Hegau (Archivversion) Sag’s mit Blumen

Für ihn wirbelt keine Touristen-Trommel, vielen ist nicht mal sein Name bekannt. Dabei kann selbst die junge Donau den Reizen des Hegau nicht widerstehe: Hingebungsvoll versinkt sie in den sanften Hügeln zwischen Schwarzwald und Bodensee.

Plötzlich hängt ein gluckerndes Geräusch in der Luft – als hätte jemand den Abflussstöpsel aus einer Badewanne gezogen. Unterhalb des Waldwegs, verdeckt von mannshoch wucherndem Dickicht, fließt eine bis auf Knöcheltiefe abgelassene Donau. In der verendenden Strömung steht ein Fischreiher, reglos wie eine Statue. Ein paar Schritte weiter ist das Flussbett leer. Die Donau, Europas zweitlängster Strom, ist weg, abgetaucht, vom Erdboden verschluckt – nur 26 Kilometer von der Quelle in Donaueschingen entfernt. Dabei sind bis zu ihrer Mündung ins Schwarze Meer noch gut 2824 Kilometer offen.Ich habe immerhin schon 200 Kilometer auf der Kawasaki ZX-6R hinter mir. Da kommt das Versickerungs-Szenario bei Immendingen gerade recht, die Kauerhaltung zu lösen. Während meine Glieder allmählich zu ihrer natürlichen Form zurückfinden, säuft das löchrige Kalkgestein das Donauwasser gierig in sich hinein: 5000 Liter pro Sekunde, durchschnittlich. Zu Zeiten der so genannten Vollversinkung – sprich an rund 155 Tagen im Jahr – strömt das gesamte Wasser durch ein unterirdisches Karstlabyrinth zur zwölf Kilometer entfernten Quelle der Aach, die schließlich bei Radolfzell in den Bodensee mündet. Seitenbäche füllen das Flussbett der Donau nach und nach wieder auf, so dass aus ihr doch noch was werden kann.Keine schlechte Idee, einfach mal abtauchen in die Landschaft zwischen Schwarzwald und Bodensee – hinein in den Hegau. Da mach’ ich mit. Die Strecke führt in übersichtlichen Bögen Richtung Süden, durch üppigen, dunklen Mischwald. Bis ein Abzweig in der Nähe von Stetten aus dem Dickicht hinauf zum Hegaublick führt. Die Aussicht von dort ist atemberaubend. Über ein Dutzend Vulkane prägen das Landschaftsbild. Felstürme mit markanten Flanken, die wie Pilze völlig unvermittelt aus den bewaldeten Hügeln der Mittelgebirgslandschaft sprießen: Hohenstoffeln, Hohenkrähen, Hohenhewen, Hohentwiel – hoch sind sie für hiesige Verhältnisse alle, einige über 800 Meter. Im Gegensatz zu Fudschijama & Co stellen die Hegau-Vulkane allerdings nur noch die Reste der Schlotspitzen der einstigen »Hochöfen« dar. Die eiszeitliche Erosion hat die um vieles höheren Kraterränder schon vor Jahrtausenden abgetragen. Imposante Relikte einer feurigen Zeit, als es im Badischen zuging wie heute auf Hawaii.Ein kleines Sträßchen befördert mich von der Eiszeit ins mittelalterliche Engen. Ein liebevoll restauriertes Fachwerkstädtchen, exponiert auf einem Bergrücken sitzend. Schmale Gassen, bemalte Häuserfassaden, überquellende Blumenkübel und kunstvoll geschmiedete Wirtshausschilder formen ein Bild, das in seiner Geschlossenheit an die Anlage südeuropäischer Städte erinnert. Und rundum lockt ein Kurvengeschlängel der Extraklasse.Bald fliegen Hohenhewen, Magdeberg und Hohenkrähen an mir vorbei. Die Kegel stehen dicht hintereinander aufgereiht, jeder anders geformt, durch die ständige Einwirkung von Wasser und Eis im Laufe der Jahrmillionen. Bei Mühlhausen erwische ich ein winziges Sträßchen Richtung Aach. Eine dieser Kleinstverbindungen, die das Motorradeln im Hegau so reizvoll machen. Streuobstwiesen säumen den Weg, ausgedehnte Felder mit Sonnenblumen, Weizen und Gerste. Ein Roter Milan schwebt Richtung Hohentwiel. Wie Rauchzeichen gleiten Wolkenfetzen über den Gipfel hinweg, als wäre der Vulkan gerade erst ausgebrochen.Hoch oben auf einem weiteren Bergkegel thront Aach. Die Bauherren des Mittelalters scheinen keinen Hügel ausgelassen zu haben – auf jedem Buckel sitzt eine Ortschaft, eine Burg oder zumindest ein Turm. Am Ortsausgang von Aach taucht dann endlich das versickerte Donauwasser wieder auf. Mit rund 8600 Litern pro Sekunde quillt es durch die Spalten des Jurakalks und bildet einen kleinen See, dessen kräftige Wirbel und Strömungen harmlose Enten zu verwegenen Raftern macht.Recht flüssig geht’s auch auf der Kawasaki voran. Bei Eigeltingen lockere ich den Gasgriff und verlasse die schnelle B 31, um auf einer Nebenstrecke nach Singen zu schlendern. Die Straße bohrt sich durch die Parkanlage von Schloss Langenstein, verschwindet im Wald und überrascht schließlich mit einer fantastischen Aussicht auf den Singener Hausberg: den Hohentwiel, König der Hegauvulkane. »18 Prozent Steigung«, steht auf einem Schild zu lesen. Für die ZX-6R ein Leichtes – allerdings muss sie unterhalb der Festung parken, während ich keuchend den Anstieg erklimme. Die Erbauer müssen nicht schlecht geflucht haben, als sie vor über 1000 Jahren tonnenweise Material nach oben schafften. Doch der Aufwand hat sich gelohnt, denn das Bollwerk galt Jahrhunderte lang als uneinnehmbar. Etliche Belagerungen wurden lässig abgewehrt, bis Napoleon kam und die Trutzburg 1801 im wahrsten Sinne des Wortes ruinierte.Aus fast 700 Metern Höhe bietet sich ein Panoramablick über Vulkanschlote, Ritterburgen und den Bodensee hinweg bis zu den vergletscherten Gipfeln der Alpen. Nur einen Steinwurf entfernt verläuft die deutsch-schweizerische Grenze, die mehr Schleifen und Bögen aufweist als eine kurvenreiche Passstraße. Schon der Blick auf die Landkarte sorgt für Konfusion, und die Fahrt über Gottmadingen nach Schaffhausen wird zum Orientierungsritt. Bin ich nun in der Schweiz oder in Deutschland? Egal. Hie und da von Zollhäuschen flankiert, schlenkert die Strecke über den Rauhenberg und dann am Rhein entlang, der schon das Wasser der abtrünnigen Donau mit sich führt.Bei Schaffhausen empfängt mich mediterranes Flair. Unterhalb der von Weinreben umgebenen Festung Munot schippern Ausflugsdampfer über den friedlichen Fluss, der zwei Ecken weiter als größter Wasserfall Europas 25 Meter in die Tiefe donnert. Hautnah mitzuerleben von einer aus dem Fels gehauenen Aussichtsplattform bei Schloss Laufen.Nach dieser Erfrischung geht es wieder rauf aufs Motorrad und durchs Durach-Tal zurück in den Hegau. Ein Katzensprung im Zeitalter offener Grenzen – sollte man meinen. Doch der fließende Übergang vom Nicht-EU-Staat Schweiz ins benachbarte Deutschland klappt noch nicht reibungslos. Auf dem Weg von Wiechs nach Tengen stellen deutsche Zöllner ihren VW-Bus quer und überprüfen 15 Minuten per Funk meine Papiere. Verständlich. Denn wer, außer den Einheimischen, nutzt schon die kleinen Nebenstrecken? Illegale Menschentransporte sind an der Tagesordnung. Warum nicht mal unter der Sitzbank einer Kawa?Die Route über Tengen, Büßlingen und Blumenberg lässt erste Schwarzwaldgefühle keimen: dunkle Tannen, ein rauschender Mühlbach, knackige Schräglagen. Hinter Blumberg und Bonndorf geht’s in Serpentinen hinunter zur Wutachschlucht, wo die Schattenmühle mit schattigem Biergarten und einer multikulturellen Speisekarte lockt: Schweizer Rösti gleichberechtigt neben Schwäbischen Kässpätzle und Schwarzwälder Schinken. Nach ausgiebiger Brotzeit kraxele ich an der Lothenbachklamm entlang. Dichter Nadelpelz verdunkelt die Sonne, Wassergetöse dröhnt in den Ohren. Hier, an der Ostseite des Schwarzwalds, am Feldberg nämlich, entspringen die beiden Quellflüsse Breg und Brigach, die sich später zur Donau vereinigen.Ein Besuch der Flussgeburtsstätte darf freilich nicht fehlen. Über die weite, nahezu baumlose Hochebene der Baar geht es nach Donaueschingen zur so genannten Donauquelle im Schlosshof, wo man das Wasser in fürstlichem Ambiente auf seine Reise gen Osten schickt. Gemächlich folge ich dem Lauf des jungen Stroms durch die schilfgesäumte Uferlandschaft in Richtung Geisingen. Bei Immendingen wird die Donau dann den für sie bestimmten Weg verlassen – fürstliche Abstammung hin oder her – und abtauchen. Für einen Kurztrip durch den Hegau.

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