Harley-Davidson-Fete in Hamburg (Archivversion) Heimkehr

In Hamburg feierten Europas Harley-Fahrer den 100. Geburtstag ihrer Marke. Endlich angekommen, zwischen schweren Jungs und leichten Mädels.

Die Hauptdarsteller sind cool und stark. Manche können sogar böse werden. Ihre Karren parken direkt an der Reeperbahn, gegenüber der Davidswache. Höchstens unschuldige Beobachter fragen, wer hier auf wen aufpasst. Jeder auf jeden, Leute, und alle auf sich selbst. Stählerne Kunstwerke haben die Jungs vor den Bürgersteig hingestellt, milde bestrahlt vom flackernden Rotlicht angrenzender Lokalitäten. Es gibt Geld, schnell verdientes allemal, bei dem normale Anlagemodelle versagen. Das besser in Gedrehtem und Gefrästem, höher Verdichtetem und tiefer Gelegtem verschwindet.Zur Hälfte gesperrt ist Hamburgs sündige Meile am letzten Juli-Wochen-ende des Jahres 2003. Vom Freihafen strömen unablässig Harleys nach St. Pauli, stoßen vom offiziellen Festgelände der 100-Jahre-Geburtstagsfete mitten ins Leben, wenden, kippen auf ihre Ständer. Sporties, E-Glides, Softails, die halbe Reeperbahn voll. Allesamt solide finanziert – aber chauffiert im trotzigen Bewusstsein, endlich, endlich am Ziel zu sein: im Experimentierkeller des Lebens. Und das ist so gut, wie es böse ist. Gefühl und Härte: Selten seit den glorreichen Sechzigern wehte der Blues süßer durch den Kiez. Den mächtigen, treibenden Takt schlägt der Milwaukee-Twin, er ballert durch alle Nebenstraßen, zerreißt die dicke Luft über den Puffs. Das Leben ist geil. Heißt der Blues. Und trägt seinen Titel zu Recht, denn jeder darf mitspielen. Aus bemühten Mitläufern werden notwendige Statisten, ohne ihre 8000, 9000, 10000 parkenden Eisen nämlich wäre die Dramaturgie zum Teufel. Das leuchtet allen ein, und so schütten sie sich fröhlich Biere hinters Harley-T-Shirt, klopfen einander mächtig auf die Schultern und tanzen über Straßen oder Plätze. Das Leben ist geil, wenn man Motorrad fährt. Vor allem dieses eine.Das eine Weltanschauung ersetzt, nein, das die Welt erklärt. So erträglich macht. Jedenfalls am Wochenende, und ganz besonders heute. Warm, sonnig. Der Sommer schon ein wenig müde und schwer. Wie in einem Traum haben sich New Orleans und Chicago an der Elbe vereint, die einfühlsamsten Träumer jedoch ahnen: Danach kann nicht mehr viel kommen. This is heaven.Eine Marke und ihre Gemeinde inszenieren sich. Tun es im 100. Jahr ihrer einzigartigen Liaison so mächtig und so prächtig, dass seit dem 25. Juli 2003 zumindest jeder Hamburger glaubt, ohne diese Eisenhaufen wäre unsere Welt abgedriftet. Wären Männer und Maschinen, Ladies und Leder einfach vom Globus verschwunden. Seit 1903, komplett. Allein 50000 Motorräder geben in der Hansestadt Klangproben ab, runde 100000 Besucher ziehen Freitag wie Samstag übers Festgelände oder durch St. Pauli.Den Traum spüren, einatmen, genießen.Hamburg Freihafen, unmittelbar neben den Elbbrücken. Längs eines riesigen Schuppens reihen sich Buden und Stände mit Trink- und Essbarem. Mit An-ziehendem auch, denn das Outfit muss stimmen. 40 Euro für ein T-Shirt? Warum nicht, Hauptsache, es steht der richtige Spruch drauf. Harley-Davidson forever, zum Beispiel, das ist schon fast 41 wert. Wirkt zwar am Ende und in dieser Häufung eher uniformiert, man kann es aber auch unter Brotherhood fassen. Eine große Gemeinde, und Friede sei mit euch bis in alle Ewigkeit.Der Hohepriester dieses magischen Kults heißt immer noch Willi G. Davidson. Keine Marke kann ihre Tradition familiärer präsentieren. Herrn Bayerische Motoren Werke, Signore Ducati gibt’s eben nicht. Aber Willi G., der sitzt nebst Gattin und Sohn in diesem riesigen Schuppen, plaudert charmant über God’s own motor-cycle, schwingt Autogramme auf alles, was ihm die Leute unterschieben. Und danach nie wieder gewaschen werden. Geheiligte Shirts, Westen, Fahnen.Von seinem Tisch aus hat er einen prima Blick über die herrliche Ausstellung, mit der Harley sich und seine Fans zum Hundertsten beschenkt. Kleine Anfänge in der berühmten Bretterbude, erster V-Twin, frühe Topseller, Glorreiches aus der langen Sportgeschichte, Kassenfüller in Armee-Ausführung, die Anfänge der heutigen Klassiker von Glide bis Sportster. Knucklehead und Panhead und Shovelhead. Wenn man genau hinschaut, gibt’s viel zu entdecken an diesen Variationen des immer gleichen Themas.Oder ihren Besatzungen. Von schlank und sehnig über rau und rebellisch bis hin zu barock und beladen reicht das Panorama des allzu Menschlichen. Zeig dich, und ich sag’ dir, welche Harley du fährst. Ausnahmen bestätigen die Regel: Mal entschwindet eine banale Fransenjacke auf genial radikalisiertem Panhead-Umbau, mal ein schlicht schwarz gewandetes Traumpaar aus glatzigem Muskelmann und umwerfendem Kurvenstar auf 883 von der Stange. Irren ist auch menschlich, oder?Sonntagnachmittag hört Hamburg erschöpft, aber glücklich auf, Motorradmetropole zu sein. Rudelweise donnern Öfen über die Elbbrücken. Mancher verfrachtet sein Bike weiter nach Milwaukee. Zur Abschlussfete, von der selbst Harley-Offizielle nur noch hoffen, dass sie Hamburg toppt. Die ganz harten Jungs bleiben, wo sie hingehören. Auf St. Pauli. Mit ihren Mädels. Außergewöhnlich gute Geschäfte hätten die gemacht, vermeldet montags die Morgenpost. Aber von der ganz großen Freiheit müssen sie weiter träumen. Nicht eine durfte, soweit bekannt, deren Lockruf folgen, einfach mal hinten aufspringen und sich wegdröhnen lassen. Die Jungs haben aufgepasst. Irgendwo hört der Spaß nämlich auf.

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