischen Juni und August blühen Lavendel, Ginster und Sonnenblumen. Allerdings kann es im Juli und August wegen der Schulferien in Frankreich selbst in der Drôme etwas voller werden. Im Herbst, wenn im Oktober der Wein geerntet wird, herrscht immer noch gutes Wetter.Übernachten: Zimmer in Hotels und Pensionen gibt es in Serres, Nyons und Vaison-la-Romaine sowie in allen größeren Dörfern ab 50 Mark pro Person. Gemütliche Zimmer können in Pommerol gemietet werden. Weitere Auskünfte erteilt das französische Fremdenverkehrsamt Maison de la France, Postfach 100128, Westendstraße, 60325 Frankfurt, Telefon 069/7560830, Fax 752187.Aktivitäten: Ein Muß ist ein Kanutrip durch die Schlucht der Ardèche. Zahlreiche Vermietstationen gibt es in Vallon-Pont-d´Arc. Gleitschirm- und Drachenflieger kommen östlich des Mont Ventoux in Mévoullion auf ihre Kosten.Literatur: Reiseführer über die Provence gibt es in Hülle und Fülle. Allerdings wird die Drôme-Provençale in allen Werken vernachlässigt. Eine gute Einstimmung auf die Provence liefert der APA Guide Provence für 44,80 Mark. Die beste Karte für diese Region ist das Blatt 81 von Michelin im Maßstab 1:200000 für 8,80 Mark.Zeitaufwand: fünf TageGefahrene Strecke: 400 Kilometer

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