Hausstrecke Stuttgart-Herford (Archivversion) Eile bewahren

Für alle Pendler, denen 500 Kilometer in die Heimat ziemlich öde erscheinen, hier ein sicherer Tipp: an den Zeiten feilen. Für MOTORRAD-Redakteur Stefan Kaschel ist die Bundesautobahn so zur Hausstrecke geworden.

Von Herford in Ostwestfalen nach Stuttgart tief im Schwäbischen: Wer meint, das seien einfach nur rund 500 Autobahnkilometer, hat die wahren Dimensionen noch nicht erlebt. Seit Jahren bin ich auf dieser Strecke unterwegs – und jedes Mal wieder ist es eine spannende Reise in eine andere Welt. In eine Welt, in der Menschen im Wochenrhythmus mit eifrigen Mienen um ihre Häuser fegen. Dorthin, wo massenhaft Teigwaren produziert werden. Gerade so, als wäre die Kartoffel nie entdeckt worden. Dafür gibt es Hektoliter Soße, die über alles gegossen wird, was irgendwie essbar ist. Und ein „le“ am Ende jedes Wortes. „Wolkenkratzerle, Achttausenderle“ – in Schwaben würden sie so sagen. Zum Glück gibt es beides dort nicht.

Wer regelmäßig in diese fremde Welt ein- oder aus ihr auftaucht, muss den Übergang erträglich gestalten. Zugegeben, es hat gedauert, bis der Frust ging und der Spaß kam. Und man zahlt viel Lehrgeld, bis man endlich begreift, dass aus dem öden Hin und Her nur etwas wird, wenn man die Sache mit dem notwendigen Ernst und der entsprechenden Vorbereitung angeht. Dazu gehören körperliche und geistige Fitness ebenso wie die genaue Kenntnis der Strecke und das geeignete Bike.

Und 500 Autobahnkilometer machen nur Spaß, wenn es vorwärtsgeht. Denn nichts frustriert mehr, als wenn die üppig motorisierte Mittelklasselimousine unbarmherzig vorbeizieht, die Fuhre schon auf gerader Strecke so erschreckend eiert, dass man an Kurven nicht zu denken wagt, oder die Nackenmuskulatur auf dem todschicken Naked Bike bereits nach 20 Minuten Vollgas kapituliert.

Aufmerksame Leser haben es schon gemerkt: Dies ist in erster Linie eine Geschichte über Speed und damit ganz automatisch über Sportmotorräder. „Fleisch ist mein Gemüse“, ist in aller Munde. „Sportler sind meine Tourer“, müsste es zwischen Herford und Stuttgart oder umgekehrt heißen. Denn es gibt wohl nichts (außer Düsenjäger fliegen vielleicht), was mehr fasziniert als jener Moment, in dem sich ein 200 Kilogramm schwerer, unendlich stabiler, unglaublich starker und moderner Supersportler aus der Warteschleife hinter einem gemütlich dahinrollenden Bürgerkäfig katapultiert und sich mit Wucht in die dreispurige Umlaufbahn schießt. Wenn die Pulsfrequenz synchron mit der Drehzahl steigt, die Bahn vor einem schmaler und schmaler wird und die Autos rundum nur noch farbige Wischer sind im irrealen Parallelkosmos.

Alle Konzentration gilt dann dem Horizont, gilt eventuellen Spurwechslern und Bummelanten, die Hand liegt reaktionsbereit auf der Bremse, die Augen kleben innen am Visier, der Motor drückt und drückt.

Weit vorn die Kurve, wunderbar frei, hoffentlich stellt sich keiner mehr in den Weg. Man darf die Anzeichen nicht ignorieren, darf aber auch nicht bei jeder Kleinigkeit ängstlich zucken. Vor der Kurve dann den Einlenkpunkt treffen, weil jede Zehntelsekunde zu spät Versatz bedeutet. Wer jetzt nicht ganz tief hinter der Verkleidung bleibt, vermasselt die Linie garantiert, weil der Orkan an jedem Fitzel Fahrer zerrt wie der Teufel an der armen Sünderseele. Nun Druck auf das kurveninnere Lenkerende – nirgendwo, wirklich nirgendwo erlebt man die fahrphysikalischen Zusammenhänge deutlicher als in einer schnell angegangenen Autobahnkurve – und rein. Bloß nicht zucken, dranbleiben. Der Horizont kippt, liegt unmittelbar vor dem Vorderrad, den Bruchteil einer Sekunde später im Rückspiegel.

Sie ist unglaublich präsent, diese Gewalt, diese Kraft, die das Fahrwerk verdauen muss. Jede Bodenwelle wird zum Prüfstein, jedes Grad Schräglage schweißt Mensch und Maschine weiter zusammen. Das ist nichts für Atheisten, man muss vertrauen. Keine Zweifel. Es geht, es geht, es geht sogar gut, geht immer weiter.

Die Welt da draußen steht tatsächlich still, bis der Punkt kommt, wo nichts mehr geht. Gas weg, Bremse, das volle Programm. Raus aus der Verkleidung, die Wucht des Tempos schlägt gnadenlos zu. Noch einmal zählt Vertrauen, dieses Mal ins Vorderrad. Alles auf Anfang. 130 km/h – bis vorne wieder frei ist.

Wer das idiotisch findet, für den können die Buchstaben-Zahlen-Kombinationen A 2, A 33, A 44, A 7, A 3 und A 81, egal, ob in dieser oder umgekehrter Reihenfolge, endlose Langeweile bedeuten. Für jene dagegen, die mitfühlen, sind sie ein Klassiker, der alles bietet. Lange Geraden, enge Auffahrten, schnellste Kurven, das Ganze wunderbar eingebettet in die Natur. Klarer Höhepunkt: die A 7 zwischen Kassel und Fulda. Eine herrliche Berg-und-Tal-Bahn.

Allerdings auch eine mit strengem Reglement. Aus sicherheitsrelevanten Gründen haben die Hüter von Ruhe und Ordnung oftmals gerade in den technisch anspruchsvollen Passagen die Geschwindigkeit limitiert. Mitunter verstecken sie sich sogar speziell in diesen Abschnitten der Strecke, um das Tempo zu kontrollieren. Wer hier keine Unstimmigkeiten aufkommen lassen möchte, sollte die Etikette wahren. Dazu gilt es, eventuelle Messpunkte zu kennen oder rechtzeitig zu erkennen.

Weiterhin unablässig für eine gute Zeit ist eine perfekte Boxenstrategie. Denn auch wenn 500 Kilometer eine Langstreckendistanz sind: Wer unnötig Zeit beim Tanken verliert oder gar eine Pinkelpause einlegt, braucht gar nicht erst anzutreten. Mit einem Tankstopp kommen heute praktisch nur noch Tourer aus, alle anderen Motorradgattungen benötigen deren zwei. In verkehrsarmen Zeiten wie beispielsweise Samstagmorgens bei richtig Tempo sogar drei. Wobei sich der dritte Stopp auch mit Dauertempi weit jenseits der 250 km/h kaum wieder hereinholen lässt, und eine solche Geschwindigkeit ist längerfristig selbst unter idealen Bedingungen praktisch nicht machbar.

Der persönliche Rekord des Autors, herausgefahren an einem normalen Werktag: 3:07 Stunden von Autobahnauffahrt zu Autobahnabfahrt, 3:15 Stunden von Haustür zu Haustür. Auf einer Suzuki GSX-R 1000 (K6), bis heute einer der besten Kompromisse aus Leistung, Handlichkeit, Stabilität. Wer so eine Spitzenzeit schafft, steigt erschöpft, aber zufrieden vom Motorrad. Lässt noch einmal jede ultraschnelle Passage, jede lang gezogene Auffahrt und jedes Tankmanöver in Rekordzeit Revue passieren. Wenn einem dann noch die beste Tochter von allen in die Arme fliegt, kommt noch etwas hinzu. Die Gewissheit nämlich, dass sich jede gewonnene Sekunde gelohnt hat.

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