Havelland (Archivversion) Von Äpfeln und Birnen

Schon der Schriftsteller Theodor Fontane holte sich im märkischen Sand des Havellands seine Anregungen. Noch heute bietet es stille Beschaulichkeit kaum eine Fahrstunde vom Berliner Kurfürstendamm entfernt.

»Die Obstbäume? Da seid ihr ein paar Jahre zu spät dran. Alles abgeholzt.« Der Pensionswirt in der Kleinstadt Ketzin westlich von Potsdam beantwortet unsere Frage nach den berühmten Obstplantagen des Havellandes desillusionierend. Keine Obstbäume? Das darf doch nicht wahr sein! Schließlich berichten alle Reiseführer von riesigen Apfelanbauflächen, und am nächsten Wochenende soll im benachbarten Werder auch noch das berühmte Baumblütenfest steigen. Also machen Klaus und ich uns auf die Suche. Mit der Kawasaki Eliminator und der Triumph Thunderbird grasen wir in den nächsten Tagen jede Allee und jede Landstraße der Umgebung ab - aber tatsächlich fehlt von den Blüten der Äpfel, Birnen und Co. jede Spur. Doch fast nebenbei entdecken wir bei unserer Suche ganz andere Dinge - eine stille Heide- und Flußlandschaft westlich von Berlin. Durch schattige Kiefern- und Buchenwälder rollen wir an glitzernden Bächen und schilfumrandeten Seen vorbei. Wasser, wohin man schaut. Die Haupt- und Nebenarme der Havel scheinen sich in unendlich vielen Verästelungen durch das Grün der Wiesen und Wälder zu schlängeln.Theodor Fontane, Brandenburgs berühmtester Sohn, der den Sand der Mark ungezählte Male als Kulisse seiner Romane und Novellen wählte, und den Kurt Tucholsky einmal respektvoll als »märkischen Goethe« bezeichnete, nannte die Havel einmal in Anspielung auf den süddeutschen Bruder einen »Flachland-Neckar«. Von Berlin aus schlingt sich ihr blaues Band Richtung Hamburg. Rund um die neue Hauptstadt kommen in diesem Klein-Venedig Motorbootfans, Wochenendhausbesitzer, Kleingärtner, Campingfreunde, Zweiradfahrer und Wanderer gleichermaßen auf ihre Kosten. Die Berliner bezeichnen das Naherholungsgebiet aufgrund der sandigen Böden auch liebevoll-spöttisch die »Streu-sandbüchse der Nation«. Und auf eben diesen Sandböden gedeihen hervorragend Obstbäume, die schon seit dem 17. Jahrhundert im Havelland kultiviert wurden. Aber wo sind sie geblieben? Schließlich entdecken wir doch noch einige an der B 273 Richtung Potsdam: Rechts und links der Straße ragen die mit weißen Blüten bedeckten Äste in den blauen Himmel. Die Äpfel sind auch nicht weit: Am Straßenrand hat eine Frau vor ihrem Wartburg ein paar Obstkisten aufgebaut. Wir stoppen Eliminator und T-Bird vor dem Plastikbomber und ordern ein halbes Dutzend »Jona Gold« als Wegproviant. Auch die Apfelverkäuferin Brigitte Lampe, eine fröhliche, dralle Dame mit rosigen Wangen, beklagt den Niedergang der havelländischen Obstbaumbranche. »Auf dem Wochenmarkt in Ostberlin haben se mir früher det Obst förmlich aus de Hände jerissen, und nu sitz ick hier für ´n paar Pfennige am Straßenrand.« Mehr als 90 Prozent der Obstplantagen, so schätzt sie, sind im Rausch der Wende der Axt zum Opfer gefallen. Von den ehemals 17 Millionen Bäumen hat nur ein Bruchteil überlebt. Den Rest haben die Obstbauern für eine lächerlich geringe EG-Prämie untergepflügt, weil die vielgepriesenen Kirschen, Äpfel und Birnen des Havellands plötzlich als neue, unerwünschte Konkurrenz für Holländer, Spanier und Italiener auf den europäischen Obstmarkt drängten. Heute bereut man diesen Kahlschlag bereits und beginnt vorsichtig wieder mit der Aufforstung.Frau Lampes »Jona Gold« schmecken jedenfalls köstlich, der Rest verschwindet im Tankrucksack. Als Abschied empfiehlt uns die Brandenburgerin noch einen Abstecher zur schönsten Obstbaumallee der Region. Am kleinen Beezsee nahe des Städtchens Wachow finden wir schließlich eine »weiße Meile«, die nicht nur das Fotografenherz höherschlagen läßt. Blütenschnee rauscht links und rechts am Visier vorbei, während sich die Zuckerwattewipfel zu einem halbrunden Tunnel wölben. Da stört es auch kaum, daß die Straßendecke so aussieht, als hätten brandenburgische Maulwürfe darunter gerade ihre Jahreshauptversammlung abgehalten. Jedenfalls hüpfen wir auf den Sitzbänken auf und ab, als würden wir im Pferdesattel hoch zu Roß über die Prärie traben.In dem kleinen Ort Ketzur machen wir kurz Pause, erholen uns von den Schlägen ostdeutscher Landstraßen der untersten Kategorie. Wir haben kaum den Seitenständer ausgeklappt, als auch schon ein weißhaariger Rentner in beigefarbener Strickjacke und karierten Pantoffeln neben uns steht. Sein Blick schweift neugierig über den glänzenden Chrom der Eliminator. »Mensch Junge, du mußt das Ding mal neu einstellen. Der Krümmer ist ja schon ganz blau verfärbt«, moniert er mit fachmännischem Unterton - und fügt gleich noch hinzu, daß man an diesen »Dingern« aber ja ohnehin nichts mehr selbst machen könne. Fritz Boll, so heißt der Zweirad-Fachmann, erzählt uns stolz, daß er seine alte MZ komplett auseinandernehmen konnte. »Jeden Tag bin ich damit zum Stahlwerk gefahren, bei Wind und Wetter, 25 000 Kilometer im Jahr, 30 Jahre lang.« Erst vor ein paar Jahren habe er das treue gute Stück verschenkt, aber seinen Helm, den habe er noch. Bevor wir uns versehen, verschwindet er in seinem Haus und kramt ihn vom Dachboden. Opa Boll bläst einmal kräftig den Staub von der Eierhaube mit den ausgeleierten Lederriemen und verweist auf einen Riß an der Seite: »Da bin ich vor Jahren mal über einen Dachs gefahren und hab` mir alle Rippen gebrochen. Zum Glück ist der Kopp heil geblieben«. Anerkennend klopft er mit den Fingerknöcheln auf den Nostalgie-Kopfschutz.Wir mögen uns kaum lösen von dem sympathischen Erzähler, aber wir haben noch einiges vor. Über Rathenow geht es nach Stölln. In dem kleinen Dorf ereignete sich 1896 ein Stück Fluggeschichte, als sich ein gewisser Otto Lilienthal mit seinem selbstentwickelten Flugapparat wagemutig vom 110 Meter hohen Gollenberg in die Tiefe stürzte. Nach 350 Metern gab es eine derbe Bruchlandung, wofür man ihm Jahre später ein Denkmal an dieser Stelle setzte. Viel spannender als die Denkmalbesichtigung ist ein Besuch im hiesigen Gasthof »Zum 1. Flieger«. Dort sind allerlei Skizzen und Zeichnungen von Lilienthals Vehikel zu bewundern, und im Speisesaal hängt sogar ein Modell des Flugapparates von der Decke. Beim Anblick der filigranen Mutter aller Flugzeuge frage ich mich allerdings, wie man damit überhaupt einen Zentimeter vom Boden abheben konnte. Ich würde mich damit jedenfalls noch nicht einmal von einer Bordsteinkante stürzen. Am Ortsausgang bleibt uns gleich darauf noch einmal die Spucke weg: Da steht doch tatsächlich auf der Kuppe einer kleinen Wiese ein ausgewachsenes Flugzeug der ehemaligen DDR-Staatslinie »Interflug«. In dem ausrangierten Passagierflugzeug mit dem liebevollen Namen »Lady Agnes« wurde ein Museum eingerichtet, das ebenfalls ausführlich über die Geschichte des Lilienthal-Fluges informiert.Auf der Bundesstraße 5 rollen wir gemütlich wieder gen Potsdam. Unsere nächst Station heißt Ribbeck. Das Dörfchen westlich von Nauen wurde durch einen Herrn weltbekannt, der mit Vorliebe Birnen verschenkte. Natürlich hat wieder Theodore Fontane, dem man hier quasi auf Schritt und Tritt begegnet, die berühmten Zeilen des »Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« verfaßt:»Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,Ein Birnbaum in seinem Garten stand...« - wer erinnert sich da nicht an seine Schulzeit?Den Herrn von Ribbeck soll es tatsächlich gegeben haben. Seine letzten Nachfahren sind angeblich als Gegner Hitlers im Konzentrationslager umgekommen. Auch der Birnbaum soll nach Überlieferungen in Ribbeck geblüht haben, und heute - so verspricht unser Polyglott - wachse ein neues Bäumchen vor der Dorfkirche.Auch Polyglott-Redakteure sind nur Menschen und können irren. Denn vom besagten Baum entdecken wir keine Spur, als wir vergeblich mehrmals die kleine Kirche umrunden. Aufgeschreckt vom Grollen unserer Motoren, beäugen uns mißtrauisch einige ältere Herrschaften aus dem nebenan liegenden Schloß der Ribbecks, das heute als Altersheim dient. Wir wollen den Dorffrieden nicht weiter stören und ziehen enttäuscht davon: wieder eine Pleite in Sachen Obstbäume. Wenn das der gute Theodor Fontane wüßte...Doch uns bleibt schließlich noch das Baumblütenfest in Werder. Im Jahre 1879 kam ein Obstzüchter namens Wilhelm Wils auf die grandiose Idee, den Höhepunkt der Werderaner Baumblüte in allen Berliner Zeitungen bekanntzugeben und Gäste dazu einzuladen. Ein Aufruf mit Folgen: Bereits im selben Jahre reisten die Baumblütengäste mit Sonderzügen an. Später pilgerten Zehntausende von Berlinern mit Dampfschiffen, Omnibussen, mit dem Auto, sogar zu Fuß und mit dem Fahrrad zu diesem Spektakel.Nach der Wende hat man erfolgreich wieder an die alten Zeiten angeknüpft. Während des Baumblütenfests verwandelt sich die Altstadt von Werder in einen turbulenten Jahrmarkt. Bei unserer Ankunft sehen wir schon von weitem ein Riesenrad, das sich träge zwischen der charakteristischen Silhouette der Altstadtkirche und der daneben emporragenden Bockwindmühle dreht. Wir lösen eine Fahrkarte und lassen uns von den bunten Gondeln in luftige Höhen tragen. Aus der Vogelperspektive ist die malerische Lage des Örtchens gut zu erkennen, dessen Innenstadt mitten auf einer Insel in der Havel thront. Ein paar Segelboote kreuzen mit ihren weißen Segeln auf dem Wasser, dazwischen drehen einige Tretboote ihre Runden. Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, stellen wir fest, daß der billige Obstwein, der hier als Spezialität der Region ausgeschenkt wird, bei zahlreichen Jahrmarktgästen schon deutliche Spuren hinterlassen hat. So spart man das Geld fürs Karussell.Mit einer kleinen Fähre setzen wir wieder nach Ketzin über. Dort sind wir mit Joachim Habicht verabredet, einem der letzten Havelfischer. Allein in Ketzin und Umgebung warfen in früheren Zeiten 30 Fischer ihre Netze aus, heute sind es nur noch drei. Joachim Habicht betreibt am Marktplatz des Dorfs einen kleinen Laden. Als wir an der Tür schellen, öffnet uns seine Frau Anneliese mit bluttriefenden Händen in bester Edgar Wallace-Manier die Tür. »Kommen Sie ruhig rein, ich nehme gerade einen Fisch aus«, entschuldigt sie ihre rot verschmierten Finger. Während sich Frau Habicht ihre Hände an der Schürze abwischt, führt sie uns in den kleinen Hinterhof des Fischgeschäftes, der dafür ein bißchen an eine Neuverfilmung von »Der alte Mann und das Meer« erinnert. An den Backsteinwänden hängen Dutzende ausgebleichte Netze und Reusen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Die Habichts sind seit vier Generationen Fischer. Zu DDR-Zeiten wurde ihr Fang von der Genossenschaft vermarktet. Davon ließ sich ganz gut leben. Heute müssen sie ihre »Aale in Aspik« und die süß-sauer eingelegten »Plötzen«, eine Art Heringe, selbst verkaufen. Ein harter Job, zumal der Fischbestand in der Havel von Jahr zu Jahr abnimmt und das im Sommer eingenommene Geld die Familie auch über den Winter bringen muß. »Is eben alles nicht mehr so wie früher«, seufzt Joachim Habicht und schiebt sich nachdenklich seine abgegriffene Mütze in den Nacken. Schließlich stößt noch der 89jährige Opa Habicht zur Runde, und man erzählt ein paar Dönekes aus alten Zeiten. Damals, in der DDR, räucherten die Havelfischer einen Teil ihrer Aale heimlich in der Nacht, um sie »schwarz« an Bekannte und die westdeutsche Wasserschutzpolizei zu verkaufen. Wer erwischt wurde, dem drohte eine Menge Ärger, in schweren Fällen sogar ein lebenslanges Berufsverbot.Als wir uns verabschieden, lädt uns Joachim Habicht ein, ihn früh am nächsten Morgen beim Fischfang zu begleiten. So schleichen wir in aller Herrgottsfrühe bei Sonnenaufgang mit müden Augen durch das ehemalige Fischerviertel. Während tief in mir schlaftrunken die Erkenntnis reift, daß die Arbeitszeiten von Journalisten und Fischern irgendwie wenig gemeinsam haben, erreichen wir die Anlegestellen. Kurz darauf gleiten wir auf einem schmalen Boot hinaus in das Labyrinth der zahllosen Havelarme. Nur der alte Schiffsdiesel durchbricht mit seinem monotonen Tuckern die morgendliche Stille. Das Wasser ist spiegelglatt, zäher Morgennebel kriecht aus dem Uferdickicht. Wortlos verrichten Joachim Habicht und sein Kollege Gerhard Cuhrts in den darauffolgenden Stunden ihre Arbeit, ziehen die Netze ein und sortieren den Fang. Ein ruhiges und idyllisches Bild, das uns für all die vermißten Obstblüten und Birnbäume der vergangenen Tage entschädigt.

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