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Harley-Davidson-Museum Yes, we can

Das im Juni 2008 eröffnete Harley-Davidson-Museum in Milwaukee transportiert die Geschichte der Kultmarke und die des Motorrades als solchem bestens. Ein architektonisches Schmuckstück ist es außerdem.

Foto: Harley-Davidson

Harley-Davidson lebt nicht nur, aber vielleicht mehr als andere Motorradhersteller von seiner Tradition. Über die Jahrzehnte hat das Unternehmen deshalb seine Produkte gesammelt und aufgehoben – "für den internen Gebrauch". 2003 durfte MOTORRAD CLASSIC diese geheimen Räume am Stammsitz in Milwaukee besuchen (Ausgabe 3/2003). Die Worte "deeply impressed" würdigten damals nicht einmal ansatzweise, was dort zu sehen war: Motorräder, logisch, von den ganz frühen bis zu den aktuellen, im Prinzip von jedem jemals hergestellten Modell mindestens ein Exemplar. Die Sportgeräte waren ebenfalls vertreten, daneben Teilesammlungen, Prototypen und Exoten; das Fotoarchiv ließ die Besucher angesichts seines Umfangs und seiner Qualität vor Ehrfurcht verstummen.

 

Aber warum so geheimnisvoll? Wieso nicht wenigstens eine der ausgeräumten und im Originalzustand belassenen Fertigungshallen nutzen und darin eine Harley-Davidson-Schau installieren? Unsere Begeisterung erntete nur verständnisloses Schulter­zucken. Dennoch unterzeichneten die Stadt Milwaukee und die Motor Company im März 2005 eine Übereinkunft über den Ankauf eines gut 8 Hektar großen Grundstücks an der Kreuzung 6th Street/Canal Street nahe dem Stadtzentrum. Das Areal liegt rund 5 Kilometer vom Harley-Firmensitz entfernt. Im Februar 2006 waren die Baupläne fertig: ein rollstuhlgerechter Komplex aus drei verbundenen Gebäuden, innen 12 000 Quadratmeter groß. Seine Außenansicht aus Stahl, Stein und Glas passte zur industriellen Umgebung und zur Marke Harley-Davidson. 2006 eröffnete die Flattrack-Legende Scott Parker die Erschließung des Geländes – standesgemäß mit einem Burnout. Am 4. Mai 2007 montierten die Arbeiter – natürlich im Rahmen einer zünftigen Feier – den letzten Stahlträger, und zum 12. Juni 2008 eröffnete Harley-Davidson sein Museum mit einem großen Fest – gerade rechtzeitig vor der großen Wirtschaftskrise. Heute würde man ein solches Projekt wohl nicht mehr wagen.

 

Insgesamt umfasst das Museum etwa 8000 Exponate, davon 170 Motorräder. "Die gehören auf die Straße, deswegen haben wir unsere Ausstellung wie eine Straße aufgebaut", erläutert Museumsdirektorin Stacey Schiesl. An den Asphaltstreifen grenzende Themenräume vertiefen spezielle Bereiche. Der ältesten erhaltenen Harley-Davidson aus dem Jahr 1903, der "Serial Number 1", wurde ein solches Separee gewidmet: Wer waren die vier Männer, die sich mit diesem Motorrad einen Traum erfüllten? Wie ging es zu jener Zeit in Milwaukee zu? Unter welchen widrigen Bedingungen entstand die erste Harley-Davidson?

In sämtlichen Bereichen des Museums lassen Erinnerungsstücke, Werbeplakate, Poster, Briefe, Broschüren, Zeitschriften und Fotografien Epochen der vergangenen 106 Jahre lebendig werden. Allerorten können die Gäste ihren Wissensdurst an Touchscreens, Videobildschirmen und zahlreichen anderen interaktiven Elementen stillen. Der "Engine Room" etwa macht die Besucher mit der Geschichte, der Technik und dem Sound der V2-Motoren von Harley-Davidson vertraut.

 

Auf einer in Originalgröße aufgebauten hölzernen Steilkurve präsentieren sich die Boardtrack-Rennmaschinen der 1920er-Jahre:Diese Maschinen donnerten seinerzeit mit mehr als 190 km/h und ohne Bremsen über die von Öl und Regen durchtränkten Holzplanken der Ovale; man steht ehrfürchtig vor der Installation und staunt nur noch. Nebenan erliegt man dem Zauber der Spielzeug-Harleys aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und erfährt anhand von Polizeimaschinen aus mehreren Epochen, dass Harley-Davidson seit 1908 die Exekutive beliefert und dass auch das US-Militär in beiden Weltkriegen auf die Maschinen aus Milwaukee vertraute. Weitere Bereiche der Ausstellung widmen sich der Motorradkleidung und -mode aus längst vergangenen Zeiten.

 

Zu den Themenkomplexen im oberen Stockwerk zählen das Händler-Netzwerk und die Motorsport-Historie der Marke – illustriert unter anderem durch eindrucksvolle Hillclimber, die berühmte Achtventil-Rennmaschine von 1923 und den stromlinienförmig verkleideten Knucklehead-Weltrekord-Racer. Am Abgang zum Parterre dokumentieren 100 klassische Tanks die Entwicklung des Designs.

 

Das untere Geschoss behandelt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Besucher betritt zunächst einen typischen Motorradladen jener Ära, freut sich über kuriose Harley-Kleinmotorräder sowie sportliche italo-amerikanische Aermacchi-Harleys und erlebt im Anschluss, wie die Firma – vom Mischkonzern AMF übernommen – ihr Produktspektrum auf Schneemobile, Boote, Golfcarts, 50er-Mokicks und Roller erweiterte. Eine Videowand und zahlreiche Exponate künden von der Kultmarke in Film und Musik. In diesem Ausstellungsbereich ist unter an­derem Elvis Presleys 1956er-KH zu sehen. Der King erwarb die Maschine noch vor seinem großen Durchbruch. „Vocalist, self em­ployed“, ist als Berufsangabe auf dem Versicherungs­vertrag zu lesen, der neben anderen Originalunterlagen ausgestellt ist. Daneben stehen "Captain America" und das "Billy Bike", die von Peter Fonda legitimierten Replikas der verschollenen Original-Maschinen aus dem Kultstreifen "Easy Rider".

 

Zu den Kuriositäten der Ausstellung zählt die Nova, für die – unter AMF-Ägide – ein 500er-V2-, ein 1000er-V4 und ein 1500er-V6-Motor vorgesehen waren. Alle mit 60 Grad Zylinderwinkel, flüssigkeitsgekühlt und als Vierventiler mit elektronischer Kraftstoff-einspritzung ausgelegt. Das damals von Porsche für Harley-Davidson entwickelte Projekt wurde jedoch nie der Öffentlichkeit präsentiert. Zum guten Schluss können die Besucher einen stimmungsvollen Film genießen – und zwar auf einer echten his­torischen Harley-Davidson sitzend. Sollte also unser Besuch 2003 ein Sandkorn im Fundament dieses großartigen Museums gewesen sein, wären wir stolz darauf. Auch wenn das Mammutvorhaben die Firma Harley-Davidson alles in allem rund 75 Millionen US-Dollar gekostet hat: Es ist wirklich jeden einzelnen Cent davon wert.

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