Frühjahrs-Check Frühlingsgefühle

Klar, ein Maschinencheck vor Saisonbeginn ist Pflichtprogramm. Aber nicht nur. Bei manchen löst der große Motorrad-Frühjahrsputz Frühlingsgefühle wie der erste Krokus aus.

Es gibt Samstage, die gehören einfach mir. Samstage, an denen Partnerwünsche nach Ausschlafen oder gemütlichem Frühstück mit einem rigorosen »Ich muß in die Garage« abgewürgt werden. Heute nicht. Heute ist Motorrad-Ausmotten angesagt. In Gedanken gehe ich beim Zähneputzen bereits die imaginäre »Nicht vergessen Liste« für die Fahrt zum Winterstellplatz durch: Motorenöl, Filter, Dichtung, Nummernschild, Bordbuch, Batterie vom Ladegerät nehmen. Ich freu`mich, als ich sie nach dem Winter wieder sehe, rot, schön und ein bißchen staubig. Vorsichtig lasse ich die Ducati vom Montageständer und rolle sie in die Sonne. In Bäumen und Büschen sind die Meisen schon wieder mit ihrem typischen Song beschäftig, ein bißchen stockend manchmal noch, aber sie pfeifen sich ein. Die Nachbarn werkeln an Häusern und Vorgärten - Frühling scheint durchaus mehr Aspekte zu haben als Osterglocken und Birkengrün. Bei mir jedenfalls beginnt mit heute der Sommer. Sitzbank abnehmen, Tank hochstellen und die beiden Verkleidungsseitenteile abschrauben - bei einer Ducati ist man schnell am Eingemachten. Zunächst ein kleine Bestandsaufnahme am Motorrad, was zu machen ist. Wichtigster Punkt: Reifen und Bremsen. Der Vorderreifen ist noch gut, der hintere demnächst reif zum Wechseln. Am Montag beim Händler bestellen, notiere ich innerlich. Mit einer Fahrradpumpe wird der vom Stehen leicht abgefallene Luftdruck provisorisch wieder auf 2,0 bar vorne und 2,2 hinten gebracht - präzise genug für die Fahrt zur Tankstelle, aber nicht weiter. Die Bremsbeläge sehen gut aus, die Rillen auf den Reibflächen sind überall noch tief, doch die Bremsflüssigkeit ist dunkel geworden und sollte bald ausgetauscht werden. Ein Blick auf die Kette: Sie kann etwas mehr Spannung vertragen und eine Runde aus der Spraydose. Besser gleich machen, dann hat das Fett noch Zeit zum Einziehen (mindestens eine Stunde). Nun ist die Batterie dran - schließlich bringt sie das Leben in die Karre. Nach einer Nacht am Ladegerät kann nun der Säurepegelstand kontrolliert und gegebenenfalls mit destilliertem Wasser aufgefüllt werden. Vorsichtig lasse ich sie in ihr Fach unter dem Tank gleiten und schließe Haltebänder, Pole (Plus zuerst) und Überlaufschlauch wieder an. Vor dem feierlichen Druck auf den Starterknopf sicherheitshalber noch die Schwimmerkammern der Vergaser leeren, denn alte Spritablagerungen verursachen mitunter Startprobleme - und einen Blick auf die Kerzen werfen, ob sie zündwillig hellbraun aussehen und ob der Elektrodenabstand stimmt (meist 0,6 Millimeter) - dann kann es losgehen. Ein kleiner Nervenkitzel ist es schon, wenn nach der Schlüsselumdrehung alle Cockpit-Lampen ordnungsgemäß roger melden, sich die Benzinpumpe mit startbereitem Summen meldet und der Sprit leise in die Leitungen zu gluckern beginnt. Licht aus, Choke rein, Starter drücken. Rasselnd legt der Anlasser los, produziert scheppernd eine Umdrehung nach der anderen, doch der Motor tut keinen Muckser. Nochmals ein kurzer Check: Ist genügend Sprit im Tank, sind alle Anschlüsse und Sicherungen dran und drin, die Kerzenstecker fest, Killschalter- und Seitenständerkontakt geschlossen? Alles positiv, sie müßte anspringen. Also hat sie bloß keinen Bock! Sicherheitshalber leite ich nun per Starthilfekabel von der Autobatterie Saft über, um das Motorrad-E-Werk nicht gleich wieder platt zu machen und lasse den Anlasser in kurzen Intervallen ackern. Chocke wieder etwas rein, damit sie nicht absäuft. Und dann irgendwann kommt sie, erst ein Zylinder, rauh und einsam zunächst, doch nach ein paar Gasstößen gesellt sich bellend der zweite hinzu. In fröhlich-sonorem Bariton ballern sie mit der übenden Blaumeise um die Wette, als hätte es nie ein Startproblem gegeben. Der Boden bebt ein wenig, die Nachbarn gucken herüber, und ich bin ein bißchen glücklich. Alles ist wieder da, was tolle Stunden garantiert. Wüstes Kupplungsrasseln, fauchendes Ansaugen, polternder Leerlauf - ja, so muß es sein. Jetzt noch das Öl wechseln (sollte dazu warm sein) und abschließend beim Zusammenbauen alles nochmal genau durchchecken. Sind alle Schrauben fest und alle Dichtungen trocken, ist das Bordwerkzeug komplett, oder wurde vielleicht irgendwann mal was ausgeborgt? Sind alle Sicherungen intakt (auch die Ersatzsicherungen), brennen alle Lampen - bei einer Italienerin keine überflüssige Frage. Alles okay? Na dann - Nummernschild dran, Helm auf und Schutzklamotten an, die letzten Stunden dieses Samstags sind noch nicht vorbei. Schließlich sind es die ersten des Sommers.

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