Frankreich (Archivversion) Ein königliches Vergnügen

An der Loire entlang reist man duch das Herz Frankreichs. Hier fühlten sich schon Ritter, Fürsten und Könige wohl. Und auch zum Cruisen ist es eine ideale Region.

»Ich bin besonders glücklich, wenn das Glück unvollkommen ist. Vollkommenheit hat nämlich keinen Charakter.« Recht hat er, der Sir Peter Ustinov, von dem dieses Zitat stammt. Ob er jemals auf zwei Rädern an der Loire entlang gefahren ist, darf allerdings bezweifelt werden. Trotzdem erklären wir seine Erkenntnis zum Motto unserer Reise entlang der Loire, bei der von vornherein klar ist: Orte, an denen nicht etliche andere Touristen unterwegs sind, werden sich hier nur selten finden. Und auch für die Wahl der Motorräder passt der Spruch Ustinovs. Klaus sitzt auf einer Harley-Davidson Sportster 883, ich auf einer Kawasaki Drifter 800. Original und Kopie, die beide auf ihre ureigene Art und Weise viel mehr die Sinne als die Vernunft ansprechen. Aber wie gesagt – Vollkommenheit hat eben keinen Charakter.In Sully-sur-Loire stimmen wir uns auf unsere Tour ein. Wie gemalt liegt der kleine Ort an der Loire. Mit einem von Wassergräben umzogenen Schloss und einem Dorfplatz, der so altertümlich erscheint, dass er als Kulisse für eine Dumas-Verfilmung herhalten könnte. Während wir in einem Straßencafé im Reiseführer lesen, dass der junge Voltaire hier seine ersten Theaterstücke schrieb und inzinierte, zieht die Drifter das Interesse diverser anderer Touristen auf sich. In der Gunst der Betrachter liegt sie mit ihrer Indian-Optik eindeutig vor der Harley. Versunken betrachten vorwiegend ältere Herren das geparkte Bike. Oder winken einem im Vorbeifahren zu.Langsam nehmen wir Kurs auf das »Chateau Chambord«, eines der größten und prächtigsten Schlösser dieser Region. Als wir die steinerne Toreinfahrt passieren, passiert erst mal gar nichts. Von einem Schloss weit und breit nichts sehen. Erst viel später erfahren wir, dass eine 32 (!) Kilometer lange Mauer das 5500 Hektar große Schlossgelände umgibt. Und so dauert es ein Weilchen, bis wir auf der schnurgeraden Straße den Wald durchquert haben und das Objekt unserer Begierde vor uns auftaucht. Und uns staunen lässt. Schloss Chambrod ist ein wahrhaft monumentales Gemäuer. Mit 440 Räumen und zwei Dutzend Türmen und Türmchen, die majestätisch in den blauen Himmel ragen, gilt es Vorläufer von Versailles. Das erste Mal bekommen wir ein Gefühl für den opulenten Lebensstil, der diese Region berühmt gemacht hat. Als wir uns schließlich im direkt daneben gelegenen Hotel St. Michael einquartiert haben, ist es zwar schon dunkel, aber das kann uns egal sein – Schloss Chambrod ist auch nachts eine Augenweide. Von unzähligen Scheinwerfern angestrahlt, wirkt es wie eine Mischung aus romantischen Märchenschloss und Draculas Sommersitz.Relativ früh am nächsten Morgen tauchen bereits die ersten Busse mit Schlossbesuchern auf, und so machen wir uns rasch auf den Weg und cruisen weiter zum »Chateau de Chenonceau«. Unterwegs wechseln wir die Motorräder, denen zumindest ein V2-Triebwerk gleich ist. Und die sich beide relativ schaltfaul fahren lassen. Klaus versackt fast im Sattel der Drifter – das Teil stempelt selbst einen gut gepolsterten Fernsehsessel zum Schemel ab. Der raue Charme der Sportster dagegen trifft mich mit der Wucht einer kalten Dusche an einem Wintermorgen. Plötzlich bin ich hellwach. Es rumpelt und stampft und kribbelt ungewohnt heftig an Händen und Füßen. Dafür erweist sich die Sportster weit bequemer, als ich ihr zugetraut hätte.»Chateau de Chenonceaux« kommt in Sicht. Eine verspielte Renaissance-Architektur, die einige Jahre der Hauptwohnsitz von Katharina von Medici war – eine Dame, deren Lebenstil den ansonsten auch nicht gerade bescheidenen anderer Adliger noch weit übertraf. Entsprechend prunkvoll fällt das Innenleben des Chateaus aus. Wir wandeln durch Zimmer, nein, Säle, die bis unter die Zinnen vollgestopft sind mit antiken Möbeln und meterhohen Gemälden, und versuchen uns, höfische Lebensart vorzustellen.Ganz sicher gab es damals noch kein Fastfood. Nach unserer Schlossbesichtigung hungrig geworden, stoßen wir bei der Suche nach einem Restaurant zunächst nur auf Pizza-, Hot Dog- oder Hamburger-Ketten. Es dauert eine Weile, bis wir regionale Spezialitäten entdecken. Und genießen dann überaus raffiniert zubereitete Gemüsegerichte und Fisch, der, je näher man dem Atlantik kommt, immer häufiger auf der Karte zu finden ist.Gut gestärkt lassen wir die Motorräder wieder rollen, passieren ein Schloss nach dem anderen. Manche sehen aus wie Festungen oder Ritterburgen, andere, verziert mit Türmen und Erkern, erinnern an Neu Schwanstein. Das beschauliche Tal der Loire war wegen seiner Nähe zu Paris ab der Mitte des 15. Jahrhunderts ein beliebtes Domizil französischer Könige. Der Adel folgte diesem Vorbild, und später errichteten auch ausländische Fürstenhäuser, vor allem aus England und Deutschland, hier prachtvolle Bürgerhäuser und Paläste. Man lebte im großen Stil, feierte rauschende Feste und Bälle. Doch diese glanzvolle Epoche währte nur rund 150 Jahre. Der letzte König, der hier residierte, war Heinrich III. Mit seinem Tod im Jahr 1589 erlosch der Glanz der Loire-Schlösser, die so zahlreich sind, dass man vermutlich Jahre bräuchte, um alle zu besichtigen.Wir biegen ab nach Chinon und parken die Motorräder im Zentrum des kleinen Städtchens. Ein paar Schritte tun gut – echte Tourer sind doch etwas anderes. Die Wahl unseres Übernachtungsortes erweist sich als äußerst gelungen. Die schmalen, verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gässchen werden malerisch von historischen Laternen beleuchtet und von windschiefen Bruchstein- und Fachwerkhäusern aus mehreren Jahrhunderten gesäumt. Frankreich wie aus dem Bilderbuch. Gekrönt von einem Menü, das wir uns im ritterlichen Ambiente der »Postellerie Dargantua« servieren lassen: geschmorter Kabeljau mit Sherry-Rotkohl. Schmeckt sensationell.Am nächsten Morgen spazieren wir über den Wochenmarkt. Und erstehen ofenfrisches Baguette und einen wunderbar cremigen Käse. Bevor wir die Leckereien verputzen, erklimmen wir noch das »Chateau du Chinon«. Oben angekommen, öffnet sich ein toller Ausblick über Stadt, Land und Fluss. Rings um das Schloss, das eigentlich mehr einer Festung gleicht, warten riesige historische Katapulte auf vermeintlich herannahende Gegner. Im Schloss gibt es heutzutage aber allenfalls noch die letzte Ruhestätte von Heinrich II zu erobern. Der Vater von Richard Löwenherz soll von seinem Sohn höchstpersönlich vom Leben zum Tode gebracht worden sein. Die weniger glanzvollen Seiten des höfischen Lebens.Unser zweites Frühstück nehmen wir am Flussufer ein. Wir machen es uns auf einer Wiese bequem, schauen den Anglern bei ihrem gemächlichen Treiben zu und genießen unser Baguette und Käse unter einem strahlend blauen Himmel. So lässt es sich aushalten. Langsam verschmilzt der Anblick des Chateaus und das Murmeln der Loire zu einem seelentherapeutischen Gesamtkunstwerk. Wir fühlen uns einfach wohl. Ausgeglichen wie zwei buddhistische Mönche, klemmen wir uns wieder die Motorräder zwischen die Beine und lauschen dem Klangduett der V2-Triebwerke. Die Harley bringt mit ihrem Timbre die Luft zum vibrieren, die Drifter säuselt dagegen wie ein Staubsauger, der mit Schwachstrom läuft. Egal, dafür ist dieser Indian-Verschnitt im Vergleich zur Harley vom Handling so locker wie ein Tischtennisschläger zu manövrieren. Hat auch was.Wobei ohnehin keine besonders hohen Anforderungen an die Handlichkeit gestellt werden. Die französische Straßenbauer dieser Region scheinen äußerst pragmatischer Natur zu sein. Getreu der geometrischen Grundregel, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, haben sie den Großteil der Straßen angelegt. Zwischen den meisten Orten hat man selbst mit einem festgerosteten Lenkkopflager gute Chancen, von A nach B zu gelangen. Und trotzdem, obwohl es oft nur stur geradeaus geht, kommt keine Langeweile auf bei der Fahrt durch kilometerlange Alleen, riesige Getreidefelder und immer wieder an aristokratischen Anwesen entlang. Oder auf der etwa 13 Kilometer langen Traumstrecke auf dem Loire-Deich von Ussé nach Langeais. Untertourig blubbern wir mit unseren V-Zweizylindern an alten Gehöften vorbei, manche davon über und über mit Efeu bewachsen, während unzählige Sandbänke und kleine Inseln aus der Loire lugen.Und als wir so über den Deich cruisen, stellen wir mal wieder fest, dass die Drifter eigentlich wunderbar auf solch kurvenlose Strecken passt – sie mag absolut keine Schräglage und setzt sofort auf. Anders die Sportster. Auch wenn böse Zungen behaupten, dass sie allenfalls für Eisdielen-Sprints taugt - kommt doch einmal eine Kurve in Sicht, rennt sie der Japanerin auf und davon. Eigentlich schade, dass das nur so selten der Fall ist. Denn sonst hätten wir hier so etwas wie ein Paradies für Zweiradfahrer gefunden. Trotzdem: Wir sind glücklich. Und wissen einmal mehr, dass Sir Ustinov Recht hatte, als er von Vollkommenheit und Charakter sprach.In Langeais ankommen, möchten wir am liebsten sofort wieder umdrehen und den Weg über den Deich noch mal fahren. Doch der Anblick einer der schönsten Brücken Frankreichs hält uns davon ab. Vier riesige Steinbögen, durch armdicke Stahltrossen verbunden. So schön kann eine Flussüberquerung sein. Und so abwechslungsreich die Region ist, so variabel zeigt sich das Wetter im Loire-Tal. Nahezu im Stundentakt lösen sich strahlender Sonnenschein und heftige Regenschauer ab. Dabei kann es schon mal so windig werden, dass einem die Mousse ou chocolate vom Löffel geweht wird.Im Regen fahren weiter entlang der Loire, wieder zurück in Richtung Orléans. Neben Burgen und Schlössern wird in diesem Landstrich ein weiteres Nationalheiligtum gehegt und gepflegt: Es ist das Andenken an Jeanne D´Arc, die von hier loszog, die Engländer zu vertreiben. So eine Geschichte lässt sich natürlich trefflich vermarkten. Ganz gleich, wohin wir kommen, überall trifft man auf ihre Spuren, und jedes Dorf will ein Stück von ihrem Ruhm abhaben: Hier ist sie geboren, dort hat man sie gegrillt, hier hat sie ihre Rüstung ölen lassen und so weiter und so fort.Und da wir gerade von Heiligtümern sprechen – Kaffee und Zigaretten sind hier wirklich schwärzer, Croissants und Baguettes einfach knuspriger, und der Verkehr rollt – gelinde ausgedrückt – noch flotter als sonst in Frankreich über die Straßen. Und so bleibt am Ende unserer Tour das schöne Gefühl, so etwas wie die Seele Frankreichs kennengelernt zu haben. Das entschädigt dafür, dass wir hier und da ein paar nette Kurvensträßchen vermisst haben. Und an manchen Orte der Touristenandrang recht groß ist. Aber wie sagte Ustinov so schön: Vollkommenheit besitzt eben keinen Charakter. Glücklich und zufrieden machen wir uns auf den Weg durch weniger königliche Gefilde.

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