Globetrotter-Treffen (Archivversion) Das Jubiläum

Eine Wiese, ein Lagerfeuer und etwa 600 Aluboxen – Bernd Tesch, Globetrotter-Urgestein der Zweiradszene, hatte zum 25. Mal zu seinem Motorrad-Fernreisetreffen eingeladen.

Das Wetter hat sich gegen Bernd Tesch verschworen: kein Schnee, kein Regen, kein Matsch. Stattdessen milde elf Grad unter nullin der Nacht und eitel Sonnenschein am Tage. Da sind echte Tesch-Fans, die regelmäßig zum stets Mitte April stattfindenden Globetrotter-Treffen ins belgische Malmedy pilgern, anderes gewöhnt. Irgendwas zwischen Dauerguss und Schnee-sturm. Am liebsten beides, und je doller, desto besser. So was trennt die Spreu vom Weizen und sorgt dafür, dass man unter sich ist. Unter sich? Nun, damit sind diejenigen gemeint, die auf Motor-rädern ständig irgendwo unterwegs sind. In der Regel dort, wo andere sich nicht einmal trauen, mit dem Finger auf der Landkarte hinzuzeigen. Freitagnachmittag. Tesch begrüßt jeden Ankömmling persönlich. Sein Ritual hat Stil: Kaum ist der Helm runter vom Kopf, fließt auch schon der erste Schluck Bier – ob man nun will oder nicht – durch die Kehle. Lachen, Schulterklopfen, eine Anekdote von damals aus Aachen oder Afrika. Tesch (www.berndtesch.de), so scheint’s, vergisst nichts und niemanden, kennt fast jeden seiner Gäste.Freitagnacht. Bier geht bei den etwa 300 Gästen kaum; Tee und Glühwein kommen besser an. Einige Meter vom Lager-feuer entfernt bildet sich eine Eisschicht auf den Motorrädern und Zelten. Nach Mitternacht sind dann nur noch wenige auf den Beinen. Die einzigen Geräusche im Wald: Schnarchen und Bachrauschen. Samstag in der Früh. Blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Das Fauchen von unzähligen Benzinkochern ersetzt jeden Wecker. Kaffee, Brötchen, Wurst, Marmelade, Müsli, O-Saft und frisches Obst machen die Runde. Unglaublich, mit wie viel Proviant die meisten angereist sind. Nicht wenige haben auf ihren Hobeln sogar noch Platz für Campingmöbel.Bis zum Mittag Zeit für Muße. Ein Plausch mit dem Zeltnachbarn (...Ist die Grenze von Ägypten in den Sudan offen?...) oder mit alten Reisebekanntschaften (...Haben wir uns nicht in Peru getroffen – nee, das war in Costa Rica...). Hauptsächlich aber Motorräder schauen. Die üblichen Verdächtigen, auf die sich Stollen ziehen und Gepäckrollen schnallen lassen. Zwischendrin würdevoll gealterte Reisedampfer der ersten Generation. Bruno Blums 600er-Ténéré zum Beispiel, mit der der Schweizer in den letzten Jahren nahezu überall auf der Welt ge-sehen wurde. Oder das verwegene Yamaha-Gespann von Rob und Dafne de Jong aus den Niederlanden, mit dem die beiden fünf Jahre lang auf Weltreise waren (siehe MOTORRAD 3/2003). Drum herum zahlreiche Boxer und Africa Twin aller Jahrgänge und in allen denkbaren Umbaustadien. Mit Karten oder Aufklebern verzierte Alukoffer und große Tanks gelten in dieser Szene ohnehin als selbstverständlich. Wie Erscheinungen aus einer anderen Welt wirken dagegen eine Vmax, eine R1 und eine knallrote Indian. Solch unerwarteter Besuch darf auf einer schmalen Brücke den Bach queren, ohne gleich sein Gesicht zu verlieren.Für alle anderen ist der Bach quasi die Eintrittskarte: Wer zum Treffen will, muss durch. 20 Zentimeter Wassertiefe sollten an sich keine Herausforderung für die Stollenszene sein, und auf Island würde man für dieses etwa zwölf Meter breite Rinnsal vermutlich nicht einmal vom Gas gehen. Dort gibt es allerdings keine Zuschauer. Doch wenn 50 oder 100 bestens gelaunte Motorradler auf der anderen Seite stehen und nur darauf warten, dass was schief geht, erscheint dieses Wässerchen für viele im ersten Moment plötzlich so unüberwindbar wie der Amazonas. Aber wer will schon gerne Puffi genannt werden? Der Unterhaltungswert ist auf jeden Fall enorm. Samstagnachmittag. Im voll besetzten Festsaal eines Landhotels läuft Bernd Tesch zu Höchstform auf. Absolut sehenswert, wie er mit großen Gesten und spontanen Wortbeiträgen seinen Gästen gleich dutzendweise Globetrotter präsentiert, von denen 27 mindestens einmal die Welt umrundet haben und somit vom Veranstalter mit den höchsten Weihen der Reiseszene geadelt werden. Zum Beispiel Nick Sanders. Ja, genau dieser Wahnsinnige, der die schnellste Weltumrundung überhaupt in den Asphalt gebrannt hat: 28640 Kilometer in 31 Tagen und 20 Stunden. Sein Fahrzeug: eine Yamaha R1. Die andächtig lauschende Alukofferfraktion weiß nicht, ob sie staunen, lachen oder weinen soll, als sie von Nick erfährt, dass er während seiner längsten Tagesetappe 23 Stunden im Sattel saß und dabei die etwa 2440 Kilometer lange Strecke von Lissabon nach Calais zurückgelegt hat. Gerade ist Nick von seiner inzwischen fünften Weltumrundung zurückgekehrt: Als Reiseleiter hat er 23 andere Biker in schlappen 96 Tagen rund 50000 Kilometer weit rund um den Globus geführt. Knallharte Speedfreaks können sich ab sofort für die im nächsten Jahr anstehende Wiederholung anmelden (www.nicksanders.com). Sonntag in der Früh. Nick verabschiedet sich mit einem lautstarken Burnout im nassen Gras und fliegt auf der R1 davon. Der Rest packt langsam seinen Haus-stand zusammen, geht lieber noch mal Kaffee trinken als auf die Bahn. Und noch immer kein Schnee, kein Regen, kein Matsch in Sicht.

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