Frauenmotorradtreffen (Archivversion)

Women in motion

Zwei Länder, zwei Treffen, zwei Welten. Ein Bikerinnenfest in Brandenburg und eines in Italien offenbarten rund 30 Jahre Zeitsprung in der Geschichte Motorrad fahrender Frauen.

Bereits die Anfahrt hat es in sich. In Reppinichen (ja, es heißt wirklich so), einem kleinen, kopfsteingepflasterten 500-Seelen-Nest rund 120 Kilometer südlichwestlich von Berlin, zweigt der Feldweg zum Campinski ab, dem einzigen Frauenzeltplatz der ganzen Republik. Und dort warten »Charlies Angels«, die dieses Wochenende zur großen Agentinnen-Rallye gerufen haben. Dumm nur, dass ein Dauerregen seit Tagen dabei ist, besagte Anfahrt in eine mittelschwere Crossstrecke zu verwandeln. Bis zu den Achsen tauchen die Maschinen in den uferlosen Modder ab. Egal. »Nur die Harten komm’n in’ Garten...« Vor dem Campinski parkt denn auch eine Phalanx alter Charaktermaschinen: BMW-Boxer aus den glorreichen Siebzigern, kaum jüngere Four-Honda und XS 650, an denen bereits die ersten Nässeschäden behoben werden. Dazwischen zwei Harley, ein paar moderne Sportler, Allrounder und Enduros aller Kaliber. Dann endlich: die Engel. Strahlend begrüßen sie jede einzelne ihrer 130 Besucherinnen, die weder Weg noch Wetter schreckten, Reppinichen anzusteuern. Bis nach Bayern, Westfalen, Holland und in die Schweiz reichen die Kielwogen.Rund 1400 Kilometer weiter südlich sammelt sich ebenfalls ein Trupp Bikerinnen. Unter strahlend blauem Himmel steigt in der Nähe von Parma das erste internationale Frauenmotorradtreffen auf italienischem Boden. Streng genommen gab es zwar früher schon welche. Organisiert vom Fanclub des Rennfahrers Marco Lucchinelli, entsprachen sie allerdings dem vorherrschenden Geschlechterstereotyp des Landes – das Gros der Frauen reiste im Schlepptau schöner Männer oder gar als Sozia an. Tatsächlich gibt es bis heute in Italien keine gesicherten Zahlen über den Frauenanteil der motorradelnden Bevölkerung. Fest steht allerdings: Es werden mehr.Knapp 200 sind an der Rennstrecke von Varano angerollt. Statt Rallye gibt es hier einen knackigen Rundkurs, Hauptsponsor Ducati macht’s möglich. Überhaupt ist alles ganz anders als in Brandenburg. Die Kombis bunter, die Haare länger, die Motorräder schriller und viel, viel moderner. Statt alter Eisen stellen 600er-Sportler den Löwenanteil und Ducati-Modelle satte 20 Prozent vom Gesamtfeld. Nur wenige Teilnehmerinnen sind auf Tourern angereist, denn Reisemotorräder braucht in Italien kein Mensch. Im Land von Rossi, Biaggi und Capirossi fahren Frauen so wie Männer am Wochenende auf der Haus- oder Rennstrecke, keinesfalls bei Regen und unter gar keinen Umständen weiter, als der Inhalt eines kleinen Rucksacks erlaubt. Für viele Alemannen und -frauen beginnt dagegen der Spaß erst bei einer zünftigen Tour mit Sack und Pack.So werden in Reppinichen gerade die letzten Zeltnägel in den Boden gedroschen, die Teekessel geheizt und alte Freundinnen begrüßt. Viele kennen sich seit Jahrzehnten, denn nördlich der Alpen haben Treffen dieser Art eine lange Tradition. Während sich die WIMA (Women International Motorcycle Association) bereits in den 50er Jahren formierte, schwappte in den frühen 80ern durch das Zusammentreffen von Frauenbewegung und Motorradboom eine mächtige Bikerinnenwelle über Mitteleuropa. In der Bundesrepublik wanderte bald jeder fünfte »Einser« in weibliche Hände, und die »neuen Wilden« brachten zwei weitere Clubs hervor: den Hexenring und die Women on Wheels.Die Italienerinnen dagegen stehen noch am Anfang. Der erste Kontakt, erzählt Organisatorin Paola Furlan, sei ganz im Stil der Zeit übers Internet entstanden, auf der Homepage www.motocicliste.net. Zunächst tummelten sich dort um die 200 Surferinnen, doch unlängst schnellte die Zahl auf das Vierfache nach oben, der Wunsch nach einem Treffen wurde laut. Nun gilt es, die virtuelle mit der realen Welt in Einklang zu bringen. Aufgeregt nehmen die Teilnehmerinnen ihre Startnummern entgegen, beim Briefing flirrt die Luft vor Spannung. Als Star-Instruktorinnen treten die italienische 125er-Meisterin Ilaria Cheli und Motorallye-Champion Enrica Perego an, unterstützt von Ducati-Mitarbeitern. Schnell noch den Luftdruck checken, und dann nichts wie raus auf die Strecke. Derweil warten jene, die erst später dran sind, mit klopfendem Herzen in der Boxengasse. Racingspirit. Obwohl sich die meisten Frauen nur aus der »Cyberworld« kennen, schmilzt das Eis schnell. Weil Alessandra aus Ferrara keine rennstreckentauglichen Klamotten besitzt, legen die anderen Teilnehmerinnen zusammen: Eine stellt ihre Kombi zur Verfügung, eine andere die Stiefel, die dritte ihre Handschuhe. Für modebewusste Italienerinnen keine Selbstverständlichkeit.»Bauhaus, Ferropolis, Vockerode. Aufwachen, Mädels! Wer mit will, sollte langsam in die Pötte kommen.« Während die Italienerinnen unter glühender Sonne heiße Reifen fahren, werden in Brandenburg die Regenkombis übergestreift. Es kübelt wie aus Eimern, Campinski droht komplett abzusaufen. Nichtsdestotrotz geht’s on the road. Hinter den sechs Berliner Angels her, die im richtigen Leben als Computerspezialistin, Musikproduzentin, Filmemacherin, Krankenschwester, Fotografin und Studentin tätig sind. Entsprechend multikulturell fällt das Tourenprogramm aus: Bauhaus-Museum Dessau, ehemaliges DDR-Großkraftwerk Vockerode, zwei Expo-Projekte des Braunkohletagebaus.Höhepunkt der Veranstaltung ist jedoch die Rallye. Kein mitteleuropäisches Frauentreffen ohne! Früher ging’s dabei in erster Linie um illegale Rennen auf mehr oder weniger abgesperrten Landstraßen, heute vermitteln interaktive Abenteuerspiele den ultimativen Kick. Natürlich haben die Angels ihre Schnitzeljagd dem Motto »drei Engel für Charley« unterworfen. Gestartet wird in Dreierteams alias Jill, Sabrina und Kelly. Ziel: die Welt vor einer Katastrophe bewahren. Katastrophe - klingt prima. Da sind alle dabei. Rund um Reppinichen warten versteckte Botschaften und Mutproben. In verfallenen Fabriken, auf Burghöfen, im Unterholz. Hochaufregend. »Ich meine, erzählen darfst du das später keinem. Die schicken dich vom Büro aus sofort in die Klapse, wenn sie hören, dass du am Wochenende durch den Wald gerobbt bist, nach Mikrofilmen gesucht und Zeitbomben entschäft hast«, sagt Angel Antje, schwört allerdings auf den positiven gruppendynamischen Effekt. »Die Menschen wollen und brauchen solche Erlebnisse.«In Varano ist man inzwischen bei Tisch. Für 70 Mark Startgeld gibt’s neben Rennstreckentraining, Testmaschinen und Übernachtung in den Boxen auch noch ein stilvolles Abendessen. Bei Wein und Pasta schwärmen die Italienerinnen von einem glanzvollen Tag. Manche sogar von einem völlig neuen Lebensgefühl. »Mein erster Motorradtrip ohne meinen ragazzo, und dann auch noch auf die Rennstrecke«, sinniert Piera aus Mailand. »Dass ich mich so etwas mal traue, hätte ich nie gedacht.« Organisatorin Paola Furlan erntet stürmischen Beifall, vor allem, als sie verspricht, das Ganze im nächsten Jahr zu wiederholen. Mit etwas mehr Werbung im Vorfeld, damit die Veranstaltung internationaler wird, denn diesmal fanden nur vier Deutsche und eine Engländerin den Weg nach Italien. »Der Thekendienst sucht noch Freiwillige!« In Campinski hat man andere Sorgen. Von mangelndem Selbstbewusstsein kann hier keine Rede sein, wohl aber von einer Misere in Sachen Penunse. Sponsoren? Fehlanzeige. Bis auf »Profil-Anke«, die in Frankfurt einen Motorradladen betreibt. Um das Budget nicht zu sprengen, kochen die Engel sogar selbst. Rühren mit hochroten Gesichtern Berge von Spaghetti und Hackfleischsoße an, schleppen dampfende Kartoffeltürme und kubikmeterweise Kräuterquark in den zum Festsaal umfunktionierten Schuppen. Irgendwas reicht natürlich trotzdem nicht, den Vegetarierinnen wird das Gemüse weggefuttert, der Salat ist plötzlich alle. Wurscht – die Frauen sind gut drauf. Es stört auch nicht mehr wirklich, dass draußen die Zelte und Motorräder im Dauerregen versinken. Als »Die Kusinen« auf die Bühne treten und 70er-Jahre-Schlager in die Scheune schmettern, wackeln die Wände. Zu alten Abba-Schnulzen wird bis zum Morgengrauen durchgetanzt, und bei »Es war Sommer...« gibt’s kaum eine, die den Text nicht mitsingen könnte. Letzte Chance für die Angels, das drohende Defizit noch abzuwenden: »Wenn jede jetzt noch vier Bier trinkt, geht’s gerade so auf.« Okay, vier Bier sind das Mindeste. Wenn die Szene dadurch in Bewegung bleibt. Salute.
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Adressen und Informationen (Archivversion)

Wer sich für die Frauenmotorradszene in Deutschland und Italien interessiert, kann über folgende Adressen Kontakt aufnehmen. ITALIEN: Briefe in Englisch an Motocicliste c/o Heavens door, Via Poggio Ameno 74, 00147 Rom. E-Mail: info@motocicliste.net. Internet: www.motocicliste.net (nur in Italienisch). DEUTSCHLAND: www.charlies-angels.de oder kontakt@charlies-angels.de. WIMA-Deutschland c/o Irmgard Petit, Sandstraße 2, 64832 Babenhausen 5; Hexenring c/o Ilse Laaser, Pützstücker Str. 73, 53639 Königswinter, www.hexenring.istcool.de ; Women on Wheels c/o Inge Landmann, Gevelsberger Straße 18, 44269 Dortmund, E-Mail: WOW-e-info@gmx.de, Internet: www.wow-germany.de

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