Gipfelglück (Archivversion)

Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Einen 4000 Meter hohen Gipfel zu besteigen ist leider kein Sonntagsspaziergang. Wer schon beim Treppensteigen über fünf Stockwerke aus der Puste gerät, der bleibt besser im Tal oder gondelt mit einer Seilbahn hinauf zu den Gletschern. Andererseits muss man keinen Marathon laufen können, um einmal ganz oben zu stehen. Sie fühlen sich einigermaßen fit und treiben zumindest etwas Sport? Dann rauf auf den Berg!
Einen Versuch ist es in jedem Fall wert. Das Angebot an geführten Bergtouren ist inzwischen riesig und reicht von der einfachen Wanderung bis zur Besteigung des Mont Blanc. Je höher und schwieriger das angepeilte Ziel, desto mehr Zeit muss für die Vorbereitung eingeplant werden. Wer beispielsweise an einer Tour auf einen 4000er teilnehmen möchte, muss zuvor einen ein- oder zweitägigen Kurs zum Bergsteigen im Eis absolviert haben. Für den Anfänger kommen ohnehin nur die »leichten« 4000er in Frage. Wer dann jedoch mit dem Gipfelvirus infiziert ist, der kann den nächsten Schritt wagen und Berggiganten wie den Monte Rosa und den Mont Blanc angehen. Noch schwieriger sind Gipfel wie der Dom oder das Matterhorn, wo außer sicherem Bewegen auf Eis auch noch Klettern im Fels gefordert ist.
Berganfänger müssen sich zunächst mit verschiedenen, grundlegenden Techniken vertraut machen – Sicherheit ist das oberste Gebot. Das richtige Anlegen des Klettergurts gehört genauso dazu wie der entsprechende Umgang mit Knoten, Pickel und Steigeisen. Erst dann geht’s in der Regel auf einen Gletscher, um sich im Eis mit der Technik und den Bewegungsabläufen vertraut zu machen. Und es wird geübt, wie man sich in Notfällen zu verhalten hat. Dazu wird ein Teilnehmer –natürlich angeseilt – in eine Gletscherspalte hinuntergelassen, um unter fachkundiger Anleitung von der Seilschaft gerettet zu werden. Wer sich alleine auf einen Gletscher wagt und in eine Spalte stürzt, hat in aller Regel kaum eine Chance, dies zu überleben.
Ein großes Risiko birgt zudem die sauerstoffarme Luft im Hochgebirge. Bereits ab einer Höhe von 3000 Metern reagiert der Körper spürbar mit Kurzatmigkeit, einer reduzierten Leistungsfähigkeit und oftmals auch mit Übelkeit auf den abnehmenden Sauerstoffgehalt. Das einzige Mittel gegen die drohende Höhenkrankheit ist eine langsame Anpassung an die veränderten Bedingungen: Wer sich ohne Akklimatisation per Seilbahn auf das Kleine Matterhorn (3800 Meter) bringen lässt, um von dort aus einen benachbarten 4000er zu besteigen, handelt aus gesundheitlicher Perspektive völlig verantwortungslos.
Bei einem Kurs ist ein solches Risiko ausgeschlossen. Wenn alle Teilnehmer einigermaßen sicher mit der neuen Materie vertraut sind, steht dem Gipfelsturm kaum noch etwas Weg. Der große Anstieg beginnt meist mitten in der Nacht oder sehr früh am Morgen. Eine Regel unter Bergsteigern lautet, möglichst gegen Mittag die Tour beendet zu haben oder zumindest keine gefährlichen Zonen mehr passieren zu müssen. Durch die Hitze des Tages – und auf 3500 Meter kann es überraschend warm werden – steigt die Steinschlaggefahr, der Schnee wird zudem sehr tief, weich und nass, was extrem Kraft kostet. Ein zusätzliche Gefahr geht von aufgeweichten Gletscherbrücken aus, die dann deutlich labiler als im gefrorenen Zustand sind. Wer beispielsweise die etwa zehnstündige Tour auf das Strahlhorn unternehmen möchte, wird also kurz nach Mitternacht aufbrechen müssen. Eine entscheidende Rolle spielt das Wetter. Bei einem plötzlichen Umschwung liegt es ausschließlich im Ermessen des Bergführers, ob überhaupt gegangen wird oder falls man bereits in den Bergen unterwegs ist, wie man sich zu verhalten hat. Ein und dieselbe Tour kann sich schnell vom aussichtsreichen Genießen in einen Kampf gegen Sturm und Schnee wandeln. Und der Lohn aller Mühen? Bei perfekten Bedingungen, also sonnig, klar und windstill, sind die Eindrücke, die sich während des Aufstiegs und vom Gipfel aus präsentieren, schlichtweg überirdisch.

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