Harley-Extrem (Archivversion) Don´t panic

Wer auf zwei Harley-Davidson Panhead nach Panama reist, die Panamericana unter die Räder nimmt, der läßt sich auch nicht aus der Ruhe bringen und schon gar nicht stoppen, wenn im Dschungel mal ein paar Kilometer Straße fehlen.

Es war ein brüllend heißer Sonntagnachmittag im Juli. Oder war´s ein Samstag? Im August oder im Juni? Egal. Man hatte sich jedenfalls in die lauschige Schattigkeit eines Biergartens begeben und sinnierte lautstark darüber, wie man dem Leben, der Welt und dem Universum mal wieder ordentlich die Rücklichter zeigen könnte. Ein Abenteuer sollte es sein. Eines, das keiner so leicht nach macht. Natürlich mit Harleys. Logo. Angetrieben von Panhead-Motoren. Sowieso. »Mit der Pan-head durch Pan-ama?« »Das isses! Noch jemand Bier?« »Zwei Panheads, Panama, Panamericana, Panamá-City.« Mirnichts, dirnichts war er da, der Plan - und mußte durchgeführt werden.Drei Jahre später. Drei Jahre, in denen der Feierabend dafür draufging, zwei Panheads für den Dschungel-Trip zu modifizieren. Die Pan-tastischen Vier - Wolfgang und Klaus auf den Harleys, Darius und Gerado im Geländewagen - sind endlich unterwegs. Nur daß es bis Panama noch ein paar hundert Kilometer sind, weil die Reise in der costaricanischen Hauptstadt San José begann. Macht aber nichts, den die Straße in das Nachbarland heißt auch in Costa Rica Panamericana.Entspannt nimmt man Kurs auf den Cerro de la Muerte, den Paß des Todes. Der Name scheint Programm: Zwei sich duellierende Lkw zwingen in den engen Kurven die Harleys in den Straßengraben, verletzt wird Gott sei dank niemand. Hinter San Isidro nehmen die Kurven schließlich deutlich ab, die Schlaglöcher dafür zu, bis nach Paso Canoas, dem Grenzkaff nach Panama.Langsam, aber sicher nähert sich das Team Panama City. Was man schon daran erkennt, daß die Staus häufiger und länger werden. Bis dann zehn Kilometer vor der Haupstadtadt praktisch nichts mehr geht: Alte amerikanische Busse ohne Auspuff liefern sich Rennen und versuchen, alles andere von der Straße zu drängen. Das gleiche probieren aber auch die überladenen Sattelschlepper und die zahllosen Taxis. Hier fährt der Zweiradfreund um sein Leben - und ohne Orientierung: Eh man sich‘s versieht, stecken die vier mitten in Panamá Viejo. Was so romantisch nach einer Altstadtrundfahrt klingt, stellt sich als Kurztrip durch eines düsteres Ghetto heraus, gegen das selbst die finsterste Ecke der Bronx wie ein verträumter Kinderspielplatz erscheint. Wo ist bloß das nächste Hotel?Am nächsten Morgen vorbei am Panamakanal, weiter in Richtung Chepo, in Richtung Dschungel. Bereits nach 100 Kilometern verschwindet der Asphalt nach und nach. Die großen und kleinen Schottersteine, die sich in lockerer Formation den Pan-Americanas in den Weg legen, gehen den Pan-tastischen Vier schwer auf den Zeiger. Und noch mehr aufs Kreuz. Der Regen tut ein übriges zum allgemeinen Vergnügen - langsam ähnelt das ganze Unternehmen immer mehr einer Tauchfahrt.Nach einer moskitoreichen Nacht in einem kleinem Dorf der Cuna-Indianer werden die Motorräder in Richtung Agua Fría gelenkt. Je weiter es in den Süden geht, desto größer werden die Lücken in der Schotterschicht. Jede Meile ist ein Kampf mit Schlaglöchern, Schlamm und Regenschauern, und der Weg nach Yaviza, dem Endpunkt der Panamericana in Mittelamerika, weil zwischen hier und der Fortsetzung im südamerikanischen Kolumbien dichter Dschungel bisher jedes Straßenbauprojekt verhinderte, ist noch weit. Schließlich sind die Lücken in der Straße so groß, daß die ganze Straße nur noch eine einzige Lücke ist - bis oben hin voll mit Schlamm.Mit jedem Meter wühlen sich die Pan-Americanas tiefer in den schlonzigen Morast. Aber der begleitende Geländewagen hat größere Probleme: Die Furchen, die »El Tractor«, ein umgebauter Big-Foot-Toyota, der die Strecke als Buschtaxi und Lebensmitteltransporter abfährt, hinterläßt, sind gute 40 Zentimeter breit und tief. Breit genug, daß die Mopeds - wenn auch mit Anlauf - durchkommen, aber zu tief für den Geländewagen. Immer wieder setzt er auf, steckt immer öfter immer fester im Schlamm. Die Reisegeschwindigkeit sinkt ins Bodenlose: In sechs Stunden schaffen es die vier gerade mal fünf Kilometer weit. Und 20 Kilometer fehlen noch bis Yaviza, der letzten größeren Ansiedlung vor Kolumbien. Da nach den kurzerhand durchgeführten Hochrechnungen die Reise ungefähr bis zum Jahr 2027 gedauerte hätte, faßt man den Beschluß, daß Klaus und Wolfgang mit den Motorrädern allein weiterfahren, und Gerardo und Darius den Geländewagen bewachen.Mit den Bikes geht´s wirklich etwas flotter voran. Regelmäßig verzieren aufgeschobene Hügel den Weg und bilden so eine Art Behelfsbrücke über gefällte Bäume. Da man aber nicht sieht, was dahinter ist, teilt man sich weiter auf: Einer fährt hoch, guckt und berichtet dann. Eine Weile geht alles gut. Bis Wolfgang mal wieder oben steht und schaut - und den Kopf schüttelt: Matsch, Schlamm und Schlick bis zum Horizont. Er will es nicht wahrhaben und fährt zurück. Läßt Klaus nachgucken. Doch auch er erkennt, daß der Ausflug hier wohl zu Ende ist.Zeit für Tränen der Enttäuschung bleibt nicht, denn jetzt gilt es, den Rückweg einzuschlagen und noch vor Einbruch der Dämmerung den Geländewagen zu erreichen, was gerade noch klappt. Die zwei anderen haben inzwischen einen Indianer getroffen, auf dessen nahem Grundstück die Hängematten aufgehängt werden können. Ein kleiner Bach verschafft etwas Frische, und mit einem mechanischen Wasserfilter versuchen die vier, die braune Plörre trinkbar zu machen. Da nach einer halben Stunde Pumpen gerade mal ein halber Liter Wasser herauskommt, für dessen Gewinn aber ein halber Liter Schweiß fließt, schlägt man alle Vorsicht in den Wind und trinkt so. Die paar Amöben...Das morgendliche Schaben der Schaben weckt zum Frühstück: Wachsweich gekochte Eier, Gourmet-Kaffee und frische Croissants und - wer’s glaubt, wird selig. Dafür hat es in der Nacht aufgehört zu regnen, und der Schlamm hat sich ein wenig gesetzt. Allerdings nur für ein kurzes Stück. Zwei Stunden später gießt es wie nie zuvor. Wie dröhnende Schlammbatzen wühlen sich die vier zwei, drei Tage durch den Regenwald, zurück in Richtung Panama City. Bis irgendwann die feuchte Zündung den vorderen Zylinder einer Harley aussetzen läßt. In den vier Köpfen herrscht aber nur noch ein Gedanke: die Zimmer im El Panamá, einem netten Hotel in der Haupstadt. Also möglichst schnell hin und nicht lang rumdoktern, sondern auf einem Zylinder weiterprötteln - Hubraum ist eben durch nichts zu ersetzen. Man muß nur genug dabei haben.Später. Viel später. Vier Kerle sinken auf die Knie und danken dem Herrn, daß sie bereits bei der Abfahrt die Zimmer im El Panamá reserviert haben. Denn bei der erneuten Ankunft sehen die Pan-tastischen Vier aus wie Familie Monster aus dem Moor. Und nach der tagelangen Starrahmenfahrt hat auch die Unterschrift auf der Kreditkarte nichts mehr mit der Schrift gemein, die aus den durchvibrierten Händen kommt - weil nicht die extra für diese Reise montierten Showa-Gabeln die Schläge abgefangen haben, sondern die Hände.Abfahrt in Richtung San José, Costa Rica. Es regnet. Was sonst. Kein Wunder, daß beim Frühstück geknobelt werden muß, wer Motorradfahren darf. Kurz vor Paso Canoas wird Gerardo von einem Taxi auf die linke Spur abgedrängt, just, als auf dieser ein Sattelschlepper entgegenkommt. Gerardo steigt erst in die Eisen und dann ab, bevor die Panhead den Truck stoppt, indem sie wie ein Bremskeil unter den Reifen schliddert und ihn aufschlitzt. Gerardo kommt mit leichten Blessuren davon, was man von der Panhead diesmal nicht behaupten kann. Nett wie die Pan-tastischen Vier nun mal sind, helfen sie dem Trucker, den Reifen zu wechslen und ziehen die Panhead unterm Truck vor. Damit ist aber klar, daß der Grenzübertritt für diesen Tag gestorben ist. Gegen Mitternacht ist das meiste wieder gerichtet, sind die Standrohre geradegebogen, sind neue Fußrasten aus Metallresten konstruiert, und die Kiste blubbert, als wär‘ nie etwas gewesen: Old Harleys never die.Costa Rica. Keiner hat‘s besonders eilig, die Holperstrecke wiederzusehen. So gerät der Aufbruch sehr entspannt. Erst um die Mittagszeit setzen sich die vier in Bewegung, donnern den Cerro de la Muerte hoch, diesmal in die andere Richtung, ohne Lkw-Kontakt und direkt durch die Wolken in den freien Himmel.Früh am Abend. Zurück in San José. Dann ein neuer Morgen, ein neues Frühstück - und immer noch nicht vom Tresen weg und ins Bett gekommen. Jetzt aber Schluß. Denn Costa Ricas Natur lockt. Nach schier endloser Geländefahrt in Richtung Karibikküste führt die Straße genau - in den Río Toro Amarillo. Juan - ihm gehört eine kleine Bar fast in der Nähe - hat für die vier einen Geheimtip: ein Weg, so geheim, daß es gar keiner ist. Sondern vielmehr ein seit Jahrzehnten unbenutzter Trampelpfad durch meterhohes Schilf. Und wie schon gehabt, endet auch dieser Weg im Río Toro Amarillo. Die gesuchte Straße erspähen die Pan-tastischen Vier dann am gegenüberliegenden Ufer. Umkehren? Nach vier Wochen und über 3500 knüppelharten Kilometern im Dschungel vor einem Fluß kapitulieren? Undenkbar. Schon deshalb, weil die Packtaschen 50 Liter fassende Mostfässer aus Plastik sind - also optimale Schwimmkörper für ein Floß, was kurzerhand aus gefällten Bambus entsteht. Unter Anleitung von Gerardo, Hobbyseemann und Knotenexperte, werden die Mopeds schließlich verladen, verknotet und verzurrt.Bis zum Hals im Wasser, versuchen die vier, das Floß über den Fluß zu manövrieren. Bange Viertelstunden: Gibt’s Piranhas im Fluß? Oder womöglich Krokodile? Glückes Geschick: Keines von beiden. Dafür ist die Strömung stärker, als es vom Ufer aus aussah. Mann gegen Fluß - ein filmreifes Duell, das die vier klar für sich entscheiden. Sie haben aber auch keine andere Wahl. Weil sie am nächsten Abend am Flughafen stehen müssen.

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