Gesundheit unterwegs (Archivversion) Ohne Wolken am Reisehimmel

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Damit Infektionen, Zahnweh oder Sturzmalaisen Ihren Urlaub nicht kippen, hier eine ganze Reihe Tipps zur optimalen Vorsorge und Ersten Hilfe unterwegs.

Fieber, Übelkeit, ein Sturz mit Knochenbruch oder ein Hundebiss – zu Hause alles schon unangenehm, im Urlaub unter Umständen Spaßkiller hoch zehn. Wer jedoch gut vorsorgt, kann viele Krankheitsfallen weiträumig umschiffen oder kennt – wenn’s doch passiert – das richtige Verhalten im
körperlichen Ernstfall. In Zusammenarbeit mit einem motorradreiseerfahrenen Mediziner haben wir die wichtigsten Tipps zusammengestellt. Eine Haftung für die Richtigkeit können wir allerdings nicht übernehmen.

Fit fürs Motorrad
Mit Reiseplanung, Ausrüstungsfragen und Motorradinspektion vollständig beschäftigt, gerät selbst vor langen Trips die Vorbereitung
des eigenen Körpers leicht in
Vergessenheit. So banal es klingt, Motorrad fahren ist Sport. Ungewohnte Höhe, große Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit beispielsweise, kombiniert und garniert mit fah-
rerischem Anspruch, kann die Urlaubsfahrt zur Megastrapaze
für den untrainierten Organismus werden lassen. Für solche Erfahrungen muss man Europa keineswegs verlassen. Eine Alpenüberquerung im Hochsommer oder zwölf Stunden Dauerregenfahrt zur Fähre reichen bereits. Körperliche Fitness wirkt da Wunder. Wer spätestens ein paar Wochen vor der Reise mit regelmäßigem Joggen, Walken, Radeln oder Schwimmen beginnt – oder es im Idealfall sogar ganzjährig tut –, bringt sein Immun- und Herz-Kreislauf-System in Top-Form.
Kontrollmittel: Vor Reiseantritt vier Stockwerke beherzten Schrittes und ohne Atemnot oder Herzklopfen erklimmen zu können bedeutet Bestwerte, weiß der Doc.

Impfungen und Prophylaxe
Je weiter und länger die geplante Reise, desto wichtiger ist die Vorsorge zu Hause. Am Anfang steht ein frühzeitiger Blick in den Impfausweis. Die Standards wie Polio, Diphtherie und Tetanus
sollten nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Vorsorge gegen Hepatitis A und B ist heutzutage ebenso dringend anzuraten wie Tollwut- und FSME-Impfung gegen die von Zecken übertragene Hirnhautentzündung, wenn man sich beim Campen oder Wandern viel in der Natur aufhält.
Für Fernreisende stellt sich die Frage nach weiteren Schutzmaßnahmen, die zum Teil – wie etwa die Gelbfieberimpfung – zwingend für manche Länder vorgeschrieben sind. Aktuelle Informationen bietet bequem und zuverlässig zunächst das Internet. Allerdings sind die relevanten Auskünfte oft nur Fachleuten zugänglich oder verständlich. Wo auch medizinische Laien fündig werden, steht in den Surftipps auf Seite 126.
Ob eine Malaria-Prophylaxe auf der
geplanten Reiseroute sinnvoll ist und wie diese im Detail aussehen sollte, lässt sich im Rahmen einer reisemedizinischen Beratung klären. Diese kann auch eventuell über-
groß gewordene Ängste nach ausgiebigem
Studium der im Reiseland drohenden
Gefahren wieder ein wenig eindampfen.
Entsprechende Mediziner finden sich über die Ärztekammern oder auf den erwähnten Internetseiten. Dort erfährt man auch, wo
es hygienische Probleme gibt, etwa dem Trinkwasser, Essen oder beim Baden, und wie man sich schützen kann. Infos, die auch in guter Ratgeber-Literatur aufgeführt werden (siehe Seite 128). In allen Fällen jedoch beachten, wie alt die Infor-
mationen jeweils sind. Gute Seiten im Internet geben das Datum der letzten Aktualisierung an, in Büchern auf das Erscheinungs-
datum beziehungsweise die letzte überarbeitete Ausgabe achten.
Last, not least gehört ein Besuch beim Zahnarzt zur Vorsorge, damit wenigstens die absehbaren Gemeinheiten aus den Kiefertiefen vermieden werden können. Wie etwa Weisheitszähne, die ausgerechnet kurz vor Timbuktu endlich ans Tageslicht wollen.

Sinnvolle Reiseversicherungen
Immer wieder wird die Frage gestellt, welche Versicherungen
sinnvollerweise vor einer Tour abgeschlossen werden sollten.
MOTORRAD wird sich diesem Thema noch diesen Sommer widmen, hier nur die beiden allerwichtigsten Abschlüsse, ohne die man
ein hohes Risiko eingeht: Die Auslandsreise-Krankenversicherung kann vor dem finanziellen Ruin bewahren und der Rückholdienst mit dem Ambulanz-Jet schlicht das Leben retten.

Die richtige Ausrüstung
Je extremer die Witterungsbedingungen, desto stärker beeinflusst richtige Fahrerbekleidung die aktive Sicherheit. Bei langen Touren durch verschiedene Klimazonen oder Jahreszeiten sollten die Klamotten über ein möglichst breites Temperaturspektrum das Wohlbefinden sicherstellen, ohne dass sie in der Einstellung »Gluthitze« die passive Sicherheit (Schutzfunktion) völlig einbüßen. Dieser
Anforderung werden Jacken und Hosen mit herausnehmbarer oder flexibler Klimamembran und aufzippbaren Belüftungsöffnungen am ehesten gerecht. Zudem sollte durch eine Weitenverstellung ein vernünftiger Sitz selbst dann möglich sein, wenn nur noch Unterhose und T-Shirt darunter getragen werden. Das gewährleistet, dass die protektoren-
bestückte Hülle auch bei größter Hitze noch an den richtigen Stellen anliegt und im Unglücksfall schützt. Im umgekehrten Fall muss genügend »Luft« sein, damit ausreichend Warmes darunter passt. Mehrere dünne Schichten sind besser, weil variabler, als eine ganz dicke. Damit
man nicht das Nachsehen hat, wenn sich das Klima nicht an die
Beschreibung im Reiseführer hält.

Gesundheitsfalle Essen+Trinken
Ob man von Krankheiten verschont bleibt, hat man zwar nicht nur, aber auch selbst in der Hand. Gefahren für Leib und Leben lauern in ungewohnten Nahrungsmitteln. In Mitteleuropa kann man sich relativ gut am Verhalten der Einheimischen orientieren. Was diese essen und trinken, verträgt man in der Regel eben-falls. Ein frischer Salat in tropischen Gefilden hingegen führt meist zum Kollabieren der Verdauung. Deshalb gilt immer noch der Grundsatz: Koch es, schäl es oder vergiss es! Waschen
reicht nicht.
Gerichte mit Eiern sollten in heißen Ländern grundsätzlich durchgegart sein, um Salmonellen den Garaus zu machen.
Denn wer weiß schon, in welcher warmen Ecke die Eier gelagert wurden. Wasser nur abgekocht oder nach der Behandlung mit
dem Wasserentkeimungsmittel Micropur trinken – außer man kann absolut sicher sein, dass es einwandfrei ist. Wer Getränke, gleich welcher Art, ausschließlich aus originalverschlossenen Flaschen konsumiert, verringert
die Gefahr für den Verdauungstrakt erheblich.
Indische Gastgeber werden kaum ahnen, dass frisch eingereiste Europäer die sorgfältig nachgemischte Cola mit heiligstem Gangeswasser, abgefüllt in die Originalflasche, mit nachhaltigem Durchfall danken. Heimlich einige Tropfen Micropur ins Getränk verändern zwar den Geschmack nicht unbedingt zum Positiven, können aber Übles verhindern.

Risiken im Strassenverkehr
Schwierigkeiten im fremdländischen Straßenverkehr bereiten die oft sonderbaren oder nicht erkenn-
baren Regeln. Deshalb ist man gut beraten, durch eine defensive Fahrweise noch mehr auf sich selbst aufzupassen als zu Hause, denn die anderen werden es nicht tun. Einem Busfahrer im dichten Verkehrsgewühl in Afrika, Indien oder Russland ist es reichlich gleichgültig, ob man nach deutschen Verkehrsregeln recht gehabt hätte. Vermutlich wird er Verletzungen eher unserem schlechten Karma als seiner Verantwortung zusprechen. Wer drunter liegt,
hat eben Pech gehabt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Magen-Darm- Erkrankungen
Das am weitesten verbreitete Problem unterwegs stellen Magen-Darm-Erkrankungen mit Durchfall und Erbrechen dar. Der häufigste Fehler dabei ist zu wenig Flüssigkeitszufuhr bei gleichzeitiger weiterer körperlicher Belastung. Schonung fördert die Genesung wesentlich. Also lieber einen Tag Pause, als eine Woche leiden. Und reichlich trinken. Bewährt hat sich stark gesüßter Schwarz- oder Pfefferminztee, der fast überall erhältlich ist. Ebenfalls gut wirksam ist Cola, vor allem in Verbindung mit salzigem Gebäck. Keine großen Mengen auf einmal und nicht kalt, sondern regelmäßig in kleinen Schlucken trinken. Wichtig ist außerdem die Zufuhr von Mineralien, entweder durch Mineralwasser, Brühe oder die Mittel aus der Reiseapotheke. Bei Fernreisen kann auch Kokosmilch gute Dienste leisten. Medikamente sollten nur
eingesetzt werden, wenn es wirklich nicht anders geht. Bei anhaltenden Schmerzen und Blut im Stuhl wird der Gang zum Arzt unvermeidlich.

Fieber, Infekte, Sonnenstich
Schonung und viel trinken hilft ebenso bei fieberhaften Infekten, dem zweithäufigsten Ausfallgrund. Zur schnelleren Genesung ist
es in diesem Fall jedoch sinnvoll, etwas gegen Fieber und gegebenenfalls Husten einzunehmen. Hält das Fieber (über 38,5 Grad) länger als drei Tage an oder kehrt es periodisch wieder, sollte mit einem Antibiotikum, in
Malariagebieten auch mit einem Malariamittel begonnen werden. Letzteres gehört unbedingt in die Reiseapotheke, wenn man nicht ohnehin in der Vorbereitungsphase eine entsprechende Prophylaxe eingenommen hat.
Sonnenbrand und -stich (Überhitzung) erwischen Reisende
in tropischen Gefilden ebenfalls oft. Meist wurde versäumt, dem Körper die Möglichkeit zur Anpassung an die veränderten klimatischen Verhältnisse zu geben. Mitteleuropäer müssen das Schwitzen erst wieder lernen. Zunächst verliert der Körper mit dem Schweiß viele Salze, die ersetzt werden müssen. Weshalb auch
in diesem Fall gilt: viel trinken und Obst oder Gemüse essen
(gekocht oder geschält!). Bei Sonnenbrand hilft alles, was kühlt, aber nicht zu fettend ist. Bei schlimmen Verbrennungen Fenistil-Gel auftragen, das sonst Insektenstiche lindert. Ersatzweise
kann auch Ballistol-Waffenöl (ja, wirklich) verwendet werden.

Worst case: ein Unfall
Ein Crash im Ausland ist noch unangenehmer als zu Hause, und abseits jeder Versorgung können selbst Bagatellen langfristig für Probleme sorgen. Oftmals wird durch die anfänglich fehlende Schmerzwahrnehmung (Schock) die Schwere einer Verletzung unterschätzt. Bei unklarer Lage lieber früher mit dem Organisieren von Rettungs- oder Bergungsmaßnahmen beginnen. Erste-Hilfe-Maßnahmen sollten vor einer Reise trainiert werden, um im Ernstfall keine Zeit mit Diskutieren zu verschwenden, die nachher für den Transport fehlt. Faustregel: Sind nach einer Viertelstunde nicht alle Verletzungsfolgen absehbar, heißt es, alle verfügbaren Mittel zu nutzen, um in ärztliche Versorgung zu gelangen. Auch wenn ein Sturz glimpflich ausgeht, kommt es häufig
zu Schürfungen und Hautwunden. Hier gilt: zunächst säubern. Am besten
mit reichlich Wasser spülen. Außerdem kann man auch mit Seife an einer oberflächlichen Wunde nichts falsch machen. In den Tropen sollte man – wenn möglich – das Ganze antrocknen lassen und nur abdecken. Ist das nicht möglich, dann mit Nebacetin-
Puder einpudern und verbinden. Der Verband muss aber regelmäßig alle paar Stunden gewechselt werden. Auch hier hat sich im Notfall Ballistol-Waffenöl (stimmt tatsächlich, man glaubt es kaum!) als Desinfektionsmittel-Ersatz bestens bewährt. Spätestens
beim Ablösen des schmerzhaft anklebenden Verbands tut es gute
Dienste. Wenn eine tiefere Wunde genäht werden muss, bleibt
einem die Suche nach einem Arzt nicht erspart. Sie muss jedoch schnell erfolgen, denn nach vier bis sechs Stunden kann eine Wunde nicht mehr genäht werden – und die Reise damit je nach Größe der Wunde und Umfang der Komplikationen beendet sein, schlimmstenfalls im Ambulanz-Jet.

Zahnprobleme und Schmerzen
Regelmäßig wiederkehrendes Thema sind Zahnschmerzen. Die obligatorische Routine-Kontrolle vor längeren Reisen wurde bereits angesprochen. Erwischt es einen unterwegs doch, helfen gegen Schmerzen langsam auf dem kranken Zahn zerkaute Gewürznelken. Wichtig: Ein entzündeter Zahn fällt in vielen ärmeren Ländern dem örtlichen Zahnreißer zum Opfer, denn zahnerhaltende Behandlungen sind dort unbekannt. Da die später zu Hause anfallenden Kosten für eine Brücke oder ein Implantat den Preis
einer Weltreise leicht übersteigen können, kommt ein Heimflug meist billiger. Das heißt: Im Zweifelsfall Antibiotikum nehmen und den nächsten Flug buchen... Diese Vorgehensweise empfiehlt
sich auch bei starken, nicht enden wollenden Schmerzen
aus dem Bauchraum oder Nierenbereich sowie bei akuten und ungewohnten Kreislaufproblemen, wenn sich die Symptome
nicht telefonisch mit einem Arzt klären lassen.

Wo ist ein Arzt?
Einen Doktor muss man erst mal ausfindig machen. In Europa gibt es dazu ein Notrufnummernsystem, in der Regel die 112 (Schweiz 114), ebenso in Teilen der USA und Kanadas (911) und Neuseelands (111). Die jeweiligen Nummern unbedingt vorher beim ADAC oder auch auf unabhängigen Internetseiten in Erfahrung bringen. Im Süden Afrikas und in Australien kommen die »Flying Doctors« praktisch überall hin, wo ein Flugzeug landen kann. Bewegt man sich außerhalb der sehr kleinen Handynetze, in denen europäische Triband-Handys greifen (vor der Reise beim jeweiligen Anbieter erkunden), ist es überlegenswert, ein Satellitentelefon mitzunehmen,
das praktisch überall funktioniert. Aber selbst damit stellt sich schlicht die Frage: Wen soll man anrufen? Ein Anruf bei der Notrufzentrale des ADAC oder der Deutschen Rettungsflugwacht bringt einen hier schon viel weiter (siehe Surftipps Seite 126). Die Experten dort kennen auch im entlegens-
ten Winkel der Erde das jeweils nächste Krankenhaus, bisweilen sogar eines mit europäischem medizinischen Standard. Von dort würde man dann, einen entsprechenden Schutzbrief vorausgesetzt, gegebenenfalls mit dem Flieger abgeholt. Nur den Transport aus dem Busch dorthin muss man selbst organisieren. Hilft auch das nicht weiter, ist der letzte Notnagel in jedem Land die zentrale deutsche Botschaft in der Hauptstadt. Deren aktuelle Telefonnummern, die das Auswärtige Amt auf seiner Internetseite in umfangreichen Listen veröffentlicht, unbedingt vor Reiseantritt notieren.
Nun drücken wir Ihnen die Daumen, dass Sie alle diese Tipps und Telefonnummern niemals brauchen, Ihre sorgfältig gepackte Bordapotheke unberührt bleibt und Sie gesund und munter
aus dem Urlaub zurückkehren. Aber für den Ernstfall sind Sie jetzt gebrieft. Gute Reise!

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