Frankreich (Archivversion)

Ganz nah dran

Längst gehört die Rallye Monte Carlo zu den legendärsten Sportveranstaltungen überhaupt - doch wer diesem Spektakel im Januar per Motorrad folgt, muß schon gewaltig vom Rallye-Fieber gepackt sein.

Carlsson auf dem Dach. Gleich ist es wieder soweit. Garantiert. Gleich legt einer dieser Verrückten sein Auto um und holt sich - wie weiland der wilde Drifterkönig aus Schweden - seinen Spitznamen ab. Zwischen Bar und Rathaus braten sie hindurch, folgen dem scharfen S der Dorfstraße, schießen mit viel zuviel Speed auf die beinahe rechtwinklig abknickende Ortsausfahrt zu: Rallye Monte Carlo - die wahnsinnige, süchtig machende Mischung aus Vierrädern, Fans, Bergen, Schnee und Mittelmeer.Sie schaffen es. Alle. Driften auf zwei Schneewehen zu, die den wagemutigsten Zuschauern als Tribüne dienen, touchieren mit auskeilendem Heck beinahe die Logenplätze, stürmen mit durchdrehenden Rädern noch weiter die Berge hoch, duschen ihre Fans mit einer Fontäne aus Eis und Schnee. Keiner fädelt in den gefährlichen Spurrillen ein, keiner möchte hier Carlsson auf dem Dach spielen. Und dabei hat der kühle Eric anno »62 mit seinem Zweitakt-Saab dem Deutschen Böhringer auf seinem Benz die Hölle heiß gemacht, den Monte-Sieg weggeschnappt und Rallye-Geschichte geschrieben.Jede Monte eine Geschichte. So geschichtsträchtig das Ganze, daß jahrelang die WM-Saison schon aus lauter Ehrfurcht mit der wilden Hatz im Süden Frankreichs begann. Warum also nicht auch die Motorrad-Saison mit einem Ausflug in die Seealpen beginnen? Mit etwas Glück reicht es zum ersten Café au Lait auf einer Terrasse am Mittelmeer, mit etwas Durchhaltevermögen schafft es die F 650 bis hinauf zu den höchsten Etappen. Und ein dicker Winteranzug reicht bestimmt, um den Rallye-Troß auf seinen berühmtesten Wedelstrecken zu bestaunen.Beim Start freilich, da hätte es auch ein Regenschirm getan: Unter ödem Niesel senkte sich ein ums andere Mal die Flagge am Hafen von Monaco. Start zu insgesamt 18 Wertungsetappen, und die Teams in ihren grellbunten Rennkisten hetzten auf dem Rundkurs durch das Spielerparadies, durchschnitten die widerliche Gischt, als werde bereits nach Etappe eins abgerechnet, als gebe es kein Morgen. Dabei wurde es doch erst richtig lustig, in den 400 Kilometer entfernten Bergen der Ardèche. Hat nicht jemand ein Plätzchen frei, in seinem Subaru oder Escort? Natürlich nicht, also die Siebensachen gesattelt und über die unerfreulich schmierige Nationalstraße Richtung Valence.Gleich fünf Wertungsprüfungen stehen an, und in ungewöhnlich harten Wintern liegen die Berge westlich der Rhône schon mal unter einer Schneedecke begraben. Winzige Straßen ziehen sich aus dem Rhône-Tal an wilden Schluchten hoch. Der Wind pfeift eklig durch St. Bonnet. Was Wunder, heißt das Kaff mit Beinamen doch le Froid, das Kalte. Mit jedem Höhenmeter kommt der Gefrierpunkt näher, die Bäume tragen schon Schneehauben, und ein paar Serpentinen weiter oben wuchert die weiße Pracht in rutschigen Flecken bereits auf die Straße. Der Thermokombi kapituliert in Raten, die mäßig profilierten Reifen der BMW verlieren immer öfter die Traktion.Je dichter die Schneedecke am Straßenrand wird, desto mehr parkende Autos schmälern die Trasse. Aufgegeben, oder? Ein Königreich für eine Enduro, selbst wenn sie noch so schlingert. Aber in St. Bonnet hat die Rutschpartie ein Ende, den Ort überzieht eine 50 Zentimeter dicke Schneedecke. Als Zugabe eine Nebelwolke, aus der es feuchtkalt nieselt. Ein Franzose wärmt sich mit einem Schnäpschen, berichtet nuschelnd von der Horror-Rallye 1973, als rund die Hälfte des Feldes in Schneewehen rund um Burzet verendete. Unweit der Loire-Quelle glich die Straße einer Rodelbahn, heftiger Sturm schnaubte ständig neue Hindernisse zusammen, und dann auch noch ein Stau. Ein Deutscher war es, der das Chaos auslöste. »Böser Unfall. Fritzinger, auf Ford Capri«, lästert der dick verpackte Fan, um dann - eine skandalöse Entscheidung der Rallye-Leitung charmant auslassend - gleich zum Ende zu kommen: »Andruet hat gewonnen, auf Renault Alpine.«In solchen Momenten wäre es töricht, über Walter Röhrl zu sprechen. Wirklich töricht. Außerdem übernehmen jetzt wieder Motoren die Unterhaltung. Sterben gierig beim Anbremsen, röcheln ganz kurz im Scheitelpunkt und bellen los, wenn die Karre im Drift abzieht. »Jetzt kommt er.« Tatsächlich: Plötzlich vibriert die Luft. Das Publikum drängt an den Streckenrand, will nichts versäumen. Ein grelles Lichterband taucht aus den grauen Schleiern auf. Mit kurzen Gasstößen dirigiert der Pilot sein Rennauto übers Eis. Haarscharf schliddert er an den Fans vorbei, aber deren Vertrauen in seine Fahrkünste ist schier grenzenlos. Dabei passiert kaum ein Auto, das mit Dellen, zerbrochenen Scheinwerfern oder angerissenen Stoßstangen nicht bewiese, daß auch Götter fehlbar sind. Der dichte Nebel saugt den Sound auf wie ein feuchter Schwamm, hält ihn fest, bis die Boliden nur noch schemenhaft zwischen ihren aufflammenden Bremslichtern zu erkennen sind. Die Monte - eine gespenstische Show.Anderntags geht«s bereits in aller Frühe in die Region Hochdauphiné. Wie an der Perlenschnur reihen sich die sechs Sonderprüfungen. Die Zufahrten weiträumig abgesperrt. Schade, schlechte Karten für bikende Fans. Erst nach intensivem Studium der immerguten Michelin-Karte eröffnet sich ein Quereinstieg. Also los. Wie zum Ausgleich lichten sich die Wolken, sorgt die Sonne kurz darauf für beinahe frühlingshafte Temperaturen. Die Winterkombi wandert ins Gepäck - und liegt nicht sogar der typische Duft des Südens in der Luft? Von Pinien und frischer Erde? Wie im Rausch ziehen die kleinen Sträßchen voran, malerische Dörfer, aufgeschachtelt aus sandfarbenen Steinhäusern, untermalen das Hochgefühl. Es ist zum Driften schön.O.k., ab dafür: Am Col de Rousset zeigen die Profis, wo«s langgeht. Jedenfalls nie, nie und nimmer geradeaus. Und eigentlich auch niemals unter 45 Grad Driftwinkel. Das Gesäusel des Passes nehmen sie im Sturm, gegen ihre rundstreckentauglichen Peugeot 305, Subaru ...... oder Toyota ..... wirkt so eine F 650 wie ein mobiles Verkehrshindernis. Dabei startete die Rallye 1911 als Zuverlässigkeitsfahrt. Monsieur Henri Rougier siegte auf einem 25 PS starken Turcat-Méry. Was dieser Marke, wie bekannt sein sollte, keinesfalls zum kommerziellen Durchbruch verhalf. Unklar bleibt, ob Rougier mit den 10000 Francs, die ihm vom Spielkasino Monte-Carlo überreicht wurden, als gemachter Mann gelten durfte.Als Trost für die schmachvolle Drift-Lektion bleibt die Fahrt nach Gap, eine verträumte Provence-Tour. Straßen, die im wilden Zick-Zack enge Täler erkunden, sich von malerischen oder skurillen Felsen begleiten lassen. Dazwischen abgeerntete Lavendelfelder und silbrig glänzende Ölbäume. Hin und wieder lugen die verschneiten Bergriesen der Westalpen zwischen den Hügeln hervor - eine winterlich verklärte Mischung aus alpinen und mediterranen Eindrücken. Wo die Sonne sich fängt, schnurrt eine Katze in der Wärme, werden durch weit offene Fenster die Stuben gelüftet. Der Frühling kann gar nicht mehr weit sein. Nur noch ein paar Kilometer.Aber vor Palmen, Sonne und Süßes Leben haben die Rallye-Götter den Col de Turini gestellt. Königsetappe des letzten Tages, die selbst Recken wie Timo Mäkinen eine Idee von Angst vermittelte. Der Finne zählte zu jenen jungen Wilden, die ab 1963 alle Etablierten als Langweiler entlarvten. Sie kamen aus Schweden, Norwegen und Finnland, guckten sich die Schneealpen an und brummten: »Das soll Schnee sein?« Dann gaben sie Gas, und es muß der fatale Glaube an die Endlichkeit des Seins gewesen sein, der sie beseelte. Allein die Abhänge neben den oft kaum wagenbreiten Pfaden konnten sie mental noch bremsen, aber wenn irgendwo drei Meter Breite lockten, standen sie schon wieder völlig quer. Nur logisch, daß Mäkinen zwei Jahre darauf gewann. Mit einem rasenden Schuhkarton, dem BMC Mini Cooper. Jenem Auto also, das sich auf dem denkbar kleinstem Raum querstellen ließ. Bereits ein Jahr zuvor hatte die wild gewordene Kompaktkutsche unter dem Iren Hopkirk reüssiert. Aber das muß eine feuchte Rallye gewesen sein. Egal, kaum ein Auto hat von seinen Monte-Erfolgen so profitiert wie der Mini. Der ließ Daimler, Citroen oder Volvo einfach stehen und kehrte die statusträchtige Welt des Automobils schlicht auf den Kopf. Sozusagen ein Bike mit vier Rädern.Insgesamt sechs Prüfungen warten auf einen Besuch, an diesem letzten Tag. Und die erste bei Sisteron zählt mit über 36 Kurvenkilometern zu den schwierigsten überhaupt. Aber wer morgens im Bett liegen bleibt, weil auch die Sonne so ganz und gar nicht aufstehen mag, der schafft Sisteron einfach nicht. Wer danach noch ausgiebig frühstückt und drei bis vier Croissants verdrückt, der muß sich auch für die zweite Etappe sputen. Wer dann immer noch auf die Sonne wartet, dem langt es vielleicht noch zur dritten. Dabei lebt so eine Rallye von schlechtem Wetter, und die ganz Harten beschwören noch heute, daß die Monte nur ein einziges Mal das ihr gemäße Wetter hatte: 1965, als von 237 gestarteten Fahrzeugen 22 ins Ziel kamen. Geschunden, verbeult. Na, dann geht«s ja noch.Bei Chaudon-Norante findet die BMW nach furchtlos durchfrorener Anreise ihre Parkbucht. Ein gutes Stück Fußweg wartet, leitet mitten hinein in die Etappe. Noch eine Stunde Zeit, bis die Show beginnt. Sämtliche Straßenränder und Böschungen sind dicht besetzt. Sogar auf den Bäumen hocken etliche Fans, und wenn sie sich die kalten Hände reiben, droht akute Rutschgefahr. Alle, die unten auf der Erde bleiben, hüpfen und schlagen mit den Armen gegen die klamme Kälte an. Sind die eigentlich total bescheuert, hier stundenlang zu warten, um dann für wenige Sekunden ein, zwei Blicke auf bunte fliegende Kisten zu erhaschen? Nein, es sind die letzten Gläubigen des mobilen Zeitalters. Die meinen, daß ein Mann und ein Auto einfach überall hinkommen. Jede Widrigkeit bezwingen können. Und es sind begeisterte Geschichtenerzähler. Sie erzählen die Geschichte von einer Frau und ihrem Auto, die überall hinkam und es den Männern so richtig gezeigt hat. Einer Französin, natürlich, und Mademoiselle Mouton sah auch noch so aus. Auf Renault Alpine, Lancia Stratos und Fiat Abarth holte sie sich zwischen 1976 und 1980 die Coupe des Dames. Aber weil sie Damentrophäen haßte, fuhr sie einfach mitten rein in die vorderen Plätze. Verschreckte Waldegaards und Aléns und Darniches und wie sie alle hießen.Ob man jetzt von Walter Röhrl sprechen könnte? Nur ein klein wenig? Nein, der Troß ist schon durch, also auf nach Le Figeret. Dort wartet eine herrliche Schneewehe und gewährt beste Sicht bei idealem Sicherheitsabstand. Wie an der Schnur gezogen preschen die Besten vorbei. Bremsen, Runterschalten, Bremsen, Einlenken, Beschleunigen, Gegenlenken, Beschleunigen, Rauslenken, Beschleunigen, Beschleunigen. Wer sich als Motorradfahrer wie ein Feinmotoriker fühlt, der überlege mal, wie es im Fußraum eines solchen Schneepfluges zugeht.Der Turini ruft. Auf 1604 Meter kreiselt sich die Paßstraße über Eis und Schnee empor. Aus Sicherheitsgründen wird sie nicht mehr tief nachts befahren. Nix mehr mit Nacht der langen Messer. Dennoch: Da oben rasten sie aus, die Fans. Heizen sich mit Bollerofen und flüssigem Brennstoff ein, überschlagen sich, wenn die ersten Kisten wie in Slow Motion auf die Menge zurodeln, nach Grip suchen, den Schnee zerwühlen, weiterrodeln, immer dichter herankommen an die johlende Masse, endlich ein paar PS übertragen können, beschleunigen. Dann schlagen sie ihnen noch eins aufs Dach, lassen sich einschwängern von Qualm und Schneegestöber. Muß das schön sein. So schön, daß die Polizei den Zugang schon acht Kilometer vorher sperrt. Rigoros, weil die Paßhöhe bereits jetzt total überlaufen sei. Acht Kilometer zu Fuß, das reicht niemals. Das Logbuch des heutigen Tages ist irgendwo zwischen zweitem und drittem Croisssant durcheinander geraten.Also runter nach Monaco. Ein sanfter Wind weht durchs Steuerparadies, umfächelt die Reichen und Schönen, lockt sie zum Flanieren aus dem Casino. Am Hafen wimmeln all jene herum, die ihre Rallye-Stars bis zum guten Ende begleiten wollen. Milde Salzluft vom Meer mischt sich mit Benzin- und Gummigeruch. Über die verkürzte Grand Prix-Strecke rasen sie Richtung Zielrampe. Die letzte Etappe. Es fallen keine Entscheidungen mehr, aber etwas Entscheidendes bleibt noch zu sagen: Da oben, auf dieser Rampe, hat viermal Walter Röhrl gestanden. Gewinner auf Fiat, Opel, Lancia und Audi. Einer von uns, denn in seiner Freizeit, da fuhr der Walter schon vor Jahren Bimota.
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Infos (Archivversion)

Die Rallye Monte Carlo ist jedes Jahr der traditionelle Auftakt zur Rallye-Weltmeisterschaft. Am 17. Januar startet in Monaco die 66. Ausgabe des Klassikers - ein legendäres Spektakel, das sportbegeisterten Zuschauern alles bietet.
Anreise: Auf der Autobahn geht es entweder von der deutsch-französischen Grenze bei Mühlhausen via Lyon und Nizza nach Monaco. Oder via Basel, Genf, Turin, Genua und schließlich entlang der Küste gen Westen. Attraktiver ist es jedoch, von Genf die Autobahn nach Grenoble zu wählen, wo eine der schönsten Alpenstraßen beginnt: die Route Napoleon, die bis direkt ans Mittelmeer führt. Mit Schnee und Eis ist auf vor allem auf den Nebenstraßen zu rechnen - ein Alptraum für Motorradfahrer, aber das Salz in der Suppe für die Rallye. In strengen Winter dürfte es auf zwei Rädern allerdings unmöglich sein, dem kompletten Verlauf der Rallye zu den einzelnen zwischen Monaco und Valence weit verstreuten Wertungsprüfungen zu folgen. Es lohnt sich aber, auch nur bei einer der vielen Sonderprüfungen mit dabeizusein. In jeder Geschäftstelle des ADAC können im Winter die aktuellen Straßenzustandsberichte erfragt werden.Übernachten: Obwohl die meisten Hotels und Pensionen vom Rallye-Troß belegt werden, findet man immer noch irgendwo ein freies Bett. Wer sich vorher Hotelverzeichnisse von den Etappenstädten schicken läßt und vorbucht, spart viel Zeit und Nerven. Entsprechende Infos gibt es beim französischen Fremdenverkehrsamt, Westendstraße 17, 60325 Frankfurt, Telefon 069/7560830, Fax 752187.Ausrüstung: Wer der Rallye Monte Carlo, die stets im Januar stattfindet, mit einem Motorrad folgen will, kommt um eine Thermokombi, gefütterte Stiefel und eine Griffheizung nicht herum. Eine Styroporplatte gehört unbedingt mit ins Gepäck - sie hält bei längeren Wartezeiten an den Aussichtspunkten der einzelnen Etappen im Schnee die Kälte von den Füßen ab.Literatur: Die Zeitschrift Rallye Racing gibt rechtzeitig vor der »Monte« nützliche Tips und Infos über die Rallye und nennt den aktuellen Streckenverlauf. Für sieben Mark an jedem guten Kiosk erhältlich. Allgemeine Infos lieferen die Michelin-Führer »Alpes du Sud« und »Alpes du Nord«, je 25 Mark. Unverzichtbar: die Michelin-Karten 239, 244 und 245 für je 14,80 Mark.Weitere Informationen: Weitere Infos über den Verlauf der Rallye gibt es beim Monaco Informationszentrum, Königsallee 27-31, 40212 Düsseldorf, Telefon 0211/3237843, oder beim Automobile Club de Monaco, 23, BD-Albert-1er, B.P. 464, MC 98012 Monaco Cedex, Telefon 00377/93152600.

Frankreich: Reise zur Rallye Monte Carlo (Archivversion)

Monte Carlo. Es gießt in Strömen. Auf den Straßen und Gehwegen Monacos stehen riesige Pfützen, und das sonst vom Wetter verwöhnte Fürstentum am Mittelmeer liegt unter einer grauen Wolkendecke begraben. Die Menschen am Rand des Grand-Prix-Kurses haben die Krägen ihrer Mäntel hochgezogen und drängeln sich unter Regenschirmen. So haben Sabine und ich uns den Auftakt zur Rallye Monte Carlo, dem traditionell ersten Lauf im Jahr für die Rallye-Weltmeisterschaft, nicht vorgestellt. Eigentlich wollten wir den ersten Café au Lait genüßlich unter Palmen schlürfen und dazu sollte die Sonne lachen. Passend zum neuen, alten Startort. Denn seit Ende der 60er Jahre fällt die Startflagge erstmals wieder im Hafen von Monaco, bis dahin fand der Auftakt immer in Valence statt. Jetzt stehen wir mit durchnäßten Füßen an der Piste. Doch wer der wohl berühmtesten Rallye der Welt hautnah vier Tage lange mit dem Motorrad folgen will, muß sich wohl auf eine Menge Überraschungen gefaßt machen.Brüllend jagt das erste Rallyeauto auf uns zu, das Dröhnen des Motors potenziert sich zu infernalischem Lärm. Dann verschwindet der röhrende Bolide in einer meterhohen Gischtwolke. Paarweise starten die Autos an entgegengesetzten Startpunkten auf den 2,8 Kilometer langen Rundkurs in die erste von insgesamt 18 Wertungsetappen. Ein Sieg bei der »Großen alten Dame des Rallyesports« zählt unter den Teams viel - und wegen des außergewöhnlichen Flairs und natürlich wegen des legendären Rufs der Rallye ist es eine besondere Ehre, am Ende ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.Zweimal müssen die Boliden über den vom Regen glitschigen Asphalt der Mittelmeer-Metropole rasen. Schon hier zählt jede Sekunde, denn wer weiß schon was in den Bergen auf die Fahrer wartet. Die erste Prüfung dauert also pro Team nur wenige Minuten. Gleich im Anschluß geht die Reise ohne Zwischenstopp via Verbindungsetappe direkt in das 400 Kilometer entfernte Valence im Rhônetal, wo tags darauf die zweite Wertungsprüfung in den Bergen der Ardèche beginnt. Für die Überführungsfahrten zwischen den Etappen besteht zwar auch ein Zeitlimit, sie werden aber nicht im Renntempo absolviert. Wir packen unsere Siebensachen und hecheln dem Rallye-Troß bis spät in die Nacht hinein nach Valence hinterher.Valence. Fünf Wertungsprüfungen stehen heute in der Ardèche auf dem Programm. Der außergewöhnlich kalte Winter hat das Mittelgebirge westlich der Rhône unter einer hohen Schneedecke begraben. Nicht nur unter den Veranstaltern erzählt man sich Geschichten von der Horror-Rallye 1973, als mehr als die Hälfte des Starterfeldes in den Schneewehen rund um Burzet steckenblieb.Wir entscheiden uns für die Prüfung St. Bonnet le Froid. Ein Rundkurs, bei dem Start und Ziel im selben Ort liegen und der sich deshalb zum Zuschauen besonders gut eignet. Winzige Straßen schlängeln sich vom Tal der Rhône in die wilde Berglandschaft der Ardèche. Kurve um Kurve schrauben wir uns höher und mit jedem Meter kommt die Quecksilbersäule dem Gefrierpunkt näher. Die Bäume haben Hauben aus Schnee, ein paar Serpentinen weiter oben beginnt das Weiß als rutschige Masse über die Straße zu wuchern. Kälte kriecht in unsere Thermokombis, die Reifen der F 650 verlieren immer öfter die Traktion und wir haben alle Mühe den Berg zu erklimmen.Je dichter die Schneedecke am Straßenrand wird, desto mehr geparkte Autos von Rallyefreaks passieren wir. Grinsend tuckern wir an den Massen von Rennpilgern vorbei. Doch in St. Bonnet le Froid vergeht uns beinahe das Lachen: Das Dorf macht seinem Namen Froid - kalt - alle Ehre: es liegt unter einer gut einen halben Meter dichten Schneedecke begraben. Dazu eine Nebelwolke aus der es feuchtkalt nieselt. Ekelwetter. Wir schliddern und fußeln uns durch den Schneematsch und sind froh, endlich das Motorrad abstellen zu können.Wir stapfen durch den hohen Schnee und laufen weit an der abgesperrten Strecke entlang. Auf den langgezogenen Biegungen kann man die Boliden gut beobachten. Der dichte Nebel über St. Bonnet le Froid saugt das Motorengebrüll auf wie ein feuchter, fetter Schwamm. Nur bruchstückhaft dringt das Bellen der Motoren durch die dicke Suppe. Links und rechts der verschneiten Straße warten die gespannten Zuschauer mit Thermoskanne, Daunenanoraks und Schals bewaffnet auf ihre heranrasenden Stars.Dann plötzlich vibriert die Luft. Das Publikum drängt an den Streckenrand, will nichts versäumen. Ein grelles Lichterband taucht aus der grauen Schleierwand auf. Mit kurzen, präzisen Gasstößen dirigieren die Fahrer ihre Rennwagen über die eisglatte Fahrbahn. Mir wird Angst und bange, als ich die Rallyeautos haarscharf an den jubelnden Fans vorbeidriften sehe. Ein Ausrutscher kann zur Katastrophe führen - und es gibt kaum ein Fahrzeug im Troß, das nicht bereits erste Unfallspuren aufweißt: Herunterhängende Spoiler, zerknautschte Kotflügel, zersplitterte Scheinwerfer und Windschutzscheiben.Es dämmert als wir die letzte Wertungsprüfung bei Le Moulinon erreichen. Glücklicherweise liegt kein Schnee mehr, doch Nebel und Nieselregen machen es hier auch nicht viel gemütlicher. Wie fauchende Monster stehen die Autos am Start, brüllen, schreien, wollen endlich losgelassen werden. Sobald die Starterflagge fällt, jagen die Boliden mit Vollspeed in die Dunkelheit der Nacht. Immer am Limit, immer im Grenzbereich. Ein atemberaubendes Spektakel.Bereits früh am nächsten Morgen jagt der Rallye-Troß in sechs Wertungsprüfungen durch die Region Hochdauphiné in Richtung Gap. Für uns wird es schwieriger, der Strecke zu folgen, da die abgesperrten Prüfungen wie an einer Perlenkette aufgereiht aneinander liegen. Auf einer der detaillierten Michelin-Karten zeichnen wir uns den Streckenverlauf sowie die einzelnen Wertungsprüfungen ein und suchen uns dann Quereinstiege zu den Stecken, die uns geeignet erscheinen.Als wir kurz vor Die die ersten Berge erreichen, erleben wir eine schöne Überraschung: Die Wolken werden rasch lichter und nach wenigen Kilometern lacht die Sonne frühlingshaft. Mit ihr klettern die Temperaturen merklich und die dicke Winterkombi wandert ins Gepäck. Der süße Geruch des Südens liegt in der Luft. Es duftet nach Pinien und frischer Erde. Wie im Rausch fahren wir über die kleinen südfranzösischen Sträßchen und genießen das Hochgefühl, mitten im Januar durch eine einsame Landschaft und durch malerische Dörfer, gemauert aus unbehauenen, sandfarbenen Stein, zu fahren.Am Col de Rousset treffen wir unsere Auto-Dompteure wieder. Gelgentlich hatten wir auf dem Weg hierher einzelne der auffäligen Rallyewagen gesehen - nur das sie viel schneller als wir unterwegs waren. Im kurvenreichen Gesäusel des Passes haben wir uns jetzt einen Logenplatz ausgesucht. Wie ein Schwarm aufgescheuchter Hornissen rasen die bunt lackierten Wagen stets quer durch die engen Kurven. Das Brüllen der Motoren jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Doch leider ist der Spuk viel zu schnell vorbei - und wir können nicht folgen, weil die Strecke zum größten Teil für den Verkehr gesperrt. Trotzdem, kaum ein anderes Rennen bietet die Möglichkeit, so hautnah im Geschehen dabei zu sein. Auch wenn´s nur für kurze Zeit ist.Gap. Hinter uns liegt eine traumhafte Tour durch die Provence. Straßen, die im wilden Zick-Zack von Die bis hierher durch enge Täler führten, rechts und links stets markante Felsenformationen aus hellem Stein, dazwischen abgeerntete Lavendelfelder, sibrig glänenzende Ölbäume. An einigen Stellen blickten wir bereits auf die atemberaubende Kulisse gezackter und verschneiter Bergriesen der Westalpen - alpine und mediterane Einflüsse, die sich hier auf wunderbare Art vermischen.Heute stehen sechs Wertungsprüfungen in den Seealpen auf dem Program, einschließlich der letzten »Etappe« auf dem Grand Prix-Kurs in Monte Carlo. Gleich die erste Prüfung bei Sisteron zählt mit einer Länge von über 36 extrem kurvigen Kilometern zu den schwierigsten der »Monte«, während die legendärste mit Sicherheit die Prüfung am Col de Turini darstellt. Leider hat das Wetter am letzten Rallyetag kein Mitleid mit den Fahrern: Graue Wolken hängen zwischen den hohen Bergen - und die animieren uns kaum zum Aufbruch. Beim Frühstück in Gap verplempern wir viel zu viel Zeit, so daß wir die zwei ersten Tagesprüfungen auf der großen Nationalstraße »Route Napoleon« eilig umfahren.Erst bei Chaudon-Norante stellen wir das Motorrad am Zieleinlauf ab und laufen weit in die Prüfung hinein. Noch gut eine Stunde haben wir Zeit bis die Autos kommen. Am Straßenrand, auf den Böschungen, ja sogar auf den Bäumen machen es sich die Fans bequem. Manchmal erscheint es absurd, sich bei Regen und Kälte viele Stunden die Füße in den Bauch zu stehen, um dann für wenige Sekunden die röhrenden Rallyeboliden an sich vorbeirauschen zu sehen. »Monte«-Fans müssen eben auch ein wenig verrückt sein. Wir haben in dieser Prüfung allerdings Pech, denn unser Platz erlaubt keine allzu gute Einsicht in die Strecke. Erst bei der übernächsten Prüfung von Le Fugeret ergattern wir in einer Serpentine eine hervorragende Stelle auf einer hohen Schneewehe.Nachdem der letzte Wagen passierte, müssen wir uns schnell wegen der nächsten Etappen entscheiden: Entweder wir sind am Col de Turini mit dabei oder wir erleben den Zieleinlauf in Monte Carlo. Obwohl die Nachtetappe am Paß - die legendäre »Nacht der langen Messer« mit dem frühmorgendlichen Zieleinlauf in Monte Carlo - aus Sicherheitsgründen gestrichen wurde und jetzt bereits am späten Nachmittag stattfindet, muß die Stimmung auf dem 1.604 Meter hohen Paß phantastisch sein. Und für die Fahrer zählt diese Prüfung zu den größten Herausforderungen: Die Mischung aus Eis, Schnee und engen Kurven sorgt für spektakuläre Showeinlagen - zumindest aus der Sicht der Zuschauer. Wir überlegen nur kurz. Auf zum Col.Doch die Fahrt dorthin dauert. Die Strecke gehört allerding zum Feinsten, was diese Region zu bieten hat. Viele Kilometer schlängeln wir uns durch eine Schlucht immer entlang am Fluß Vésubie, dann folgen wir winzigen Sträßchen über zahlreiche Bergkämme, mal schroffe Felsen, dann wieder wogenhaft geschwungene Hügel. Aber je höher wir kommen, desto kälter und winterlicher wird es. Erst gegen 18 Uhr nähern wir uns dem Paß, es ist stockdunkel - und die Rallye läuft bereits auf Hochtouren. In unserer Eile nehmen wir die immer größeren Schneeverwehungen am Straßenrand kaum war. Doch knapp acht Kilometer vor der Zufahrt zur Paßhöhe ist auf einmal Schluß für uns: Polizisten haben bereits hier die Straße abgesperrt und erklären, daß der Paß seit Stunden von Schaulustigen völlig überlaufen sei. Nich einmal per Motorrad gäb´s jetzt noch ein Durchkommen. Die wohl spektakulärste Etappe der Rallye findet ohne uns statt.Was uns jetzt nur noch bleibt ist der Zieleinlauf viele Kilometer weiter im Süden im Steuerparadies der Schönen und Reichen. Obwohl hundemüde, hetzen wir dorthin. Langsam fält die Straße in Richtun Meer, erst viel später bemerken wir den warmen Wind, der vom Mittelmeer landeinwärts strömt. Schließlich Monte Carlo, hell und strahlend. Elegant gekleidete Menschen flanieren über die palmengesäumten Alleen, vor dem berühmten Kasino parken schwere Limousinen. Nach den schneereichen, kalten Tagen in den Bergen, erscheint uns diese Stadt vollkommen märchenhaft. Unten am Hafen wimmelt es von Menschen, die die Rallye-Piloten begrüßen wollen und die die letzte Wertungsprüfung auf dem verkürzten Grand-Prix-Kurs miterleben wollen.Die Stimmung an der Strecke ist einmalig: Ein Gemisch aus Salzluft, Benzin und Gummi dringt in unsere Nasen. Die ersten Wagen sind bereits hier. Das heisere Röhren der Motoren hallt durch die Häuserschluchten und die Rallyefahrer treten ein letztes Mal publikumswirksam aufs Gaspedal. Eine gelungene Entschädigung zum versäumten Col de Turini. Doch Rennentscheidungen fallen hier nicht mehr. Wer seinen Wagen nicht in letzter Minute an die Leitplanke setzt oder ihn ein technischer Defekt aus dem Rennen schmeißt, der fährt seinen Boliden über die Zielrampe.Der Tag danach. Die weite Fahrerei der letzten vier Tage sitzt uns wie ein Kater in den Knochen. Doch von der Rallye ist in der Stadt gegen Mittag kaum noch etwas zu sehen. Die Streckenabsperrungen sind längst demontiert, fast alle Zelte abgebaut, sämtlich Rallye-Boliden bereits wieder auf Transporter verladen. Der Himmel über Südfrankreich und die Teams lachen freundlich bei der offiziellen Siegerehrung, während Fürst Rainer und Prinz Albert die Pokale überreichen. Heute wird der Col de Turini uns gehören.

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