Griechische Inseln (Archivversion) Gute Aussichten

Auf der Suche nach einem neuen und attraktiven Ziel, um den Sommer zu verlängern? Oder Lust, früher in die Saison zu starten? Ein Inseltrip durch die griechische Ägäis gestattet beides, wie ein Besuch auf Samos und Chios beweist.

Die Aussicht auf Berge, Kurven und Meer haben mich nach Samos gelockt. Und nun? Statt irgendwo schwungvoll über ein Passsträßchen zu brettern oder in einer urigen Hafentaverne abzuhängen, stecke ich mit der beladenen Africa Twin auf einem von groben Steinen durchsetzten Weg zwischen Weinfeldern und Olivenhainen fest. Mittels Wanderkarte-Navigation von Samos-Stadt quer durch die Hügel im Osten der Insel bis Mitilinii fahren zu wollen war vielleicht doch keine so gute Idee. Langsam erhärtet sich der Verdacht, dass diese Karte besser als Strickanleitung geeignet wäre. Auf jeden Fall geht’s hier mit der Honda nicht weiter. Also wenden, was sich als überaus schweißtreibende Aktion entpuppt. Und Rückzug.
Über eine gut ausgebaute Trasse gelange ich schließlich doch noch nach Mitilinii. Vorbei an Mavratzei und Mesogio bummle
ich durch ziemlich karges Land meinem nächsten Ziel entgegen – dem höchsten anfahrbaren Punkt der Insel. Die Strecke auf den 1153 Meter hohen Profitis Ilias entwickelt sich erneut zur Holperpiste. Vor allem das letzte Stück zur Gipfelkuppe ist teils ausgeschwemmt und mit losem Schotter versetzt. Diesmal gebe ich nicht auf, sondern mächtig Gas. Und kassiere eine fette Belohnung für alle Mühen: Die Sicht vom flachen Haupt des Berges ist schlichtweg überirdisch, reicht weit über die blau schimmernde Ägäis, und im Osten erscheinen die Berge auf dem türkischen Festland zum Greifen nahe. Beeindruckend.
Die Abfahrt in nördliche Richtung gestaltet sich in Sachen Orientierung abermals schwierig. An den meisten der unzähligen Abzweigungen kann ich mich nur auf mein Gefühl verlassen.
Was soll’s, Hauptsache, die grobe Richtung stimmt. Irgendwo werde ich schon landen. Als ich wieder einmal anhalte und
einen Blick auf die Karte werfe, erscheint wie aus dem Nichts
ein alter Grieche. Sei Name sei Ilias, und er erklärt mit Händen,
Füßen sowie ein paar Brocken Deutsch, dass er gleich in der Nähe wohne. Besuch sei hier oben selten, deshalb würde er mich sehr gerne zu einem Gläschen Ouzo einladen.
Von seiner einfachen Residenz aus ist die halbe Küste von Samos zu überblicken, und als es dämmert, funkeln die Lichter der türkischen Küste wie Sterne am Nachthimmel. Weil es nicht bei einem Ouzo blieb, bietet er mir die Bank auf seiner Terrasse an, wo ich im Schlafsack die angenehmste Nacht der ganzen Tour verbringe. Die frische, kühle Bergluft sorgt für tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen serviert mir Ilias anstatt Ouzo eine Tasse Kaffee, stark genug, um Tote aufzuwecken, sowie ein Stück herzhaft würzigen Ziegenkäse. Und erzählt, dass er hier oben geboren wurde, als erstes von insgesamt acht Kindern. Dabei besteht das Haus nur aus einem einzigen Raum. In einer Ecke das Bett, in der anderen der offene Kamin und gegenüber ein winziger Schrank. Als Transportmittel diene ihm ein Esel, und reden würde er mit seinem Hund. Ein genügsames Leben, das dem alten Mann jedoch sehr gut zu gefallen scheint.

Erst ab Stavrinides rollen die Pneus wieder über Asphalt – über eine fantastische Straße an der Küste entlang. Kurz hinter Karlovasi verschwindet die Strecke dann erneut
in den Bergen und verwandelt sich vor Pandeleimonas,
ja, richtig, in einen staubigen Weg. Immerhin geht’s durch einen Schatten spendenden Wald. Eine Wohltat nach dem kargen Osten der Insel, der noch unter den Folgen eines heftigen Waldbrandes vor fünf Jahren leidet. Erst nach einer Art Passübergang öffnet sich die Landschaft, als würde ein Theatervorhang zur Seite geschoben. Der Golf von Kambos, das Tal um Marathokambos und der Mont Ambelos liegen unter mir. Ein Bild wie aus dem Hochglanzprospekt des Fremdenverkehrsamts. Marathokambos selbst erscheint aus dieser Perspektive wie ein Meer aus roten Ziegeldächern, die sich zum Schutz vor der sengenden Sonne eng zusammendrängen.

Hinter der Stadt führt die Strecke an der Küste weiter. Die Straße durchquert die biologische Ölquelle der Insel, ein weites Tal, in dem Tausende von knorrigen Olivenbäumen stehen. Bereits von hier lassen sich
die massiven Granitwände des Kerketeas ausmachen, dem höchsten Gebirge der Insel, das immerhin 1433 Meter aufragt. Ein grandioses Finale, zumal die Trasse hoch über dem Wasser in den Fels gemeißelt wurde und über eine Eigenschaft verfügt, die griechischen Straßen allzu oft fehlt: griffiger Asphalt. Ich vergesse Landschaft und Anstand und lasse die Honda
zügellos durch die Kurven fliegen. Leider ist der Spaß in Drakei viel zu schnell zu Ende. Der Wirt der Taverne an dem kleinen Dorfplatz bringt es auf den Punkt: Ich sei nicht nur am Ende der Straße, sondern auch am Ende der Welt angelangt.
Nun denn, es ist ein Ende, an dem es sich mehr als eine Nacht aushalten lässt. Ich bleibe gerne. Die Fähre, die mich zur weiter nördlich gelegenen Insel Chios bringen soll, darf ohnehin wegen starken Seegangs zurzeit nicht auslaufen.
Anderthalb Tage später lässt zumindest der stürmische Wind nach. Die Passage über die Ägais hat’s dennoch in sich und
ich bin mehr als froh, als der Hafen von Chios in der Gischt auftaucht. Das flaue Gefühl im Magen legt sich erst, als ich die Serpentinen hinaufpresche, die von der Inselhauptstadt Chios hinauf zum Kloster Nea Moni führen, einer der bedeutendsten Anlagen der orthodoxen Kirche. Allerdings werde ich bei der Ankunft mit einem banalen und überaus weltlichen Problem konfrontiert: Mittagszeit. Erst in drei Stunden sei die Anlage wieder für Besucher offen. Na gut. Bis dahin lässt sich locker ein weiterer Abstecher unternehmen. Direkt unterhalb des Klosters hat eine versteckte Piste, die zwischen grauen Felsblöcken und sattgrünen Pinien verschwindet, meine Neugier geweckt. Ein paar feinsandige
Kehren, ein langer Anstieg, dann liegt Nea Moni weit unter mir. Ich folge dem Weg weiter in südliche Richtung, passiere in der stellenweise kargen Berglandschaft dabei einige, scheinbar längst verlassene Dörfer. Auch das mittelalterliche Pirgi sieht auf den ersten Blick aus, als würde dort niemand mehr wohnen. Dabei entpuppt es sich als der schönste Ort der Insel. Viele Häuser sind vollständig mit grafisch bemalten Fliesen verziert. Im engen Zentrum öffnet sich schließlich ein Karree, auf dem sich das
typisch griechische Dorfleben abspielt: Alte Frauen sitzen vor den Haustüren und halten ihren Tratsch, während die Männer die
urigen Kafenions und Restaurants in Beschlag genommen haben. In einem davon zeigt mir der Wirt, was die Dörfer dieser Gegend bekannt und relativ wohlhabend gemacht hat: ein Klumpen Mastix (Harz), der aus immergrünen Sträuchern gewonnen wird und seit dem Altertum ein Exportschlager der Insel Chios ist – Weihrauch. Bereits die alten Ägypter verbrannten Mastix als Duftspender. Heute findet dieses Harz unter anderem Verwendung
in Zahnpasta, bei der Herstellung von weltraumfestem Lackstabilisator sowie in Likör, Konfitüre oder Kaugummi.

Nördlich von Mesta gelange ich auf die Küstenstraße, die nach jeder Biegung neue Aussichten auf einsame Buchten präsentiert. Der Gedanke, abzubiegen und die Beine im Wasser baumeln zu lassen, ist überaus verlockend. Doch ich entschließe mich, noch einmal das Kloster Nea Moni anzupeilen. In einer schwungvollen Mischung aus weiten Kurven und engen Kehren geht es ruck, zuck wieder hoch in die Berge bis zum Kloster. Das in der Tat einen Besuch lohnt. Das Innere des Heiligtums zieren anstelle von gemalten Fresken Bilder, die aus Millionen, teilweise sogar vergoldeten Mosaiksteinchen bestehen. Als ich das Kloster verlassen will, werfe ich aus Neugierde einen Blick in ein unscheinbares Ge-
bäude neben dem Ausgang. Und zucke erschreckt zusammen.
In einer Vitrine stehen sauber aufgereiht menschliche Schädel,
und im Fach darunter liegen diverse Knochen. Eine Tafel liefert die Erklärung für diese makabere Ausstellung: Die Überreste stammen von Mönchen, die 1822 während eines Massakers von Osmanen ermordet wurden. Ebenso fanden damals fast alle Bewohner des nahen Anavatos den Tod. Das verlassene Dorf
ist seitdem Mahnmal.
Über Avgonima gelange ich zurück an die Küste, steuere
Volissos an, das bereits im Norden von Chios liegt. Hinter dem Ort beginnt ein Traumsträßchen. Der griffige Asphalt passt sich in endlosen Windungen der schwungvollen Landschaft an. Ich habe gefunden, was ich gesucht habe. Berge, Meer und Kurven.

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