Frankreich (Archivversion) Ganz nah dran

Längst gehört die Rallye Monte Carlo zu den legendärsten Sportveranstaltungen überhaupt - doch wer diesem Spektakel im Januar per Motorrad folgt, muß schon gewaltig vom Rallye-Fieber gepackt sein.

Carlsson auf dem Dach. Gleich ist es wieder soweit. Garantiert. Gleich legt einer dieser Verrückten sein Auto um und holt sich - wie weiland der wilde Drifterkönig aus Schweden - seinen Spitznamen ab. Zwischen Bar und Rathaus braten sie hindurch, folgen dem scharfen S der Dorfstraße, schießen mit viel zuviel Speed auf die beinahe rechtwinklig abknickende Ortsausfahrt zu: Rallye Monte Carlo - die wahnsinnige, süchtig machende Mischung aus Vierrädern, Fans, Bergen, Schnee und Mittelmeer.Sie schaffen es. Alle. Driften auf zwei Schneewehen zu, die den wagemutigsten Zuschauern als Tribüne dienen, touchieren mit auskeilendem Heck beinahe die Logenplätze, stürmen mit durchdrehenden Rädern noch weiter die Berge hoch, duschen ihre Fans mit einer Fontäne aus Eis und Schnee. Keiner fädelt in den gefährlichen Spurrillen ein, keiner möchte hier Carlsson auf dem Dach spielen. Und dabei hat der kühle Eric anno »62 mit seinem Zweitakt-Saab dem Deutschen Böhringer auf seinem Benz die Hölle heiß gemacht, den Monte-Sieg weggeschnappt und Rallye-Geschichte geschrieben.Jede Monte eine Geschichte. So geschichtsträchtig das Ganze, daß jahrelang die WM-Saison schon aus lauter Ehrfurcht mit der wilden Hatz im Süden Frankreichs begann. Warum also nicht auch die Motorrad-Saison mit einem Ausflug in die Seealpen beginnen? Mit etwas Glück reicht es zum ersten Café au Lait auf einer Terrasse am Mittelmeer, mit etwas Durchhaltevermögen schafft es die F 650 bis hinauf zu den höchsten Etappen. Und ein dicker Winteranzug reicht bestimmt, um den Rallye-Troß auf seinen berühmtesten Wedelstrecken zu bestaunen.Beim Start freilich, da hätte es auch ein Regenschirm getan: Unter ödem Niesel senkte sich ein ums andere Mal die Flagge am Hafen von Monaco. Start zu insgesamt 18 Wertungsetappen, und die Teams in ihren grellbunten Rennkisten hetzten auf dem Rundkurs durch das Spielerparadies, durchschnitten die widerliche Gischt, als werde bereits nach Etappe eins abgerechnet, als gebe es kein Morgen. Dabei wurde es doch erst richtig lustig, in den 400 Kilometer entfernten Bergen der Ardèche. Hat nicht jemand ein Plätzchen frei, in seinem Subaru oder Escort? Natürlich nicht, also die Siebensachen gesattelt und über die unerfreulich schmierige Nationalstraße Richtung Valence.Gleich fünf Wertungsprüfungen stehen an, und in ungewöhnlich harten Wintern liegen die Berge westlich der Rhône schon mal unter einer Schneedecke begraben. Winzige Straßen ziehen sich aus dem Rhône-Tal an wilden Schluchten hoch. Der Wind pfeift eklig durch St. Bonnet. Was Wunder, heißt das Kaff mit Beinamen doch le Froid, das Kalte. Mit jedem Höhenmeter kommt der Gefrierpunkt näher, die Bäume tragen schon Schneehauben, und ein paar Serpentinen weiter oben wuchert die weiße Pracht in rutschigen Flecken bereits auf die Straße. Der Thermokombi kapituliert in Raten, die mäßig profilierten Reifen der BMW verlieren immer öfter die Traktion.Je dichter die Schneedecke am Straßenrand wird, desto mehr parkende Autos schmälern die Trasse. Aufgegeben, oder? Ein Königreich für eine Enduro, selbst wenn sie noch so schlingert. Aber in St. Bonnet hat die Rutschpartie ein Ende, den Ort überzieht eine 50 Zentimeter dicke Schneedecke. Als Zugabe eine Nebelwolke, aus der es feuchtkalt nieselt. Ein Franzose wärmt sich mit einem Schnäpschen, berichtet nuschelnd von der Horror-Rallye 1973, als rund die Hälfte des Feldes in Schneewehen rund um Burzet verendete. Unweit der Loire-Quelle glich die Straße einer Rodelbahn, heftiger Sturm schnaubte ständig neue Hindernisse zusammen, und dann auch noch ein Stau. Ein Deutscher war es, der das Chaos auslöste. »Böser Unfall. Fritzinger, auf Ford Capri«, lästert der dick verpackte Fan, um dann - eine skandalöse Entscheidung der Rallye-Leitung charmant auslassend - gleich zum Ende zu kommen: »Andruet hat gewonnen, auf Renault Alpine.«In solchen Momenten wäre es töricht, über Walter Röhrl zu sprechen. Wirklich töricht. Außerdem übernehmen jetzt wieder Motoren die Unterhaltung. Sterben gierig beim Anbremsen, röcheln ganz kurz im Scheitelpunkt und bellen los, wenn die Karre im Drift abzieht. »Jetzt kommt er.« Tatsächlich: Plötzlich vibriert die Luft. Das Publikum drängt an den Streckenrand, will nichts versäumen. Ein grelles Lichterband taucht aus den grauen Schleiern auf. Mit kurzen Gasstößen dirigiert der Pilot sein Rennauto übers Eis. Haarscharf schliddert er an den Fans vorbei, aber deren Vertrauen in seine Fahrkünste ist schier grenzenlos. Dabei passiert kaum ein Auto, das mit Dellen, zerbrochenen Scheinwerfern oder angerissenen Stoßstangen nicht bewiese, daß auch Götter fehlbar sind. Der dichte Nebel saugt den Sound auf wie ein feuchter Schwamm, hält ihn fest, bis die Boliden nur noch schemenhaft zwischen ihren aufflammenden Bremslichtern zu erkennen sind. Die Monte - eine gespenstische Show.Anderntags geht«s bereits in aller Frühe in die Region Hochdauphiné. Wie an der Perlenschnur reihen sich die sechs Sonderprüfungen. Die Zufahrten weiträumig abgesperrt. Schade, schlechte Karten für bikende Fans. Erst nach intensivem Studium der immerguten Michelin-Karte eröffnet sich ein Quereinstieg. Also los. Wie zum Ausgleich lichten sich die Wolken, sorgt die Sonne kurz darauf für beinahe frühlingshafte Temperaturen. Die Winterkombi wandert ins Gepäck - und liegt nicht sogar der typische Duft des Südens in der Luft? Von Pinien und frischer Erde? Wie im Rausch ziehen die kleinen Sträßchen voran, malerische Dörfer, aufgeschachtelt aus sandfarbenen Steinhäusern, untermalen das Hochgefühl. Es ist zum Driften schön.O.k., ab dafür: Am Col de Rousset zeigen die Profis, wo«s langgeht. Jedenfalls nie, nie und nimmer geradeaus. Und eigentlich auch niemals unter 45 Grad Driftwinkel. Das Gesäusel des Passes nehmen sie im Sturm, gegen ihre rundstreckentauglichen Peugeot 305, Subaru ...... oder Toyota ..... wirkt so eine F 650 wie ein mobiles Verkehrshindernis. Dabei startete die Rallye 1911 als Zuverlässigkeitsfahrt. Monsieur Henri Rougier siegte auf einem 25 PS starken Turcat-Méry. Was dieser Marke, wie bekannt sein sollte, keinesfalls zum kommerziellen Durchbruch verhalf. Unklar bleibt, ob Rougier mit den 10000 Francs, die ihm vom Spielkasino Monte-Carlo überreicht wurden, als gemachter Mann gelten durfte.Als Trost für die schmachvolle Drift-Lektion bleibt die Fahrt nach Gap, eine verträumte Provence-Tour. Straßen, die im wilden Zick-Zack enge Täler erkunden, sich von malerischen oder skurillen Felsen begleiten lassen. Dazwischen abgeerntete Lavendelfelder und silbrig glänzende Ölbäume. Hin und wieder lugen die verschneiten Bergriesen der Westalpen zwischen den Hügeln hervor - eine winterlich verklärte Mischung aus alpinen und mediterranen Eindrücken. Wo die Sonne sich fängt, schnurrt eine Katze in der Wärme, werden durch weit offene Fenster die Stuben gelüftet. Der Frühling kann gar nicht mehr weit sein. Nur noch ein paar Kilometer.Aber vor Palmen, Sonne und Süßes Leben haben die Rallye-Götter den Col de Turini gestellt. Königsetappe des letzten Tages, die selbst Recken wie Timo Mäkinen eine Idee von Angst vermittelte. Der Finne zählte zu jenen jungen Wilden, die ab 1963 alle Etablierten als Langweiler entlarvten. Sie kamen aus Schweden, Norwegen und Finnland, guckten sich die Schneealpen an und brummten: »Das soll Schnee sein?« Dann gaben sie Gas, und es muß der fatale Glaube an die Endlichkeit des Seins gewesen sein, der sie beseelte. Allein die Abhänge neben den oft kaum wagenbreiten Pfaden konnten sie mental noch bremsen, aber wenn irgendwo drei Meter Breite lockten, standen sie schon wieder völlig quer. Nur logisch, daß Mäkinen zwei Jahre darauf gewann. Mit einem rasenden Schuhkarton, dem BMC Mini Cooper. Jenem Auto also, das sich auf dem denkbar kleinstem Raum querstellen ließ. Bereits ein Jahr zuvor hatte die wild gewordene Kompaktkutsche unter dem Iren Hopkirk reüssiert. Aber das muß eine feuchte Rallye gewesen sein. Egal, kaum ein Auto hat von seinen Monte-Erfolgen so profitiert wie der Mini. Der ließ Daimler, Citroen oder Volvo einfach stehen und kehrte die statusträchtige Welt des Automobils schlicht auf den Kopf. Sozusagen ein Bike mit vier Rädern.Insgesamt sechs Prüfungen warten auf einen Besuch, an diesem letzten Tag. Und die erste bei Sisteron zählt mit über 36 Kurvenkilometern zu den schwierigsten überhaupt. Aber wer morgens im Bett liegen bleibt, weil auch die Sonne so ganz und gar nicht aufstehen mag, der schafft Sisteron einfach nicht. Wer danach noch ausgiebig frühstückt und drei bis vier Croissants verdrückt, der muß sich auch für die zweite Etappe sputen. Wer dann immer noch auf die Sonne wartet, dem langt es vielleicht noch zur dritten. Dabei lebt so eine Rallye von schlechtem Wetter, und die ganz Harten beschwören noch heute, daß die Monte nur ein einziges Mal das ihr gemäße Wetter hatte: 1965, als von 237 gestarteten Fahrzeugen 22 ins Ziel kamen. Geschunden, verbeult. Na, dann geht«s ja noch.Bei Chaudon-Norante findet die BMW nach furchtlos durchfrorener Anreise ihre Parkbucht. Ein gutes Stück Fußweg wartet, leitet mitten hinein in die Etappe. Noch eine Stunde Zeit, bis die Show beginnt. Sämtliche Straßenränder und Böschungen sind dicht besetzt. Sogar auf den Bäumen hocken etliche Fans, und wenn sie sich die kalten Hände reiben, droht akute Rutschgefahr. Alle, die unten auf der Erde bleiben, hüpfen und schlagen mit den Armen gegen die klamme Kälte an. Sind die eigentlich total bescheuert, hier stundenlang zu warten, um dann für wenige Sekunden ein, zwei Blicke auf bunte fliegende Kisten zu erhaschen? Nein, es sind die letzten Gläubigen des mobilen Zeitalters. Die meinen, daß ein Mann und ein Auto einfach überall hinkommen. Jede Widrigkeit bezwingen können. Und es sind begeisterte Geschichtenerzähler. Sie erzählen die Geschichte von einer Frau und ihrem Auto, die überall hinkam und es den Männern so richtig gezeigt hat. Einer Französin, natürlich, und Mademoiselle Mouton sah auch noch so aus. Auf Renault Alpine, Lancia Stratos und Fiat Abarth holte sie sich zwischen 1976 und 1980 die Coupe des Dames. Aber weil sie Damentrophäen haßte, fuhr sie einfach mitten rein in die vorderen Plätze. Verschreckte Waldegaards und Aléns und Darniches und wie sie alle hießen.Ob man jetzt von Walter Röhrl sprechen könnte? Nur ein klein wenig? Nein, der Troß ist schon durch, also auf nach Le Figeret. Dort wartet eine herrliche Schneewehe und gewährt beste Sicht bei idealem Sicherheitsabstand. Wie an der Schnur gezogen preschen die Besten vorbei. Bremsen, Runterschalten, Bremsen, Einlenken, Beschleunigen, Gegenlenken, Beschleunigen, Rauslenken, Beschleunigen, Beschleunigen. Wer sich als Motorradfahrer wie ein Feinmotoriker fühlt, der überlege mal, wie es im Fußraum eines solchen Schneepfluges zugeht.Der Turini ruft. Auf 1604 Meter kreiselt sich die Paßstraße über Eis und Schnee empor. Aus Sicherheitsgründen wird sie nicht mehr tief nachts befahren. Nix mehr mit Nacht der langen Messer. Dennoch: Da oben rasten sie aus, die Fans. Heizen sich mit Bollerofen und flüssigem Brennstoff ein, überschlagen sich, wenn die ersten Kisten wie in Slow Motion auf die Menge zurodeln, nach Grip suchen, den Schnee zerwühlen, weiterrodeln, immer dichter herankommen an die johlende Masse, endlich ein paar PS übertragen können, beschleunigen. Dann schlagen sie ihnen noch eins aufs Dach, lassen sich einschwängern von Qualm und Schneegestöber. Muß das schön sein. So schön, daß die Polizei den Zugang schon acht Kilometer vorher sperrt. Rigoros, weil die Paßhöhe bereits jetzt total überlaufen sei. Acht Kilometer zu Fuß, das reicht niemals. Das Logbuch des heutigen Tages ist irgendwo zwischen zweitem und drittem Croisssant durcheinander geraten.Also runter nach Monaco. Ein sanfter Wind weht durchs Steuerparadies, umfächelt die Reichen und Schönen, lockt sie zum Flanieren aus dem Casino. Am Hafen wimmeln all jene herum, die ihre Rallye-Stars bis zum guten Ende begleiten wollen. Milde Salzluft vom Meer mischt sich mit Benzin- und Gummigeruch. Über die verkürzte Grand Prix-Strecke rasen sie Richtung Zielrampe. Die letzte Etappe. Es fallen keine Entscheidungen mehr, aber etwas Entscheidendes bleibt noch zu sagen: Da oben, auf dieser Rampe, hat viermal Walter Röhrl gestanden. Gewinner auf Fiat, Opel, Lancia und Audi. Einer von uns, denn in seiner Freizeit, da fuhr der Walter schon vor Jahren Bimota.

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