Georgien (Archivversion) Expedition Kaukasus

Landschaften zwischen Schwarzmeerküste und eisigen Fünftausendern, Menschen zwischen Armut und Gastfreundschaft und Enduro-Strecken jenseits von Gut und Böse - Georgien ist Abenteuergebiet.

Als Gott die Welt schuf und sie unter den Völkern verteilte, so weiß eine alte kaukasische Legende, kamen die Georgier zu spät. Mit ihrer Trauer darüber weckten sie das Mitleid des Herrn, und er schenkte ihnen schließlich, was er eigentlich für sich behalten wollte - das Paradies.Als Doro, Jörg und ich hinter der türkischen Grenze die ersten Kilometer auf georgischem Boden fahren, wird klar, daß zumindest unsere Enduros auch ein Paradies vorfinden: Die in der Karte als Hauptstraße eingezeichnete Strecke erweist sich als rauhe Piste, auf der sich grobe Schotterabschnitte mit den Resten einer früheren Asphaltdecke abwechseln. Wir genießen das Geländefahren, bis wir auf 1700 Metern Höhe Bakuriani erreichen, das ehemalige Trainingcamp der sowjetischen Olympia-Mannschaften. Die meisten der Hotels und Ferienlager sind geschlossen und in desolatem Zustand. Wir finden eine kleine private Unterkunft und kommen sogleich in den Genuß der Gastfreundschaft der georgischen Familie - sie räumen schier die Speisekammer leer, um uns zu bewirten. Durch die Hochtäler des Kleinen Kaukasus nehmen wir Kurs auf die Hauptstadt Tiflis. Auf der ausgewaschenen Piste zu einem Paß mit dem unaussprechlichen Namen Ughelt Chrackaro begegnen uns alte Lastwagen aus ehemaliger Sowjetproduktion, auf denen gerade die Heuernte eingefahren wird. Gemäht wird noch per Hand: An steilen Wiesenhängen arbeiten sich ein Dutzend Männer nebeneinander mit der Sense talwärts. Ochsengespanne bringen später das Heu zu den russischen Ungetümen auf der einzigen Straße weit und breit. In einer Gebirgslandschaft, die mehr als nur entfernt an die Westalpen erinnert, arbeiten wir uns den knapp 2500 Meter hohen Paß hinauf. Oben angekommen, breitet sich eine baumlose Grassteppe mit weichen, fast erotischen Hügelformen vor uns aus.Doch der Zauber findet jäh ein Ende. Drei kaukasische Hirtenhunde schießen zähnefletschend auf uns zu. Einer davon erreicht mit seinem Kopf fast Sitzbankhöhe und sieht aus, als würden Endurostiefel seinem Biß wenig entgegensetzen. Die fürchterlichen Zähne und sein mit abstehenden Dornen gespicktes Halsband sind schon fast neben mir, als ich nochmals Gas gebe. Ausgerechnet jetzt kommt ein schwieriges Gefällstück und überdies noch einer dieser überbreiten Heulaster entgegen. Nicht druckreife Gedanken explodieren in meinem Kopf. Doch irgendwie kommen wir an dem fahrenden Heuschober vorbei und - die Hunde sind plötzlich weg. Wurden sie zurückgerufen, oder jagen sie jetzt dem Heuwagen hinterher? Egal, wir wagen nicht anzuhalten, das Herz schlägt noch immer bis zum Hals.Am Tabackuri See wechselt die Szenerie, Boote und Fischerhütten säumen romantisch das Ufer. Ein paar freundliche Fischer laden uns zum Essen und zu einem Bootsausflug zu einer kleinen Insel ein, und geben uns Tips für die Weiterfahrt. Wieder auf dem Motorrad, verfahren wir uns trotzdem gleich an der ersten Abzweigung. Zwar sind wir aus der Vielzahl der erhaltenen Wegbeschreibungen der Mehrheitsmeinung gefolgt, aber plötzlich taucht eine Flußdurchfahrt auf, die laut Landkarte unmöglich auf dem Weg zum angepeilten Burnaseti Paß liegen kann. Doch das Fahren über die Grassteppe macht so viel Spaß, daß wir einfach weiterrollen. Der Untergrund ist geradezu unwirklich eben, so, als führe man auf einem riesigen Golfplatz.Doch darauf folgt eine um so schwierigere Piste, auf der uns nur eine Geländewagenspur ermutigt, an ein Ziel zu glauben. Bald liegt ein von ferne verlassen wirkendes Örtchen vor uns. Chando, wie ein paar Männer erklären. Als wir auf die Hauptstraße einbiegen, wird uns schnell klar, daß wir heute Tiflis nicht mehr erreichen werden. Obwohl unsere Tagesetappe erst 70 Kilometer beträgt, müssen wir diese »Straße« morgen früh mit frischen Kräften angehen. In Edikilisa finden wir eine Übernachtungsmöglichkeit, doch besonders behaglich ist es nicht: Zwei Stahlrohr-Bettgestelle mit Matratzenstücken und ein kahler Betonfußboden. Später erfahren wir, daß wir in einem armenischen Dorf übernachtet haben und daß es das Abendessen aus zerdrückten Kartoffeln mit Brot und Gurkensalat in dieser armen Gegend an Werktagen meistens gibt.Wir kommen nur langsam voran, doch die Landschaft verändert sich ständig. Dann liegt Tiflis vor uns im Tal, schlank streckt sich die Millionenstadt am Ufer der Kura entlang. In den Außenbezirken dominieren sozialistische Plattenbausiedlungen, die Altstadt hat jedoch ihre Pracht erhalten. Als wir am Abend durch die Gassen schlendern, entdecken wir klassizistische Hauseingänge, Jugendstilfassaden und Stuckdecken in ordinären Supermärkten. Die Nacht verdeckt gnädig die abblätternde Farbe - und auch die vielen Baustellen einer Stadt, die gerade den muffigen Kokon des Sozialismus abstreift. Gutgekleidete Menschen flanieren auf dem wieder herausgeputzten Rustaveli-Prospekt entlang, kaum eine Weltmarke, die nicht ein teures Geschäft auf dem Prachtboulevard eröffnet hätte. Seit der Unabhängigkeit leben Gewinner und Verlierer der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen hier eng zusammen. Per Handy verhandelnde Geschäftsleute drängen achtlos an bettelnden Kindern vorüber und die zweitausend abhasischen Flüchtlinge im ehemaligen Intouristhotel Iveria betrachten von den Balkonen ihrer Notunterkunft, wie dunkle BMW-Limousinen mehr und mehr die Ladas in den Straßen verdrängen. Durch die Wälder und Weinberge Kachetiens fahren wir am nächsten Morgen zum Abanos Paß. Mit seinen 2926 Höhenmetern schneidet er das Hochland Tushetiens während des gesamten Winters vom Rest Georgiens ab. Auf der schmalen Piste kommen uns abgewrackte Lkw entgegen, die die Bewohner zum Einkaufen ins Tal bringen. Vorräte für den nahen Winter müssen organisiert werden.Vermutlich war die Wirtin unseres vorgebuchten Zimmers in Omalo unter ihnen, denn ihr Haus ist verschlossen, als wir ankommen. Da in diesem entlegenen Gebiet erst vor kurzem Hirten von Bewaffneten aus dem nahen Tschetschenien überfallen, an Bäume gefesselt und ihrer Herde beraubt wurden, erscheint es besser, nicht einfach in einem leerstehenden Haus zu übernachten. Eine andere Familie nimmt uns auf, und auf der Feuerstelle teilen die Gastgeberin und zwei Nachbarsfrauen mit uns alles, was sie zum Essen haben. Im Schein der Petroleumlampe erzählen sie abends schaurig-mystische Geschichten von feuerspeienden Ikonen, heidnischen Kulten und alten Familienfehden.Durch das nächste Hochgebirgstal verläuft die Georgische Heerstraße. Sie verbindet Tiflis mit dem russischen Vladikavkas und galt als die Traumstraße der Sowjetbürger. Über den Kreuzpaß windet sie sich über 18 Kehren bis auf 2347 Metern hinauf. Früher riß hier der Strom der Touristen nicht ab. Ganze Buskolonnen mit Arbeitern aus den sibirischen Kombinaten kamen auf dem Weg in den Süden hier über den Großen Kaukasus und freuten sich, einen der begehrten Ferienplätze am Schwarzen Meer zugeteilt bekommen zu haben. Heute schnaufen nur noch Lastwagenkolonnen an den alten Aussichtsplätzen und Fotoplattformen vorbei und bewältigen den gesamten Güterverkehr zwischen Rußland und Georgien. Wir haben fast freie Fahrt, auch wenn die Ideallinie immer von den Löchern im Asphalt bestimmt wird. Kurvenhatz nach Schlaglochaugenmaß.Wir fahren weiter nach Kazbegi am Fuße des gleichnamigen gletscherbedeckten Fünftausenders, der König des Ostkaukasus. Leider hüllt er sich in Wolken, »wie eine schöne Frau, die sich Fremden nur verschleiert zeigt«, beschreiben das die Einheimischen. Nur noch zehn Kilometer zum Grenzübergang zur Russischen Föderation. Hier wäre der Weg in den Nordkaukasus. Das Gebiet, von dem ich hundertmal über der Karte geträumt habe, liegt vor mir. Doch wir kehren um. Zu nachdrücklich hat das Auswärtige Amt vor dieser Region gewarnt. Und das Visum fehlt uns obendrein. Also folgen wir dem Terek flußaufwärts. Schon nach wenigen Kilometern abseits der Heerstraße stoßen wir auf eine völlig verbogene Stahlbrücke, verdreht wie Spielzeug. Provisorisch mit schmalen Brettern bedeckt, gibt sie das Tal jetzt nur noch Fußgängern frei. Vorsichtig bugsieren wir die Motorräder drüber. Mit Pflaumen und Chatschapuri, einer Art mit Käse gefüllter Teigtaschen, machen wir anschließend am Terek Rast, die Füße baumeln im Wasser. Ja, so könnte es aussehen, das Paradies.Über die M 27, die wichtigste Verbindungsstraße des Landes und als einzige halbwegs vernünftig asphaltiert - die Georgier nennen sie daher folgerichtig auch Autobahn - fahren wir nach Gori, dem Geburtort Josef Stalins. Sein ärmliches Geburtshaus ließ er durch einen gigantischen Marmortempel samt Museum überdachen. Ein ganzes Stadtviertel mußte dafür weichen. Wo früher Schulklassen vorbeiflanierten, um dem Diktator zu huldigen, sind wir nun die einzigen Besucher.Über den Rikotskij Paß gelangen wir ins westgeorgische Kutaisi. Vor lauter Beerensträuchern Nuß-, Granatäpfel-, Feigen-, und Kastanienbäumen sehen wir kaum die Häuser. Die Fruchtbarkeit der Region ist sprichwörtlich: »Treibe einen Stock in den Boden, und er wird Früchte tragen!« Wir packen die Rucksäcke noch einmal randvoll, bevor wir versuchen, in das wildeste und abgelegenste Gebiet im Kaukasus zu gelangen: ins sagenumwobene Swanetien. In dieses unzugängliche Gebiet brachte man in Kriegszeiten die Kunstschätze aus ganz Georgien, die die tapferen Swanen eisern verteidigten.Mittels einer staubigen Naturpiste, einer verwegenen, aus Balken bestehenden Brücke und des Zazar Passes, der nur zur Heuernte notdürftig befahrbar gemacht wird, selektieren die Swanen offenbar die Besucher, die es von Unter- nach Oberswanetien schaffen. Wir wühlen uns über die völlig ausgewaschene Piste bis in das in 2300 Metern Höhe liegende Dorf Uzguli hinauf. In Uzguli gehört zu fast jedem Haus ein zehn bis zwanzig Meter hoher, viereckiger Wehrturm - einst zum Schutz gegen fremde Unterdrücker, aber auch als Fluchtburg bei blutigen Familienfehden. Erst vor wenigen Wochen, wird uns erzählt, wurde die Fehde zweier Clans, die seit 1930 unzählige Opfer forderte, mit Hilfe der Zentralregierung beigelegt. Selbst für Georgier ist Swanetien eine eigenwillige und geheimnisvolle Region. Alte Bauern mit der typischen swanischen Filzkappe auf dem Kopf, schwarzgewandete Frauen und schwer mit Birkenstämmen beladene Esel bestimmen das Dorfbild. Dazwischen Ochsengespanne, die archaische Schlitten hinter sich herschleifen. Das Rad hat sich hier oben nie bewährt. Zu schlecht sind die Wege und zu groß die Vorteile der Schlitten an den steilen Hängen. Vor allem, wenn es voll beladen bergab geht. Das erste Auto erreichte Swanetien im Jahre 1935. Die ersten westlichen Motorradfahrer sind angeblich wir. In dieser Abgeschiedenheit konnte Swanetien seine Naturschätze, Traditionen, Familienkulte und religiösen Feste ebenso in ihrer Ursprünglichkeit bewahren wie seine Gastfreundschaft. Schlechtes Wetter hält uns in dem Dort fest. Die Usba, ein in Bergsteigerkreisen legendärer 4700 Meter-Gipfel, hüllt sich in Wolken und unsere Weiterfahrt zum 3500 Meter hohen russischen Grenzpaß Betso wird von Neuschnee gestoppt. Im Dorf regnet es und es wird deutlich kühler. Wir bleiben bei unserer Gastgeberfamilie, wo die Küche mit dem zentralen Ofen nun zum Mittelpunkt der Großfamilie wird. Und wir sind mittendrin.Als am nächsten Morgen die Usba in hellem Sonnenschein strahlt, gibt es kein Halten mehr. Wir springen in die Klamotten und auf die Maschinen - das Frühstück kann warten. Das Paradies besteht jetzt nicht mehr bloß aus Fahrspuren, sondern umgibt uns jetzt auf 360 Grad mit leuchtenden Farben. Ich lasse das Visier auf, will mit allen Sinnen wahrnehmen.Irgendwann müssen wir zurück, fahren auf direktem Kurs ans Meer. Im Imperial Casino Hotel in Poti genießen wir noch einmal klassisches Schwarzmeerparadies mit Fernseher, Minibar und Klimaanlage, bevor wir uns auf die lange Rückreise machen.»Ten Dollar«, werden wir vor Batumi am Schlagbaum zur Teilrepublik Adsharien begrüßt. »Für die Fahrzeugregistrierung«, schiebt der Uniformierte nach und bleibt hart. Es ist das erste mal, daß wir bezahlen. Die Registrierung unserer Bikes erfolgt nur im Kopf des Uniformierten, die Registrierung der Dollars in seiner Hosentasche. Wir lachen. Ganz umsonst ist das Paradies eben doch nicht.

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