Göttingen-Genua (Archivversion) Abenteuer Autobahn

Es muß nicht immer Afrika sein: Globetrotter Rolf Henniges ließ sich überzeugen, daß wahre Abenteuer vor der Haustür liegen - und legte 2200 Autobahnkilometer im Sattel einer 21 Jahre alten Honda CB 200 zurück.

Keiner von uns beiden sagt ein Wort. Langsam öffnet mein Kumpel Fäller das Garagentor, und mir wird schlagartig klar, worauf ich mich da vergangene Nacht eingelassen habe. War im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee. Vor einer abbröckelnden Kalkwand mit vergilbten Pin up-Bildern steht sie. Eine Honda CB 200. 37027 Kilometer auf dem Tacho und 21 Jahre alt. Aus den glorreichen Zeiten, in denen noch mit Kontakten gezündet wurde und man Dinge wie Aufstellmoment oder Kickback noch im Rotlichtmillieu wähnte. Und Metallic-Erbsgrün garniert mit etwas Chrom und weinbergschnecken braunen Kabeltüllen als optisch gelungen empfand. Ein echter Klassiker.Nach 17 beherzten Kickversuchen kommt Leben in den linken Zylinder, an dessen Kopf sich aus den Ölnebeln längst eine tiefschwarze Paste gebildet hat. »Wenn´se warm is, dann schaltet sich der zweite Zylinder auch noch zu« erklärt Fäller, Besitzer des guten Stücks, sachkundig. Meine Mundwinkel zeigen nach unten, doch er winkt ab: »Läuft prima! Mit der war Marry Mitte der 80er Jahre schon in Spanien.« Mit dem Kettensatz anscheinenb auch. Eine antiquierte, durchhängende Antriebskette mit rostbraunen Farbpigmenten zerrt an einem stählernen Kettenrad im Haifischflossen-Design. Den Scheinwerfer vom Typ »Halt mal die Hand davor um zu prüfen, ob er brennt« lobt er besonders: »Der durchschneidet die Nacht wie ein heißes Messer die Butter.« Ich bleibe skeptisch und begutachte Fällers CB weiter. Der Tank hat ein beeindruckendes Fassungsvermögen von neun Litern. »Die Sitzbank hat sogar ´ne Chromblende - gibt’s heute gar nicht mehr!« Daß auch eine mechanisch betätigte Scheibenbremse längst der Vergangenheit angehört, erwähnt er nicht. Ein beherzter Druck auf die Hupe, die wie die Tröte an John Boy Waltons Pick-up klingt, beendet die Vorstellung. Zum Abschluß überreicht Fäller mir eine Kopie des Handbuch, das er angeblich nie gebraucht hat. Die Seiten sind ölverschmiert und kleben aneinander. Göttingen - Genua und zurück. Das sind 2200 Kilometer. Es ist Spätherbst, es regnet, und die Schneefallgrenze liegt bei 1000 Meter. Ich muß verrückt sein. Morgen fahre ich los.Die erste Überraschung gibt’s gleich nach der Autobahnauffahrt Göttingen-Nord. Steigungen ab vier Prozent quittiert der kleine Zweizylinder mit einem Schaltwunsch in den vierten Gang. Das entspricht exakt 75 Stundenkilometer bei 8000 Umdrehungen. Mehr ist nicht drin. Bei 9500 Umdrehungen fängt der rote Bereich an, bei 11000 wird er wieder grün. Unter Vollast ähnelt das Motorgeräusch dem Blöken eines erkälteten Schafes und schwankt, je nach Steigung, zwischen Sopran und Tenor. Regen peitscht mir entgegen, und der Tag ist so düster wie meine Hoffnung, mit diesem Bike tatsächlich jemals das Mittelmeer zu erreichen. Während ich verzweifelt die im Brief eingetragenen 17 PS suche, fallen mir Fällers Worte wieder ein: »Die Leistung hat´se nich mehr ganz, aber 100 Sachen sind öfter noch drin.« Ich hätte ihn fragen sollen, wie oft.Hinter Friedland kommt zu dem Regen noch starker Gegenwind hinzu und reduziert das Tempo auf 70 Stundenkilometer. Die meisten Autos fliegen an mir vorbei wie Raumschiff Enterprise auf dem Sprung in den Hyperraum. Dann sind die Kassler Berge in Sicht. Zu meiner Überrasachung durchbreche ich mit triumphalem Lächeln die Rußschwaden keuchender Lkw, die selbst im direkten Vergleich zur CB 200 wie Schnecken die Steigungen hoch kriechen. Bei der anschließenden Talfahrt zeigt der Tacho satte 110. Leider auch der einiger Brummis. Getreu dem Motto: »Lieber tot als Schwung verlieren« nutzen sie die Downhill-Power für die nächste Steigung. Trotz meiner bewährten Wachscotton-Überzieh-Handschuhe sind meine Hände schon nach 60 Kilometern klitschnaß und eiskalt. Ein Verkäufer von einem Motorradbekleidungs-Shop in Kassel weiß Rat. Mit den Worten: »Die sind absolut wasserdicht« drückt er mir zwei Plastiktüten in die Hand. Der Typ hat Humor. Ich entscheide mich für pechschwarze Lenkerstulpen - und hoffentlich mollig warme und trockene Hände.Doch die Stulpen kosten zu meinem Entsetzen Endgeschwindigkeit: Breit ausladend wirken sie wie ein Bremsfallschirm. Zusätzlich drückt der starke Wind die Stulpen wieder und wieder gegen die Hebel und sorgt für unfreiwillige Kupplungsrutscher. Als wäre nicht ohnehin schon auf den Steigungen der A7 jeder Überholvorgang auf der kleinen Honda ein Abenteuer. Geduckt auf dem Sitz kauernd, kämpfe ich mich mit der Fuhre Meter für Meter an den unendlich langen 40-Tonnern vorbei. Mit ihrer steilen Frontpartie schieben diese geradezu eine orkanartige »Bugwelle« vor sich her - jedesmal die letzte große Hürde, die so manchesmal die 17 klapprigen Pferde scheitern und mich dann wieder hinter den Ladeklappen der Brummis einfädeln läßt. Doch diese Manöver sorgen nicht nur bei für Verdruß, sondern vor allen bei anderen Verkehrsteilnehmern, die ihrem Ärger über mich schon mal mit einem ausgestreckten Mittelfinger Luft machen.Tankstelle Großenmoor West. Zeit für einen Imbiß. In meinem Mund vermischen sich Currywurst, Pommes und Kaffee. Vor dem Fenster steht die CB. Der Wind spielt mit dem unter dem Tank baumelden Zündschlüssel, ein paar Neugierige umlagern das Bike und fachsimpeln. Per Videoüberwachung läßt sich die Szenerie gut überblicken. Meine Angst vor Dieben ist jedoch gering. Wer klaut schon eine CB 200? Mit einem Geräusch wie die Flossen eines Seehunds beim Landgang klatschen meine Regenüberschuhe auf die Fliesen der Toilette. Ich wühle in meiner Regenkombi. »Stoppt die Grünen! Benzinpreis: 2 DM« steht neben dem Becken. Kann mir egal sein. Die 18 Mark für einen vollen CB-Tank hätte ich dann immer noch übrig.Vier Minuten später bin ich wieder auf der Bahn. Ein alter Audi 80 schiebt sich am Hattenbacher Dreieck an mir vorbei. Auf der verrosteten Heckklappe steht »Leistung durch Vorsprung«. Die Farbe seiner Abgase erinnern an einen Zweitakter, und der Fahrer winkt grüßend herüber. Es ist 17:30 Uhr. Die Dunkelheit ist mir auf den Fersen, ebenso einige Lkw. An der Auffahrt Ulm West wird es erstmals richtig brenzlig. Links neben mir hängt ein schwedischer Transporter, rechts bemüht sich ein Mercedes 200 D auf der Beschleunigungsspur um Tempo. Fluchend schaue ich auf die schätzungsweise insgesamt 280 Jahre Lebenserfahrung der vier ergrauten Insassen, die nicht merken, daß ich von ihrem Farzeug langsam, aber sicher gegen den Lastzug gedrängt werde. Ich habe keine Wahl, greife voll in die Eisen. Der kleine Motor stirbt ab, der Hinterreifen hinterläßt einen mordsmäßig qualmenden, schwarzen Strich auf dem Asphalt. Bremsnebel verteilt sich im Scheinwerferlicht des nachfolgenden Verkehrs. Mein Herz pocht, ich stehe auf der Standspur und blicke auf den Tacho: 499 Kilometer unfall- und pannenfrei. Für heute reicht´s.»´Ne Honda CB hab ich auch«, schmunzelt der Rasenmäher-Mechaniker am nächsten Morgen. »Allerdings mit ‘nem R hintendran und der Zahl 200 auf dem Tacho.« Mit einem Stück Draht sichern wir in seiner Werkstatt die Lenkerstulpen gegen Verrutschen und das lästige Drücken auf die Handhebel. Aus dem krächzenden Radio im Hintergrund dringen Sturmwarnungen für das Gebiet rund um die oberbayrischen Seen. Windstärke zwölf ist angesagt. Und natürlich Regen.Meine Räder rollen über die A96. Ab Mellingen gießt es pausenlos. Ich surfe im Windschatten eines Vierzigtonners und stelle fest, daß der ideale Abstand etwa fünf bis acht Meter beträgt, um nicht aus dem Sog zu geraten und zurückzufallen. Drei Buchstaben an der Heckklappe des Lkw sorgen für permanente Adrenalinzirkulation: ABS. Meine Bremsleistung reicht höchstens für den ASB. Auch der Name des Eigners ist in dicken Blockbuchstaben aufgedruckt: TRANSPORTE Udo Hatz. Den hat er sich redlich verdient. Er fährt konstante 105 km/h. Abenteuer Autobahn.Die Schweizer Autobahnvignette ist nur noch wenige Wochen gültig. Trotzdem kostet sie knapp 50 Mark. Mit süffisantem Lächeln überreicht mir eine vermutlich aus Nordafrika stammende Dame den Aufkleber. Um den Preis feilschen? So hoffnungslos wie die Chance auf besseres Wetter. Pausenloser Regen, Nähmaschinen-Sound, kalte Füße - nur der neueste Playboy hellt den Tag ein wenig auf und wandert schließlich unter die Regenhaube meines Tankrucksacks. Mit den Worten: »Wo wollen Sie denn hin?« marschiert der Schweizer Zollbeamte in St. Margareten kopfschüttelnd um die CB. Sein Blick wandert zwischen Playboy und dem Benzinkanister an der Seite hin und her. »Wird ´n heißer Ritt«, prophezeit er nickend.Kaum in den Bergen angekommen, muß ich vom Leistungskuchen noch ein Stückchen abgeben. Unterhalb von 4000 Umdrehungen läuft der Twin mittlererweile sehr unruhig, und Standgas ist praktisch kaum noch vorhanden. Mein abenteuerlich bepacktes Gefährt rollt in die Werkstatt von Honda Wittmann in Chur. »Für die paar Kilometer in den Bergen lohnt sich keine Vergaser-Synchronisation«, sinniert der Werkstattleiter gedankenversunken. »Wenn du sie für die Höhenluft einstellst, läuft sie unten im Tal nicht und umgekehrt. Und eigentlich solltest du froh sein, daß sie überhaupt noch läuft.« Etwas beleidigt fahre ich vom Hof. Keine zehn Minuten später sitzt mir ein Lastzug vom Sägewerk Pfläumli im Nacken. Der Fahrer hat anscheinend eine ausgesprochene Vorliebe für die Jagd. Verkrampft würge ich den Gasgriff, doch das Monstrum nähert sich bedrohlich. Der Abstand schrumpft. Nur noch zwei Meter trennen mich von seinem Kühler. Ich kann bereits das Glühen seiner Zigarette in meinen zittrigen Rückspiegeln erkennen. Dann endlich die Rettung - es geht bergab. Die CB rennt um ihr Leben, und die zittrige Tachonadel stößt in vermutlich bisher nie erreichte Regionen vor: Tempo 125! Unter mir tobt der Sound eines Supersportlers - das Echo der Tunnelwände macht’s möglich.Plötzlich ein Schild: San Bernardino-Paß. Soll ich tatsächlich? Ich soll! Steil winden sich die Serpentinen den schneebedeckten Hang hinauf. Der linke Fuß kommt kaum mit dem Schalten nach. Erster Gang, zweiter Gang, erster Gang... Die Rillen im Gummi fressen sich durch die Schneerückstände bis auf den Gipfel der Paßstraße: 2066 Meter. Zufrieden mit mir, der Welt und der Honda stürze ich mich sofort wieder zu Tal. Dichter Funkenregen. Links streift der Hauptständer, rechts die Fußraste. Was würde ich drum geben, wenn Fäller das sehen könnte.Endlich in Italien. Im Land der Hupen, Pizzen und des Sonnenscheins. Im Metall des kleinen Scheinwerfers spiegeln sich die Schäfchenwolken, rechts und links flitzen bunte Chinquecentos an mir vorbei. An der ersten Tankstelle wittern zwei schlitzohrige Tankwarte das Geschäft ihres Lebens. Nach einem Blick auf mein seltsam bepacktes Bike ist für sie alles klar: Wer so reist, so aussieht und kein Italienisch spricht, der kann auch nicht rechnen. Und aus irgendeinem Grund zahle ich den Betrag, für den man vermutlich den Tank einer Honda Africa Twin hätte füllen können. Doch das italienische Super verbleit scheint den kleinen Kolben bestens zu bekommen. Sie katapultieren mich mit sagenhaften 115 Stundenkilometern über die Po-Ebene. Ohne Rückenwind.Ein Gewimmel aus Kurven und zahlreiche Tunnel führen mich durch das ligurische Alpenmassiv hindurch direkt nach Genua. Es ist genau 20 Uhr, als ich im Hafen von Genua stehe. Das Thermometer zeigt 18 Grad, und ich entledige mich endlich der lästigen Regen-Kombi und der dicken Pullis. Nie hätte ich geglaubt, daß ich jemals mein Ziel erreichen würde. Fäller, deine kleine tapfere CB ist gerannt wie die Sau. Zur Belohnung gibt´s für die Honda ein sicheres Nachtlager in einer Bar, und ich gönne mir eine Etage darüber ein Zimmer - laut, feucht und staubig, aber günstig.Die Rückfahrt entwickelt sich zu einer harten Prüfung. Die Alpengipfel hüllen sich in Nebel. Dichtes Schneetreiben und Dauerregen empfangen mich hinter der italienischen Grenze. Orientierungslos hefte ich mich an die Rücklichter der Vorauseilenden und rette mich nach sechstündigem Blindflug in den nächstbesten Landgasthof. Unübersehbar parkt die CB vor dem Eingang und ist am nächsten Morgen das Dorfgespräch. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über Herkunft von Mann und Maschine ausgetauscht. Weltreisender oder Asylbewerber? Man ist sich nicht sicher. Ohne das Geheimnis zu lüften, nehme ich die letzten 500 Kilometer in Angriff. Meine Hoffnungen, daß es einmal nicht regnet, zerplatzen wie die dicken Tropfen an meinem Helm. Ich bin neidisch auf die Insassen der Autos, die mich überholen. Musik, Wärme, Komfort. Das hätte ich jetzt auch gern. Aber was hätte das noch mit Abenteuer zu tun? Dies hier ist Motorradfahren pur. Mit allem was dazu gehört. Vor allem aber die Freude über jeden zurückgelegten und pannenfreien Kilometer. Zitternd vor Kälte, aber mit einem unglaublichen Glücksgefühl erreiche ich Nörten Hardenberg, das gleich hinter Göttingen liegt. Meine steifgefrorenen Finger tippen Fällers Rufnummer. Der kann es kaum glauben. »Über Hundertzwanzig isse jelaufen? Und ohne Panne? Mein Schwager hat genau dieselbe. Die müßte auch mal zur Kur nach Genua.« Vielleicht ein andermal.

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