Griechenland (Archivversion) Wenn die Götter frieren

Eigentlich wollte Josef Seitz dem Winter in Deutschland entfliehen, wollte im November auf dem Peleponnes noch einmal griechischen Wein und Sonne tanken - doch auch in der Heimat der Götter schneit´s manchmal

Aus der Traum vom warmen Novemberurlaub in Griechenland. Auf den kahlen Bergkuppen über der Hafenstadt Patras liegt Schnee - und ich wollte doch dem schmuddeligen Wetter in Deutschland entfliehen, noch ein paar Tage im milden Klima Südeuropas nach Herzenslust Motorrad fahren. Enttäuscht wühle ich mich durch den dichten Verkehr der Hafenstadt, folge einer kurvigen Straße, die sich zuerst durch eine Hügellandschaft windet und sich dann nach ein paar Kilometern hoch in die Berge des Panachaiko- und Erimanthosgebirges schraubt. Die Kälte, die langsam unter die Klamotten kriecht, verstärkt ein ungutes Gefühl, als ich auf meinem Weg nach Klitoria durch die Kleinstadt Kalavrita komme: Im Dezember 1943 wurden hier über 1200 Bewohner brutal von Soldaten der Deutschen Wehrmacht ermordet.Als ich am nächsten Morgen vor dem Hotel in Klitoria die Gepäckrolle aufspanne, begrabe ich endgültig die letzte Hoffnung, hier dem mitteleuropäischen Winter zu entrinnen: Eine dicke Eisschicht glänzt auf der Sitzbank der Honda. Aber die Kälte hat auch ihr Gutes. Der Rauhreif verzaubert die karge Landschaft geradezu mystisch und in den Kristallen bricht sich das Licht der ersten Sonnenstrahlen tausendfach. Ein alter Mann, der auf einem Esel die Straße entzlanggetrabt kommt, hält plötzlich neben mir an und schaut zu, wie ich das Eis von der Honda kratze. Dann beginnt er zu reden, aber ich verstehe nur ein einziges Wort: »Spilia« - was Höhle bedeutet. Ich nicke, und er deutet an, daß es nur noch fünf Kilometer bis zu einer Höhle sind. Dann grüßt er freundlich und reitet weiter. Die Seenhöhle von Kastria, die erst 1964 per Zufall entdeckt wurde, ist nichts Spektakuläres, aber trotzdem sehenswert - zumindest wenn das Wetter draußen nicht mitspielt. Durch einen kleinen Eingang gelange ich in einen gewundenen, steil ansteigenden Gang, in dem sich im Lauf von Jahrtausenden dreizehn stufenfömig angeordnete Becken gebildet haben, durch die das Wasser rauscht. An der Decke hängen lange tropfende Stalaktiten, die im schwachen Lichtschein bizarre Schatten an die Felsenwände werfen.Wieder draußen, fahre ich durch eine verschneite Winterlandschaft, am Ladonosstausee vorbei bis nach Trópea. Dann windet sich die Straße am Rand einer tiefen Schlucht entlang, und schließlich biege ich in ein Seitental in Richtung Dimitsana ab. Aber ich komme nur langsam voran, stellenweise glänzt Eis auf der Straße - nichts für zwei Räder, die nach Kurven gieren. Dafür ist die Aussicht auf die schneebedeckten Berggipfel einfach traumhaft. Hinter Palouba endet der Asphalt plötztlich. Eine breite Piste aus rotbrauner Erde tritt an seine Stelle. Im Sommer ließe sich die Strecke sicher problemlos befahren, doch jetzt, nach den letzten Schnee- und Regenfällen, ist der Belag rutschig wie Schmierseife. Der Reiseschnitt sinkt gegen Null, und es ist bereits finstere Nacht und schon wieder empfindlich kalt, als ich in Olympia eintreffe, jenem Ort, wo vor 2772 Jahren zum erstenmal die Olympischen Spiele stattgefunden haben.Die kleine Stadt ist zwar ein perfektes Touristenzentrum, doch nur in einem winzigen Geschäft brennt jetzt noch Licht. Der Besitzer macht Überstunden und winkt mich herein, als ich neugierig durch die Glastür schaue. Die Amphore, die er eben bemalt, sieht aus, als käme sie geradewegs aus einem Museum. Seine Technik, so verrät er, sei die gleiche wie zweitausend Jahren in der Antike. Nach dem Brennen der Form wird der Ton mehrmals mit ockergelber Farbe bestrichen, danach wird erst der eigentliche Hintergrund aufgebracht. Auf diesen zeichnet er mit beneidenswert ruhiger Hand und ohne jegliche Vorlage Ornamente und Figuren aus der griechischen Mythologie. Etwa zwei Wochen Handarbeit stecken in so einem Stück, erklärt er.Am nächsten Morgen spaziere ich durch die weitläufige Ausgrabungsstätte des antiken Olympia. Ein riesiges Trümmerfeld aus Mauerresten und Säulenstümpfen läßt nur vage die einstige Dimension des Heiligtums erahnen. Hätte nicht ein schweres Erdbeben vor rund 1400 Jahren diesen Teil des Peloponnes erschüttert, die Anlagen und Tempel könnten noch heute stehen. Vom Tempel des Zeus, der nach einer Überlieferung der Gründer der Spiele ist, sind jetzt nur noch die Grundmauern erkennbar. Einst stützten 78 Säulen- jede zehn Meter hoch - die großen Giebeldreiecke, die heute im Olympia-Museum außerhalb des Geländes zu betrachten sind. Mit olympischem Geist im Nacken und den Blitzen des Zeus im V2, fahre ich ein Stück die Küste entlang. Hinter einem breiten Streifen aus Olivenbäumen erstreckt sich eine kilometerlange Sandküste, und vom Meer weht ein warmer Wind - als hätte es den Sommer gespeichert. Doch im Moment hat der Strand keinen großen Reiz. Dunkle Wolken hängen fast bis auf die Wellen, das Wasser wirkt schmutzig und trübe, die Campingplätze und kleinen Kneipen sind geschlossen. Nur ein paar Hunde durchwühlen den Müll, der achtlos in den Sand geworfen wurde. Eine fast schon trostlose Stimmung. Ich schwenke wieder ab ins Landesinnere. Wenige Kilometer hinter Figalia, knapp unterhalb einer der höchsten Bergkuppen in der Gegend, verbirgt sich unter einem riesigen Zeltdach eines der schönsten und besterhaltenen Bauwerke der Antike: der Apollon-Tempel von Vasses. Die hohen Säulen sind an der Oberseite durch Stahlrohre miteinander verbunden, aber nicht weil sie sonst von selbst einstürzen würden, wie ich anfangs vermutete, sondern damit im Falle eines Erdbebens nicht alles in sich zusammenbricht. Immerhin erschütterte erst 1986 das letzte schwere Beben die Insel.Später rausche ich durch eine herrliche Hügellandschaft vorbei an Andritsena und bis nach Karitena. Der kleine mittelalterliche Ort scheint förmlich an einer steilen Bergflanke des Alfíos zu kleben und wird von einer massiven Burg überragt, deren Konterfei die 5000 Drachmen-Noten ziert. Eigentlich sollte es in diesem Ort laut Reiseführer ein Hotel geben. Stattdessen entdecke ich nur ein Privatquartier, wo es bei einem alten Ehepaar nur ein kleines Gästezimmer gibt. Nach einer Weile sitze ich mit Christos und seiner Frau vor dem Kamin in der Küche. Sie stellen gefüllte Weinblätter und einen guten, selbstgemachten Wein auf den Tisch. Dann erzählt der Hausherr stolz von Theodor Kolokotronis, einem berühmten Freiheitskämpfer, der hier geboren wurde und Griechenland von der fast 400 Jahre andauernden Herrschaft der Türken befreite.Am nächsten Morgen drückt diesiges Wetter auf meine Stimmung. Die Strecke hinunter nach Megalopolis versöhnt jedoch mit endlosen Kurven. Hinter Tripolis steigt die Straße wieder hinauf auf eine Höhe von über tausend Meter, aber der Belag ist feucht und schmierig, und das Thermometer steht bei fast null Grad. Langsam fahre ich durch das arkadische Hochland, eine karge Region, in der nur dorniges Gestrüpp zu wachsen scheint. Um so überraschender wirkt Sparta. Wie eine fruchtbare Insel in einem steinernen Ozean erscheinen die endlosen Orangenhaine, an denen die reifen Früchte leuchten.Ein paar Stunden später tausche ich die Honda gegen einen Platz in einem kleinen hölzernen Boot. Südlich von Areópolis liegen die Grotten von Dirou, und eine Fahrt auf dem unterirdidschen Fluß, der sich durch das weite Höhlenlabyrinth zieht, macht das trübe Wetter fast vergessen. Lautlos gleite ich durch die märchenhafte Welt in dieser imposanten Tropfsteinhöhle. Die Durchfahrt ist mitunter so niedrig, daß ich den Kopf einziehen muß. Plötzlich weitet sich die Höhle zu einem riesigen Gewölbe, in dem die denkbar bizzarrsten Steingebilde emporragen und so fantasievolle Namen tragen wie »Mantel des Poseidon« oder »Palmenwald«.Mit jedem Kilometer, den ich auf der Halbinsel Mani - dem südwestlichsten »Finger« des Peloponnes - zurücklege, wird die Landschaf karger, unfruchtbarer, menschenleerer. In den wenigen Dörfer, deren Häuser wie kleine Trutzburgen oder Festungen aussehen, leben nur noch die Alten. Richtige Arbeit gibt es schon lange nicht mehr. Einzig die Olivenernte bestimmt im Winter den Alltag. Überall liegen unter den Bäumen große Netze oder Plastikplanen, in denen die herunterfallenden Ölfrüchte aufgefangen werden. In einem Baum sitzt ein alter Mann mit langem grauen Bilderbuchbart und schlägt mit einem Stock auf die Äste ein, um die Ernte etwas zu beschleunigen. Schließlich schleppt er mehrere prallgefüllte Säcke zum Straßenrand, wo sie später abgeholt werden, und verschwindet in einem kleinen Kafenion, in dem das Mindestalter knapp unter 75 zu liegen scheint.Noch einsamer ist es in Porto Kagio an der Südspitze der Halbinsel. Nur wenige Häuser stehen in der kleinen Bucht, die meisten sind verlassen. Auf den steinigen Böden wachsen nicht einmal mehr Olivenbäume. Trotzdem ein Ort, in dem ich es eine Weile aushalten könnte. Ich finde ein kleines Zimmer und auch hier lädt mich die Wirtin sofort zum Essen ein, es gibt wieder die unvermeidlichen gefüllten Weinblätter, dazu schenkt sie einen kräftigen Anisschnaps ein.Am nächsten Tag rausche ich entlang der Küste zurück und biege dann in Richtung Gythion ab. Der warme Wind vom Meer tut nach den eisigen Temperaturen der letzten Tagen einfach gut. Von der Macht des Winters ist an der Küste im Augenblick nur wenig zu spüren. Die Hafenstadt Gythion wirkt verlassen. Nur vereinzelt sitzen Männer jetzt am späten Nachmittag in den Kaffeehäusern, ein paar Fischer bringen auf ihren Booten die Netze in Ordnung. Vom Fischfang können heute nur noch die wenigsten leben, denn seit das Dynamitfischen in Mode kam, gingen die Bestände kontinuierlich zurück. Bei dieser unkonventionellen Fangmethode werden durch die Detonationen unter Wasser nicht nur die Fische getötet, die reif für den Grill sind, sondern auch deren Brut. Kein Wunder, daß die meisten Jugendlichen auf Jobsuche in die gößeren Städten gegangen sind und nur in der Hochsaison im Sommer wieder nach Gythion zurückkehren.Die Straße, die von Gythion in Richtung Norden bis nach Náfplion führt, schlingt sich in ungezählten Kurven durch das fast 2000 Meter hohe Parnon-Gebirge, führt nach einer Passage durch dunkle Tannenwälder hoch bis zum Kloster Elonis, dessen Mauerwerk eher an eine Festung als an eine religiöse Stätte erinnert. Früher waren viele Klöster tatsächlich Fluchtburgen und boten den Bewohnern der umliegenden Bergdörfer Schutz vor Überfällen. Neben der Straße, die sich jetzt wieder zum Meer hinabwindet, hat sich der im Sommer meist trockene Fluß Dafnón tief in das vielfarbige Gestein hineingefressen. Ein paar Kurven weiter dann Leonídi, eine alte beschauliche Stadt mit großen Natursteinhäusern, die sich wie ein natürliches Tor an die Ausläufer des Párnon-Gebirges schmiegt. Bis vor wenigen Jahren war dieser Ort nur von der See her über den vier Kilometer entfernten Hafen Pláka zu erreichen.Entlang der Küste fahre ich weiter in Richtung Norden. Links von mir eine herbe Gebirgslandschaft, rechts das strahlend blaue Wasser des argolischen Golfes, zauberhafte Felsbuchten, weiße Sandstrände - und kein Mensch weit und breit. Ich bin begeistert, obwohl das Wetter zu kalt für einen Sprung ins Wasser ist. Erst 30 Kilometer östlich von Náfplion gönne ich mir eine längere Pause. Das berühmte Theater von Epidauris gilt als eines der besterhaltenen Bauwerke der Antike und beeindruckt allein schon durch seine schiere Größe: auf den 55 halbrunden Sitzreihen aus weißem Kalkstein finden bis zu 14000 Besucher Platz. Aber noch imposanter als die Ausmaße sind die akustischen Verhältnisse, denn selbst auf die obersten Plätzen dringt noch das leiseste Flüstern oder Papierrascheln von der kreisrunden Bühne tief unten herauf.Es ist bereits später Nachmittag, als ich mit der Africa Twin über die schmale Landverbindung hinüber auf die Halbinsel Methana fahre. Es riecht wie nach faulen Eiern: Schwefeldämpfe, die aus vielen Quellen aus dem Erdinneren dringen. Die Halbinsel ist vulkanischen Ursprungs, und im Nordwesten der Insel lassen sich noch die eindrucksvollen Reste des letzten Ausbruches des 417 Meter hohen Vulkans Kaiméni Chóra bewundern.Obwohl die Sonne schon fast hinter den Bergen verschwunden ist, habe ich noch keine Lust, mir ein Zimmer zu suchen. Ich fahre weiter nach Süden, vorbei an der Insel Poros, die nur einige hundert Meter vom Festland entfernt liegt. Dieser Teil des Peloponnes wird auch im Sommer kaum von Touristen besucht - trotz der herrlichen Sandstrände. Nach ein paar Kilometern entdecke ich in einer kleinen Bucht ein wahren Logenplatz, um diesen Tag ausklingen zu lassen: Vor mir rauscht das Meer, darüber verwandelt die Abendsonne den Himmel in ein feuerrotes Spektakel, dazu eine Flasche Wein, frisches Brot, ein Stück Ziegenkäse und ein paar Oliven. So hatte ich mir den Winter in Griechenland vorgestellt.

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