Goodwood Revival (Archivversion) Formvollendet

Vermutlich wird nirgendwo sonst an einem Wochenende so hingebungsvoll Benzin in alten Rennern verbrannt wie beim alljährlichen Goodwood Revival im Süden Englands.

Zwei einmotorige Spitfire-Kampfflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg
donnern im Tiefflug vorbei, steigen senkrecht in den blauen Himmel, ziehen einen Looping und formieren sich erneut zu
einem Scheinangriff, verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Im selben Moment erwecken 32 Piloten die Triebwerke ihrer historischen Formel-1-Rennwagen, spielen nervös mit dem Gas, als wollten sie sich selber Mut machen und gleichzeitig den Gegner einschüchtern. Wenige Sekunden später infernalisches Brüllen, als die ungeduldigen Boliden
von der Leine dürfen.
Der Startschuss zum 7. Goodwood Revival, einem Rennwochenende für
historische Automobile und Motorräder,
ist gefallen – und ich befinde mich noch immer nur in Hörweite des Geschehens, frickel ungeübt am Knoten einer Krawatte herum. Eine Kleiderordnung schreibt
Besuchern ein Outfit aus den 40er, 50er oder 60er Jahren vor, und aus den Koffern der BMW R 1200 GS quillt der Rest meiner »Dienstkleidung« für dieses Wochenende: Kniebundhose und Mütze aus dunklem Cord, breite Hosenträger, ein muffiges
Jacket, Weste und knöchelhohe Schuhe, wie ich sie von den alten Schwarzweiß-
Bilder kenne, auf denen mein Vater
als Pennäler zu sehen ist. Daheim bei
der Anprobe haben sich Frau und Sohn
kaputtgelacht, aber etwas anderes als
das Modell »englischer Landlord« war bei einem auf alemannische Fastnachtsumzüge spezialisierten Stuttgarter Kostüm-
verleih nicht zu bekommen.
Endlich tauche ich ein in die Welt eines seit seiner Kindheit vollkommen dem
Motorsport verfallenen Grafen. Dessen Großvater, der neunte Duke of Richmond and Gordon, hatte 1948 diese Renn-
strecke auf den eigenen Ländereien quasi
direkt vor der Haustür angelegt (Hand
aufs Herz: einen solchen Opa wünscht sich doch jeder, oder?). Während andere Knirpse brav mit Blechautos im Sandkasten herumfuhrwerkten, saß der junge Charles March abwechselnd bei Jim Clark, Jackie Stewart oder dem Motorradweltmeister John Surtees auf dem Schoß. Goodwood wurde in einem Atemzug mit der Formel-1-Piste Silverstone genannt, durfte sich sogar mit dem ehrenvollen Titel »Heart of British Motorsport« schmücken. Bis die Fahrzeuge zu schnell für die 2,4 Meilen lange Strecke wurden – 1966 fand das letzte Rennen statt.
Kaum zu glauben, dass hier fast
40 Jahre Stillstand herrschte, wenn man die weiß gestrichenen, aus Holz errichteten Boxen, die ebenfalls hölzernen Absperrungen und Tribünen sowie den Rest der Anlage betrachtet. Der Graf hat ganze Arbeit geleistet, um in Goodwood an
diesem Wochenende eine vergangene Epoche aufleben zu lassen. Alles glänzt wie am ersten Tag.
Unter all diesen Eindrücken fällt die Ausschau nach dem Parc fermé der Rennmotorräder schwer. Die Augen werden
in dem irrsinnigen Gewühl stets aufs Neue vom Erscheinungsbild der rund 80000 Gäste abgelenkt, die dem Hausherren sichtlich begeistert in die Vergangenheit folgen. Die Damen flanieren in Petticoats oder gepunkteten Sommerkleidern, mit dunklen Ray-Ban-Brillen und riesigen
Hüten à la Audrey Hepburn vorbei an den automobilen Ikonen, die in insgesamt elf Klassen gegeneinander antreten. Anzüge, gerne aus Tweed, sind bei den Männern Ehrensache, helle Panamahüte oder
karierte Schlägermützen spenden allenthalben Schatten an diesem ungewöhnlich heißen Tag. Deshalb auf Jacket oder
zumindest auf Krawatte, Fliege oder Halstuch zu verzichten, daran denken im
feinen Goodwood nur die wenigsten.
Nicht einmal die Rocker mögen sich von ihren schweren Lederjacken trennen. Lässig lümmeln die Burschen um ihre BSA, Triumph und Norton herum, inszenieren einen Moment später traditionsbewusst eine kurze Pöbelei mit den Roller fahrenden Mods. Väter – vielleicht war
der eine oder andere damals in Brighton sogar mit dabei – erklären ihren Söhnen den tieferen Sinn dieses Schauspiels.
Ein paar Meter weiter fristen die
Rennmotorräder samt Piloten ihr Dasein im Schatten der voll besetzten Haupt-
tribüne. Eher wenig beachtet allerdings nur bis zu dem Moment, in dem die Triebwerke befeuert werden. Minuten später treten sich hier alle auf die historischen Stiefeletten. Diverse herausgeputzte Norton Manx, Matchless und Aermacchi im Renntrimm kommen jedoch nicht einmal gemeinsam gegen das abartige Schreien einer grünen 1967er-Benelli 350/4 an,
deren Viertaktaggregat von einem hochkonzentrierten Georg Beale mit schnellen, regelmäßigen Gasstößen auf Temperatur gebracht wird. Der schmächtige Mann im Sherlock-Holmes-Kostüm hatte vor kurzem in der Szene für einiges Aufsehen gesorgt, weil er sechs absolut detailgetreue Replikas der Honda-Sechszylinder-Werksrennmaschine RC 174 von 1967 (jawohl, genau die von Mike Hailwood!) nachbauen ließ (MOTORRAD 15/2004; MOTORRAD Classic 5/2004). Auf jeden Fall weiß man nun selbst in der Benelli-Schmiede im
italienischen Pesaro Bescheid, dass gleich der erste von zwei Läufen der »Barry Sheene Memorial Trophy« gestartet wird.
Dass er mit seiner BMW RS von 1954 gegen solche hochgezüchteten Maschinen keinen Blumentopf gewinnen kann, ist Sebastian Gutsch, Mitarbeiter der Mobilen Tradition, der BMW-Abteilung für historische Fahrzeuge, klar: »Leistungsmäßig fuhr dieser Boxer mit seinen rund 30 PS damals schon hinterher.« Die Tatsache, dass viele Fahrzeuge der Konkurrenz
völlig neu aufgebaut und mangels Originalteilen mit modernen, teilweise sogar leistungssteigernden Komponenten
versehen sind, sieht er recht gelassen.
Aufgeregt sei er aber dennoch: wegen
der vielen Top-Fahrer am Start.
Klar, ein Wayne Gardner, 500er-Weltmeister von 1987, hat auch an diesem Wochenende nicht vor, als Zweiter anzukommen. Genauso denken Ex-WM-Star Chas Mortimer oder Superbiker Jamie Whitham, alle drei auf böllernden Norton Manx am Start. Der angespannt dreinblickende Motorradjournalist Alan Cathcart ist mit seiner 350er-Aermacchi ebenfalls nicht zum Spaß angereist. Und genauso ernst sieht es der rüstige Sammy Miller, der in seiner über 50-jährigen Rennsportkarriere unter anderem elf Mal den englischen Meistertitel einheimste. Mit einer Art Feile bearbeitet er die Reifen seiner vierzylindrigen Gilera aus dem Jahr 1957.
Nach acht stürmischen Runden und zwölfkommazweiundvierzig Minuten ist
alles entschieden: Gardner nach neun Führungswechseln ganz knapp vor Whitham. Gutsch (»Meine BMW befindet sich noch in der Aufbauphase«), der rund anderthalb Minuten später als Vorletzter
von 22 Ankömmlingen die Fahne sieht, ist leidlich zufrieden. Doch sichtlich erleichtert, nicht noch auf den letzten Metern überrundet worden zu sein. Dieses Los wird er am Sonntag beim zweiten Lauf
ertragen müssen. Den Zuschauern ist so ein Einzelschicksal egal. Sie feiern verzückt jeden Racer auf dem Kurs. Weil
ein Rennen, so Wayne Gardner, in Goodwood immer noch ein Rennen ist.

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