Harley-Treffen in Vorarlberg (Archivversion) «Loas kroachen, Franzl!“

Was passiert, wenn über 13000 Harley-Biker zusammenkommen? Logo, sie feiern Europas größte Harley-Party - im letzten Jahr im österreichischen Nenzing.

Es regnet wie aus Gießkannen. Drei Tage lang. Ununterbrochen. Von Pfingstsamstag bis Pfingstmontag. Keine idealen Voraussetzungen für das größte Harley-Treffen Europas der Federation of European Harley Riders, das im vergangenen Jahr in der schmucken Alpengemeinde Nenzing im österreichischen Vorarlberg über die Bühne gehen sollte. Die Veranstalter der »Super Rallye 96«, der »1st Harley-Indian Twin Power Club Austria«, sahen die Früchte ihrer monatelangen Vorbereitungen schon davonschwimmen. Dabei war der Ort gut gewählt: eine riesige Wiese zum Campen und Feiern, eingeschlossen von hohen Bergen und mit kurvigen Straßen, wie geschaffen für spontane Motorradausflüge. Doch dann kam eben alles anders. Der Himmel war grau, die Berge von dicken Wolken verhangen, die Kühe blieben in den Ställen, und die Nenzinger Hausfrauen brachten ihre Geranien vor dem angekündigten Unwetter in Sicherheit.Allerdings hatten sowohl die Veranstalter als auch die Gemeinde die Rechnung ohne die hartgesottenen Harley-Biker gemacht: Rund 13000 waren im Laufe der Woche, anfangs noch gutem Wetter, lautstark auf ihren großvolumigen Twins aus ganz Europa herbeigeströmt, von Griechenland bis Schweden, aus Spanien und Portugal - und blieben trotz einsetzenden Regens und alpiner Temperaturen bis zur letzten Minute. Biker sind eben treu, wetterfest und haben vor allem Lust auf eine riesige Fete. Daran kann auch der Umstand nichts ändern, daß sich die 300000 Quadratmeter große Wiese, auf der fast 20000 Zelte stehen, am Wochenende innerhalb weniger Stunden in einziges Schlammloch verwandelt und sich kaum noch jemand zu Fuß oder auf seinem Motorrad fortbewegen kann. Die Stimmung ist trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - super. Während es draußen wie aus Kübeln gießt, drängelt sich die Biker-Meute in den fünf riesigen Festzelten, lauscht den 50 Bands, die rund um die Uhr all das spielen, was Harley-Fahrern eben so gefällt - Heavy metal, Hardrock, Country und Blues, das die Zeltwände wackeln. Volle Aufmerksamkeit herrscht natürlich, als reihenweise leichtbekleidete Damen zum »Girls Big Apple«-Wettbewerb auf den Bühnen erscheinen und später auch noch ihr letztes Hemdchen unter dem Applaus der begeisterten Zuschauer verschwinden lassen. So etwas läßt selbst die schlimmsten Wolkenbrüche vergessen. Kühle Nordlichter und temperamentvolle Südländer liegen sich tropfnaß, aber aufgewärmt von Bier und Hochprozentigem, selig in den Armen, besichtigen zu mitternächtlicher Stunde eng umschlungen ihre im tiefen Schlamm geparkten »Bräute«, bestaunen spektakuläre Rat-Bikes, schließen schulterklopfend Freundschaften und sind einfach rundum zufrieden. Keine Aggressionen, keine Tumulte, keine Schlägereien - wegen des rutschigen Untergrunds allerdings auch leider keine spektakulären Burn-outs oder rasante Beschleunigungsrennen.Einer der einheimischen Ordner bringt es auf den Punkt: »Die Jungs sind gar nicht so wild, wie sie aussehen.« Ebenso überrascht über den friedlichen Verlauf des mit viel Skepsis erwarteten »Rockerfests« sind die 130 Gendarmen der »Anti-Terroreinheit Cobra«, die rund um die Uhr mit ihren scharfen Diensthunden für einen geordneten Ablauf sorgen sollen. Kein einziges Mal müssen die streng blickenden Beamten ernsthaft einschreiten. »Auf jedem kleinen Zeltfest gibt es mehr Raufereien als bei dieser Riesenveranstaltung«, erklärt der Vorarlberger Sicherheitsdirektor Dr. Elmar Marent sichtlich beeindruckt von der Friedfertigkeit der Biker. Ebenso beeindruckt zeigen sich die zahlreichen Getränkehändler aus der Region. Die Harley-Fahrer lassen 85000 Liter Bier und 20000 Liter alkoholfreie Getränke durch ihre Kehlen laufen - ein Gesamtumsatz von 4,3 Millionen Mark in nur vier Tagen. Das ist Rekord in der kleinen Gemeinde, deren Hotels und Pensionen die fast 15000 zusätzlich zu den Bikern angereisten Besucher und Schaulustigen längst nicht mehr unterbringen können.Pfingstmontag. Das Festgelände gleicht einem Schlachtfeld: überall Schlamm, tiefe Fahrrinnen, Dreck, Plastikbecher, Bierdosen, Abfälle. Müde und mit dicken Ringen unter den Augen kriechen mittags die letzten aus ihren durchgeweichten Zelten, packen zusammen und verschwinden mit ihren brüllenden Bikes auf regennaßen Straßen in alle Himmelsrichtungen. Das war´s dann wohl. Zumindest für den Großteil der Harley-Clubs, von denen die meisten sich während der Pfingsttage bei der der nächsten »Harley-Davidson Super Rally 97« im Westernpark High Chaparral in der Nähe von Värnamo in Schweden wiedertreffen werden.Ein ärgerliches Nachspiel gibt es dagegen für den Vorarlberger Harley-Club, der zu den Organisatoren gehörte und einen großen Teil der anfallenden Kosten vorfinanziert hat: Nachträglich fordern Finanzamt, Land und Gemeinde, die diesem Treffen wegen befürchteter Exzesse, Drogenkonsum, Schlägereien und Lärmbelästigung zuerst ablehnend gegenüber standen, nicht einkalkulierte Abgaben von den Veranstaltern. Zehn Prozent der Eintrittsgelder sollen nun auf einmal als Kriegsopferabgabe an das Land abgegeben werden, weitere zehn Prozent als Getränkesteuer an die Gemeinde... »Wenn wir das geahnt hätten, dann hätten wir die Super Rallye wahrscheinlich gar nicht nach Vorarlberg geholt«, sagt Christian Kopf vom Veranstaltungsteam. Zwar dauern die Verhandlungen noch an, bereut hat er die Entscheidung dennoch nicht. Endlich war mal was los in dem kleinen Nest.

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